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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine ganz große Nummer
Eingestellt am 20. 08. 2014 11:58


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fraulange
Routinierter Autor
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Eine ganz große Nummer

Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken, die über den Himmel jagen und lassen den regennassen Asphalt glänzen. Eine Böe kräuselt die Pfützen auf dem Parkplatz, die Seile der Fahnenmasten vor dem Supermarkt schlagen an die Stangen, Metall auf Metall, ein enervierendes Geräusch auf Dauer. Heute stört es ihn nicht.

„Ein Euro achtzig, bitte.“
Die Blonde kramt ihr Portemonnaie raus. Sieht eigentlich ganz nett aus, strubbelige kurze Haare, ’ne niedliche Figur hat sie auch, guckt ihm sogar kurz in die Augen. Der Typ neben ihr wartet, vielleicht einen Tick ungeduldig. Dreitagebart, Lederjacke, Pferdeschwanz.
„Nu komm“, sagt er.
„Stimmt so.“ Zwei Euro fünfzig. Sie greift nach dem Magazin, das er ihr hinhält.
„Danke, schönen Tag!“
Die beiden ziehen ab, ihr Einkaufswagen rollt rasselnd über die Schwelle in den Eingangsbereich des Supermarktes. Eine junge Frau kommt aus dem Markt, sie hat ein kleines Mädchen an der Hand, in der anderen hält sie ein Eispapier, das sie jetzt mit spitzen Fingern in den Papierkorb vor dem Eingang steckt. Die Kleine hält das Eis und hüpft vergnügt mal auf dem einen Bein, mal auf dem anderen.
Wie ein kleiner Gummiball, denkt er. Wie mein Herz! Und nun muss er über sich grinsen, weil das ja nun doch etwas kitschig ist.

Andererseits: Kitschig – na und? Scheißegal, ihm geht’s gut. Ganz anders als noch vor einem Jahr … Da war gerade die Wohnung weg, ja, ziemlich genau vor einem Jahr war das. Und dann ging es auch mit Tine ziemlich schnell den Bach runter. Klar, kein Wunder, dass sie die Nase voll hatte von ihm, so, wie er drauf war, immer die anderen schuld an allem, Scheißvermieter, Scheißarbeitsamt, alles und alle scheiße. Er ist so froh, dass er den Dreh einigermaßen gekriegt hat. Bisschen spät, du Depp, schimpft er mit sich selber. Mensch, Tine … Dabei war sie das Beste, was ihm je passiert ist. Schon wieder so ein Satz wie aus einem Kitschroman. Das Beste ... aktuell ist das der Job als Zeitungsverkäufer, der hat ihm echt geholfen, bringt natürlich nicht die große Kohle, aber endlich mal wieder sowas wie Sinn ins Ganze, irgendwie. Was auf die Beine stellen, was machen.

Er hat aber auch richtig gute Laune heute! Der Job, der ist schon super, auch wenn es nur ein paar Stunden im Monat sind, aber das Schönste … tja, das Allerschönste ist, das er das Blatt diesmal nicht nur verkauft, sondern auch noch einen Artikel drin hat. Selbst geschrieben, jawoll, Leute! Einen Artikel über Straßenfußball hier im Norden, richtig mit professioneller Recherche, am Computer vom Sozialcafé. Mit Notizen machen, Leute interviewen, Text schreiben, hier verwerfen, dort verbessern - wie ein Journalist halt. Journalist, denkt er, das wär was, wie geht das eigentlich, Journalist werden? Müsste man wahrscheinlich ganz klein bei einer Zeitung anfangen, ganz unten, und alles von der Pike auf lernen. Von der Pike auf, komischer Ausdruck, woher kommt der eigentlich? Man kann doch über alles schreiben, worüber man nachdenken kann, oder? Vielleicht schreibt er mal ‘ne Geschichte, ja, eine Geschichte, warum eigentlich nicht. Worüber? Da wird ihm schon was einfallen, er bekommt ja so einiges zu sehen.

Er hat heute ganz gut Trinkgeld eingenommen, da kann er sich wohl mal ein Brötchen mit Leberkäs von der Fleischtheke in der Eingangshalle leisten. Er schiebt den Stapel mit den Heften in seine Umhängetasche, geht rein und stellt sich an den Tresen. „Einmal Leberkäs mit Seele, bitte!“, witzelt er, die Dicke hinterm Tresen lacht. Genau, ordentlich Senf drauf, ja, danke! So. Lecker. Er ist einer, der ganz normal arbeiten geht und ganz normal Pause macht.

