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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Einer der eher ungewöhnlichen Tage
Eingestellt am 04. 08. 2009 20:14


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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

Werke: 66
Kommentare: 49
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Allmorgendlich, nachdem die Augenlider aufgeschlagen sind, das gleiche Bild; eine fleischige Frau und fünf hyperaktive Kinder um dich herum. Du würdest am liebsten so manches mal den Vorhang zulassen. Doch unbändig durchströmen deine Körperfestung unaufhaltsame Antriebe und Zeit, nur unterbrochen vom Schlaf, dem einzigen Retter vor deinen Lieben und deiner umtriebigen Lebensangst. Trost bringt auch nicht die Vorstellung, die Familienmitglieder wären ja doch nur Quantenwolken im leeren Raum. Zu schmerzlich sind ihre von deinem Gehirn strukturierten Wahrnehmungsmodelle. Dein müder Leib fährt ins Büro, deine Stimmung ist mies. Die Wissenschaft hat bei Depressiven Serotoninmangel festgestellt. Also sorgst du auf synthetischem Wege dafür, dass deinem Gemüt mehr Serotonin zur Verfügung steht. Doch deine sinnentleerte Lebenssituation ändert das nicht. Der Chef bleibt der gleiche Muffel und die Ehefrau latscht weiter mit Plüschpuschen und Schlabberbauch durch die kostbare Möbellandschaft. Andere beneiden dich, sehen dich wie Hans im Glück. Vielleicht ist also deine Lustlosigkeit, die sich in letzter Zeit gefährlich breit macht, bei dir selbst zu suchen, ist also der Serotoninmangel nicht Wirkung äußerer Umstände, sondern von innen kommendend, schicksalhaft wie der Insulinspiegel bei einer Zuckerkrankheit, und ist wenig auf natürlichem Wege zu beeinflussen.

Verbarrikadiert hinter runzliger Körperruine blicken deine klaren Augen streitbar wie aus Schießscharten in die morbide Umwelt. Im Dunkeln liegt jeweils die ganze trügerische Wahrheit der Wahrnehmung.

Dich plagt zunehmend die Frage nach einem übergeordneten Sinn, lässt dich nicht mehr los, wird zu einer Obsession mündend in eine Sucht. Du hast dich stets von allen Süchten befreien können. In der Jugend von einer Geltungssucht, nachdem du gemerkt hattest, dass ihre Befriedigung das Wesen einer Hydra angenommen hatte, ein abgeschlagener Kopf produzierte gleich zwei neue. Durch Einsicht hast du weitere Süchte vermieden, hast gelebt wie ein Epikuräer, das Maximum dessen gesoffen und gegessen, was deiner Gesundheit nicht abträglich war und um die lustvollen Gelage möglichst oft genießen zu können. Im Hinblick auf deine sozialen und familiären Belange maßvoll und überlegt angewandt zielten sie auf einen steten Lustgewinn.

Da stehst du nun am Grabe deines jung verstorbenen Kumpels, den der übertriebene regelmäßige Alkoholkonsum zum Verhängnis wurde. Er war noch auf der Suche nach seinem Glück. Ist er in Bezug auf Erreichen der Glückseligkeit nicht alt genug geworden? Nein, du glaubst in jedem Alter, zu jeder Zeit, strebt man nach Glück. Und ist nicht das Streben nach Glück das eigentliche Glück, denn hast du den vermeintlichen Glückszustand erreicht, stellt sich keine Erfüllung ein, sondern eher eine Umkehrung. Dein Nachbar hat sich ein Haus aufgebaut. Er involvierte sich mit Hingabe im aktiven Schöpfungsvorgang des Bauens. Nach der Fertigstellung war er stolz und passiv. Aus diesem Mangel heraus entstanden alsbald neue Entwürfe zum Bau eines luxuriösen Gartenpavillions. Aktiv bis zum Lebensende, immer präsent sein, ist sicher die beste Alltagsphilosophie. (Aber wohin mit den vielen Gartenpavillions? ;-)))

In der Mittagspause setzt deine noch neue Kollegin Edith sich zu dir. Du erklärst ihr, was Solipsismus bedeutet. Sie antwortet: „Andere sagen aber etwas anderes“. Edith hat Germanistik studiert und weiß auch, dass die kommunizierende Sprache nicht nur Mitteilung ist, sondern auch immer gleichzeitig einen Bezugsaspekt enthält. Für mich klingt aus Ediths Satz etwas unangenehmes über mich heraus, etwa, „was du schon sagst als Nichtphilosoph“. Wenn man auf sein Gegenüber eingeht, sollte man nie Man-sätze oder Allgemeinplätze sonder Ich-bezeugungen verwenden. Du bist aber wohlwollend und wertest die Formulierung Ediths als Desinteresse, siehst dich aber vor und prüfst Edith weiterhin scharf. Du schneidest mehr zwischenmenschliche oder politische Themen an.

