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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eine willkommene Ablenkung
Eingestellt am 21. 06. 2016 08:41


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Sebahoma
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2013

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Die Hausarbeit war ihr völlig verhasst. Der Geruch von Reinigungsmitteln, der Dreck in den Ecken, der Schmutz, der Staub, das Kratzen und Schrubben, diese Unruhe und UngemĂŒtlichkeit und ĂŒberhaupt einfach alles, was damit zu tun hatte. WofĂŒr machte sie das eigentlich? Dazu war es jedes Mal das Gleiche. Sie kam sich vor wie ein Hamster im Rad, nur, dass das arme Tier wenigstens nicht merkte, dass es ein Rad war. Und im Hintergrund leierte die Waschmaschine ihr dumpfes Klagelied.

Weil es in der Wohnung viel zu sehr nach SterilitĂ€t und Gewohnheit roch, – eine Mischung, die sie einfach nur widerlich fand – öffnete sie das Fenster. Von draußen kam eine frische Luft herein. Vögel flogen frei umher und zwitscherten sich unbeschwert etwas zu.

Gerade als sie dabei war, den quietschenden Herd zu schrubben, nahm sie diese Melodie wahr. Einen kurzen Moment hielt sie inne und schaute auf. Ja, da war er wieder, dieser Mann mit der Geige. Er spielte hier öfter, nicht besonders gut, aber hier inmitten der bĂŒrgerlichen Langeweile klang es dennoch wie aus einer anderen Welt. Es fĂŒhlte sich an, als habe jemand ihren Namen gerufen.

Aber sie besann sich lieber wieder auf die Arbeit und drĂŒckte den Schwamm krĂ€ftig gegen die Herdplatten. Dann jedoch trug der Wind diese verfĂŒhrerischen KlĂ€nge noch stĂ€rker zu ihr. Die Töne flatterten frei und fröhlich durch die Luft. Plötzlich spĂŒrte sie, wie dieses GefĂŒhl und diese Leidenschaft wieder von ihr Besitz ergriffen.

Angezogen von diesen KlĂ€ngen legte sie den nassen Schwamm zur Seite und ging zum Fenster. Da sie im vierten Stock wohnte, konnte sie den Innenhof gut ĂŒberschauen. Da stand er, anmutig und aufrecht und es schien, als sei dieses Spiel alles fĂŒr ihn. So war sie damals auch. Unbeirrt kĂ€mpfte er mit seiner Musik gegen die graue Wohnblocktristesse an. Was sie hörte, ließ sie den Gestank, die Arbeit, den Alltag vergessen.

Die Melodie spielte er immer. Sie beobachtete ihn und erinnerte sich mit einem LĂ€cheln an das letzte Mal, als er es geschafft hatte, diese dicke Schicht aus Langeweile und Wiederholung, die ĂŒber ihrem Leben lag, aufzubrechen. Wie gefesselt stand sie einfach nur da und lauschte der Geige.

Sie schloss die Augen und folgte den Tönen. Die KlĂ€nge drangen immer tiefer in sie ein und brachten dort tief vergrabene Stimmungen und lĂ€ngst vergessene Erinnerungen wieder hervor, die in krĂ€ftigen Bahnen nach außen strömten und als FontĂ€ne weit in die Luft schossen.

Bald hatte sie das GefĂŒhl, in diesem warmen Meer der Melodie zu schwimmen und eins zu sein mit den Tönen. Sie ließ sich einfach treiben von dieser Komposition. Unbewusst schwang sie ihre Hand im Rhythmus, dann summte sie dazu und schließlich fing sie an zu tanzen. Bilder von damals stiegen in ihr auf, Personen, die sie kannte, Erinnerungen an eine Zeit voller GlĂŒck und GefĂŒhl.

Ach, damals, als sie noch selbst in einem Orchester spielte! Es war nur ein kleines, unbekanntes Orchester, aber das machte ihr nichts aus. Damals hatte sie auch ihn kennengelernt, mit dem sie nĂ€chtelang Geige gespielt hatte. Einmal hatten sich die Nachbarn beschwert. „Ja, wissen Sie denn etwa Schostakowitsch nicht zu schĂ€tzen?“, hatte er zu denen gesagt.

