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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Eine wunderbare poetische Fiktion
Eingestellt am 18. 12. 2013 17:00


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Eshkol Nevo, Neuland, DTV 2013, ISBN 978-3-423-28022-8

Man wird diesen monumentalen neuen Roman des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo nicht ganz verstehen bzw. ihn auf eine reine romantische Liebesgeschichte oder einen dramatischen Familienroman reduzieren ohne den Hinweis auf die gewollte N├Ąhe zu Theodor Herzls utopischem Roman ÔÇ×AltneulandÔÇť, der im Jahr 1902 erstmals erschien und in dem er sechs Jahre nach seinem sachlich-konzeptuellen Buch ÔÇ×Der JudenstaatÔÇť seine Utopie einer j├╝dischen Gesellschaftsordnung in Pal├Ąstina beschrieb.

Nun ist seit 1948 der Staat Israel ein zwar von vielen seiner Nachbarn nach wie vor bek├Ąmpftes Faktum, doch von den urspr├╝nglichen Utopien oder Ideen, wie sie in der Kibbuzbewegung lebendig wurden, ist im heutigen Staat Israel nicht mehr viel zu sp├╝ren. Nicht nur durch die Besatzungspolitik, auch durch viele Kriege ist die israelische Demokratie angeschlagen. Viele israelische Schriftsteller haben in ihren Romanen der letzen Jahre immer wieder dieses Thema behandelt und versucht, neue Szenarios zu entwerfen, wie Juden und Pal├Ąstinenser ohne den religi├Âsen Einfluss der Orthodoxen auf beiden Seiten in Zukunft friedlich miteinander leben k├Ânnten.

Dieser Rekurs auf die Vergangenheit und ihre Bedeutung f├╝r die Zukunft einzelner Menschen und Familien, aber auch des ganzen Landes zieht sich durch Eshkol Nevos Buch wie ein roter Faden. Der Roman ├╝berspannt mehrere Generationen, von der Flucht Lillis, die jetzt eine alte, von Demenz bedrohte Frau ist, 1939 aus Warschau, wo sie ihren Vater zur├╝cklassen musste, was sie nie verwunden hat, ├╝ber Rum├Ąnien bis nach Pal├Ąstina, bis zu einer eher freiwilligen Flucht im Jahr 2006, als der etwa sechzig Jahre alte Meni Peleg, ein ehemaliger, im Jom Kippur Krieg dekorierter Offizier pl├Âtzlich seinen Rucksack packt, und seinem Sohn Dori und seiner Tochter Zeela mitteilt, er wolle nun eine l├Ąngere Zeit in S├╝damerika verbringen. ├ähnlich wie die vielen jungen Israelis, die, nicht selten an ihrer Seele verwundet, nach ihrem Milit├Ąrdienst, sich eine Auszeit nehmen und als Backpacker in exotische Gegenden, oft nach S├╝damerika gehen.

Als Berater war Meni Peleg nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch in Israel ein sehr bekannter Mann. Als seine Frau stirbt, mit der er gl├╝cklich verheiratet war, kommt er aus der Spur, zumal sich ├╝ber Jahrzehnte verdr├Ąngte und vergessene Traumata aus dem Krieg bemerkbar machen.

Seine Familie akzeptiert notgedrungen diesen Entschluss, doch als kurz nach seiner Abreise seine Telefonate immer merkw├╝rdiger werden und er schlie├člich mitteilt, er werde sich nun eine lange Zeit nicht mehr melden, bricht sein Sohn Dori mit der Unterst├╝tzung seiner Frau auf, um seinen Vater mit Hilfe eines professionellen einheimischen Vermisstensuchers, den sie im Internet entdeckt haben, zu finden und nach Hause zu holen. Dori ist ein sehr engagierter Geschichtslehrer und ein liebevoller Vater, dem es schwer f├Ąllt, seinen sehr auf ihn fixierten Sohn zur├╝ckzulassen.

In Peru, nicht lange nachdem er zusammen mit Alfredo, dem menschlichen Sp├╝rhund, seine Suche begonnen hat, trifft Dori auf die junge Israelin Inbar. Die erfolgreiche Radiomoderatorin ist, nachdem sie ihre Mutter in Berlin besucht hat, die dort mit einem Deutschen zusammenlebt, kurz entschlossen nicht nach Israel zur├╝ckgekehrt, sondern hat den erstbesten Flug nach Lateinamerika gebucht. Auch sie ist ÔÇ×verwundetÔÇť, wie Meni Peleg das sp├Ąter beschreiben wird. Sie hat den Tod (war es ein Selbstmord?) ihres j├╝ngeren Bruders beim Milit├Ąr nicht verwunden. Inbar ist die Enkeltochter jener oben erw├Ąhnten Lilli, die sich auf dem Schiff, das sie 1939 von der Schwarzmeerk├╝ste nach Pal├Ąstina brachte, in einen Mann namens Jizchak Fimstein verliebte, der sp├Ąter der Gro├čvater von Dori Peleg werden sollte. Und sie ist zusammen mit Eijtan, einem Mann, der in der Folge ein ungew├Âhnliches und beeindruckend liebevolles Verst├Ąndnis aufbringen wird f├╝r die Flucht seiner Partnerin.

Doch all das erfahren Dori und Inbar erst zu einem sp├Ąteren Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Reise. Denn Inbar schlie├čt sich Dori und Alfredo an bei der Suche nach Meni Peleg. Eine abenteuerliche Reise wird dort geschildert ├╝ber mehrere lateinamerikanische L├Ąnder. Immer wieder unterbrochen durch R├╝ckblicke in das schwierige Beziehungsgeflecht der beiden Familien und ihrer Geschichte, die eng bezogen wird auf die bis in den fr├╝hen Zionismus reichende Geschichte Israels. Dori und Inbar n├Ąhern sich einander an, ohne dass es zu einer von beiden phantasierten Liebesbeziehung kommt. Als sie schlie├člich in Argentinien erfahren, wo der Vater steckt, was mit ihm geschehen ist und was ihn bewegt, da wird die Bezugnahme von Eshkols ÔÇ×NeulandÔÇť zu Herzls ÔÇ×AltneulandÔÇť ├╝berdeutlich, ohne die man den ganzen Roman nicht verstehen kann.

ÔÇ×NeulandÔÇť ist ein Roman ├╝ber Israel, seine Kriege und die vielen Wunden seiner B├╝rger. Alte aus der Shoah und viele neue aus den zahlreichen Kriegen, ohne die Israel l├Ąngst nicht mehr existierte. Ein Roman, der zeigt, wie diese Wunden schw├Ąren und schmerzen und wie sie rufen nach einer Alternative f├╝r die Zukunft, f├╝r das Land und f├╝r seine Menschen.

ÔÇ×NeulandÔÇť ist ein gro├čer Roman, der wie kaum ein anderer Roman zuvor mit deutlicher Stimme den Ruf nach einer Erneuerung der israelischen Gesellschaft erschallen l├Ąsst. Es ist ein sehr j├╝disches Buch, trotz seiner un├╝bersehbaren israelischen Z├╝ge, weil es seine Figuren um keinen Preis entkommen l├Ąsst. Dabei geht es Eshkol Nevo niemals um richtig oder falsch, sondern immer um menschliches Empfinden. Eine wunderbare poetische Fiktion.

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