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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine kleine Geschichte vom Paradies
Eingestellt am 01. 08. 2009 20:45


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Midian
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Registriert: Jul 2009

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Wer weit ausholt, so sagt man, beginnt bei Adam und Eva. Aber genau dort muss man ansetzen, denn mit diesem Schöpfungsmythos beginnt die hoministische, sprich die ausschließlich auf den Menschen bezogene Religion. Vorher erschuf Gott Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen und Tiere, aber das hatte mit Religion noch nichts zu tun; Gott hat sie sozusagen als Kulisse gemacht und damit der Mensch etwas hatte, worĂŒber er herrschen konnte. Aber davon spĂ€ter.

Obwohl selbst heutige KirchenvĂ€ter die Apfelgeschichte aus dem Garten Eden mehr als Gleichnis auffassen denn als wahres Ereignis, so muss sie doch sorgfĂ€ltiger untersucht werden, als es einem bloßen MĂ€rchen zukĂ€me, weil die kirchliche Lehre trotz allen wissenschaftlichen Erkenntnissen immer noch auf diesem ersten SĂŒndenfall basiert, ja in ihm eine unverzichtbare Grundlage des Glaubens sieht.

Gott erschafft Adam aus einem Lehmkloß und haucht ihm Leben ein. Ein Schöpfungsmythos unter vielen. Was kann er uns modernen Menschen schon bedeuten? Kann man ihn nicht vernachlĂ€ssigen? Keineswegs! Denn noch heute wirkt nach, was das Alte Testament ausgebrĂŒtet hat: der erste Mensch war ein Mann! Wieviel mĂ€nnliche Selbstgerechtigkeit resultiert bis auf den heutigen Tag aus dieser chauvinistischen Schöpfungs-Saga: Mensch gleich Mann. Aus seiner Rippe schuf Gott dann die Frau. Ein MĂ€rchen? Gewiss, aber eins mit fĂŒrchterlichen Folgen fĂŒr die Frau. Paulus, der ureigentliche Schöpfer des Christentums, leitete spĂ€ter daraus ab: der Mann ist der Abglanz Gottes, die Frau ist der Abglanz des Mannes. Mit patriarchalischer SelbstbeweihrĂ€ucherung begann es, wurde es in zweitausend Jahren Kirchengeschichte fortgesetzt, zementiert und verinnerlicht. Bis auf den heutigen Tag.

Muss man noch erwĂ€hnen, dass Gott selbst mĂ€nnlich gedacht ist? Als Schöpfer, als Herr der Heerscharen, als RĂ€cher, als Vater? Von dieser mĂ€nnerverherrlichenden Doktrin ist die Kirche bis heute nicht abgerĂŒckt.

Man sollte auch nicht meinen, sie sei vom Mythos Lehmkloß abgerĂŒckt. Spricht nicht der Pastor am Grab jedesmal die tröstlichen Worte: Aus Staub bist du gemacht, zu Staub sollst du wieder werden? Nichts ist der Kirche zu verstaubt, um es nicht als ewige Wahrheit zu verkĂŒnden.

Dass die Frau schon im Paradies der minderwertige Mensch war, erweist sich bald. Denn nicht der standhafte Adam lĂ€sst sich von der Schlange verfĂŒhren, sondern die leichtfertige Eva. Und was bringt sie der Menschheit dadurch? Die ErbsĂŒnde! Die Schlechtigkeit in der Welt haben wir also der Frau zu verdanken. Machos aller LĂ€nder, bedankt euch dafĂŒr und seid guten Mutes, eure Vorherrschaft ist göttlich abgesegnet.

Nebenbei, auch andere Religionen sind frauenfeindlich, aber das soll nicht der Inhalt dieses Aufsatzes sein.

Die Apfelgeschichte ist wirklich lĂ€stig, aber man darf sie nicht ĂŒbergehen, denn wesentliche Aspekte des christlichen Glaubens sind in ihr verankert. Da ist die ewige Frage nach Gut und Böse. Wie war das doch? Wir erinnern uns: Adam und Eva haben bei ihrer Erschaffung von Gott zwar einen freien Willen bekommen, aber nicht die Erkenntnis fĂŒr Gut und Böse. Inwiefern konnte ihr Wille dann frei sein? WofĂŒr sollten sie sich entscheiden, wenn sie die Alternative Gut/Böse gar nicht kannten?

Die Schlange sagte: Ihr werdet sein wie Gott und Gut und Böse erkennen, WENN ihr den Apfel esst. Gegen das Gebot Gottes pflĂŒckt Eva den Apfel und beißt ab. Sie ist ungehorsam. Ungehorsam gegen Gott ist etwas Böses, aber woher sollte sie das VOR dem Abbeißen wissen? Diese Erkenntnis (!) kann ihr doch erst nach dem Apfelgenuss gedĂ€mmert haben. O pardon, man darf hier keine Logik erwarten.

