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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine halbe Stunde Hoffnung
Eingestellt am 09. 08. 2004 09:38


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Fellmuthow
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Eine halbe Stunde Hoffnung
Fellmuthow, im Januar 2002

In einer Imbissstube sitzt sie mir gegen├╝ber - am Nachbartisch. Eine Frau, deren kantiges, zerfurchtes Gesicht auf ein nicht einfaches Leben hindeutet. Wei├čgraues, wirres, schon gelichtetes Haar umgibt ihr Haupt wie ein Strahlenkranz. Spitz spie├čt ihre Nase zwischen den Gl├Ąsern der Brille hervor, l├Ąuft auf ihrer Stirn in zwei tief eingegrabene Furchen aus. Kurzsichtig, die Hornbrille auf der Nasenspitze balancierend, neigt sie sich tief ├╝ber einen Stapel bunter Bl├Ątter. Erst mit ihrem Zeigefinger darauf tippend, sie dann vor sich hin murmelnd, vergleicht sie, ganz in ihr Tun versunken, Bingozahlen mit der Gl├╝ckszahl, die in der neben ihr liegenden Zeitung stehen muss.
Von ihr geht eine wunderbare Faszination aus, die mich zum Hinschauen zwingt. Vielleicht ist es unabwendbare Armut, die sie dazu gebracht hat, alles Hoffen auf diese, wenn auch nur winzige Chance zu setzen. Wenigstens deutet ihre Kleidung und der kleine Teller Eintopf, den sie sich zu Mittag geleistet hat, darauf hin.
In immer gleich bleibendem Rhythmus gleitet ihr Finger von Zahl zu Zahl, verharrt einen Augenblick, r├╝ckt dann zur n├Ąchsten, unerm├╝dlich, ohne Pause. Sie muss gesp├╝rt haben dass ich sie beobachte, blickt auf, schaut zu mir her├╝ber. Hinter der Hornbrille glimmen dunkelbraune Lichter. Ihr schmaler Mund ist verkniffen, verr├Ąt Missmut wegen der St├Ârung, Abwehr. Nur einen Moment dauert das Fixieren, dann verlischt das Glimmen ihrer Augen. Sie wendet sich erneut ihren Zahlen zu.
Wieder, erst mit dem Finger darauf tippend, sie dann leise vor sich hin murmelnd hofft sie wohl irgendwann einmal diejenige zu entdecken, die ihr den ersehnten Gewinn verspricht. Eine halbe Stunde lang gibt sie sich andachtsvoll dieser, ihr noch verbliebenen Hoffnung hin.
Ich w├╝nsche ihr von ganzem Herzen Gl├╝ck, hoffe darauf, dass sie aufjubelt, warte geradezu darauf - vergebens! Die letzte Zahl ist verglichen, das letzte Blatt beiseite gelegt. Auch diesmal, wie sicher schon oft, ist die kurze Zeit des Hoffens vor├╝ber, ohne ihr das ersehnte Gl├╝ck gebracht zu haben.
Sie hebt den Blick. Ihr Gesicht scheint noch kantiger geworden zu sein. Sie presst die Lippen, l├Ąsst ihre Schultern h├Ąngen. Doch die Entt├Ąuschung w├Ąhrt nur kurze Zeit, dann rafft sie sich auf. Sie l├Ąchelt, verstaut die Hoffnungsbl├Ątter in ihrer Tasche, und geht.
Sinnend blicke ich ihr nach. Wird sie verzagen? Nein, so sieht sie nicht aus. Warum auch? Braucht sie doch nur kurze Zeit zu warten, bis die n├Ąchste Ziehung ihr die n├Ąchste halbe Stunde Hoffnung schenkt.

__________________
HW

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