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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine günstige Massage
Eingestellt am 07. 05. 2008 07:53


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Rolf-Peter Wille
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Eine günstige Massage

Rolf-Peter Wille


Nach Kambodscha fuhren sie in den Osterferien, Herr Dr. Füllich und seine Gattin. Nicht etwa um Angkor zu besichtigen, nicht um die gewaltigen Tempel Reliefs oder die steinernen Apsaras zu bestaunen, nicht etwa um auf dem Rücken eines Elefanten durch das gewaltige Tor von Angkor Tom zu schaukeln – nein, nach Kambodscha fuhren sie, weil die Massagen dort günstiger waren als z.B. in Bangkok.
   Dr. Füllich? Sie werden lachen, denn mit diesem Namen habe ich doch bereits seine Figur verraten. Aber lassen Sie sich nicht täuschen! Dr. Füllich war ein sehniger Zwerg, ein Skelettchen, denn zu massierende Muskeln ließen sich an ihm schwerlich ertasten. Die Gattin hingegen, wenn man sie Füllich nannte, trug diese Bezeichnung zu Recht und die Hände der schmächtigen Masseuse begannen zu zittern, wenn sie sich ihren fülligen Fleischbergen näherten. Doch unbesorgt durften sie sein. Der Madame war ihr riesiger Körper unwichtig. Sie verlangte nur nach einer Gesichtsmassage, während den winzigen Gatten sein unterer Rücken plagte.
   Stets erhielten sie eine Doppelsuite, denn so konnte sich das Ehepaar seiner zänkischen Plauderei noch während der Massage widmen. Frau Füllich pflegte zumeist ihre Sarkasmen, die Bemerkungen ihres Gatten jedoch bewiesen außergewöhnlichen Scharfsinn und waren so originell, dass sich die Gattin bereits übergeben musste, bevor sie sie gehört hatte. Kaum hatte man das Gesäß des Herrn Doktors mit Rosenöl eingerieben, als er bereits die unsinnigste Frage stellte: "Wenn einem nun ein Bein fehlt, oder ein Arm," so begann er, "oder sonst irgendein Glied, bekommt man hier eigentlich Diskount?"
    "Welches Glied", fragte Fräulein Thieu unterwürfig, "fehlt dem Herrn Doktor?"
    "Ach puh!" rief Füllich verärgert. "Das war doch nur eine theoretische Frage!"
    "Wenn dem Doktor ein theoretisches Glied fehlt, kann er einen theoretischen Diskount bekommen. Ich werde die Chefin fragen. Wir massieren auch theoretische Glieder."
    "Meinem Mann fehlt theoretisch nichts, aber praktisch der Kopf!" knurrte Madame Füllich.
    "Braucht der Doktor heute Kopfmassage?" fragte Fräulein Thieu, während sie seinen unteren Rücken massierte.
    "Na, dem ist der Kopf doch schon lange wegmassiert...", murmelte die Gattin, doch dann musste sie schweigen, den François – so nannte man ihn hier, obwohl er doch aus Kunming stammte und auf den Namen Jng Tchn Hsjng hörte – massierte sich mit rhythmischen Zuckungen um ihre fleischigen Lippen, wobei ein scharfes Aroma von Zitrus den Rosenduft verdrängte.
   "Noch ein letztes Wort, Fräu'n Thieu", entpresste Frau Füllich ihren verwackelten Lippen, "Sie massieren meinem Mann hier weder praktische noch theoretische Glieder, egal ob sie fehlen oder nicht. Es zwickt ihm nur im Rücken und im Gesäß!"
    "Ja, sehr wohl, selbstverständlich...", hauchte Fräulein Thieu. Sie warf einen verstohlenen Blick auf Jng Tchn Hsjng, alias François, und rasch wechselten beide die Position. Fräulein Thieu rieb sich in das Gesicht der Frau Füllich, während sich die Françoischen Finger nun um die fehlende Gesäßmuskulatur ihres Gatten bemühten.
   Es entfaltete sich ein angenehmer Weihrauchgeruch und leider nun gerät meine Geschichte hier bereits ins Stocken, denn Herr und Frau Füllich hatten sich nichts mehr zu sagen. Fräulein Thieu hingegen begann ein lebhaftes Gespräch mit François. Gern würde ich's Ihnen übersetzen. Doch ehrlich gesagt, verstand ich nicht viel. Die Klagen der beiden Masseure zielten wohl auf ihre geizige Chefin – weder Sie noch ich kennen sie eigentlich – und obwohl die Finger der beiden mit Eifer kneteten, schenkte ihr Sinn den Füllich Körpern nicht die geringste Aufmerksamkeit. 90 Minuten dauerte das Duett, welches Thieu und François sowohl lyrisch als auch dramatisch vortrugen. Ein Quartett war es eigentlich, denn das Ehepaar Füllich schnarchte bereits, als man die beiden sanft aufrichtete.
   Doch ein doppeltes Stöhnen entwich den Lippen der Frau Füllich als sie auf den unteren Rücken ihres Gatten starrte. Ganz deutlich glaubte sie, ihr eigenes Gesicht wahrzunehmen, ja das linke Auge zwinkerte ihr sogar zu.
   Wie aber hatte sich das Gesicht der Frau Füllich verändert?! Theoretisch nicht. Praktisch hatte es sich in zwei Hälften geteilt. Doch schweigen wir.








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