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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine jugend in den Siebzigern - Im Club
Eingestellt am 09. 04. 2013 09:32


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yogzde
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Eine Jugend in den Siebziegern
Im Club
Im Jahre 1973 wurden wir nach und nach alle 16. Bis auf Horst, der war es schon. Wir erlebten eine ruhige Zeit im Odenwald. Auch die Schule hat uns wohl nicht wirklich gefordert. Was uns interessierte waren M├Ądchen und Fu├čball. Au├čerdem Musik h├Âren, lesen und abh├Ąngen.
Das Kaff, wie ich es nannte, bot wenig Zerstreuung. Immerhin gab es vier Kneipen und unseren Fu├čballverein, um das Wesentliche aufzuz├Ąhlen. Von den 800 Einwohnern kannte jeder jeden. F├╝r einige verbliebene Altnazis waren wir nicht besser als \"die Torriste vunn de RAF\". Lange Haare, loses Mundwerk und gegen die Todesstrafe. Mittel- und Obersch├╝ler eben, die Wurzeln eines neuen Establishment. Wir trafen uns entweder zu Hause oder im \"Club\". Auch schon mal im \"Ochsen\", der Vereinskneipe.
Nachdem ich diese ├Ątzende Zeit \"zwischen den Jahren\" hinter mich gebracht hatte, wurde es im Januar, Februar kaum besser. Alle hockten wir zu Hause herum und trafen uns nur selten, weil man eben mit Mofas auf schlecht ger├Ąumten Stra├čen nicht weit kommt und es keine geeigneten Verbindungen zu gr├Â├čeren Orten gab. Ohne Handy, Video oder Internet waren wir auf die drei Kan├Ąle im Fernsehen, Musikh├Âren oder das B├╝cherbrett angewiesen. Selbst zum normalen Festnetz hatten wir oft keinen Zugriff. Die meisten unserer Eltern kamen ganz gut ohne Telefon aus. Am schlimmsten war es, wenn klebriger Nebel ├╝ber schwerem Nassschnee hing, jede Sicht nahm und selbst das letzte Ger├Ąusch schluckte. An so einem grauen Tag muss es wohl gewesen sein, als wir im \"Club\" sa├čen und froren.
\"Schei├čkalt. Ich denke der Lui soll heizen. Jetzt ist es 10 vor vier und um vier soll\'s losgehen.\" Heinz war sauer. Nicht nur, weil nicht geheizt war. Heizen konnten wir selber. Das Problem war das Wetter. In dieses Loch im alten Schulhaus w├╝rde sich heute kaum einer verirren. Schon gar keine Frauen. Missmutig stopfte er Papier in den Kanonenofen. Holz und Kohle war da. Wir schauten ihm zu. Helmut steckte sich gerade eine Kippe an und Karl-Heinz suchte nach Bier und Whiskey. Ich selbst hatte die passende Musik auf dem 240er Band gefunden. \"Deep Purple in Rock\". Ich w├Ąhlte das d├╝stere \"Child in Time\". Das unverkennbare Bassmotiv setzte ein und die Stimmung wurde nicht besser. Ich h├Ątte gerne eine Kippe geschnorrt, aber Karl-Heinz rauchte nur Reval und Helmut zerdr├╝ckte gerade seine leere Packung HB.
\"Kimmt de Parre?\", fragte Helmut.
Klar. Wir sprachen damals alle Dialekt. Offiziell war das eine Jugendveranstaltung der evangelischen Kirche. Der Pfarrer allerdings lie├č sich selten sehen. Er war allgemein beliebt, weil locker drauf.
\"Brauchst du ihn?\", fragte Karl-Heinz. Helmut hob nur kurz die Hand und sagte nichts. Heinz fluchte, weil er mit dem Ofen nicht richtig zurechtkam. Helmut half ihm. Bald war wenigstens der Ofen warm. Jetzt hatten alle ihre Getr├Ąnke und Dieter kassierte. Er hatte den Schl├╝ssel zur Kasse. Bier, Limo, Cola und H├Ąrteres holten wir von einer Witwe, die gegen├╝ber des
Schulhauses einen kleinen Handel aufgezogen hatte. So brauchten wir das Zeug nur ├╝ber die Stra├če zu schleppen.
\"Ist kein Whiskey mehr da\" , gab Karl-Heinz bekannt. Das interessierte weiter niemanden. Whiskey nachmittags um vier? Wir anderen tranken Bier aus der Flasche. Anderen Alkohol gab es nicht. Jeder wusste, dass J├╝rgen den \"Club\" f├╝r seinen achtzehnten Geburtstag gemietet hatte. Letzten Samstag war es hier rund gegangen. Harte Sachen waren aus. Nach solchen Festen konfiszierte der B├╝rgermeister manchmal den Schl├╝ssel vom \"Club\", weil sich die Nachbarn beschwerten oder es zu Sachbesch├Ądigungen im Haus kam. Diesmal war die Sache glimpflich abgegangen. Keine verw├╝steten Vorg├Ąrten, weil einer seiner Flamme unbedingt Blumen schenken wollte und kein L├Ąrm auf der Stra├če. Der Februar hatte auch sein Gutes.
Heinz lachte auf: \"Da hat wieder mal einer auf die Kohlen gekotzt\", sagte er.
