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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eines Tages
Eingestellt am 02. 04. 2017 19:36


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Ji Rina
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Eines Tages verlor er seine Arbeit. Man teilte es ihm in einem Brief mit, in zwei, drei knappen SĂ€tzen, die er zuerst nicht begreifen wollte: Die Firma sei pleite und sie könne sich kein Personal mehr leisten, es tĂ€te ihnen unendlich leid, aber er mĂŒsse VerstĂ€ndnis haben. Schweigend saß er am Tisch und starrte an die Wand.

Als er es an diesem Abend seiner Freundin erzĂ€hlte, reagierte sie zunĂ€chst besser, als er erwartet hĂ€tte. Sie las den Brief langsam durch und sagte ihm, er solle sich nicht sorgen. Irgendwas Neues wĂŒrde sich schon noch finden. Sie habe ja ihre Arbeit und verdiene genug, davon könnten sie beide erst mal leben. Im Laufe des Abends nahm sie ihn in die Arme und sagte: »Wir sind doch ein Paar! Wir halten zusammen.«

Es folgten einige unruhige Tage, an denen er nicht so recht wusste, was er tun sollte. Er war mit dem Auto mehrmals in die Stadt gefahren, hatte stundenlang in CafĂ©s gesessen, die Menschen beobachtet und vor sich hin gegrĂŒbelt. ZunĂ€chst genoss er diese neue Freiheit, doch sehr bald schon blieb er zu Hause. Er sah sich langweilige Sendungen im Fernsehen an, ordnete die AnzĂŒge in seinem Schrank und hoffte auf eine neue Arbeit. Er tat einige der Dinge, fĂŒr die er sonst nie Zeit fand, und wartete abends auf seine Freundin.

Die ersten Tage gingen sie mehrmals aus. Sie besuchten Kinos und gingen einmal ins Theater, zweimal noch gingen sie in ein gutes Restaurant, doch dann beschlossen sie, nicht mehr auszugehen und lieber zu Hause zu bleiben, auch um ein wenig zu sparen. Jeden Morgen lief er zur Plaza España, kaufte sich El PaĂ­s, und machte kleine Kreuzchen bei den Anzeigen, die fĂŒr ihn infrage kamen. Er schrieb ordentliche Bewerbungen, ließ ein gutes Foto von sich machen, klebte es hinein und ging damit zur Post. Irgendwas wĂŒrde sich schon noch finden, da hatte seine Freundin recht, und auch er fĂŒhlte sich eigentlich recht zuversichtlich. Morgens um sieben ging er runter in den kleinen Lebensmittelladen, wo Frau Martinez die Kunden bediente. Sie war eine große, krĂ€ftige und sehr selbstsichere Frau.
Jeden Morgen reichte sie ihm seine TĂŒte Brötchen und fragte:
»Schon was gefunden?«
Er verneinte die Frage mit einem hoffnungsvollen LÀcheln und erklÀrte, dass er mehrere Bewerbungen abgeschickt habe und jetzt nur noch auf die Antworten warte. Er sagte: »Irgendwas wird sich schon noch finden. Ich mache mir da keine Sorgen.«