So alt ist er noch nicht. Zweiunddreißig, ist doch kein Alter, andere starten noch viel später durch.
"Hast ja ‘ne ganz gute Schreibe", hat Dani von der Redaktion gemeint, als er den Artikel gelesen hat. ‘Ne gute Schreibe, wusste er vorher gar nicht, tss. Ging ziemlich gut runter, der Spruch. Und wenn die Tine den Artikel mal zufällig liest, mit seinem Namen drunter? Okay, ist jetzt ziemlich rumgesponnen, aber egal, kann doch sein, dass sie ihn liest, und vielleicht denkt sie dann, Mensch, der Olli, denkt sie dann -

Er kaut sein Leberkäsbrötchen und malt sich aus, was sie dann noch so alles denkt, die Tine. Das Pärchen von vorhin rollt mit vollem Einkaufswagen an ihm vorbei Richtung Ausgang. Er ist fertig mit dem Brötchen, folgt den beiden und wischt sich im Gehen mit einer Papierserviette den Mund ab. Sie hat das Magazin immer noch in der Hand, hat es zu einer Rolle gedreht. Ja, führ es dir zu Gemüte, Strubbelhaar, denkt er, lies mal was darüber, wie es sich hier anfühlt, an diesem Ende der Fahnenstange. In der selbstöffnenden Tür tritt er auf seinen Schnürsenkel und hockt sich hin, um ihn zuzubinden. Er schaut den beiden hinterher und denkt: Find ich klasse, dass ihr sowas auch mal lest, ist nur ein kleiner Schritt, aber trotzdem. Und wenn es ’ne gute Schreibe ist, tja, dann wird es natürlich eher gelesen, nicht wahr?

Die beiden sind draußen neben dem Eingang stehen geblieben und fangen an, ihre Einkäufe in zwei Plastiktüten zu verstauen. Er beobachtet, dass die Frau sich dabei etwas ungeschickt anstellt, anscheinend weiß sie nicht so recht, wohin mit dem Magazin. Ihr Begleiter lacht und stöhnt aus Spaß genervt auf, er nimmt ihr das Magazin mit einer entschiedenen Bewegung aus der Hand, geht zwei Schritte weiter zum Papierkorb und schiebt es hinein. Es guckt noch ein Stück heraus, ein gutgelaunter Schubs, und weg ist es.
„Ey“, lacht sie in gespielter Empörung und knufft den Typen mit der Faust in die Seite.
„Ob wir es jetzt hier rein tun oder zu Hause ins Altpapier“, erwidert der. „So, nu mach mal hin.“
Die Einkäufe sind verstaut, die zwei steigen in einen blauen Audi und fahren vom Parkplatz. Der Regen malt Ringe auf die Pfützen.

Er stellt sich wieder an seinen Platz vor dem Eingang, nimmt den Stapel mit den Magazinen aus seiner Tasche und rückt die Hefte in seinem Arm zurecht. Tine ist jetzt mit einem zusammen, der arbeitet bei ‘nem Wachdienst oder so. Journalist, ja, doll, denkt er. ‘Ne große Nummer bin ich, 'ne ganz große Nummer.


Aus: „Einmal Leberkäs mit Seele“ – die besten Geschichten aus deutschen Straßenmagazinen, erschienen beim sososo-Verlag, Hamburg 2014.



Version vom 20. 08. 2014 11:58
Version vom 26. 08. 2014 13:22
Version vom 26. 08. 2014 13:24

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Vagant
???
Registriert: Feb 2014

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hallo,
dein erzähler ist einer von diesen fiesen kleinen typen die den ganzen tag um einen herum tanzen und den mund nicht halten können, alles sehen, alles hören, alles wissen - niemand den man gern in seiner nähe haben möchte. aber in einer kurzgeschichte finde ich diesen erzählton mal recht angenehm. das ließ sich locker runterlesen, und ich habe an keiner stelle irgendwelche schwächen entdecken können. gerade dieser lockere plauderstil, der der alltäglichen konversation entspricht, macht meist sehr viel arbeit. aber das kam bei dir mit der leichtigkeit die es braucht um authentisch zu wirken. schöne kurze beobachtungen des atmosphärischen (der regen malt ringe in die pfützen, usw.) mehr braucht eine shortstory da nicht. vielleicht eins; bei diesem erzählton bleibt der protagonist am ende ein wenig flach. mit ein bisschen wörtlicher rede (nur mal um zu hören, wie der typ so tickt) kommt man halt doch näher an die personen heran. aber das soll kein meckern sein. ich hab's gern gelesen.
vagant.