\"Immer noch besser als seine Pariser da hinzuwerfen\", meinte ich. Man muss erkl├Ąren, dass sich genau gegen├╝ber der T├╝r zum \"Club\" ein weiterer Raum befand, dessen T├╝r meist nicht abgeschlossen war. Dort wurden unter anderem Kohlen f├╝r die Beheizung des Schulhauses gelagert, in dessen Souterrain sich der Club befand. Klar, dass es da ├Âfter zu Szenen kam, die nicht f├╝r Jedermanns Augen und Ohren bestimmt waren. Der \"Club\" selbst bestand aus zwei Teilen. Einem Vorraum mit alten Schultischen sowie -st├╝hlen sowie dem Ofen gegen├╝ber der T├╝r und einem zweiten Raum in dem sich die Bar befand, die irgendwer mal aus rohen Fichtenbrettern gezimmert hatte. Immerhin bestand die Theke aus gehobeltem lackiertem Holz. Der Durchgang zwischen den R├Ąumen war schmal. Das einzige richtige Fenster befand sich gegen├╝ber der Theke an der Stra├čenseite. Der freie Raum dazwischen wurde gerne als Tanzfl├Ąche genutzt.
Nach einiger Zeit wurde es langsam warm. Zumindest in dem Raum, wo der Ofen stand. Wir sa├čen auf den alten saukalten Schulst├╝hlen und suchten die W├Ąrme. Die Zeit schleppte sich voran. An diese Nachmittage und Abende im \"Club\" waren wir gew├Âhnt. Immer noch besser als zu Hause rumzuh├Ąngen. Der Alkohol machte uns langsam gespr├Ąchig. Wir hechelten kurz das allgemeine Fu├čballgeschehen durch. Nix Neues. Bayern und Gladbach Kopf an Kopf.
\"Was meint ihr? K├Ânnen wir Sonntag spielen? Wir h├Ątten Kerst zu Hause.\" Ich war so scharf darauf wieder mal zu kicken, dass ich mir die Platzverh├Ąltnisse sch├Ânredete.
\"Mann. Warst du mal oben diese Woche?\", fragte Heinz und tippte sich an die Stirn. \"Da kann nicht mal die Erste spielen und die haben Vorrang.\"
Wir von der A-Jugend spielten unterste Klasse. Kreisklasse nannte sich das. Immerhin ein Haufen Spiele. Zum Gl├╝ck lagen die Pl├Ątze unserer Gegner meist im Flachland. Da durfte man auch im Winter mal ausw├Ąrts ran. Daf├╝r gab es am Saisonende viele Heimspiele, weil bei uns Vieles wegen Schnee und Eis abgesagt wurde.
\"Die Erste trainiert wenigstens auf diesem roten Schlackenplatz in Ehrenbach. Die m├╝ssen aber f├╝rs Duschen zahlen. Schon deswegen wird unser Hannes f├╝r uns sowas nie genehmigen,\" sagte Helmut. \"Und au├čerdem sind es 11 Kilometer bis Ehrenbach. Wir haben sonntags schon Probleme zu den Spielen zu kommen\", erg├Ąnzte Heinz.
Zu Ausw├Ąrtsspielen reisten wir immer mit 11 bis 14 Spielern an. Von den vielen V├Ątern und M├╝ttern waren nur wenige bereit uns zu fahren. Hannes war unser Vereinsvorsitzender. Ein
alter Gastwirt und Nazi, der seine eigene Auffassung von Mitsprache hatte, wenn es um die Belange der missratenen Jugend ging. Einmal ├╝berraschte er uns mit der Ansage wir bek├Ąmen neue Trikots und zeigte uns einen Katalog. Nach langer Diskussion einigten wir uns auf rote Hosen und Hemden ├╝ber deren rechte Seite ein schwarz-wei├čer Streifen lief. Dazu rote Stutzen mit einem schwarz-wei├čen Rand. Echt stark. Die Nummern befanden sich auf Hemd und Hose. Ich wei├č noch genau wie ich Hannes unsere Entscheidung unterbreitete.
\"Wie kommt ihr denn da drauf?\" fragte er mit sichtlichem Unverst├Ąndnis. \"Und wof├╝r braucht ihr in der A-Jugend Nummern?\" Damit wandte er sich ab, um die Bedienung seines Gasthauses auf ein paar neue G├Ąste aufmerksam zu machen, die schon lange H├Ąlse machten. In einem Anfall von aussichtsloser Treuherzigkeit, probierte ich es weiter. Im Zweifelsfall hilft ein Kompromiss, sagte mein Sozialkundelehrer immer.
\"Naja. Vielleicht m├╝ssen die Nummern ja nicht sein. Ohne Nummern wird es billiger\". Hannes, der immer noch seine neue Servicekraft beobachtete, ob wegen der G├Ąste oder wegen ihrer vollschlanken Figur, blieb unklar, drehte sich jetzt zu uns um.
\"Was soll denn das? Glaubt ihr wir sind in der Oberliga. Ich habe euch einen neuen Satz wei├če Hemden mit schwarz abgesetzten Hals- und Armb├Ąndchen bestellt. Da passen eure schwarzen Hosen und wei├čen Stutzen prima dazu. Einen kompletten Satz mit Nummern k├Ânnen wir uns nicht leisten.\" Hannes war ehrlich entr├╝stet und wir richtig platt. Das war Hannes. So war Hannes. Soviel zur finanziellen Situation unseres Vereins. Soviel zur Wertsch├Ątzung der Jugendmannschaft.