Aber es schien sich nichts zu finden. Zwei Monate waren jetzt vergangen, und niemand meldete sich. Bewarb er sich per Telefon, sagte man ihm, die Stelle sei schon vergeben. Andere sagten ihm, er sei zu alt oder er wohne zu weit weg oder sei nicht geeignet – oder sie sagten gar nichts, nahmen seine Daten auf, meldeten sich aber nicht zurĂŒck. Hatte er am Anfang noch die Firmen angeschrieben, die seinem wirklichen Beruf entsprachen (Angestellter einer großen Trockenreinigung), so bewarb er sich jetzt fĂŒr alles Mögliche: zuerst als Portier fĂŒr ein kleines Hotel, dann als Chauffeur, schließlich als Telefonist, dann als Taxifahrer und GĂ€rtner und zum Schluss als TellerwĂ€scher in einem griechischen Restaurant.
Doch nichts geschah. Man brauchte ihn nicht. Anscheinend wollte man nichts von ihm wissen, auch nicht als GÀrtner oder TellerwÀscher.
Seine Freundin besuchte ihn meistens abends, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war. Schon an der HaustĂŒr, wenn er jetzt etwas steif und abweisend vor ihr stand, strich sie ihm ĂŒber das Haar, gab ihm einen Kuss und redete ihm gut zu, er solle nicht aufgeben, es wĂŒrde sich schon noch was finden, frĂŒher oder spĂ€ter, sagte sie, mĂŒsse es ja passieren.
Dazu sagte er nichts. Jetzt nĂ€mlich bezahlte sie schon seine Miete, aber auch ihr Geld wurde knapper. Er merkte es an kurzen Worten und an kleinen Bemerkungen, die sie hier und da fallen ließ: Lass uns heute lieber zu Hause bleiben, Liebling, und nicht ins Kino gehen, wir können ja auch fernsehen. Oder: Ich habe Milch statt Sahne mitgebracht, ist ein bisschen billiger 
 Ist das okay? Oder: Lass uns doch mit dem Bus fahren, der Sprit ist gerade so teuer.

Mit der Zeit wurde er noch steifer und noch abweisender, er wurde verschlossener. Die wenigen Freunde, die er hatte, erkannten ihn kaum wieder. Sie sagten, er sei nicht mehr der Gleiche, irgendetwas habe sich an ihm verĂ€ndert; letztendlich wichen sie ihm aus. Rechnungen hĂ€uften sich auf seinem Schreibtisch. Mahnungen trafen ein; Zahlungsaufforderungen des Kreditinstituts fĂŒr die Wohnung, seinen Wagen, den KĂŒhlschrank und den neuen Fernseher ....Briefe, die er ungelesen in eine Ecke warf. Er begann morgens lĂ€nger im Bett zu bleiben, dann auch mittags und schließlich auch abends, wenn seine Freundin kam. Doch auch sie hatte sich inzwischen verĂ€ndert. Ihre Augen waren jetzt matter, Lockerheit und Fröhlichkeit waren aus ihrem Gesicht gewichen. Sie wurde ernster und lachte nur noch selten, und die SpontaneitĂ€t, die er so sehr an ihr bewunderte, blieb plötzlich aus. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen, saßen nur noch steif und stumm in der Wohnung. Kleinere Diskussionen gehörten plötzlich zum Alltag, und schließlich gerieten sie in einen Streit, bei dem sie ihm erklĂ€rte, dass es so nicht weiterginge, dass sie nun alles in einem anderen Licht sĂ€he. So genau, sagte sie, wĂŒsste sie auch nicht, was los sei, aber die Lage habe sich verĂ€ndert. Und zwei Tage spĂ€ter steigerte sie sich in etwas hinein, wobei sie immer lauter wurde und dann auch wĂŒtend. Schließlich wurde sie persönlich und sagte, er wĂŒrde sich kaum noch duschen; er wĂŒrde sich nicht mehr rasieren und seine Haare nicht mehr schneiden lassen. Er sei nicht mehr der Mann, in den sie sich einst verliebt hĂ€tte, und dann sagte sie, dass sie Zeit brauche, Zeit wĂŒrde alles entscheiden. Sie wolle sich erst mal ein wenig distanzieren, sich zurĂŒckziehen, um zu versuchen, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Doch dann, drei Wochen spĂ€ter, meldete sie sich am Telefon, und sagte, sie glaube ihn nicht mehr zu lieben, so genau wĂŒsste sie es auch nicht, aber eine Trennung, sei wohl erst mal das Beste. Es tĂ€te ihr alles so leid, aber er könne trotzdem jederzeit zu ihr kommen, denn – das mĂŒsse er wissen – es wĂ€re schön, so sagte sie, wenn sie wenigstens noch Freunde blieben.

Jetzt war er ein gebrochener Mann.

