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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine schwere Entscheidung
Eingestellt am 21. 04. 2008 18:43


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Raniero
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Eine schwere Entscheidung

Edgar Abendroth erhob sich aus dem Sessel und stapfte mit schwei├čnasser Stirn und feuchten H├Ąnden in die K├╝che, um sich ein Bier zu holen. Vor dem K├╝hlschrank entschied er spontan, sich nicht mit einer sondern gleich drei Flaschen des gek├╝hlten Gerstensaftes zu versorgen, um nicht so oft laufen zu m├╝ssen.

Fiebernd vor Anspannung hatte er vor dem Fernseher gehockt, bis der erl├Âsende resp. einen letzten Aufschub erzielende Abpfiff kam.
Unentschieden stand es, nach Ende der regul├Ąren Spielzeit sowie nach zweimaliger Verl├Ąngerung, in einem Halbfinale der Fu├čballweltmeisterschaft, und das bedeutete nach den international geltenden Regeln: Entscheidung durch Elfmeterschie├čen.
Wenn sie dieses f├╝r sich entscheiden konnte, seine Nationalelf, dann stand sie im Finale.
Streckenweise hatte es jedoch gar nicht gut ausgesehen, f├╝r seine Mannschaft, und das Schlimmste musste schon bef├╝rchtet werden; das Ausscheiden des Gastgebers der Weltmeisterschaft im eigenen Lande, welch eine Schmach.
Doch Edgar hatte nicht aufgegeben, zu hoffen, hatte sie angefeuert, seine Jungs, wie viele Abertausende Fans mit ihm, mit ihnen gebangt und gezittert, und es hatte gereicht, vorerst zumindest.
Nat├╝rlich hatte er es sich nicht nehmen lassen, mit einzelnen Spielern zu hadern, die Mannschaftsaufstellung zu r├╝gen und vor allem denjenigen, der daf├╝r verantwortlich war, den Trainer, harsch zu kritisieren, das war schlie├člich sein gutes Recht.
Er, Edgar Abendroth, h├Ątte, und darin war er sich mit all seinen Kollegen Ersatzbundestrainern vor den Fernsehschirmen und im Stadion einig, die Mannschaft nicht so aufgestellt, so nie und nimmer.
Doch was sollÔÇÖs, dachte er achselzuckend, das Schlimmste ist geschafft, nun m├╝ssen sie halt nur noch das Elfmeterschie├čen hinter sich bringen.


Als er gerade mit den drei Bierflaschen im Arm die K├╝che verlie├č, um zu seinem Sitzplatz in der ersten Reihe zur├╝ckzukehren, klingelte das Telefon.
Edgar erblasste.
Wer wagte es, um diese Zeit bei einem derma├čen wichtigen Spiel anzurufen, unmittelbar vor der entscheidenden Phase, dem nerven zerfetzenden Elfmeterschie├čen?
Eine Frau, schoss es ihm durch den Kopf, das kann nur eine Frau sein!
In Edgars Leben spielten zwei Frauen eine tragende um nicht zu sagen tragische Rolle; eine davon, Isolde, seine bessere H├Ąlfte, stand ihm sehr nahe, doch die andere, die Mutter derselben, eine r├╝stige Witwe mit gesundem Instinkt, sich permanent in die Angelegenheiten anderer einzumischen, h├Ątte er am liebsten auf den Mond geschossen.
Nach seinem Kenntnisstand verbrachten diese Frauen den heutigen Abend zusammen, denn beide hatten mit Fu├čball nichts am Hut, und so hatte sich Isolde schon am Nachmittag auf den Weg gemacht, zu ihrer Mutter, die in der gleichen Stadt lebte, um mit dieser einen fu├čballfreien Abend zu verbringen, damit ihr Edgar seine Ruhe hatte.
Sollte der Anruf dennoch von ihr sein, seiner Frau?
Das konnte er sich nicht vorstellen.
Sie wusste um seine Fu├čballbegeisterung und es w├╝rde ihr im Traum nicht einfallen, ihn jetzt zu st├Âren.
Edgar besa├č keines dieser modernen Telefonger├Ąte, auf dem man die Nummer des Anrufers identifizieren konnte, und leider auch keinen Anrufbeantworter, um gegebenenfalls herauszuh├Âren, wer dieser Anrufer war.
Er stellte die Bierflaschen auf den Tisch und goss sich ein Glas ein.
Das Telefon klingelte immer noch.
Auf dem Bildschirm trafen die Spieler der beiden Mannschaften Anstalten, sich zum bevorstehenden Elfmeterduell zu r├╝sten.
Das Telefon verstummte.
ÔÇÜGott sei DankÔÇÖ, dachte Edgar erleichtert und nahm einen tiefen Schluck.

Auf dem Rasen h├Ątte eigentlich das Toreschie├čen beginnen m├╝ssen, doch offenkundig herrschte Uneinigkeit dar├╝ber, wer den ersten Strafsto├č treten sollte.
Das Telefon klingelte erneut; irgendwie eindringlicher, hatte Edgar das Gef├╝hl.
ÔÇ×Verdammt noch mal!ÔÇť entfuhr es ihm, ÔÇ×das kann doch wohl nicht wahr sein!ÔÇť
Und wenn etwas Schlimmes passiert war?
Seiner Schwiegermutter, der alten Hexe, etwas zugesto├čen?
Zuzutrauen w├Ąre es ihr, dass sie ihm mit einem Herzanfall die wichtigsten Minuten des Spiels vermasseln w├╝rde.
Doch wenn Isolde etwas zugesto├čen w├Ąre, seinem geliebten Weib, und ihre Mutter, die arme Frau, verzweifelt versuchte, ihn zu erreichen?
Auf dem Rasen war man sich, soweit Edgar sehen konnte, immer noch uneins ├╝ber den ersten Torsch├╝tzen.
Schweren Herzens entschied er sich, den H├Ârer aufzunehmen und erblasste zum zweiten Mal.


Am anderen Ende der Leitung waren weder seine Frau noch seine Schwiegermutter, noch sonst eine Frau, sondern ein Mann.
Kein Geringerer als der Bundestrainer der Fu├čballnationalmannschaft pers├Ânlich, wollte ihn sprechen und jetzt sah Edgar ihn auch auf dem Bildschirm, mit seinem Handy, in die Kamera winkend.
ÔÇ×Hallo, Herr Abendroth, k├Ânnen Sie mir helfen? Ich wei├č nicht, wie ich mich entscheiden soll. Wer von meinen Spielern soll zuerst schie├čen, Ihrer Meinung nach?ÔÇť

W├╝tend legte Edgar den H├Ârer nieder; diese Entscheidung sollte er schon selber treffen, der Mann; er hatte ihn, Edgar Abendroth, ja sonst auch nie in seine Planungen einbezogen.

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