Gegen halb f├╝nf war es neben dem Ofen zu hei├č. Heinz hatte ihn ordentlich gef├╝llt und die Klappe ganz aufgemacht. Dieter wies ihn darauf hin, dass das Teil wieder anfangen w├╝rde zu gl├╝hen, wenn er die Zuluft nicht drosselte. Heinz gehorchte, nahm einen d├╝nnen Holzsprei├čel und schloss die Klappe zu dreiviertel. In diesem Moment ├Âffnete sich die T├╝r. Petra und Anita kamen herein. Das bedeutete, dass binnen kurzem ihre beiden Stecher auftauchen w├╝rden, um sie mit ihren Autos abzuholen. Petra und Anita waren ein Jahr ├Ąlter als wir und hatten bereits mehr oder weniger feste Freunde mit denen sie wohl ├Âfter im Auto fickten. Da war der \"Club\" ein guter Treffpunkt. Die beiden waren nicht besonders clever und wurden von uns Ober- und Mittelsch├╝lern als willige Dummchen angesehen, die mit jedem mitgingen, der ihnen eine Cola bezahlte und der vor allem ein Auto hatte.
Allerdings w├Ąren wir Gro├čm├Ąuler stiften gegangen, h├Ątte uns eine der beiden ernsthaft zu einem hei├čen Date aufgefordert. So weit her war es mit unseren sexuellen Erfahrungen wirklich noch nicht. Anita war schon ein Hingucker. Dunkle lange Haare, eine sexy Figur, ein offenes h├╝bsches Gesicht und ein toller Busen konnten einen Dorf-Teenie schon begeistern. Petra hatte die Schwere ihrer Mutter geerbt. Obwohl sie ganz nett aussah mit ihren blonden Haaren und passablen Rundungen erkannte man schon jetzt, dass sie fett werden w├╝rde. Gro├če wasserblaue Kuhaugen konnten ihr Aussehen kaum verbessern.
Heinz stand auf Anita. Er setzte sich zu den beiden und quatschte sie voll. Anita reflektierte, Petra sah gelangweilt aus. Heinz war ganz der sportliche Typ. ├ťber eins achtzig gro├č, mit blondem Haar und federnden Bewegungen. Eigentlich der Typ Schwiegersohn. Allerdings f├╝hrte ihn sein loses Mundwerk oft auf Abwege.
\"Ich wei├č nicht, wann die Tenne wieder aufmacht. Die haben wahrscheinlich Winterruhe\", h├Ârte ich Anita sagen. Smalltalk. Karl-Heinz war wie immer in ein Perry Rhodan Heft vertieft.
Er war in etwa so gro├č wie Heinz aber komplett unsportlich und in seinen Bewegungen entweder fahrig oder tapsig, je nach Alkoholpegel. Der fehlende Whiskey sorgte daf├╝r, dass die fahrige Phase weiter anhielt. Pl├Âtzlich sah er auf seine Uhr und wandte sich zur Bar hin.
\"Stimmt das? Dreiviertel F├╝nf?\", fragte er Dieter, der eigentlich immer den ├ťberblick behielt auch wenn\'s mal hoch herging.
\"Stimmt\", sagte er in den vorderen Raum und r├Ąumte ein paar Flaschen Cola in den K├╝hlschrank, der im Winter als Isolierbox diente. Kalt war das Zeug sowieso und das sollte so bleiben. \"Und warum willst du das wissen?\", fragte Helmut stellvertretend f├╝r alle Barsteher. Karl-Heinz stand so schnell auf, dass fast der alte Schultisch kippte an dem er gesessen hatte. Er kam zur Bar und verk├╝ndete fast feierlich.
\"Um f├╝nf kommt der gro├če Beck mit seiner Maschine\".
\"Ach was\", sagte ich und versuchte diesen leicht irritierten und ironischen-sp├Âttelnden Ton zu treffen, den ich mir von Loriot geborgt hatte. Eine Maschine. Das war mehr als ein Moped. Viel mehr als so eine F├╝nfziger. Das war ein Motorrad. Immerhin konnte Karl-Heinz die Augen von Dieter und Helmut zum Leuchten bringen. Jungs liebten Maschinen und besonders solche, die man fahren konnte. Ich hielt nichts von Zweir├Ądern. Ein BMW 2002, der konnte mich begeistern. Damit bekam man jede Frau, die man wollte. Aber so ein bl├Âdes Motorrad auf dem man im Winter fror und bei Regen nass wurde, war weniger nach meinem Geschmack.
W├Ąhrend ich noch ├╝berlegte, ob ich mir ein zweites Bier g├Ânnen sollte, ├Âffnete sich die T├╝r und vier Frauen kamen herein. Heike, Jutta, Heidi und. Ja, wer war das? Sie hatte dunkle Haare, ein schmales unerh├Ârt h├╝bsches Gesicht, war einen halben Kopf kleiner als ich und trug gro├če Stiefel, die ihre Beine unversch├Ąmt schlank erscheinen lie├čen. Ich war so abgelenkt, dass ich Rolf und Hans, welche die M├Ądels im Schlepptau hatten, gar nicht registrierte. So wenig wie Horst, der nur ein paar Sekunden sp├Ąter den \"Club\" betrat. Was hei├čt betrat. Er schwankte, torkelte, brach mitten in die Runde, die noch immer in dem kleinen Vorraum neben dem Ofen stand.