Eines Morgens ging er nochmal in den Laden, um sich Brötchen zu holen. Er hoffte, dass Frau Martinez beschĂ€ftigt sei und ihn nicht sĂ€he, doch da irrte er sich. Frau Martinez, die sich auf ihren schwarzen, schweren Dutt tĂ€glich eine rote Blume steckte, strahlte ihn in ihrem makellosen, schneeweißen Kittel schon von der Kasse aus an, und noch bevor er irgendwas sagen konnte, fragte sie ĂŒber aller Köpfe hinweg:
»Na? Schon was gefunden?«
Nein, sagte er zerknirscht, nein, das habe er noch nicht, aber es wĂŒrde sich schon noch was finden. Manche Dinge, so sagte er ihr, brĂ€uchten nun mal ihre Zeit.

Im Herbst verschlechterte sich seine Lage um einiges. Die Zusage auf Arbeitslosengeld ließ auf sich warten. Gas, Strom und Telefon waren lĂ€ngst abgestellt, und auf dem Tisch lag die RĂ€umungsklage. Auch die Wohnung selbst war nur noch ein Durcheinander von herumliegender WĂ€sche, schmutzigem Geschirr, alten Zeitungen und Aschenbechern voller Kippen.
Er aß nichts mehr, rauchte und trank billigen Wein. Er war blass und krank und stark abgemagert und trug jetzt einen langen Bart. Seine Haare standen ihm wie DrĂ€hte vom Kopf und sein Blick war wirr. Nachbarn tuschelten morgens im Treppenhaus und machten Witze. Wenn er die Treppe herunterkam, wichen sie ihm aus. Sie sagten, er sĂ€he wie Robinson Crusoe aus. Die Anzeigen las er nur noch im Schein einer Kerze, die Kreuzchen machte er nur noch im Liegen, denn selbst dafĂŒr war er schon zu schwach.

Eines Abends, lag er im Bett und starrte gedankenlos an die Decke. Mit einem LĂ€cheln auf den Lippen wurde ihm jetzt sein ganzes Schicksal bewusst: Er hatte einen Beruf gehabt, und man hatte ihn ihm genommen. Er hatte eine Freundin gehabt, und man hatte sie ihm genommen, er hatte eine Wohnung, und auch diese wĂŒrde man ihm jetzt nehmen, Gas und Strom, Auto und Telefon, Tag fĂŒr Tag, jedes Mal ein bisschen und schließlich alles auf einmal, nahm man ihm jetzt weg. Er hatte nichts. Nichts war alles, was er noch besaß. Und dann begann er auch darĂŒber nachzudenken: Was, wenn er auch dieses „Nichts“ verlieren sollte? Denn man wĂŒrde ihm auch das wegnehmen wollen. Und plötzlich sah er dieses StĂŒck Nichts vor sich im Dunklen an der Decke seines Zimmers hĂ€ngen. Es hing da, wie ein vertrockneter Pfannkuchen ĂŒber dem Fenster. Er steckte sich eine Kippe zwischen die Lippen, verschrĂ€nkte die Arme unter dem Nacken und betrachtete es. Und kam dann zu dem Entschluss, dass er sich von diesem StĂŒck Nichts besser noch eine kleine Scheibe abschneiden sollte, als Vorsichtsmaßnahme sozusagen, nur zur Sicherheit. Vielleicht könnte er es dann noch durch drei teilen, oder in mehrere kleine StĂŒckchen. Er könnte versuchen, das letzte Fitzelchen Nichts zu verstecken und solange wie möglich bei sich zu halten. Aber irgendwann mĂŒsste er auch dieses hergeben! Nun, wenn es so weit wĂ€re, könnte er sich ganz heimlich ein provisorisches Nichts zulegen. Dieses dann mit ein paar Hoffnungen und Illusionen ein wenig aufpeppen, ein wenig schmĂŒcken, bis irgendjemand auch an diesem provisorischen Nichts zerren wĂŒrde. Denn daran hatte er keine Zweifel, sie wĂŒrden so lange daran rĂŒtteln und reißen und ziehen, bis er es hergeben mĂŒsste, oder bis es letztendlich kaputt wĂ€re, eins von beidem. Er mĂŒsste also die ZĂ€hne fletschen, genau wie ein bissiger Hund ĂŒber seinem Knochen, es mit ZĂ€hnen und Krallen verteidigen als handele es sich um sein Leben. Aber auch dieses, da war er sich inzwischen sicher, wĂŒrde man ihm irgendwann nehmen. Und dann?
Mit flackernden Augenlidern und zutiefst besorgt schlief er an diesem Abend ein.

