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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine vertane Chance
Eingestellt am 21. 01. 2015 20:03


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Felix Blauwald
Hobbydichter
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Eine vertane Chance

von Felix Blauwald

Sich in einen One-Night-Stand verlieben passiert nur ausgemachten Einfaltspinseln. Noch vor einer Woche h├Ątte er drei Monatsgeh├Ąlter darauf gewettet, jetzt sa├č er hier, sah mit melancholischem L├Ącheln aus dem Fenster des Theatercaf├ęs und verfluchte sich daf├╝r, nur ein Handyfoto von Susanne zu besitzen. Sie war so ├╝berraschend aufgebrochen, dass er weder ihre Nummer hatte, noch Familiennamen und Adresse kannte. Ihm war nichts anderes geblieben, als Abend f├╝r Abend die Stra├čen und Kneipen der Stadt zu durchk├Ąmmen, um nach ihr Ausschau zu halten. Doch er hatte kein Gl├╝ck gehabt.

Drau├čen war die Nacht heraufgezogen. Eine frische Brise trieb vereinzelte Bl├Ątter, die vom letzten Herbst ├╝briggeblieben sein mochten, ├╝ber den Platz. Am Theater ├Âffneten sich die T├╝ren. Erst vereinzelt, dann in hellen Scharen dr├Ąngten die Besucher heraus. Die ersten fluteten das Caf├ę, andere dr├Ąngten nach. Schnell bildete sich eine Traube wartender G├Ąste vor dem schmalen Eingang, da sah er sie. Sie trug einen roten Wintermantel mit wei├čem Kragen und Kunstpelz an ├ärmeln und Saum. Den Mund verh├╝llte ein dicker gr├╝ner Schal. F├╝r einen kurzen Augenblick erschien sie auf der Eingangsstufe und sah in seine Richtung. Er erhaschte einen fl├╝chtigen Blick ihrer Augen. Es war genau das Blau, nach dem zu suchen er fast aufgegeben h├Ątte. Er stolperte beim Aufstehen und warf einen Zwanziger auf den Tisch. Er konnte sie nicht mehr sehen. Ein breitschultriger Mann hatte sich vor sie geschoben.

Max geriet in Panik. Er riss seine Jacke vom Haken und st├╝rmte verzweifelt gegen die Wand an, die sich ihm in den Weg stellte. Dr├Ąngelnd und wild um sich boxend gelangte er endlich ins Freie. Er blickte die Sch├╝tzengasse hinunter und konnte sie nicht entdecken. Er k├Ąmpfte sich durch den nicht versiegenden Strom aus Theaterbesuchern und sp├Ąten Spazierg├Ąngern. Auf der anderen Seite des Platzes entdeckte er sie. Sie schritt z├╝gig aus. Ihr langes Haar wippte bei jedem Schritt auf und ab und wehte ihr nach, wie der Schweif eines Kometen.

So laut er konnte, rief er ihren Namen, hoffend, dass sie ihn h├Âren w├╝rde, aber der Wind trug seine Stimme davon und ihr blonder Schopf verschwand hinter der Ecke des Heka-Kaufhauses. Er rannte los. Als er am Heka ankam, glaubte er, sie verloren zu haben. Doch dann, weit hinten, schon fast auf H├Âhe der Post, entdeckte er eine Radfahrerin mit rotem Mantel, die in die Schwanseestra├če einbog. Er lief, so schnell er konnte hinterher. Nach f├╝nf Minuten begann die Lunge zu brennen, doch solange er sie im Blick behielt, war ihm alles andere egal. Im schnellen Dauerlauf querte er den Stadtring und glaubte sogar, ein St├╝ckchen n├Ąher herangekommen zu sein, er mobilisierte seine letzten Reserven und hatte Erfolg.

Ganz deutlich sah er den gr├╝nen Schal und die blonden Haare. Drehte sie nicht gar den Kopf und sah zur├╝ck zu ihm? Ihm fehlte die Kraft, um nochmal ihren Namen zu rufen. Sein Puls raste und l├Ąstiges Seitenstechen setzte ein, aber was machte das schon, bald w├╝rde er sie einholen und dann war alles gut. Auf H├Âhe der Zufahrt zum Neubaugebiet verlor er sie einen Moment aus den Augen. War sie abgebogen oder in einem der H├Ąuser verschwunden, die geradeaus, l├Ąngs der Stra├če standen? Er entschied sich f├╝r rechts und lief die kleine Steigung hinauf, ├╝ber die Bahnbr├╝cke, dann blieb er abrupt stehen. Die Stra├če war leer. Sie war weg. Wahrscheinlich in das Meer gesichtsloser Stra├čen eingetaucht, deren Plattenbauten sich wie ein Ei dem anderen ├Ąhnelten, sich nur in der Nummerierung ihrer Hauseing├Ąnge unterschieden.