\"Binn mimm grou├če Beck kumme. Der f├Ąiehrt seu Maschin eu\", rief er f├╝r jeden h├Ârbar in den Raum. Dann begab er sich zielsicher zur Bar, nahm seine Camel aus der Tasche und z├╝ndete sich eine an. Ich hatte das alles nur mitbekommen, weil er zwischen mir und der neuen Frau durchgelaufen war. Durch die offene T├╝r und das Treppenhaus drang ged├Ąmpfter Motorenl├Ąrm. Und prompt setzte eine Gegenbewegung ein. Alle Jungs bis auf mich und Horst verlie├čen den \"Club\", um sich Peter Becks neues Motorrad anzusehen. Auch Heinz riss sich von Anita los, deren Freundin Petra ihm leise eine abf├Ąllige Bemerkung nachschickte. Ihre gro├čen Kuhaugen wurden eng und ihr Kopf zuckte einmal nach oben. Die vier Neuank├Âmmlinge holten sich Getr├Ąnke, die sie pflichtbewusst anschrieben und legten ihre Parka und Anoraks auf einem Tisch im Durchgang ab.
Hatte ich gerade noch gezweifelt, ob es nicht m├Ąnnlicher gewesen w├Ąre, den Jungs nach drau├čen zu folgen, ├╝berzeugte mich Carmens Oberweite vom Gegenteil. Dass sie Carmen hie├č hatte ich mitbekommen, als die Frauen ihre Getr├Ąnke holten. Horst hatte versucht mich in ein Gespr├Ąch ├╝ber die Qualit├Ąt der neuen Maschine vom gro├čen Beck zu verwickeln, erkannte aber woran ich wirklich dachte.
\"Klasse Ger├Ąt!\", sagte er mit schwerer Zunge in Richtung Carmen. \"Kennscht du die?\". Nein ich kannte sie eben nicht und es wurde h├Âchste Zeit den Vorteil zu nutzen, den mir die Vorstellung der Maschine vom gro├čen Beck bot. Ich schnorrte mir eine Kippe von Horst, verlies die Bar und bewegte mich Richtung Vorraum, wo die Frauen neben Petra und Anita Platz genommen hatten. Als ich durch den schmalen Durchgang ging hatte ich zum ersten Mal das Gef├╝hl, dass hier etwas nicht stimmte. Aber was? Der \"Club\" war erstaunlich gut besucht. Carmen ein unverhoffte Zugabe zu den 5 Frauen. Die Musik \"as usual\". \'Rainbow Demon\'. Der erste Song von der LP \'Demons and Wizards\' von \'Uriah Heep\'. Der Ofen bullerte. Durch die immer noch offene T├╝r h├Ârte ich die Stimmen der Freunde.
Horst! Horst passte nicht ins Bild. Er war zwar der Mittelst├╝rmer unserer Mannschaft aber er war noch nie hier im Club gewesen und dass er an einem schn├Âden Werktag hierher kam und noch dazu hackedicht, war ungew├Âhnlich. Klar er war mit dem gro├čen Beck gekommen. Auf dessen neuem Motorrad. Trotzdem. Warum hatte der ansonsten so besonnene gro├če Beck den Besoffenen mitgenommen? Er konnte ihn nur in einem der Wirtsh├Ąuser in Ahlbach aufgelesen haben. Ahlbach ein Nachbarort von unserem Kaff. Da kamen 50 Einwohner auf ein Gasthaus. Kinder und Alte mitgerechnet. Ich sch├╝ttelte das unangenehme Gef├╝hl ab und setzte mich zu den Frauen.
\"Hallo\", sagte ich obenhin \"wen habt ihr denn da mitgebracht?\" Es stellte sich heraus, dass die H├╝bsche eine Cousine von Jutta aus Sichelstadt war. Die Familien feierten und sie durften bis sieben in den Club. Eine f├╝r die Jahreszeit und die Gebr├Ąuche im Kaff durchaus normale Ansage. Sieben, das hie├č, dass sie so bis acht bleiben w├╝rden. Wahrscheinlich hatten Jutta\'s Eltern, die man als durchaus liberal bezeichnen konnte, die Eltern von Carmen mit dem Spruch \'Des macht de Parre ferr die junge Leit\' aomol in de Woch im Schulhaus\' beruhigt. Diese allgemeine Absolution f├╝r den \"Club\" und seine teilweise wilden Partys hatte bereits vielen jungen Leuten einen lockeren Erstkontakt mit Tabak, Alkohol und Sex in relaxter Discoatmosph├Ąre beschert.
Es machte echt Spa├č sich mit Carmen zu unterhalten. Keine Ahnung wor├╝ber wir redeten. Das war auch ziemlich egal. Wenn die Jungs wieder da waren und vielleicht noch ein Bier hatten, konnte man mal ans Tanzen denken. Vorerst nervte Heidi mit Frauenthemen, die Carmen in ihren Bann zogen. Dass es da einen Jungen in Kerst g├Ąbe, der nicht nur s├╝├č sondern auch echt an ihr interessiert sei. Erste Pl├Ąne wurden geschmiedet, wie man die beiden zusammenbringen k├Ânnte. Ich heuchelte Interesse und versuchte wieder mit Carmen ins Gespr├Ąch zu kommen.