Drei Tage spĂ€ter entdeckte er zufĂ€llig im Inneren seiner Jackentasche eine MĂŒnze. Was könnte er sich davon noch kaufen? Er ĂŒberlegte, und ging runter in den Laden, um sich das allerletzte Mal ein Brötchen zu holen. Frau Martinez stand ganz hinten in einer Ecke und unterhielt sich gerade mit einer Kundin, aber als sie ihn sah, ließ sie die Kundin stehen und kam auf ihn zu.
Sie nahm sich die Brille ab und musterte ihn ein wenig besorgt, jedoch auch amĂŒsiert und sagte: »Na, jetzt haben wir uns aber lange nicht gesehen!« Er beobachtete, wie sich ihre GesichtszĂŒge ganz langsam in ein breites Grinsen verwandelten, als sie fragte: »Schon was gefunden?«
Er wich ihrem Blick aus, legte seine MĂŒnze neben die Kasse und klemmte sich die TĂŒte mit dem Brötchen unter den Arm. Er wollte einfach hinausgehen, doch Frau Martinez stand dort, noch immer auf eine Antwort wartend, und er wollte nicht unhöflich wirken. Nein, sagte er sehr leise, fast flĂŒsternd, er habe noch nichts gefunden. Na ja, es wĂŒrde sich schon noch was finden, sagte sie, wĂ€r doch ’n Witz, wenn er nichts mehr finden sollte. Er blieb stehen und sah sie aus rot entzĂŒndeten Augen an. Nein, das glaube er nicht, sagte er, er glaube nicht, jemals noch etwas zu finden. Er sagte dies sehr trocken und verbittert.

Daraufhin verließ er den Laden und wunderte sich ĂŒber diese neue Situation: Er stand da, mitten auf der Straße und war noch immer am Leben, und um ihn herum war immer noch das Nichts.
Und dieses Nichts, völlig ruhig und gelassen, lÀchelte ihm jetzt sogar freundlich zu.
Es folgte ihm durch die Straße – und begleitete ihn zurĂŒck in die Wohnung.


__________________
Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)


Version vom 02. 04. 2017 19:36

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rothsten
???
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Moin Ji Rina,

Dein Text ist von meinem Vorredner ja schon als beinahe perfekt eingestuft worden. BeschÀftigt man sich jedoch mal genauer mit dem Text, fallen doch erhebliche SchwÀchen auf.

Vorweg: Ich sage gleich, dass es hart werden wird, Du wirst Dich vielleicht zu Unrecht kritisiert fĂŒhlen, denn schließlich suggeriert man Dir ja, alles sei toll, alles sei beinahe perfekt. So kann man sich aber nicht entwickeln. Die alles entscheidende Frage ist: LĂ€d man hier Texte hoch, nur um gesalbt zu werden? Oder lĂ€d man hier Texte hoch, um an ehrlicher Kritik zu wachsen? Ich bin nur fĂŒr den zweiten Teil zu haben, das gegenseitige, meist ungerechtfertigte Hochjubeln halte ich nicht nur fĂŒr lĂ€cherlich, sondern fĂŒr hochgradig schĂ€dlich!

Die Story hat durchaus Potenzial - der Werdegang eines Langzeitarbeitslosen. Dein Stil ist auch flĂŒssig und lĂ€sst sich gut lesen. Soweit das Positive.

