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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine gewöhnliche Familie - kommt Ihnen etwas bekannt vor ?
Eingestellt am 05. 03. 2019 10:43


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Sylvie Schenk, Eine gewöhnliche Familie, Hanser b2018, ISBN 978-3-446-25996-6

Sylvie Schenk wurde in Chambéry, Frankreich, geboren, studierte in Lyon und lebt seit 1966 in Deutschland bei Aachen und zeitweise in La Roche-de-Rame, Hautes-Alpes. Sie veröffentlichte zunächst Lyrik auf Französisch und schreibt seit 1992 auf Deutsch.
So richtig bekannt wurde sie nach etlichen bei anderen deutschen Verlagen veröffentlichten Romanen 2016 mit ihrem stark autobiographisch geprägten Roman „Schnell, dein Leben“, ihrem ersten bei Hanser verlegten Buch.

Neben dem überzeugenden und bewegenden autobiographischen Zeugnis bestach dieses Buch damals durch seine feine Beobachtungsgabe über die Entwicklungen in Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg und die vorsichtige Annäherung der beiden Länder nach dem Elyseevertrag zwischen de Gaulle und Adenauer.

Auch der neue Roman ist eine Geschichte über eine Familie, eine Geschichte von vier Geschwistern, die verschiedener nicht sein könnten. Celine, eines der Geschwister, wohnt seit langem in Frankfurt am Main. In der Familie nennen sie sie „die Deutsche“. Celine erlebt, seit sie nach Deutschland gegangen ist, etwas, worunter die meisten Auswanderer leiden. Zuhause in ihrem Herkunftsland fühlen sie sich immer fremder, je länger sie im Ausland leben und dort im neuen Land können sie nie richtig heimisch werden.

Sylvie Schenks Sprache ist ist knapp und präzise, genau beobachtet ihre Protagonistin ihre Umwelt und die Menschen, denen sie begegnet. Schon der Anfang des Buches nimmt gefangen: „Frankfurt liegt schon weit zurück, und bis Lyon ist noch genügend Zeit (…) Sie möchte sich auf die Begegnungen vorbereiten. Sie möchte Worte finden, die ihre Empfindungen übertragen, sie möchte sich die Situation ausmalen, die sie erwartet, sie möchte sich sammeln.“

Tante Tamara und Onkel Simon sind in Südfrankreich gestorben und Celine fährt mit sehr gemischten Gefühlen zu ihrer Beerdigung. Denn sie wird dort seit langem einmal wieder auf ihre drei anderen Geschwister treffen. Es waren die beiden Verstorbenen, die zu Lebzeiten immer wieder die Familie zusammengehalten haben und die immer wieder aufbrechenden Gräben zwischen den Geschwistern notdürftig zuschaufelten.

Doch nun, da sie tot sind, bricht die alte Uneinigkeit wieder auf, und schon auf dem Weg zur Trauerhalle fangen die Auseinandersetzungen zwischen den Geschwistern um das Erbe von Tante und Onkel an.

Alle leiden schon seit langem an einer gefühlten großen Ungerechtigkeit in der Familie, jeder hat Angst, zu kurz zu kommen, wie schon so viele Male zuvor. Darin ähneln sie vielen anderen Familien in Frankreich, aber auch in Deutschland.

Doch nicht nur die Gräben zwischen den Geschwistern, deren Eltern schon vor längerer Zeit verstorben sind, werden sichtbar, sondern die in der ganzen großen Familie. Onkel Simon, seines Zeichens erfolgreicher Zahnarzt und Tante Tamara waren reich und kinderlos, Simons Bruder und Celines Vater, obwohl ebenfalls als Zahnarzt tätig, eher kleinbürgerlich und seine Frau eine eher graue Maus. Von ihrer Schwägerin wurde sie auch lange Jahre entsprechend behandelt.

Wie in einer Tiefenbohrung fördert Sylvie Schenk immer weitere Sedimente der Familiengeschichte zu Tage, indem sie alle Beteiligten zu Wort kommen lässt und auf wenigen Seiten auf sprachlich dichte und poetische Weise die Geheimnisse der Familie Cardin ans Licht bringt.

Es geht um circa eine Million Euro, die die vier Geschwister erben sollen, doch das Testament ist verschwunden. Aber auch viele andere „Erbstücke“ tragen schwer und sind unter den Geschwistern heftig umstritten.

Gegen Ende wird Celine ernüchtert sagen:
„Was ist aus dir, aus uns geworden, die wir hier nun alle um ein Vermögen streiten, die wir der Liebe an den Kragen gegangen sind, die wir den großen Leidenschaften den Garaus gemacht haben, die wir alle Träume über Bord geworfen, alle Visionen zertrümmert haben?“

„Eine gewöhnliche Familie“ ist ein kluges und bewegendes Buch und der Leser wird das Gefühl nicht los, dass diese Familie auch seine eigene sein könnte.











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