Jetzt kamen die Jungs zur├╝ck. Da es vor der T├╝r zum \"Club\" drei Stufen abw├Ąrts ging, hatte man immer das Gef├╝hl als br├Ąchen sie durch die d├╝nne Holzt├╝r. Die Maschine vom gro├čen Beck hatte noch Volker und Ralf angelockt, zwei Dreizehnj├Ąhrige, die auf ein schnelles Bier hofften und sich ansonsten weit weg von den Frauen an der Bar postierten. Es entstand ein kleiner Tumult bis alle ihr Bier wiedergefunden oder sich neu versorgt hatten. Es war richtig was los und warm war es jetzt auch. Ich klappte das Fenster auf, sodass wir h├Ârten, wie der gro├če Beck seine Maschine aufheulen lie├č, um dann loszufahren. Dreimal drehte er den Gasgriff im Leerlauf bevor er den ersten Gang einlegte und im Nebel verschwand. Ein bis 2 Schaltvorg├Ąnge konnte man noch h├Âren, dann war es drau├čen still.
Ich war nach hinten gekommen, um mir noch ein Bier zu holen und nach der Musik zu sehen. Carmen hatte gesagt, dass sie die Stones mochte. Ich suchte das entsprechende Band heraus. Es enthielt die \'Sticky Fingers\'-LP und ein paar Songs von \'Exile on Main St.\'.
Es war ein Band von Karl-Heinz, das ich kaum kannte. Der Opener \'Brown Sugar\' begeisterte alle und was dann kam, war eh\' wurscht. Ich schloss das Fenster wieder, was sich sp├Ąter als ung├╝nstig herausstellen sollte und versuchte zu Carmen zur├╝ckzukommen. Allerdings lie├č ich mir Zeit und arbeitete mich durch, in dem ich mit jedem, der im Weg stand kurz redete, meist ├╝ber den gro├čen Beck.
Als ich wieder bei Carmen angekommen war, summte mir der Kopf und dieses seltsame Gef├╝hl, dass etwas nicht stimmte hatte sich so verst├Ąrkt, dass ich mich fragte, ob ich zu viel getrunken hatte. Hatte ich nicht, verdammt. Meinen Platz hatte Karl-Heinz besetzt, der den Frauen irgendwas erz├Ąhlte, was sie nicht unbedingt h├Âren wollten. Keine Konkurrenz. Ich wandte mich ab und setzte mich auf den Klamottentisch im Durchgang. Was hatte mich jetzt schon zum zweiten Mal aus der Fassung gebracht? Ich hatte ein neues Bier geholt, das Fenster ge├Âffnet, das Band gestartet und das Fenster wieder geschlossen, ging langsam zur├╝ck nach vorne. Ich hatte mit den Kumpels gesprochen. Irgendetwas war in dieser Zeit passiert. So wie eine Stunde zuvor als ich Horst an der Bar sah. Horst, der nicht ins Bild passte und mich zum ersten Mal verunsichert hatte. Horst, der S├Ąufer, Spitzname \'Dorschdel\'. Forschend betrachtete ich ihn, wie er da an der Bar klebte und sein x-tes Bier trank. Er grinste mich an und wandte den Kopf zu jemand, der aus der hinteren Ecke etwas zu ihm sagte.
\"Ich kumm a sou hoam\", sagte er selbstsicher. Klar. Horst kam immer nach Hause. Es fand sich immer jemand, der ihn brachte. Notfalls auf dem Gep├Ącktr├Ąger vom Mofa. Die 3-4 Kilometer nach Ahlbach. Wahrscheinlich hatte ihn jemand darauf angesprochen, dass der gro├če Beck jetzt weg war, als Fahrer ausfiel. Der gro├če Beck. Wir alle hatten geh├Ârt, wie aggressiv er die Maschine gepuscht hatte, bevor er losfuhr.
Heinz kam mir in den Sinn. Irgendetwas hatte er gesagt, w├Ąhrend ich das Band wechselte. Tolle neue Frau. Steiler Zahn.
\"Du stehst auf sie, oder?\"
\"Ja\", gestand ich. Heinz war ein Freund. Der ber├╝cksichtigte sowas. Aber das war es nicht, was mich umtrieb. Es war irgendwas Bedr├╝ckendes, nichts Allt├Ągliches. Verdammt! Ich bekam es nicht auf die Reihe. Mein Blick wanderte wieder an den Frauentisch. Karl-Heinz in Hochform, die Frauen gelangweilt. Gut so. Petra und Anita waren immer noch alleine. Mit leicht besorgten Mienen sa├čen sie am Tisch. Ich konnte nicht h├Âren, was sie sagten. Schlie├člich erhob sich Anita leicht und fragte den am Ofen hantierenden Helmut: \"Isses eigentlich glatt drauss?\" Helmut zuckte die Schultern. Wie sollte er das wissen.
Jetzt fiel mir wieder ein, was Heinz gesagt hatte.
\"Es zieht schon wieder an\", hatte er gesagt, als ich erw├Ąhnte der gro├če Beck w├Ąre ganz sch├Ân losgebrettert.