Mein Essig in Deinen Wein und meine ErklÀrungen, warum Du weit weg bist von einer "fast perfekten" Autorin:

quote:
es tÀte ihnen unendlich leid,

So schreibt kein Arbeitgeber in einer KĂŒndigung. Offensichtlich hat man Dir noch nie gekĂŒndigt. Das ist schön, und das macht Dein Unwissen verzeihlich, aber wenn ein Arbeitgeber sich knapp halten will ("zwei, drei SĂ€tze"), schreibt er "aus betriebsbedingten GrĂŒnden". Dann noch ein guter Wunsch fĂŒr die Zukunft - thatÂŽs it.

So mag man eine Mitgliedschaft in einer sozial-pĂ€dagogischen HĂ€kel- und Teerunde kĂŒndigen, nicht jedoch ein ArbeitsverhĂ€ltnis in der realen Welt.

quote:
Im Laufe des Abends nahm sie ihn in die Arme und sagte: »Wir sind doch ein Paar! Wir halten zusammen.«

Dieser Handlungsablauf macht keinen Sinn. Er eröffnet ihr die KĂŒndigung, und "im Laufe des Abends" nimmt sie ihn spontan an ihre Brust? Das wĂ€re doch die unmittelbare Reaktion gewesen.

quote:
so bewarb er sich jetzt fĂŒr alles Mögliche: zuerst als Portier fĂŒr ein kleines Hotel, dann als Chauffeur, schließlich als Telefonist, dann als Taxifahrer und GĂ€rtner und zum Schluss als TellerwĂ€scher in einem griechischen Restaurant.
Doch nichts geschah. Man brauchte ihn nicht.

Das ist zu wenig erklĂ€rt. Wir gehen davon aus, dass jemand, der willig, fĂ€hig und sogar bereit ist, sich als TellerwĂ€scher zu verdingen, schon irgendwo unterkommen dĂŒrfte. Arbeit gibt es in Deutschland genug - nur ĂŒber die Bedingungen (Stichwort "prekĂ€re BeschĂ€ftigung" etc.) mĂŒssten wir reden. Es gibt eine hocheffiziente Industrie, die Menschen in Arbeit vermittelt (Arbeitsagentur, Jobcenter, Zeitarbeitsfirmen etc.). Jemand, der arbeiten darf (rechtliche ErwerbsfĂ€higkeit), arbeiten kann (tatsĂ€chliche ErwerbsfĂ€higkeit) und arbeiten will (Eigenantrieb), der wird in diesem Land auch Arbeit finden - es sei denn, er hat ein ernstes Problem (Gesundheit etc.). Davon sehe ich aber nichts, daher klafft hier eine große LĂŒcke in der GlaubwĂŒrdigkeit.

Ich kaufe Deiner Geschichte dieses Schicksal eines werdenden Langzeitarbeitslosen nicht ab, nicht dem von Dir als zuverlĂ€ssig, fĂ€hig und willig geschilderten Prot! Da dieses Thema aber das Hauptscharnier Deiner Story ist, hat selbige ein großes Problem!

-> Klassischer Recherchefehler!

quote:
Jetzt nÀmlich bezahlte sie schon seine Miete, aber auch ihr Geld wurde knapper.

Auch das hĂ€lt einer PrĂŒfung durch die reale Welt nicht stand. Dem Kontext ist zu entnehmen, dass er lange berufstĂ€tig war - damit hat er einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I, Bezugsdauer grundsĂ€tzlich 12 Monate, Höhe mindestens 60 % vom Brutto. Das sollte reichen, um zumindest anteilig Miete zahlen zu können. Die Lebenssituation ist ĂŒbertrieben dargestellt und damit leidet wiederum die GlaubwĂŒrdigkeit.

Du siehst, es reicht nicht aus, nur sein Halbwissen zu bemĂŒhen.

-> Klassischer Recherchefehler!

quote:
Oder: Ich habe Milch statt Sahne mitgebracht, ist ein bisschen billiger 
 Ist das okay? Oder: Lass uns doch mit dem Bus fahren, der Sprit ist gerade so teuer.

