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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine literarische Befreiung
Eingestellt am 02. 07. 2015 15:09


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Ralf Rothmann. Im FrĂŒhling sterben, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42475-9

In seinem neuen Roman „Im FrĂŒhling sterben“ erzĂ€hlt Ralf Rothmann die Geschichte von zwei siebzehnjĂ€hrigen Jungen, Walter und Fiete, die Anfang 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen werden und in Ungarn auf eine dramatische Weise sich ein letztes Mal gegenĂŒberstehen.

Ralf Rothmann hat die Geschichte von Walter und Fiete in eine Rahmenhandlung gekleidet, die zu der Vermutung Anlass gibt, dass der Roman den einen oder anderen autobiographischen Hintergrund hat.

Er stellt seinen Roman unter ein biblisches Motto aus dem Buch des Propheten Ezechiel: „Die VĂ€ter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die ZĂ€hne davon stumpf geworden.“

Wir befinden uns zu Beginn der ErzĂ€hlung Anfang des Jahres 1945 auf einem großen Bauernhof in Schleswig-Holstein. Walter (ist in ihm die Vaterfigur Rothmanns versteckt?) und Fiete, beide gerade mal 17 Jahre alt, arbeiten dort als Melker, als sie bei einem geschickt getarnten Fest der NS- Bauernorganisation quasi gezwungen werden, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Die Ausbildung erleben sie noch zusammen, doch dann werden sie an getrennte Einsatzorte geschickt. Walter arbeitet als Ungarn als Fahrer, immer hinter der Front. Was er dort allerdings sieht und erlebt, ist erschĂŒtternd und wird ihn spĂ€ter sein ganzes Leben lang stumm machen und verschlossen und seinem Sohn ein RĂ€tsel, das er damit zu lösen versucht, indem er sich schreibend dem Schicksal seines Vaters nĂ€hert.

Höhepunkt des Dramas ist die Wiederbegegnung Walters und Fietes auf dem Richtplatz, nachdem Fiete wegen eines im betrunkenen Zustand versuchten Fluchtversuchs exekutiert wird. Vorher hatte Walter noch unter Lebensgefahr seinen Vorgesetzten, der ihm etwas schuldig war, um Gnade fĂŒr seinen Freund gebeten.

Wie Ralf Rothmann sich diesem Schicksal nĂ€hert, ist große Literatur. Mit einer einfĂŒhlsamen und poetischen Sprache gelingt es ihm, die letzten Monate des Krieges zu beschreiben und die erste Zeit nach dem Krieg, als Walter ĂŒber mehrere Stationen glĂŒcklich wieder nach Hause kommt (ohne Verletzung und Behinderung) und seine Freundin seinen Heiratsantrag annimmt. Doch auch ihr gegenĂŒber und erst recht spĂ€ter seinem eigenen Sohn gegenĂŒber, dessen ErzĂ€hlung diesen beeindruckenden Roman umschließt, kann er sich nicht öffnen, und wie so viele andere aus dem Krieg an Leib und Seele Versehrten schweigt er sein ganzes Leben lang, bis auf sein Totenbett.

Indem Ralf Rothmann den Sohn sich in die Geschichte seines Vaters erzĂ€hlend hineinversetzen lĂ€sst, verschafft er nicht nur ihm eine literarische Art von Befreiung, sondern gibt auch vielen Ă€lteren Lesern, die wie der 1954 geborene Rezensent in ihrer Kindheit und Jugend lange mit dem Schweigen der GroßvĂ€ter und VĂ€ter leben mussten, so etwas wie eine spĂ€te Antwort.

Walters Freund Fiete lÀsst er an einer Stelle, als Walter in ihn der Todeszelle besucht, etwas sagen, was die Situation dieser Nachgeborenen gut beschreibt. Fiete erwÀhnt seinen Vater, einen Arzt:
„Und einmal, als ich meine TrĂ€ume erwĂ€hnte, sagte er mir, dass es ein GedĂ€chtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch den Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden macht etwas mit den Nachkommen. Die KrĂ€nkungen, die SchlĂ€ge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und spĂ€ter, wie liebevoll behĂŒtet sie auch heranwachsen mögen, haben sie panische Angst davor, gekrĂ€nkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den TrĂ€umen.“

Das lange quĂ€lend Unausgesprochene bekommt mit diesem Roman Ausdruck und Form. Auf eine so ĂŒberzeugende Weise, dass dieses Buch fĂŒr mich ein AnwĂ€rter auf den Deutschen Buchpreis 2015 ist.






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