\"Es zieht schon wieder an. Da sollte er vorsichtig sein\", das hatte Heinz gesagt. Jetzt hatte ich den Faden in der Hand und rollte ihn auf. Jetzt wusste ich auch, was Horst gesagt hatte, bevor ich zum Frauentisch gegangen war. Sie h├Ątten ein paar \"gepetzt\" auf die neue Maschine in Ahlbach. Das war ungew├Âhnlich. Seit wann trank der gro├če Beck mit Horst ein paar Bier. Pl├Âtzlich standen auch Rolf und Hans vor meinem inneren Auge die mit Begeisterung erz├Ąhlten der gro├če Beck w├╝rde am Haus vom alten Feix vorbeidonnern, dass diesem die \"Desserttasse aus\'m Schroank falle\". Auf meinen verst├Ąndnislosen Blick hatte
Dieter erkl├Ąrt, dass der alte Feix den gro├čen Beck mal ge├Ąrgert hatte, als der noch eine alte 50er fuhr. \"Ich hatte mal ne 500er BMW. Aber sowas ist f├╝r euch halbstarke Spargelrocker ja nicht drin\".
\"Heute\", hatte der gro├če Beck gesagt, \"werde ich ihm zeigen was ein halbstarker Spargelrocker so f├Ąhrt\". Das hatte Dieter geh├Ârt. Und endlich wusste ich, was mich beunruhigte. Die Alkoholfahrt eines Kumpels auf glatter Stra├če. Ich h├Ârte noch einmal wie der gro├če Beck dreimal den Gasgriff drehte bevor er den Gang einlegte und losfuhr. Das Motorenger├Ąusch das sich langsam verlor. Ich blickte zum Fenster, dessen schwarze Scheiben die Szenerie an der Bar spiegelten. Jemand hatte die Musik ge├Ąndert. Jetzt lief Janis Joplin \"Me and Bobby McGee\". \'Freedom\'s just another word for nothing left to lose\' sang Janis gerade. Eine dieser Wahnsinnszeilen von Kris Kristoffersen. Wieder schien die T├╝r zu bersten und riss mich aus meinen Gedanken. Einer der Freunde von Anita und Petra war angekommen.
\"Schei├čglatt da drau├čen,\" sagte er zu Anita,\" ich hoffe, die streuen heute noch. Wollen wir?\" Anita suchte ihre Jacke aus dem Stapel auf dem Tisch und verabschiedete sich von Petra mit einem kleinen L├Ącheln. Der Stecher stand inzwischen in der T├╝r und beobachtete Anita, die sich jetzt anzog. Wozu? Fragte ich mich. Es ging ihm wohl alles zu langsam, deshalb wandte er sich noch einmal an uns:
\"Was ist eigentlich los hier. Es ist glatt und trotzdem ein Verkehr, wie auf der Zeil. Ich glaube, ich habe sogar Blaulicht gesehen\", sagte er wichtig. Dann k├╝sste er Anita und verschwand mit ihr nach drau├čen.
Die meisten meiner Kumpels hatten ihn nicht geh├Ârt. Ich war jetzt endg├╝ltig bedient. Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte ├Âffnete ich wieder das Fenster. Tats├Ąchlich h├Ârte man ab und zu ein Fahrzeug ├╝ber die Dorfstra├če fahren. Schneller als sonst. Sowas h├Ârt man. Besonders glatt schien es nicht zu sein. Die Abrollger├Ąusche deuteten eher auf Schneematsch. Der Stecher hatte sich wohl mehr um die Verh├Ąltnisse auf den Nebenstra├čen und Feldwegen gesorgt, die er ansteuern wollte.
Blaulicht hatte der Stecher gesehen. Ob das stimmte? Irgendetwas ging jedenfalls vor da drau├čen. Zuviel Verkehr Richtung Oberdorf, den keiner bemerkt hatte, weil das Fenster zu war. Jetzt kam auch Petras Freund herein. Er kam immerhin aus Richtung Oberdorf und fand fast die gleichen Worte wie sein Vorg├Ąnger. \"Sauglatt\" sei es und \'ne Menge Autos st├╝nden an der Stra├če im Oberdorf. Auch er und Petra verschwanden schnell. Die Geilheit stand beiden ins Gesicht geschrieben. Ich fragte mich, ob sie nicht lieber gleich in den Kohlenkeller gehen sollten.
Verdammt. Was war da los? Die Kumpels waren unbeeindruckt. Heinz hatte sich auf Anitas Platz gesetzt und begann Heidi anzubaggern. Das tat er immer, wenn wir im Club zusammen sa├čen. Die beiden mochten sich und gingen auch mal zusammen raus. So war das auch bei mir und Jutta. Wehm├╝tig dachte ich an den letzten Sommer und Philipps Geburtstagsfeier, als sie so gut wie nackt vor mir im Gras lag. Jetzt gab es Carmen, die gerade mit Heike redete und durchaus interessiert zu mir her├╝ber sah. Unschl├╝ssig und besorgt sa├č ich eine ganze Weile auf dem Klamottentisch. Jemand hatte das Band gewechselt. \"A whiter shade of pale\" von Procul Harum signalisierte, dass jetzt die Schmuselieder kamen. Heinz und Heidi tanzten bereits, Carmen sah wieder auffordernd zu mir her├╝ber.