Benommen stand er da. Ein Fluch kam ihm ├╝ber die Lippen, dann verlie├č ihn die Kraft, er ging in die Knie, sank auf den B├╝rgersteig, nahm den Kopf in die H├Ąnde und versuchte Puls und Atem zu beruhigen. Er hasste sich daf├╝r, dass er sie verloren hatte. Er trommelte mit geballten F├Ąusten auf den Asphalt. Er sprang auf und schrie, so laut er konnte seine Wut heraus, dann trat er den Heimweg an. Es ging auf Mitternacht zu. Morgen fr├╝h w├╝rde er zur├╝ckkommen und das Viertel durchk├Ąmmen, Stra├če f├╝r Stra├če, Haus f├╝r Haus und wenn es sein musste, w├╝rde er an jeder Wohnung klingeln, bis er ihr gegen├╝berstand.

Zu allem entschlossen sprang er am Morgen aus dem Bett, fr├╝hst├╝ckte hastig und machte sich auf den Weg. Gestern, w├Ąhrend dieser Sekunde, die er ihr in die Augen geblickt hatte, war es passiert. Die Zeit war zur├╝ckgesprungen. Der Klang ihrer Stimme schwebte wieder in jedem Raum, er schmeckte ihren Kuss auf seinen Lippen, hatte den Geruch ihrer Haut in der Nase, die Topografie ihres K├Ârpers in den Fingerspitzen. Aber mit jedem Schritt, den er sich Weimar-West n├Ąherte, verblassten die Erinnerungen. Als er vor der schier endlosen Reihe der Plattenbauten ankam, die in Reih und Glied standen wie die Paradesoldaten auf dem Roten Platz, meldete sich ein Gef├╝hl der Resignation. Er atmete kurz durch, dann dr├╝ckte er den ersten Klingelknopf. Bis zum Mittag schaffte er acht Blocks. Ohne Ergebnis.

Er sp├╝rte, dass sein Tempo nachlie├č, dass es ihm zunehmend schwerer fiel, sich zu motivieren. Anfangs hatte er jede Klingel einzeln ausprobiert und einen kleinen Jubelschrei ausgesto├čen, wenn der Summer ert├Ânte und die Haust├╝r aufsprang. Vom Erdgeschoss ausgehend arbeitete er sich systematisch nach oben, klopfte an jeder T├╝r, sagte seinen Spruch auf und zeigte das Foto vor. Sp├Ąter erkannte er, dass ganz unten die Alten wohnten, die ihren Aufgang gut kannten und beschr├Ąnkte sich deshalb darauf, hier zu klingeln. Nur wenn niemand ├Âffnete, versuchte er es weiter oben. Als die Sonne unterging lagen die Budapester, die Warschauer und die Prager Stra├če hinter ihm, vor ihm die Kaunaser. Die Haust├╝r am ersten Aufgang stand offen und er trat ein. Im Erdgeschoss war niemand zuhause, deshalb versuchte er es in der 2. Etage. O. & P. Kaufmann war die Klingel beschriftet.

Ein kleiner Junge ├Âffnete die T├╝r einen Spaltbreit. Max fragte nach den Eltern.
ÔÇ×Papa ist nicht da!ÔÇť nuschelte der Kleine und schlug ihm die T├╝r vor der Nase zu.
Er klingelte nochmals. Es dauerte einen Augenblick bis wieder ge├Âffnet wurde. Zuerst sah er ihre Haare. Lang. Blond. Dann ihre Augen. Das Blau vom Theatercaf├ę. Max hielt den Atem an. Im Moment des Erkennens stand die Zeit noch einmal f├╝r eine Sekunde still.
ÔÇ×Du?ÔÇť
Ein Ausdruck des Erstaunens flog ├╝ber ihr Gesicht. Ihm versagte die Stimme. Eisesk├Ąlte lief ihm ├╝ber den R├╝cken.
ÔÇ×Ich ÔÇŽ, ├Ąhm ÔÇŽ, Entschuldigung ÔÇŽÔÇť stammelte er.
Die Frau l├Ąchelte.
ÔÇ×Bist mir nachgelaufen, gestern Abend, stimmtÔÇÖs?ÔÇť
Der kleine Junge schielte neugierig um die Ecke.
ÔÇ×Wer isÔÇÖn das, Mama?ÔÇť
ÔÇ×Nur ein Bekannter. Geh wieder spielen. Mama kommt gleich.ÔÇť
Der Junge trollte sich.
ÔÇ×Mein Sohn Dominique.ÔÇť sagte sie und es klang fast ein wenig entschuldigend.

Er blickte dem Kleinen hinterher. Der Junge verschwand im Kinderzimmer. An der Flurgarderobe hingen der rote Mantel und der gr├╝ne Schal. Die Frau stand unentschlossen da, pustete sich eine Str├Ąhne aus der Stirn. Max sah den dunklen Haaransatz am Scheitel, die fremde Nase, das unbekannte Kinn. Nicht mal der Mund hatte ├ähnlichkeit mit Susanne. Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand, ohne noch ein Wort zu sagen.

Version vom 21. 01. 2015 20:03
Version vom 22. 01. 2015 15:56
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DocSchneider
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Hallo Felix Blauwald, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Sch├Ân, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Ma├če an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

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Leicht spannende Geschichte mit ├╝berraschendem Ende! Hat mir gut gefallen. Bitte f├╝ge noch Abs├Ątze ein, das macht das Lesen sehr viel leichter.


Viele Gr├╝├če von DocSchneider

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