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Leselupe.de > Kindergeschichten
Eine zauberhafte Scheibe
Eingestellt am 04. 05. 2005 22:16


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Eine zauberhafte Scheibe
„Wenn du dich traust, die Fensterscheibe abzulecken, dann schenke ich dir was Schönes!“ sagte der blonde Marco grinsend zu dem kleinen Jungen ihm gegenüber.
„Was denn?“ fragte dieser ahnungslos. „Das wirst du schon sehen!“ erwiderte Frank, der neben Marco saß, und einen Kopf größer war als der.
„Aber du traust dich ja sowieso nicht du feiges Muttersöhnchen. Hat dir deine Mami eigentlich noch eine Windel umgelegt?“ stichelte Frank.
Der kleine Peter meinte empört: „Ich bin doch kein Baby mehr!“
„Dann beweise es uns du Gartenzwerg!“ forderte Marco und kam mit seinem Kopf ganz dicht an Peter heran.

„Mache ruhig, was sie sagen!“ flüsterte ich, „habe keine Angst!“
Der Junge sah sich um, aber die anderen hatten nichts gehört.
Ich wiederholte meine Aufforderung: „Habe keine Angst mein Junge!“
Schon eine ganze Weile beobachtete ich, wie die beiden Großen den kleinen Jungen ärgerten, sie saßen ja direkt vor mir.

Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen: ich bin in der Bahn groß geworden, sie ist mein Zuhause. Was ich da schon alles erlebt und gesehen habe, darüber könnte ich wirklich Geschichten erzählen…
Ich bin eine Fensterscheibe, aber nicht irgendeine. Ich trage den Namen Sekurit. Wenn du das nächste Mal mit der S-Bahn fährst, dann schau mal genau hin, sicherlich entdeckst du ihn.

Am meisten mag ich die Strecke zum Flughafen. Wenn ich sehe, wie sich die Flugzeuge in die Luft erheben, beginne ich zu träumen von einem anderen Leben, von Reisen und freundlichen Stewardessen. Dann stelle ich mir vor, dass ich eine Fensterscheibe in einem der Flugzeuge wäre.
Man kann sich sein Zuhause eben nicht aussuchen, aber das Leben in der Bahn gefällt mir auch gut. Vor allem, wenn abends die Verliebten vor mir Platz nehmen und sich eng aneinander kuscheln, das ist schön. Manchmal verpassen sie ihre Station und fahren zu weit, weil sie nur Augen für den anderen hatten.

Ich bin sogar schon geküsst worden! Von einem rothaarigen Mädchen. Als sein Freund ausstieg, blieb es in der Bahn sitzen. Nun stand er etwas verloren und mit traurigen Augen auf dem Bahnsteig und gerade dort hielt die Bahn besonders lange. Als müsste es so sein. Vielleicht wegen dem Kuss. Das Mädchen holte einen dicken roten Stift aus ihrer Handtasche, malte sich damit die Lippen an, und drückte ihren süßen Mund auf mich. Ganz fest. Oh war das schön! Ihre roten Lippen hinterließen einen Kussmundabdruck. So wunderbar geschmückt durfte ich noch viele Stationen fahren, bis ich leider gereinigt wurde.
Nun hatte ich keinen Kussmundabdruck mehr und das Mädchen habe ich auch nie wieder gesehen.
Leider besprühen mich manchmal Jungs mit stinkender Farbe aus der Dose. Das ist vielleicht ekelig! Kreuz und quer haben sie mich schon einmal zugefärbt, sodass ich fast nichts mehr sehen konnte. Viel schlimmer war es aber, als diese Farbe wieder von mir entfernt werden sollte. Sie benutzten dafür ein scharfes Reinigungsmittel, das hat vielleicht gebrannt!
Also dann werde ich doch lieber geküsst…

Aber ich plaudere hier viel zu viel, ich wollte doch von dem kleinen Jungen erzählen.
Wieder und wieder provozierte Marco den kleinen Peter. SchlieĂźlich mischte ich mich ein.
Peter hatte sich überreden lassen und näherte sich mir langsam mit seiner Zunge. Ich nahm all meine Energie zusammen, schließlich wollte ich ihm ja helfen.
Zögernd berührte mich seine Zungenspitze und zuckte sofort wieder zurück. Was war das? Die beiden großen Jungen lachten.
„Haben wir doch gewusst, er ist noch ein Baby!“
Da kam Peter erneut näher und begann mich langsam und genüsslich abzuschlecken. Ich wusste, dass es ihm gefiel, denn ich schmeckte in diesem Moment wahrscheinlich süß wie Zuckerwatte, so dass er gar nicht mehr aufhören wollte.