Eine Minute sp├Ąter drehten sich drei Paare im Clinch-Blues. Heinz und Heidi, Dieter und Heike sowie Carmen und ich. Carmen war nicht besonders auf Distanz bedacht, sodass ich sie an mich heranziehen konnte. Meine rechte Hand lag auf ihrer linken Schulter und die andere da wo man Jahre sp├Ąter Arschgeweihe t├Ątowieren w├╝rde. Und das zu \"When a man loves a womean\". Perfekt. Und doch waren meine Gedanken woanders. Es gab zu dieser Zeit eine australische Serie im Fernsehen. Da gab es einen Jungen, der einen Boomerang warf und damit die Zeit anhielt, bis das Ding wieder zu ihm zur├╝ckgekehrt war. Verr├╝ckt. Je n├Ąher mir Carmen beim Tanzen kam, umso deutlicher wurden die Bilder, die mich bedr├Ąngten. Horst, das Ger├Ąusch der Maschine vom gro├čen Beck, die verschiedenen Aussagen der Kumpels ├╝ber Gl├Ątte, Gefahr, Alkohol und Desserttassen, die ich neben einem entgeisterten Faix auf dem Boden liegen sah.
Carmen und ich waren uns jetzt sehr nahe gekommen. Ich sp├╝rte bereist, wie mein K├Ârper reagierte und tat alles, dass sie das auch mitbekam. Gl├╝cklicherweise standen wir gerade \"cheek to cheek\" und schauten uns nicht an. Ich war mir nicht ganz sicher, ob Carmen gefallen h├Ątte, was in meinem Gesicht zu lesen war. Zur Sicherheit nahm ich meinen Kopf noch etwas nach vorne, nach unten und schloss die Augen. Sie roch nach Shampoo und Deo und auch ein bisschen nach Erregung. Ich sah eine zertr├╝mmerte Maschine und viele verzweifelte Menschen, die um unseren Arzt herumstanden, der bedauernd die Hand hob, w├Ąhrend er neben dem gro├čen Beck kniete, der auf dem Asphalt lag. Was f├╝r eine kranke Situation. Verzweifelt versuchte ich diese Bilder loszuwerden. Carmen war mehr als anschmiegsam. Vermutlich w├╝rden wir uns bald k├╝ssen. Dazu passte \"Sailing\" von Rod Stewart sehr gut.
Ich ├Âffnete die Augen und konzentrierte mich jetzt bewusst auf Carmen. Sie sah wirklich sehr gut aus. Schlank mit langem dunkelbraunem Haar, ein durchaus beachtlicher Busen, den ich deutlich sp├╝rte und ein feines Gesicht, das ich jetzt vor mir hatte. Meine H├Ąnde hatten eine Gegenbewegung vollzogen. Die eine lag in ihrem Nacken, die andere einen Tick tiefer. Ihre Arme umfingen mich, ihre H├Ąnde lagen auf meinem R├╝cken. Endlich hatte ich die Bilder abgesch├╝ttelt. Wir spielten noch ein bisschen herum, stupsten uns mit den Backen an, trafen wie zuf├Ąllig die Lippen des anderen, bevor wir uns lange und ausgiebig k├╝ssten. Rod Stewart war inzwischen zu Hause angekommen und Robert Plant sang von der Dame mit der Himmelsleiter in \"Stairway to Heaven\". Es konnte kaum ein gr├Â├čeres Gef├╝hl geben, als solch einen unverhofften Kuss von einer h├╝bschen Frau, an einem tr├╝ben Tag im Februar. Von all den Gl├╝ckshormonen, die wir beide freisetzten h├Ątte Perry Rhodan einen Astronauten zum Mars beamen k├Ânnen.
Und doch blieben meine Sinne auf seltsame Weise wach f├╝r die Geschehnisse im Club. So als g├Ąbe es eine Antenne, die nicht auf Carmen ausgerichtet war. Als wir die Augen wieder ├Âffneten sahen wir in die Gesichter der anderen T├Ąnzer und Barsteher. Die Jungs gaben sich cool. Allerdings kam es nicht so oft vor, dass einer von uns einer so tollen Frau gleich beim ersten Kennenlernen so nahe kam. Heike und Heidi machten dieses \"na also, hat doch geklappt\" Gesicht. Offenbar hatten sie sich vorher abgesprochen. Jutta, die ich am anderen Ende des Durchgangs neben Karl-Heinz sitzen sah, machte gar kein Gesicht. Sie r├╝ckte nur einfach n├Ąher an unseren Space-Cowboy heran. Aber nur um Rolf, der f├╝r mich unsichtbar auf der anderen Seite sa├č, zum Tanzen aufzufordern.
\"Ich finde Dich einfach toll\", sagte Carmen und dr├╝ckte mich nur noch fester an sich.