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fraulange
Routinierter Autor
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Hallo Vagant,

vielen Dank für Deine Anmerkung! - hm, hm - hast Du die Geschichte ganz gelesen, also bis zur letzten Zeile? Denn eigentlich hatte ich schon mehr im Sinn als einen kleinen Nervsack, der vor sich hinseiert ... Oje, vielleicht habe ich den Hintersinn zu gut versteckt! Aber es freut mich jedenfalls, dass Du die Geschichte gerne gelesen hast!

Herzlichst, Kristin.

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Vagant
???
Registriert: Feb 2014

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hallo fraulange,
vielleicht habe ich mich mich etwas unverständlich ausgedückt.
Ich meinte nicht den protagonisten (den verhinderten journalisten mit der super-schreibe, der sich sein geld mit dem verkauf von zeitungen verdienen muss), sondern den erzähler. die erzählsituation ist ja auktorial(lese ich jedenfalls so), und als auktorialer erzähler kann er natürlich jederzeit allerorts sein. aber diese ganze theorie wirst du als buchhändlerin viel besser drauf haben als ich. der erzählton erinnerte mich dann aber mehr an einen personalen erzähler. irgend wo muss da doch noch jemand sein, dachte ich beim lesen; einer, den ich nicht sehe, der aber verdammt nah am geschehen dran ist und 'ne menge über den protagonisten weiß, wahrscheinlich mehr, als der protagonist selbst. vielleicht so einer, wie das plappermaul in wolf haas's brenner-romanen.
ansonsten bevorzuge ich erzähler, die eine gewisse distanz wahren, mich nur mit den nötigsten eckpfeilern des plots versorgen, und dann über die personen in die geschichte kommen. ich weiß aber, das es viele möglichkeiten gibt, eine geschichte zu erzählen. die von dir gewählte hat da insofern gut gepasst.

im ersten absatz fehlt das 'zu' einer infinitiv-gruppe.(hatte ich gestern vergessen zu erwähnen)

vagant.

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fraulange
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2014

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Hallo Vagant,

es gibt keinen allwissenden Erzähler in der Geschichte, wo siehst Du denn einen? Der Leser sieht alles, auch das äußere Geschehen (Wetter, Pärchen, Supermarkt) ausschließlich durch die Augen des Protagonisten, und zum allergrößten Teil handelt es sich bei der Geschichte um erlebte Rede. Wir bleiben also streng beim Zeitungsverkäufer und nehmen nur das wahr, was er auch wahrnimmt (Mischung aus Reflektorerzählung und erlebter Rede).

Wo genau vermisst Du das "zu"?

Einen schönen Abend wünscht Kristin.

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Ilona B
Autorenanwärter
Registriert: May 2014

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Hallo Kristin,

eine schöne Geschichte, die mich melancholisch gestimmt hat. Es geht so einfach, mit einer Kleinigkeit, jemanden glücklich zu stimmen oder traurig zu machen. Der kleine Artikel Deines Protagonisten stimmt ihn so glücklich, er ist so voller Hoffnung und Optimismus, und die Gedankenlosigkeit des Pärchens lässt ihn wieder tief fallen. Er ist so stark getroffen, dass er nicht wagt über das Geschehene nachzudenken. So hab ich es jedenfalls verstanden.
Ich habe, mit aus der Bahn geworfenen Menschen, nicht so viel Erfahrung, doch mir kommt die Zeitspanne von einem Jahr sehr kurz vor. Wohnung weg, Arbeit weg, Frau weg, Depressionen und Suff, dann schränkt er das Trinken ein, rafft sich so weit auf um einen Job zu kriegen und auch noch einen Artikel zu schreiben und das Alles in einer so kurzen Zeit?

Herzliche Grüße Ilona
__________________
Herzliche Grüsse Ilona

Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.(Mahatma Gandhi)

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