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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine sonderbare Begegnung
Eingestellt am 04. 03. 2014 13:08


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HajoBe
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Registriert: Feb 2012

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Zögernd fĂŒllt sich "Die Laube", ein gern besuchtes Straßencafe unter herbstbunten Linden. Ein in die Jahre gekommener Herr - graue SchlĂ€fen, eine Brille mit wulstigen GlĂ€sern und gekleidet in einen modischen hellbeigen Anzug - hat am Nebentisch Platz genommen. Er winkt den Ober heran. Ich bemerke die gelbe Binde an seinem Arm.
"Das Gleiche wie immer...und das Telefon!"
Der Kellner serviert den <Großen Braunen> und reicht ihm den Hörer.
"Ist meine Frau am Apparat?"
"NatĂŒrlich, Herr Doktor!"
Der so Titulierte nimmt einen Schluck Kaffee und beginnt zu sprechen. Einzelne Satzfetzen dringen zu mir.

"ĂŒber 30 Grad...ja, im Schatten unter Palmen...tiefblauer Zenit...habe dir doch geschrieben...nicht angekommen...Post abgefangen...gefĂ€hrlich...nicht, was du denkst...muss Schluss machen...sie kommen...ich dich auch..."
Er legt den Hörer zur Seite und murmelt leise etwas offenbar nur fĂŒr ihn selbst Bestimmtes.

Eigenartig! Wovon spricht der Mann? Wir sind in Wien. Er gibt vor, im SĂŒden? Wem macht er etwas vor? VerschlĂŒsselte Sprache? FĂŒhlt er sich bedroht? Wie ein Agent schaut er nicht aus, es sei denn, geschickt getarnt. Und dieser Ober? Ein Komplize, welcher die Verbindungen herstellt? Sollte ich ihn unverfĂ€nglich aushorchen? Aber, wenn eine geheimdienstliche Sache dahinter steckt? Ich, eine Kollaborateurin des Kellners? Nein, der Mann wirkt harmlos auf mich. Ich halte mich da raus.

"Herr Ober, sagen Sie, kennen Sie den Mann am Nebentisch nÀher?"
Er nickt zustimmend. "SelbstverstÀndlich, gnÀdige Frau!"
"Er kommt mir merkwĂŒrdig vor", wende ich ein mit dem Vorsatz, mehr zu erfahren.
"Der kommt fast jeden Tag hierher und telefoniert mit seiner Gattin. Ich stelle die Verbindung her."
Der Doktor scheint uns nicht zu hören, nimmt keine Notiz.
"Wohnt sie denn nicht in Wien?", frage ich den Kellner.
"Wenn Sie den Friedhof meinen, schon."
Er bemerkt den Fauxpas, neigt sich zu mir herab und fÀhrt bedauernd mit gedÀmpfter Stimme fort.
"Es geschah vor zehn Jahren. Die Bahn, wissen Sie! Die Frau war sofort tot".
Er kehrt mir den RĂŒcken zu und kĂŒmmert sich eilfertig um andere GĂ€ste.

Meine Blicke streifen den Alten, der teilnahmslos vor sich hinstarrt, gelegentlich tastend nach seiner Tasse greift.
Telefonate mit einer Toten? Der Ober hatte mich wissen lassen, er wĂŒrde ihr stets das Gleiche erzĂ€hlen. Also hört er offensichtlich mit. Mir wird unbehaglich. Ich spĂŒre, wie mich die NĂ€he zu dem geheimnisvollen Tischnachbarn zunehmend verunsichert. Der geschwĂ€tzige Kellner tritt nĂ€her und fĂ€hrt fort.
"Der Herr Doktor verbrachte viele Jahre in Algerien, er redet von ÖlgeschĂ€ften. Was er tĂ€glich seiner toten Frau erzĂ€hlt, entspricht höchstwahrscheinlich dem rĂ€tselhaften Wortlaut seines letzten Telefonates nach Wien. Just an jenem Tag starb sie. Ihn nahm angeblich die algerische Miliz fest unter Spionageverdacht. Er wurde - so behauptet er - gefoltert und eingekerkert. Seitdem sei er als Folge nahezu taub und fast blind."

Der geschĂ€ftige Kellner geht wieder seiner Arbeit nach. Das Schicksal des greisen Herrn berĂŒhrt mich, zumal er in der WĂŒste zweifellos unter schauderhaften Bedingungen gefangen gehalten vom Tode seiner Frau noch nicht einmal etwas ahnte.

"Wie hat er das Ableben seiner Frau aufgenommen, nachdem er davon erfuhr, und etwa erst bei seiner RĂŒckkunft nach Wien?"
Der Ober hat sich wieder an meinen Tisch gesellt. Ich wiederhole meine Frage.
"Er sei freigekauft worden, habe die Todesnachricht anfangs ignoriert und sei zunĂ€chst untergetaucht. So oder Ă€hnlich Ă€ußerte er sich einmal mir gegenĂŒber."
Er zögert und ergĂ€nzt dann: "Möglicherweise sei es Selbstmord gewesen oder sogar...na, ja, sie haben sich die MĂ€uler zerrissen. Er habe stets geschwiegen", raunt er mir zu, wirft einen verstohlenen Blick zum Nebentisch und bemerkt: "Sie hĂ€tte die Trennung angeblich nie verkraftet und wĂ€re ĂŒberzeugt gewesen, er hĂ€tte eine Geliebte in Afrika - so wurde kolportiert. Übrigens, er war kein einziges Mal an ihrem Grab. GedĂ€chtnisverlust bedingt durch die schwere Folter, darauf besteht er."
Er liest offenbar meine Gedanken.
"Altersdement, glauben Sie? Ich weiß nicht...Ă€ußerst verwirrend das Ganze. Vermutungen...und das mit der Spionage eben."

Eine farbige, exotisch gekleidete Dame mittleren Alters taucht zwischen den Tischen auf.
"Komm, Franz, wir gehen heim!"
Der Doktor hakt sich bei ihr unter, nachdem sie den Kaffee bezahlt hat.
"Ich möchte auch bezahlen, Herr Ober!"
Der zĂŒckt die Geldtasche und reicht mir die Rechnung.
"Das war ĂŒbrigens seine Freundin aus Algerien. Sie kĂŒmmert sich um ihn. Von den heimlichen Telefonaten mit der Verblichenen - Gott hab` sie selig -, welche er fast jeden Tag fĂŒhrt, ahnt sie nichts."
Er zögert und verfĂ€llt in FlĂŒsterton.
"Ach, falls es Sie interessiert? In dem Hörer, den ich ihm reiche, ist kein Akku."
Er zwinkert mir zu. "Danke und einen schönen Abend!"
Ich breche auf, versuche meine Gedanken zu ordnen. Das Paar ist verschwunden.
"Angeblich sei er am Todestag seiner Frau in Wien gesehen worden", ruft mir der Kellner noch grinsend hinterher.






__________________
Wer nicht verrĂŒckt ist, ist nicht normal!

Version vom 04. 03. 2014 13:08

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