\"Ich finde du bist nicht nur toll, sondern auch verdammt h├╝bsch\", sagte ich, weil mir nix Besseres einfiel. Sie legte ihren Kopf an meine Schulter und Leonard Cohen wiegte uns sanft zu den Kl├Ąngen seiner akustischen Gitarre. F├╝r mich sang er Carmen nicht Suzanne. Wir drehten uns gl├╝cklich im Kreis, aber jedes Mal, wenn ich zur T├╝r sah, wurde mir mulmig. Dann wechselte die Musik. John Fogerty von Creedence Clearwater Revival spielte sein Gitarren-Intro zu \"Up around the bend\" und ab ging die Luzi. Carmen und ich wollten zur├╝ck zu den Tischen und standen in der N├Ąhe der T├╝r, als diese sich langsam ├Âffnete. Der Pfarrer kam herein. Das war nicht ungew├Âhnlich. Ich wollte ihn schon ├╝berschw├Ąnglich begr├╝├čen, denn ich surfte gerade auf dieser Welle, als ein Blick in sein Gesicht meine schlimmsten Bef├╝rchtungen wieder wach rief.
Der Pfarrer ging zur Bar und stoppte das Band. Dann stellte er sich so hin, dass er in beide R├Ąume blicken konnte.
\"H├Ârt mal alle her\", sagte der Pfarrer mit seiner dunklen Predigtstimme.
\"Der Peter Beck ist mit seinem neuen Motorrad verungl├╝ckt. Er hat die Kurve beim Bauer Bechtel nicht geschafft. Ist an der Mauer entlang geschlittert und gegen die vorspringende Ecke der Scheune von Hoffmanns geprallt. Er war sofort tot. Es tut mir so leid euch das sagen zu m├╝ssen. Wir k├Ânnen nur noch f├╝r ihn beten.\"
In diesem Moment warf der Junge aus Australien seinen Boomerang. In den wenigen Sekunden in denen alle starr vor Schreck waren, lief ein Film vor meinem inneren Auge ab, der Stunden zu dauern schien. Ich und der drei Jahre ├Ąltere Peter beim Fu├čball. Dieser Pokal mit der kleinen gr├╝nen Schale. Unser Brandweiher, der als Schwimmbad diente. Peter wie er auf die Handgriffe am Ausstieg kletterte, um von da oben herunterzuspringen. Peter der vom Rand \"tot\" ins Wasser fiel, wenn die Kleinen ihre Zeigefingerpistolen abschossen. Peng! Peter und seine Jutta, wie sie in eindeutiger Situation bei Philipp im Bett liegen. Schlie├č\' doch ab! Peter als Stuntman, der mitten auf dem Marktplatz mit seiner 50er st├╝rzt und eine Frau verletzt. Schon damals ein Draufg├Ąnger. Peter mein Vorbild, der auf Anhieb im Mittelfeld der Ersten einschlug. Peter.
Der Boomerang kehrte in die Hand des Jungen zur├╝ck und auch der Bann im Raum war gebrochen. An das was jetzt geschah habe ich keine zusammenh├Ąngende Erinnerung.
Karl-Heinz war der erste der sichtbar reagierte. Er suchte nach seinem Helm und seiner Jacke, um seine 50er in Marsch zu setzen. Der Pfarrer verbot es ihm.
\"Denk an die Polizei.\" Ich stand weiter stocksteif da. Carmen, die sich an meinen Arm geklammert hatte, ging zu Jutta. Die Frauen weinten. Die Kumpels begannen leise zu reden. Die meisten mit sich selbst.
\"So eine verdammte Schei├če!\", schrie Helmut und warf seine halbvolle Bierflasche in die Ecke. Da waren schon viele vorher gelandet, aber keine aus einem so traurigen Anlass. Heinz rannte mit gr├╝nem Gesicht hinaus. Die armen Kohlen. Alle waren unter Schock. Als auch Hans seinen Arm mit der Flasche hob, griff der Pfarrer ein.
\"Das macht ihn auch nicht wieder lebendig\", sagte er ruhig aber das Momentum war gegen ihn. Hans warf die Flasche und viele taten es ihm gleich.
Sp├Ąter rief Karl-Heinz:\"B├Ąhre? Woas sollen des bringe, he? Der Pere is doad, doad, doad\". Es gab viele solcher Ausbr├╝che mal laut mal leise. Irgendwann holte Dieter eine versteckte Gallone Jim Beam hervor, die er als eiserne Reserve vorgehalten hatte.
Ich wei├č nicht, wie lange ich so gestanden habe. Langsam l├Âste sich meine Starre. Dieters Worte, \"Kommt wir trinken erst mal einen.\", f├╝hrten mich zur Bar. Wir sahen einander kaum an. Der Whiskey wirkte langsam. Soviel Wut, Trauer und Verzweiflung niederzukn├╝ppeln, ist nicht einfach. Langsam begannen Gespr├Ąche. Auch der Pfarrer schaffte es mit uns zu beten \"wie der Herr die Seinen zu beten gelehrt hat\". W├Ąhrend seine ruhige Stimme durch den Club hallte, fielen viele Tr├Ąnen auf den staubigen Zementboden und die Stimmen der Freunde waren nur als Raunen zu vernehmen.
Schlie├člich kamen noch ein paar besorgte Eltern, um ihre Kinder heimzuholen. Ich umarmte und k├╝sste erst Jutta und dann Carmen, obwohl Juttas Vater nur ein paar Meter weg stand und mit dem Pfarrer redete. Dann startete ich mein Mofa. Im R├╝ckspiegel sah ich die kleine Menschenmenge vor dem hellerleuchteten Schulgeb├Ąude im Nebel verschwinden.
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Yogzde

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