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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine treffliche Unterhaltung
Eingestellt am 14. 08. 2001 14:21


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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

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Eine treffliche Unterhaltung
Der Zug ist voll - übervoll; Gepäckstücke stapeln sich in den Verbindungsbereichen zwischen den Wagen; Männer und Frauen drängen sich seit der Abfahrt in Köln in allen Gängen, machen das Suchen nach dem richtigen Abteil, dem gebuchten Platz, schwer.
Der Zug schlingert, quält sich wackelig über unzählige Weichen, würfelt dabei die tapsig wirkenden Passagiere durcheinander.
Der alte Herr, dessen schütteres Haar unordentlich in der Stirn hängt, schleppt mühsam sein schweres Gepäck, muss immer wieder Pausen einlegen. Er ist einfach in den nächstbesten Wagen eingestiegen, wuselt sich jetzt, auf der Suche nach dem richtigen Wagen, mühsam durch die engen Gänge. Endlich hat er seinen Großraumwagen - und dann auch seinen gebuchten Platz - erreicht. Er erstarrt, schaut den Gang rauf und runter. Kein Irrtum! Sein Platz ist besetzt!
„Na so was! – Entschuldigen sie, meine Dame, aber sie sitzen offensichtlich auf meinem Platz!“, redet er, noch atemlos, auf einen weißhaarigen Kopf herunter.
„Was haben sie da gesagt, junger Mann?“
„Sie sitzen auf dem falschen Platz! Dieser Platz ist reserviert – von mir!“
„Was sie nicht sagen. Von mir auch!“
Er starrt auf seine Platzkarte, vergleicht noch einmal die Sitzplatznummer mit der bestätigten Reservierung. Stimmt!
„Also, liebe Frau! Zeigen sie mir doch mal ihre Reservierung, ja?“
„Was fällt ihnen ein? Sind sie der Schaffner?“
„Nein, ich bin nicht der Schaffner, sondern der rechtmäßige Besitzer dieses Platzes Nummer 33 für den Wagen 265 am 9. August 2001 auf der Strecke Köln-München. Und ich bitte sie jetzt, diesen Platz zu räumen.“
„Werden sie nicht unverschämt, junger Mann! Ich bin über achtzig! Man verjagt mich nicht wie einen räudigen Hund von meinem Platz! Merken sie sich das gefälligst!“
„Entschuldigen sie! Ich will sie nicht verjagen, gnädige Frau, sondern bitte sie höflichst, den Platz, der ihnen nicht gehört, zu räumen. Bitte!“
Er steht schwankend im Gang, ist den Passagieren mit ihrem schweren Gepäck im Wege. Es gibt Knüffe und unwilliges Gemurre. Langsam wird ihm mulmig. Sein eigenes Gepäck, ein wuchtiger Trolly und eine große Tasche, versperren den Gang zusätzlich; die Gepäckablage ist voll.
„Sehen sie, es kann doch sein, dass sie zwar diese Sitznummer haben, liebe Frau, aber für einen anderen Wagen. Wäre das möglich?“
Jetzt endlich legen sich Sorgenfalten in das zarte Gesicht der kleinen, weißhaarigen Dame. Sie zieht ihre dickbauchige Handtasche näher an die Brust, umklammert sie mit beiden Händen.
„Was ist das denn hier für ein Wagen? Sind vielleicht sie im falschen Wagen? Schauen sie doch mal nach, junger Mann!“
Er blickt noch einmal auf seinen Schein. Wagen 265! Sollte er...? Unsicher geworden, zwängt er sich hastig an den entgegen kommenden Koffern und ihren missmutigen Trägern vorbei, errötet und murmelt eine Entschuldigung, als der schlingernde Zug ihn an die Brust einer jungen Frau drückt. Einem korpulenten Mann, der schnaufend an der Wagentür steht, tritt er ohne Entschuldigung auf den breit ausgestreckten Fuß.
Er verflucht sich selber, seine Oberflächlichkeit. Dabei war er doch sicher gewesen, die Zahl 265 erkannt zu haben. Draußen, an der Wagenwand findet er das Schild.
„Wagennummer 265!“, liest er halblaut und atmet erleichtert auf. Dann macht er sich lächelnd auf den Rückweg. Der Dicke versperrt ihm immer noch den Weg und er rempelt ihn absichtlich an. Diesmal murmelt er eine Entschuldigung.
„Hören sie, gnädige Frau, es ist der Wagen 265! Und ich habe hier - lesen sie doch selber - diesen Platz 33 im Wagen 265 gebucht! Also? Wo ist ihr Buchungsbeleg?“
Die Sorgenfalten im Gesicht der alten Dame kommen wieder, sind diesmal sogar noch tiefer. Nach einem kurzen Moment der Besinnung öffnet sie bedächtig ihre Handtasche. Sie wühlt, stochert, sortiert, hält ein, stutzt, überlegt, setzt die Suche fort, greift immer tiefer, und nach einer ewigen Zeit hat sie das Gesuchte gefunden.
Sie hebt den länglichen Zettel vor ihre Brille und ließt laut vor: „Wagen 265, Sitz Nummer 33! Na also! Es ist mein Platz! Schluss mit dem Lamentieren, junger Mann!“