Sie ist begeistert von dem Filmspot aus dem Fernsehen, der die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland aufs Korn nimmt. Es wird ein Gemüsestand mit vielen Kisten voll diverser Obst- und Gemüsesorten gezeigt, die im Ausland gezogenen werden; Kiste um Kiste wird mit Trick weg gebiemt und am Ende bleibt nur noch eine Kiste halbvertrockneter Kartoffeln aus deutschen Landen übrig. Dem Zuschauer soll suggeriert werden, gäbe es keine Ausländer, hätten wir keine Auswahl an Früchten. Für mich ist nichts an dem Film schlüssig. Aus den ausländerfeindlichen Lagern tönt es doch lauthals, dass sie im Grunde nichts gegen Ausländer haben, nur sie wünschen keine im Inland. Genau das muss der Spot auch wünschen, denn man müsste schon die von ihm gemeinten Ausländer, die hier unserem Sozialstaat auf der Tasche liegen, wollte man seiner Logik folgen, aus unserem Land in ihre Heimat verweisen, aus denen die Südfrüchte stammen, von denen sie dann Massen anbauen könnten, um uns zu verwöhnen. Zum anderen, wenn wir nur noch Kartoffeln als Gemüse hätten, ließe ein enormer Andrang bei der Nachfrage sicher nicht zu, dass auch nur eine Kartoffel welk wird. Der gewollt ausländerfreundliche Spot ist in sein Gegenteil gekehrt, unbrauchbar, verwirrt die, welche er bekehren könnte, denn die Unverbesserlichen sehen und hören sowieso nicht hin. Warum denkt Edith noch darüber nach, ob deine Kritik berechtigt ist?

Du kommst schließlich am Feierabend nach hause. Ein Brief statt des Hundes empfängt dich, liegt auf der Ablage der Flurgarderobe. Deine Frau und die fünf Kinder haben dich verlassen, und den Hund, der dir so ans Herz gewachsen ist, haben sie einfach mitgenommen. Nur etwas Lebendiges ist dir geblieben - dein Fußpilz und eine aggressive Stubenfliege und nicht zu vergessen, dein frisch abgerungenes Plus, die aktualisierten Lebensansichten. Dann an der Haustür klingelt es - ein Hausierer. Du beschließt, ein selbstentworfenes Schild zur Abschreckung anzubringen: Lieber Klinkenputzer!... so könnte deine Todesanzeige aussehen; Text: Er wollte Geld, doch er bekam gehörig auf die Fresse. Beileid etc.

Anschließend suchst du Entspannung bei dem Videofilm „Lassies Wiederkehr“ mit Liz Taylor. Obwohl du ihn zum zehnten mal siehst, brichst du erneut in Tränen der Rührung aus, diesmal noch verstärkt mit dem Gedanken an deinen entführten Hund. Dir ist doch bewusst, das alles nur gespielt ist. Doch die Gefühle scheinen dem kritischen Bewusstsein vorgeschaltet zu sein ebenso wie zum Beispiel gewisse kognitive Fähigkeiten, so dein zahlengebundenes Augenmaß, denn ½ mal ½ erscheint dir auf den ersten Blick auch mehr zu sein als sein tatsächliches Ergebnis von 1/4. Von dir befragte Menschen ging es durchwegs genauso.

Du legst dich endlich ins Bett, kannst entspannt deinen rechten Arm in das leere Bett deiner entfleuchten Frau ausstrecken und fühlst dich gut, lässt den Tag vorm Einschlafen noch mal Revue passieren und stellst am Ende die nüchterne Bilanz: viele Gewinne zu verbuchen; keine Verluste, außer vielleicht dem äußerst devoten, entführten Dackel-Pudel-Mischling.

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