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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine literarische Abrechnung mit dem Regietheater der letzten beiden Jahrzehnte
Eingestellt am 25. 01. 2012 08:29


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
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Rezension zu:

Hansj√∂rg Schneider, Hunkeler und die Augen des √Ėdipus, Diogenes 2012, ISBN 978-3-257-24005-4

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansj√∂rg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommiss√§r Peter Hunkeler ver√∂ffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine B√ľcher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf h√∂chstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergr√ľndigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verh√§ltnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war fr√ľher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber sp√§rlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genie√üen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespr√§che ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem H√§uschen im Elsass direkt hinter der franz√∂sisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libert√§r-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Sch√∂pfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, K√ľnstlern und Theaterleuten, Lebensk√ľnstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Stra√üe, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansj√∂rg Schneider in seinen B√ľchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, l√∂st er alle seine F√§lle mit diesem "Gsp√ľri". Seine Kollegen halten Distanz zu ihm - seine Eigenst√§ndigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst. Der Staatsanwalt Suter, der in den B√ľchern Schneiders immer wieder auftaucht, achtet Hunkeler und unterst√ľtzt ihn heimlich. Denn die Erfolge des Kommiss√§rs sprechen f√ľr sich. Ohne sie h√§tten ihn seine Obersten sicher schon vor 10 Jahren in den Ruhestand versetzt.

Doch nun in dem neuen Buch "Hunkeler und die Augen des √Ėdipus" steht der Ruhestand direkt bevor. Vielleicht h√§ngt mit dieser einschneidenden Ver√§nderung seiner Hauptfigur auch Schneiders innerz√ľricher Wechsel von Ammann zu Diogenes zusammen, wo er nun ver√∂ffentlicht.
Auch der neue Roman hat mit einem Lebensabschnitt und einer sich √ľber sein ganzes Leben hinziehenden Erfahrung Hansj√∂rg Schneiders zu tun. Er, der in jungen Jahren w√§hrend der bewegten 68-er Zeit als Regie-Assistent am Theater in Basel gearbeitet hat, l√§sst seinen neuen Roman im Theatermilieu der Gegenwart spielen und arbeitet gleichzeitig eine f√ľr ihn letztlich gescheiterte und elit√§re Theatertheorie und das dieser entsprechende Bewusstsein und Verhalten von Regisseuren auf, eine literarische Abrechnung mit dem Regietheater der letzten beiden Jahrzehnte.

Der Basler Theaterdirektor Bernhard Vetter ist verschwunden. Weil Hunkeler, kurz vor dem Ruhestand, nicht mehr mit ermitteln darf, meldet er sich krank und begibt sich auf eine Feldforschungsreise durch die Basler Theatergeschichte und die aktuellen Verstrickungen von Bernhard Vetter. Nat√ľrlich l√∂st er den Fall, bekommt heraus, wer beteiligt ist und begibt sich zum wiederholten Mal in die schillernde Halbwelt des Basler Rheinhafens, mit seinen Kneipen, Dealern, Gesch√§ftemachern, Dirnen und Wirten. Da geht es um das Theater, um Liebe und immer wieder um einen ma√ülosen Anspruch. Einer der Menschen, die Hunkeler bei seinen Recherchen um den verschwundenen Vetter trifft, beschreibt den schillernden Theatermann so:
"Wie Sie bestimmt wissen, war er Adorno-Sch√ľler. Ich wei√ü nicht , wie er gelebt hat, ich wei√ü nur, wie er gedacht hat. Er hat sich √ľberlegen gef√ľhlt, hat aber gleichzeitig unter seiner √úberlegenheit gelitten. Er hat ganz bewusst Macht ausge√ľbt. Er hat die Machtaus√ľbung als seine Pflicht verstanden."
Auf die R√ľckfrage Hunkelers, er hielte Adorno doch geradezu f√ľr einen scharfsinnigen Kritiker von Herrschaft und Macht, f√§hrt der Kunsth√§ndler Lardini, der sich nicht nur in der Theater- und Kulturgeschichte Basels auskennt, sondern auch im Milieu des Rheinhafens, ( so wie Schneider selbst), fort:
"Ich kenne einige Leute dieser Art. Sie kommen alle aus Deutschland. Sie k√∂nnen die Verbrechen der Nazis nicht in ihr Denken integrieren, was ja kein Wunder ist. Sie wittern √ľberall nazistisches Gedankengut, faschistoide Mentalit√§t, die sie aufdecken m√ľssen. Das tun sie mit Hilfe der Frankfurter Schule, zu der Adorno geh√∂rte. So ist diese Generation der eigenen Schuld, die meiner Meinung nach eine eingebildete Schuld ist, entkommen, soweit das √ľberhaupt m√∂glich ist. Denn ich denke, dass eine eingebildete Schuld noch schwerer dr√ľckt als eine wirkliche Schuld."

Hansjörg Schneider lässt Hunkeler mit einigen Regisseuren, mit vergessenen Arbeiterdichtern aus den Siebzigern und mit alkoholkranken und verbitterten, einst genialen Schauspielern zusammentreffen, und man hat den Eindruck, dass jede dieser Figuren Ebenbilder hat in der Basler Realität und Vergangenheit , in der Schneider nun selbst seit Jahrzehnten schwimmt, so wie sein Kommissär im Rhein.

Hunkeler l√∂st den Fall, geht in Pension und sein Sch√∂pfer hat den Verlag gewechselt. Sicher nicht, weil es das letzte Buch war √ľber eine Polizistenfigur, wie sie ihresgleichen sucht.

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