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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine ganz normale Nacht
Eingestellt am 08. 02. 2002 23:04


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Rebecca
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

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Sie sa├č auf der Feuerleiter, die von ihrem Apartment hinunterf├╝hrte. Von dort hatte sie einen hervorragenden Blick auf die Stra├če. Sie sah die Menschen in den Autos an ihr vorbeifahren, sah Kinder in M├╝lltonnen nach Essensresten suchen und sah die Leute auf der Stra├če, die ihrem Schicksal zu entkommen versuchten. Dies war kein gutes Viertel. Hier herrschte Obdachlosigkeit, Armut und Hoffnungslosigkeit. Jugendbanden machten die Stra├čen unsicher. Es gab viele Tote im Laufe der Jahre. Aber das k├╝mmerte sie nicht. Das Sterben begleitete sie schon seit langem. Ein Schuss fiel. Ein Kreischen war zu h├Âren. Eine Mutter, die neben ihrem erschossenen Sohn kniete, war am anderen Ende der Stra├če zu sehen. Mitten ins Herz. Das konnte sie sehen. Mal wieder. Hierher kam nur selten ein Krankenwagen oder Polizei. Das Viertel existierte praktisch nicht. Niemand von der sogenannten besseren Gesellschaft traute sich noch hierher. Es war eine Art Niemandsland. Und das war auch gut so. Hier konnte sie ungest├Ârt leben. Hier fielen ihre n├Ąchtlichen Aktivit├Ąten nicht weiter auf, und Tote gab es in diesem Viertel zur Gen├╝ge. Es k├╝mmerte die meisten Menschen nicht. Es war perfekt f├╝r jemanden, der unerkannt und unbehelligt bleiben wollte. Sie war nur die seltsame Nachbarin aus dem dritten Stock, die tags├╝ber schlief und nachts aus dem Haus ging. Niemand wusste wohin, und es interessierte auch niemanden. Schlie├člich hatten die Menschen hier, mehr mit sich selbst zu tun. Hier ging es ums ├ťberleben. Auch f├╝r sie. Sie kannte dieses Viertel schon seit gut drei├čig Jahren. Es hatte sich nicht viel ge├Ąndert. Unten an der Treppe tat sich etwas. Eine Gestalt huschte vorbei. Sie konnte sp├╝ren, dass es ein Mensch war. Es stank nach Alkohol. Dann sah sie eine alte Frau, die sammelte M├╝ll ein. Die Frau trug ein altes zerrissenes Sommerkleid mit einem alten Mantel dar├╝ber. Ihr graues Haar war v├Âllig verfilzt. Von oben konnte sie die Frau gut sehen. Menschen wurden ├Ąlter, das war nun einmal so. Aber das galt nicht f├╝r sie. Menschen starben irgendwann, doch nicht sie. Der Tod war ihr Begleiter seit langer Zeit. Er war stets an ihrer Seite, ohne seine Finger nach ihr auszustrecken. Das konnte er nicht mehr. Die Zeit sa├č nicht mehr wie ein hungriges Raubtier in ihrem Nacken. Dies alles war vorbei. Alt wurden nur noch die Menschen dort unten auf der Stra├če. Sterben w├╝rden nur noch die anderen in ihrer Umgebung. Sie stand nun ├╝ber diesen Dinge, war in der Nahrungskette ganz oben angelangt. Das Raubtier unten den Raubtieren. Doch auch sie wurde mit der Zeit m├╝de. Ihr K├Ârper war zwar ├Ąu├čerlich noch jung, aber ihr Inneres alterte. Die N├Ąchte waren immer gleich. Sie ging hinaus auf die Leiter und beobachtete die Menschen. Irgendwann wurde der Hunger so gro├č, dass sie jagen gehen musste. Die alte Frau unter ihr hustete. Pl├Âtzlich wurde der Husten schlimmer. Die Frau rangt nach Luft und warf einige M├╝llcontainer um. Es wurde immer schlimmer und schlie├člich hustete die Frau nicht mehr. Jetzt lag nur noch ein toter, lebloser K├Ârper am Ende der Treppe von Abfall bedeckt. Die alte Frau war gestorben, ohne dass es jemand auf der Stra├če es bemerkt hatte. Nur sie sa├č immer noch auf der Leiter und sah hinunter. Wieder eine arme Seele auf den Weg ins Nichts. Sie wusste, wie das Sterben war. Kalt und ohne Hoffnung. Es gab keinen Himmel, keine H├Âlle. Es gab nur Leere. Sie hatte es gesehen, sie war schon einmal dort gewesen. Und diese Erfahrung trug sie mit sich. Doch Angst hatte sie nun keine mehr. Denn sie war bereits tot. Eine Tote unter Lebenden in einer Welt vom Tod bestimmt. Sie kannte sein Gesicht. Er war ihr im Laufe der Zeit schon tausend Mal begegnet. Sie wusste, was er war. Sie hatte ihn auf vielen Schlachtfeldern der Welt gesehen. Die Kriegsf├╝hrung war moderner geworden, die Folgen nicht. Man starb jetzt nur noch schneller und moderner. Und auch die Gr├╝nde hatten sich nicht ver├Ąndert, sie trugen nur andere Namen. Man versuchte sie weniger grausam zu gestalten, aber sie brauchten genauso den Tod wie vor Hunderten von Jahren. Sie kannte die Grausamkeiten der Menschen. Und dabei nannte man sie grausam.
Die Zeiten hatten sich nur oberfl├Ąchlich ver├Ąndert.
Sie w├╝rde den Schlachtfeldern wie fr├╝her folgen, sie w├╝rde dem Tod wieder und wieder begegnen, wie in dieser Nacht. Die alte Frau w├╝rde dort unten verfaulen, bis nichts weiter als ein paar Knochen ├╝brig blieben. Alles ist verg├Ąnglich, selbst die Unendlichkeit. Irgendwann w├╝rde auch sie gehen m├╝ssen, um anderen Platz zu machen. Unsterblichkeit bedeutet nicht ewig zu leben. Sie wusste das. Die Zeit w├╝rde eines Nachts oder im t├Âdlichen Schein der Sonne ihren Preis fordern. Dann w├╝rde sie sich in Staub aufl├Âsen wie die alte Frau dort. Zumindest hatte sie Jahrhunderte kommen und gehen sehen d├╝rfen. Sie hatte die Welt so kennengelernt, wie sie wirklich war. Doch in dieser Nacht war es wieder der Hunger, der sie daran erinnerte, was sie tun musste. Sie sprang hinunter und landete vor der toten Frau am Boden. Sie sah zu ihr runter und l├Ąchelte. Dann schwang sie sich in die L├╝fte und suchte sich ihr Opfer wie jede Nacht.

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