Warum könnte Eva also gegen das Gebot Gottes gehandelt haben? Wahrscheinlich aus Neugier. Woher kam Evas Neugier? Hat sie diese irgendwo gefunden oder auch vom Baum gepflĂŒckt? Nein, es muss eine Eigenschaft gewesen sein, mit der Gott sie von Anfang an beseelt hatte, als er sie aus Adams Rippe formte.

In der ganzen Paradiesgeschichte hĂ€ufen sich die unlogischen Begebenheiten. Gott (wer sonst?) erschafft extra einen Teufel in Form einer Schlange, damit er den Menschen verfĂŒhrt. Was fĂŒr ein charismatischer Charakterzug! Das einzige Böse im Paradies war also mit Gottes Zustimmung anwesend. Und er lĂ€sst es los auf ein unwissendes Geschöpf wie Eva. Erschwerend kommt hinzu, dass Gott beides, die Neugier und den Teufel, erschaffen hat. Wenn das eine GehorsamsprĂŒfung sein sollte, so war sie lĂ€cherlich. Der Allwissende hatte von Anbeginn gewusst, dass der Teufel es schaffen wird, den Menschen zu verfĂŒhren. Trotzdem lĂ€sst er ihn gewĂ€hren und tut dann ganz erstaunt und empört, dass Eva ihm nicht gehorcht hat. Dann straft er dafĂŒr die gesamte Menschheit, ja die ganze Schöpfung mit der ErbsĂŒnde. Was fĂŒr eine Farce!

HĂ€tte Gott den Teufel nicht zugelassen, wĂŒrden die Menschen heute noch im Paradies leben, und er hĂ€tte sich spĂ€ter nicht so ĂŒber die Menschheit Ă€rgern mĂŒssen, dass er sie durch die Sintflut vernichtete. Aber wir werden sehen, dass es fĂŒr den Menschen ein Segen war, aus dem Paradies zu fliegen.

Jeder Mensch fragt sich nach dem Sinn des Lebens. Welchen Sinn hatte das menschliche Leben vor dem SĂŒndenfall? Was fĂŒr eine Rolle sollte der Mensch auf der Erde oder vor Gott spielen? Ohne die Erkenntnis von Gut und Böse waren Adam und Eva Gottes Marionetten, doch gerade diese Erkenntnis wollte Gott dem Menschen verwehren. An was fĂŒr ein Zwitterwesen hatte Gott denn gedacht? Vollkommene Wesen, die Engel, hatte er schon. Unbewusst dahin lebende Wesen, die Tiere, gab es auch schon. Was sollte der Mensch verkörpern? Da er Gott absoluten Gehorsam schuldet, war sein Los von Anbeginn das eines Sklaven. Eines glĂŒcklichen Sklaven vielleicht, aber mehr nicht. Wenn ich mit meinem Schöpfer aufgrund meiner GottĂ€hnlichkeit (er schuf den Menschen nach seinem Ebenbild) nicht furchtlos reden, streiten und handeln kann, sondern mich stĂ€ndig in Anbetung ĂŒben soll, was bin ich dann vor ihm? Hat Gott womöglich nur Wesen schaffen wollen, die ihn anbeten? Und war er zu diesem Zweck gezwungen, ihnen auch Verstand zu geben, weil sie ihn sonst wie die Tiere weder erkannt noch angebetet hĂ€tten? Der Verdacht drĂ€ngt sich auf.

Richtig ist: Adam und Eva sind erst nach dem SĂŒndenfall richtige Menschen geworden. Denn nur ein Geschöpf, das um das Böse weiß und es dennoch meidet, kann edel und stark genannt werden. Im Paradies konnte es keine guten Menschen geben. Gegen wen hĂ€tten Adam und Eva gĂŒtig sein sollen? Es gab ja kein Leid, das sie hĂ€tten lindern, nichts Böses, das man hĂ€tte bekĂ€mpfen mĂŒssen. Erst als Eva der Schlange gehorchte, tat sie einen selbstbewussten eigenen Schritt nach vorn und befreite sich aus diesem verschwommenen Zustand, der weder Fisch noch Fleisch war. So gesehen, ist nicht die ErbsĂŒnde, sondern die Freiheit durch die Frau in die Welt gekommen.