Böse Blicke einer jungen Frau, rechts von ihm, wollen den unverschämten Störer zurechtweisen. Das erregte Räuspern eines älteren Herrn hinter ihm signalisiert die Bereitschaft zum Eingreifen, zum Schutz bedrohter älterer Damen. Der scharfe Blick der Dame links möchte ihn wie mit Florettstichen zu Boden werfen.
Er wird unschlüssig. Was soll er tun? Der Wagen ist voll, alle Plätze sind offenbar belegt. Noch einen Versuch will er wagen, dann muss er andere Wege gehen. Schließlich kann er ja nicht bis München stehen bleiben.
„Gnädige Frau! Ich sehe mich gezwungen den Schaffner zu holen. Etwas stimmt hier nicht!“, sagt er entschlossen.
„Und sie - ja sie - sie brauchen gar nicht so dämlich zu starren! Es ist mein gutes Recht! Ich habe für diesen Platz bezahlt!“, bellt er die junge Frau rechts an, die mit empörtem Blick ihre Zeitung anhebt.
„Ich auch!“, sagte die alte Dame spitz und nickt beifallheischend hinüber zu dem sich noch immer räuspernden Herrn.
„Wir sind gleich in Bonn! Da steigen weitere Leute ein. Wollen sie nicht lieber jetzt noch nach einem anderen Platz schauen? Ich bringe ihnen das Gepäck auch an den neuen Platz. Bitte!“, flehte er leise.
„Nein, junger Mann! Nicht mit mir! Dann holen sie doch den Schaffner! Das ist bestimmt ein Fehler der Bahn. Die machen doch nur Fehler – liest man täglich in der Zeitung.“
„Da haben sie recht! Verlass ist da nicht drauf!"
„Erst kürzlich ist der Zug vor Düsseldorf – ich war auf dem Weg zu meinem Enkel – auf offenem Felde stehen geblieben! Stellen sie sich das mal vor! Mit dem Bus mussten wir weiterfahren! Und keine Entschuldigung!“
„Ja, ja! So etwas ist mir auch schon passiert. Da ist nichts mehr wie früher. Fehler über Fehler! Und diese ständigen Verspätungen!“, seufzt er.
„Sehen sie junger Mann, jetzt haben wir es doch fast geklärt“, säuselt die Dame mit unschuldigem Augenaufschlag. „Es wird an der Bahn liegen!“
„Dann könnten wir ja auch sicherheitshalber gemeinsam noch einmal die beiden Scheine vergleichen, ja?“, fragt er hoffnungsvoll.
„Von mir aus!“, sagt sie, schon wieder ziemlich spitz, und streckt ihm den Schein entgegen – allerdings ohne ihn loszulassen. Er hält seinen Beleg daneben und liest Zahl für Zahl, Zeile für Zeile, ab, kommt nicht bis zum Ende, denn er ist fündig geworden. Er strafft sich, blickt empört und wütend in das inzwischen verzeihend freundliche Gesicht der Dame.
„Da haben wir´s! Von wegen die Bahn! Sie! Sie haben den Fehler gemacht! Die Buchung ist für den 8. August ausgeschrieben! Heute ist der 9. August, meine Dame!“
„Das weiß ich natürlich!“, sagt sie empört. „Und was soll das? Gestern konnte ich nicht weg, weil mein Enkel Fieber bekommen hat. Thomas, was mein Enkel ist, braucht dann besonders viel Liebe. Da konnte ich doch wohl nicht fahren. Sehen sie das ein, junger Mann?“
„Das sehe ich schon ein...“
„Na also!“
„Aber ihre Buchung ist damit hinfällig! Sehen sie das ein?“
„Hinfällig? Wie meinen sie das denn? Ich hab den Platz gestern nicht benutzt, also benutze ich ihn heute!“
„Das eben geht nicht! Die Buchung gilt nur am 8. August und nicht an irgendeinem anderen Tag in diesem Jahrhundert!“
„Quatsch! Ich hab was gekauft und will was dafür haben. Wenn das zu Problemen führt, ist das der Fehler der Bahn!“
Er stöhnt laut auf, will gerade zu einem neuen Angriff starten, als die Stimme aus dem Lautsprecher ertönt. Die Passagiere werden darüber informiert, dass man in wenigen Minuten den Bahnhof Bonn erreicht.
Die alte Dame erhebt sich ächzend, zieht zunächst ihre Bluse, dann den eleganten grauen Rock gerade, hängt sich die Handtasche quer über die Brust und strahlt ihn an.
„Würden sie mir freundlicherweise etwas Platz machen, junger Mann? Sie stehen mir im Wege!“
Der alte Herr tritt irritiert zur Seite, starrt sie fassungslos und unsicher an.
„Also, es ging doch ganz gut mit uns beiden, junger Mann. Wir haben uns trefflich unterhalten. Ich hatte selten eine so angenehme Fahrt. Darf ich auf ihr Angebot zurück kommen, und sie bitten, mir diesen Koffer“, sie zeigt senkrecht nach oben, „und diese Tasche“, sie weist auf ein braunes Ungetüm neben dem Koffer, „nach draußen zu tragen?“
Er schluckt und starrt die alte, freundlich lächelnde Dame an. Er kann es nicht fassen.
„Sie fahren nur bis Bonn?“
„Aber ja! Haben sie das nicht auf der Platzkarte gelesen? Ich wohne doch in Bonn!“, sagt sie lächelnd, rauscht mit erhobenem Kopf in Richtung Tür, und nickt im Vorbeigehen dem Herrn gegenüber freundlich zu.

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Ich schreibe - also bin ich.

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