Die Waschmaschine setzte zum großen Finale an und riss sie aus den TrĂ€umen. Das Schleudern wurde lauter und fraß sich immer tiefer in die Melodie. Sie Ă€rgerte sich und sehnte sich zurĂŒck nach diesen wunderbaren Sekunden. Sie versuchte, das Programm zu unterbrechen, was ihr misslang und schlug sogar gegen die Maschine. Aber der blecherne Störenfried war nicht ruhig zu kriegen und schließlich hatte sein LĂ€rm die Melodie ganz verschluckt.

Als das Schleudern vorbei war, hörte sie keine Musik mehr. Sie sah aus dem Fenster. Der Mann war wirklich gegangen. EnttÀuscht putzte sie ihren grauen Alltag weiter. Doch bald wich die EnttÀuschung der Freude, es erlebt zu haben.

Was war nur aus der guten Zeit geworden? Der Alltag, die Arbeit hatten diese gemeinsame Leidenschaft in den vergangenen Jahren zum Erliegen gebracht. Sein Beruf war anstrengend und irgendwann wollte er „das Gequietsche“ nicht mehr hören.

Die WohnungstĂŒr ging auf und ihr Mann kam mit den EinkĂ€ufen zurĂŒck.
„Keine Sorge, du musst dir das Gedudel nicht lĂ€nger anhören. Ich habÂŽ den Gaukler weggeschickt“, sagte er.

Frustriert brachte sie den MĂŒll nach unten. Im Treppenhaus stieß sie auf den Mann mit der Geige.
„Mir hat es wirklich gut gefallen!“, sagte sie.
„Danke“, sagte er. „Leider gefĂ€llt es nicht allen so gut.“
„Er ist nur ĂŒberarbeitet. Lassen Sie sich nicht so leicht einschĂŒchtern. Ich glaube, die meisten freuen sich darĂŒber.“
„Das freut mich, dass Sie das sagen“, sagte er ihr und schloss seinen Geigenkasten.
Sie verabschiedeten sich mit einem warmen LĂ€cheln. Sie ging zurĂŒck in die Wohnung. Noch am gleichen Abend kramte sie in der Abstellkammer nach ihrer alten Geige.

Version vom 21. 06. 2016 08:41
Version vom 04. 08. 2016 08:15

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aligaga
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Sorry, @Sebahoma, aber eine Musikerin, die mal imstande war, mit einem "kleinen Orchester" Schostakowitsch und "große Werke" anderer berĂŒhmter KĂŒnstler darzubieten, "genießt" diese Auftritte nicht, sondern leistet dabei hochkonzentrierte Schwerstarbeit. Sie ist danach nicht mehr festlich gestimmt, sondern fix und fertig. Hinzu kommt, dass aus dem Nichts nichts wird - wenn man bei einem Schostakowitsch-Tutti mit im Geigerwald stehen möchte, muss man am Tag mindesten drei Stunden lang ĂŒben - und zwar an jedem. Dazu muss man geboren sein, und wenn man so intensiv drin ist in der Musik, dann bleibt man ein Leben lang drin - es sei denn, es geschieht etwas ganz Schreckliches, und man kann den Bogen nicht mehr halten, wurde blind oder taub.

Solang dem Leser nicht erklĂ€rt wird, wie es kommen konnte, musikalisch so abzustĂŒrzen wie das hier beschriebene Heimchen am Herd, wirkt die Geschichte an den Haaren herbeigezogenn, jedenfalls aber von jemandem erzĂ€hlt, der keine Ahnung hat, wo Musik anfĂ€ngt und wo sie aufhört. Die Solostimme eines Straßenmusikanten eignet sich eher nicht fĂŒr Lobpreisungen einer "perfekter Komposition", sondern kann allenfalls an ein Werk erinnern. Hinzu kommt, dass versierte Bettelmusikanten genau wissen, an welcher Haltestelle sie ihr Publikum abholen mĂŒssen: wo die rote Capri-Sonne im Meer versinkt, oder wo Menschen mit Migrationshintergrund CsĂĄrdĂĄs tanzen.

TTip: Sich bei Milieuschilderungen nicht ĂŒberheben, sondern im Rahmen seiner Möglichkeiten bleiben. Wenn eine Szenerie unglaubwĂŒrdig wirkt, kippt die ganze Geschichte. Vor allem bei den kurzen kommt's auf die Details an. Um eine Fahrkarte zu entwerten, braucht's nur ein winziges Loch.