Denn auch der Mut, sich gegen Gott aufzulehnen, dieses neue Selbstbewusstsein, das den Menschen erst zum gottĂ€hnlichen Wesen macht, waren ihr von Gott verliehen. Von wem sonst? Hat Gott sich also durch seine eigene Schöpfung selbst ausmanövriert? Selbst ein Agnostiker wie ich traut Gott mehr zu. Wenn er dem Menschen Selbstbewusstsein und Mut verliehen hat, so muss er damit einen Zweck verfolgt haben. Er gab dem Menschen von seiner eigenen göttlichen Kraft, die ihn befĂ€higte, sein Leben kĂŒhn und frei selbst zu meistern. Das hĂ€tte er im Paradies weder gekonnt noch nötig gehabt. So gesehen, war der Apfelgenuss keine SĂŒnde, sondern ein menschlicher Fortschritt. Ein Fort-Schreiten von Gott, ja. So wie ein Kind dem Elternhaus entwĂ€chst. Welcher Vater will denn, dass seine Kinder ihm ewig am Rockzipfel hĂ€ngen? Es muss eigene Wege gehen.

Hatte Gott ein verstandes- und vernunftbegabtes Wesen geschaffen, nur um es im paradiesischen Zustand zu belassen, wo alle diese Gaben nichts wert sind, weil er sie nie benutzen muss? Woran hĂ€tte Adam seinen Verstand denn schĂ€rfen sollen? Womit seinen Geist erweitern? Und wozu? FĂŒr einen Menschen ist das Paradies die Hölle der Langeweile. Und wenn er sich nicht gelangweilt hat, weil er nichts anderes kannte, dann war er kein höheres Wesen, sondern glich dem Tier, das froh ist, wenn es zu essen und zu trinken hat und eine Behausung, wo es Schutz findet. Es kann mithin nur in Gottes Absicht gelegen haben, die Menschen Gut und Böse erfahren zu lassen und sie dann aus dem Paradies zu jagen, weil sie es darin gar nicht mehr ausgehalten hĂ€tten.

Draußen mussten sie zwar arbeiten und allerlei Lasten tragen, aber es begann auch der Weg menschlichen Erfolgs und menschlicher Triumphe. Leider auch der menschlichen IrrtĂŒmer, des menschlichen GrĂ¶ĂŸenwahns, gewiss. Das ist stets der Preis, den man fĂŒr die Freiheit zahlen muss. Entweder man hĂ€ngt an göttlichen MarionettenfĂ€den, oder man ergreift die Fackel des Prometheus. Nach seinem Rauswurf begann doch erst der Aufstieg des Menschen. Und den Menschen dabei zu begleiten, muss auch fĂŒr Gott weitaus interessanter gewesen sein, oder nicht? Die Friede-Freude-Eierkuchen-Pampe des Paradieses war dem menschlichen Streben unangemessen.

Betrachten wir nun den Menschen nach seinem Rausschmiss. Geht es ihm schlecht? Nein. Ist Gott sauer auf ihn? Nein. Er gibt dem ungehorsamen Menschen noch obendrein als Belohnung die Herrschaft ĂŒber die Erde – seid fruchtbar und mehret euch und macht euch die Erde untertan. Das spricht dafĂŒr, dass Gott den Apfelgenuss nicht als SĂŒnde, sondern als Fortschritt betrachtet hat. Leider hat er dann den Bock zum GĂ€rtner gemacht. Jeder Personalchef wĂŒrde gefeuert, wenn er einen so unfĂ€higen Manager einstellen wĂŒrde, der den ganzen Laden ruiniert. Gott tat es, obwohl er im voraus wusste, dass der Mensch sich zum KrebsgeschwĂŒr der Erde entwickeln wĂŒrde und damit nicht nur sich selbst, sondern auch der ĂŒbrigen Schöpfung unermessliches Leid zufĂŒgen wird. Lebewesen, die nicht vom Apfel gegessen haben.

Hatte die Erde ĂŒberhaupt einen Herrscher wie den Menschen nötig? Das Gegenteil ist der Fall. Jeder weiß, dass die Tier- und Pflanzenwelt dort am besten gedeiht, wo sie sich selbst ĂŒberlassen ist. Pflanzen und Tiere lebten bereits Millionen von Jahren vor dem Menschen auf der Erde und ohne ihn viel vortrefflicher. Wo immer der Mensch aufgetaucht ist, hat er die Erde als sein persönliches Eigentum betrachtet und sie ausgebeutet. Er hat sie behandelt, als habe er noch einige Erden in Reserve. Seid fruchtbar und mehret euch wird heute angesichts von sechseinhalb Milliarden Menschen zum Fluch.
Irgendwie frage ich mich, wem kann ich das alles in die Schuhe schieben?


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