Sorry, aber jetzt wird es albern! Dieses auf den Cent achten kaufe ich vielleicht einer alleinerziehnden Mutter von 4 Kindern ab, die ihr halbes Hartz IV fĂŒr die Miete zusteuert, damit ihre Kinder nicht im Ghetto aufwachsen mĂŒssen. Aber bei einem vollen Lohn und ALG I ...

Du schreibst einen sozialkritischen Text, ohne Dich ernsthaft mit den Sozialleistungen in diesem Land auseinandergesetzt zu haben. Jeder halbwegs an den wahren LebensumstĂ€nden interessierte BĂŒrger glaubt Dir spĂ€testens an dieser Stelle kein Wort mehr!

quote:
die SpontaneitÀt, die er so sehr an ihr bewunderte, blieb plötzlich aus

Nein, nicht plötzlich! Das fĂŒhrt Deinen ErzĂ€hlstrang ad absurdum! Du willst doch eben diesen schleichenden Verfall beschreiben!

quote:
Kleinere Diskussionen gehörten plötzlich zum Alltag, und schließlich gerieten sie in einen Streit, bei dem sie ihm erklĂ€rte, dass es so nicht weiterginge, dass sie nun alles in einem anderen Licht sĂ€he. So genau, sagte sie, wĂŒsste sie auch nicht, was los sei, aber die Lage habe sich verĂ€ndert. Und zwei Tage spĂ€ter steigerte sie sich in etwas hinein, wobei sie immer lauter wurde und dann auch wĂŒtend.

Eine gute Geschichte hĂ€tte hier nicht nur die Ergebnisse des schleichenden Verfalls zusammengefasst und aufgelistet, sondern erzĂ€hlt! Und eine "fast perfekte" (Note 9) ErzĂ€hlung hĂ€tte den Leser hierdurch soweit mitgenommen, dass er meint, er sĂ€ĂŸe mit im Wohnzimmer und könne das Paar anfassen.

Mach doch Handlungen daraus, lass sie miteinander reden. Bring Leben in die Bude! Willst Du erzĂ€hlen oder nur berichten? Schreibst Du Literatur oder fĂŒr eine Zeitung?


quote:
Jetzt war er ein gebrochener Mann.

Man kann darĂŒber streiten, aber ich finde solche SĂ€tze fatal. Wenn ich schreibe, will ich dem Leser sowas nicht vorsetzen, ich will ihn höchstens hinfĂŒhren.

quote:
Zweimal noch ging er morgens in den Laden, um sich Brötchen zu holen.

Sprachirrtum: Du schreibst, er ging am selben Morgen zweimal Brötchen holen.

quote:
Im Herbst verschlechterte sich seine Lage um einiges. Die Zusage auf Arbeitslosengeld ließ auf sich warten.

HĂ€? Wieso beantragt er das denn jetzt erst? Das ist doch lebensfremd!

quote:
Er ĂŒberlegte lange, was er damit noch kaufen könnte, dann ging er runter in den Laden, um sich das allerletzte Mal ein Brötchen zu holen.

Ich weiß nicht, in welchem Land Du lebst, aber lass Dir gesagt sein, dass in Deutschland niemand freiwillig Hunger leiden muss. Sorry, aber das ist viel zu pathetisch.

Deine Kenntnis unseres Sozialstaates ist nicht ausreichend, um einen solchen Text glaubhaft zu schildern.

Das war hart, das war aber vor allem ehrlich. Nimm die 9 Deiner Claqueure und wĂ€hne Dich im Äther einer Könnerschaft, oder nimm meine Kritik, setz Dich damit an den Schreibtisch und versuch, eine bessere Autorin zu werden. Die Entscheidung liegt bei Dir.

Lieben Gruß,
rothsten

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PEEB
???
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@ Tom Q hat hier völlig Recht. Man sollte nicht zu stupide und unbedacht propagieren @ Rothsten. Deine Kritik ist fĂŒr mich, nicht nur "nicht" hinnehmbar sondern sie beruht einzig auf eine fĂŒr Dich geltende Norm. Wenn man eine solche Geschichte liest und versucht, die VorgĂ€nge in sich logisch zu verstehen, muss man sich aus seiner kleinen Welt entfernen. So was nennt man "seinen Horizont erweitern.