Heiter

aligaga

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mĂŒder Dichter
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Hallo Sebahoma

Auch wenn mich dein Text nicht mitgerissen hat, so kann ich die Kritik von aligaga nicht ganz teilen.

quote:
eine Musikerin, die mal imstande war, mit einem "kleinen Orchester" Schostakowitsch und "große Werke" anderer berĂŒhmter KĂŒnstler darzubieten, "genießt" diese Auftritte nicht, sondern leistet dabei hochkonzentrierte Schwerstarbeit. Sie ist danach nicht mehr festlich gestimmt, sondern fix und fertig.

Wenn dem so wĂ€re, dann frag ich mich ernsthaft warum es professionelle Musiker gibt. Ich war frĂŒher selber Hobbymusiker und hatte Auftritte mit einer Band. Klar war ich wĂ€hrend der StĂŒcke sehr konzentriert und angespannt aber die AtmosphĂ€re davor und die GlĂŒcksgefĂŒhl nachher waren grossartig und ich hab das genossen. Aus diesem Grund kann ich die nostalgischen GefĂŒhle der Protagonistin nachempfinden.

Vielleicht ist das so, dass man fĂŒr Schostakowitsch-Werke ĂŒben muss bis einem die HĂ€nde abfallen. Aber dieses Detail wird den meisten Lesern dieser Geschichte nicht bekannt sein und ich finde die QualitĂ€t der Geschichte steht und fĂ€llt doch nicht damit, ob da Schostakowitsch steht oder der Name eines anderen Komponisten, dessen Werke einfacher zu spielen wĂ€ren.

Den von aligaga empfundenen musikalischen Absturz der Hauptfigur konnte ich daher auch nicht so in den Text rein interpretieren. Ich wĂŒrde daher die Geschichte auch nicht als „an den Haaren herbeigezogen“ bezeichnen.

FĂŒr mich geht es in der Geschichte um eine Frau, die frĂŒher in ihrem Leben viel EmotionalitĂ€t, Leidenschaft und Freude erfahren hat und die mit ihrer aktuellen Lebenssituation nicht zufrieden ist, weil ihr genau diese Empfindungen fehlen. Ich habe das GefĂŒhl, dass du dir viele Gedanken gemacht hast, wie du diesen Konflikt in eine interessante Geschichte verpacken kannst. Und deswegen hat mich die Story wohl auch nicht vom Hocker gerissen. Ich möchte zuerst eine interessante, fesselnde Geschichte lesen und dann beim Nachdenken ĂŒberrascht entdecken, dass die Geschichte auch einen spannenden psychologischen Konflikt enthĂ€lt. Bei deiner Geschichte war es umgekehrt. Da hab ich von Anfang an den Konflikt herausgelesen und wartete nur noch darauf in welche Worte du den verpacken wirst. Vielleicht tue ich dir unrecht und ich habe diesen Eindruck nur, weil ich selber die Tendenz habe so zu schreiben.

Hoffe meine RĂŒckmeldung hilft dir weiter.
MĂŒde GrĂŒsse

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aligaga
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Eine Geigerin, die's so weit gebracht hat, dass sie mit Schostakowitsch und den großen Werken (sic!) anderer Meister "tingeln" gehen konnte, hĂ€ngt ihr Instrument schon allein deshalb nicht einfach an den Nagel, weil sie dafĂŒr viel zu viel investiert hat und ja gar kein Grund vorliegt, ihr Talent in den MĂŒll zu tun. Es sei denn, es geschieht etwas ganz Außergewöhnliches.

Das weiß man, auch wenn man nicht in einer SchĂŒlerband auf der Klampfe gezupft oder in ein Mikro geröhrt hat - das weiß jeder halbwegs gebildete Leser, und deshalb wundert er sich, dass die Frau die Musik aufgegeben hat.

Wir erfahren nicht, warum. Und deshalb ist die Geschichte keine, sondern eine leider recht simpel gehaltene Beschreibung - eine ehemalige Konzertgeigerin hört einem Bettelmusikanten zu, wÀhrend sie Hausarbeiten verrichtet und unzufrieden ist.

Na ja. Und weiter?

Heiter

aligaga

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