„Ist ja gut du Scheibenlecker, kannst aufhören. Ist ja peinlich, bist wohl nicht richtig im Kopf, eine Fensterscheibe abzulecken, was?“ empörte sich Marco.
„Und was bekomme ich jetzt von dir?“ fragte Peter ganz stolz.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dir etwas geben wollte. Wenn du unbedingt eine Fensterscheibe ablecken musst, will ich dich dabei nicht stören.“ Marco verschränkte die Arme und tat, als würde er Peter zum ersten Mal sehen.
„Aber du hast es mir doch versprochen…“ Peter war den Tränen nahe.
„Du hast doch gehört, dass dir hier keiner was versprochen hat. Musst dich wohl verhört haben!“ mischte sich Frank ein.
Peter fing an zu weinen.
So eine Frechheit, dachte ich. Sah denn keiner von den anderen Fahrgästen, was hier los war? Aber die Jungen waren fast allein im Abteil, nur auf der anderen Seite saß ein Mann, doch der schlief.
Also musste ich mich wieder ein bisschen anstrengen, ich bĂĽndelte die Sonnenstrahlen in meinem Glas und spiegelte sie so, dass sie den Mann genau ins Gesicht trafen. Er musste niesen und wurde wach.
„Was macht ihr hier für einen Lärm? Lasst den Kleinen in Ruhe! Verdammt, ihr habt mich geweckt!“ brummte er.
Er sah wirklich sehr böse aus wegen seines unterbrochenen Schlafes und die Augen funkelten unter seinen dichten Brauen. Die beiden Großen hatten plötzlich die Lust daran verloren, Peter zu ärgern. Die Bahn hielt und mit einem letzten verächtlichen Blick auf den Kleinen stiegen sie aus.
Ich atmete auf. Der Mann lehnte sich zurück und schlief weiter. Peter flüsterte mir zu: „Danke, das war nett von dir.“
„Weißt du Peter, eigentlich bin ich ja dafür, dass man sich wehrt und nicht das tut, was sie wollen. Aber in diesem Fall wusste ich ja, dass ich dir helfen kann.“ sagte ich.
„Und du hast ja auch so lecker geschmeckt! Wie machst du das?“ fragte mich der Kleine.
„Das erkläre ich dir vielleicht ein anderes Mal.“

Peter fuhr bis zur Endhaltestelle mit mir mit. Vor der letzten Station kramte er in seiner Hosentasche und hielt mir seine Hand entgegen. „Ich möchte dir gern etwas schenken“ meinte er. Auf seiner Handfläche lag ein kleines Stück Papier.
„Das ist ein Sticker“ erzählt mir Peter. „Darauf ist ein lustiges Gesicht, sieh nur!“
Liebevoll drückte er mir das Gesicht auf und strich noch einmal mit dem Finger darüber. „Das ist so klein, vielleicht entdecken es die Reinigungsleute ja
nicht und wenn ich wieder mit der Bahn fahre, muss ich nur nach dem Sticker suchen.“ sagte Peter und verabschiedete sich von mir.
Ich war sehr gerührt und hätte ihn am liebsten umarmt, aber dafür reichte meine Zauberkraft leider nicht aus.
Auf dem Bahnsteig winkte er mir noch einmal zu.

Peter hatte Recht behalten, der winzige Aufkleber wurde nicht entdeckt und ich fuhr viele Jahre damit weiter.
Ob ich den Jungen noch einmal wieder sehen werde? Ich wĂĽnsche es mir so sehr!

__________________
Astrid

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flammarion
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hm,

dummerweise habe ich den zweiten teil zuerst gelesen. aber vielleicht fallen dir doch noch weitere fortsetzungen ein? liest sich ganz ausgezeichnet.
lg
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Old Icke

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Astrid
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Re: hm,

Liebe flammarion,

ich danke dir für deine Zeilen, die ein wenig meine, doch immer vorhandenen, Zweifel zerstreuen. Noch eine Fortsetzung? Ich war schon bei dieser Skeptisch, wusste bis vor ein paar Wochen auch nicht, dass es eine geben wird. Aber ich will die Kuh nicht melken, solange sie Milch geben könnte, bis auf den letzten Tropfen, sonst werde ich womöglich blind und plötzlich wird aus der Kuh ein Ochse...
Astrid
Aber was kommt, das kommt, ich sage auch niemals nie...
__________________
Astrid

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flammarion
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ach,

melk sie ruhig. ich glaube nicht, dass du plötzlich vor einem ochsen stehst.
lg
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Old Icke

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Axel B
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Ich finde eine ganz tolle Geschichte. Ich werde gleich die zweite lesen und freue mich auch schon auf weitere Fortsetzungen.

Eine kleine Anmerkung. Ich glaube, dass nach der neuen Rechtschreibung zwar "wegen" er Dativ folgen darf,

quote:
Vielleicht wegen dem Kuss.
persönlich finde ich aber den Genitiv sehr viel besser:
quote:
Vielleicht wegen des Kusses.

Beste GrĂĽĂźe
Axel
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Astrid
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Lieber Axel,
ich danke dir sehr für deine Einschätzung und dass du Freude beim Lesen hattest. Vielleicht lasse ich mir wirklich noch eine weitere Fortsetzung einfallen...
Wegen dem/des Kuss/es muss ich mir noch mal auf der Zunge zer(kĂĽssen)gehen lassen.
Liebe GrĂĽĂźe
Astrid

P.S. Schau gern mal in deine Kindergeschichten rein.

__________________
Astrid

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