Was ich an vielen Texten bemÀngele, ist, dass unpassende Worte den Lesefluss unterbrechen, weil sie nicht zum Verlauf, "der Stimmung" passen.

Ich weiß, dass gerade ich, genau dies nicht ansprechen sollte.

Ihr habt alle schon von mir gelesen und die HĂ€nde ĂŒberm Kopf Kopf zusammengeschlagen (so, oder wie der Spruch richtig geht)



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rothsten
???
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Was Du, Thomas, immer noch nicht begriffen hast, ist, dass ErzĂ€hlungen wie diese ÂŽnur funktionieren, wenn die darin enthaltenen Figuren zu Leben erweckt werden. Damit sie das tun, mĂŒssen sie plausibel konstruiert sein, sollten ein klares Ziel haben und alles, wirklich alles im Plot sollte darauf ausgerichtet sein. Ein KinderschĂ€nder zB wird dem Leser nur dann erfahrbar, wenn man die HintergrĂŒnde kennt, die ihn so haben werden lassen, zB: er wurde schwer gedemĂŒtigt, woraus sein krankhaftes VerhĂ€ltnis zu Macht entstanden ist.

Gute ErzÀhler verstehen es, eine wirklich plausible Figur zu erzeugen, und sie verstehen es, die Handlung entsprechend darum zu weben.

Du findest den Prot phlegmatisch - das ist er offensichtlich nicht! Er bewirbt sich fleißig, hat einen geordneten Tagesablauf, eine stabile Beziehung ... das ist das Gegenteil von Phlegma! Anderenfalls wĂ€re die Geschichte völlig sinnfrei, denn sie will ja gerade den Verfall, das Krankwerden durch Langzeitarbeitslosigkeit darlegen. Ein Phlegmatiker kann sich hierin aber nicht entwickeln. Lerne das Figurenhandwerk! Dein Einwurf geht ins Aus!

Es ist naheliegend, die Geschichte zunĂ€chst in Deutschland zu vermuten. Ansonsten hĂ€tte ja eine winzige Andeutung gereicht, um sie anders zu verorten, zB "er kaufte den Madrilener Morgenkurier". Man kauft ĂŒbrigens Brötchen, und das deutet klar auf Deutschland hin. Wessen Schuld ist diese erzĂ€hlerische Ungenauigkeit, meine?

Was Du versuchst, ist klar: Du biegst Dir die Geschichte solange zurecht, bis sie zu dem von Dir gewĂŒnschten Ergebnis passt. Das ist aber albern! Ich erinnere mich sehr gut an Deine Fantasygeschichte, die ich Dir zigfach um die Ohren gehauen habe, vor allem der vielen Logikfehler und anderen handwerklichen Missgriffe wegen. Du hast Dich aufrichtig dafĂŒr bedankt und anerkannt, dass es zwar schmerzt und es eine mĂŒhselige Plackerei ist, aber der einzig brauchbare Weg sein kann, sich wirklich zu verbessern. Du hast ehrlich daran gearbeitet, und das war fĂŒr uns beide ein Gewinn!

Also komm mir nicht damit, dass auf einmal andere Regeln gelten!

Es ist nicht meine Schuld, dass ihr es angenehmer findet, auch gegenseitig zu huldigen, euch gegenseitig Seifenblasen aufzupusten aber ganz schnell wegguckt, wenn sie platzen. Ich lege die Finger in die Wunden Eurer Texte, ich lege sie aber auch in die Wunden solcher Kommentare!

Lernt Schreiben oder lasst es und lebt weiter in Euren Traumwelten, aber bitte hört auf, mich dafĂŒr an den Pranger zu stellen, dass ich ehrliche und handwerklich fundierte Textkritik mache.

Und angeblich muss man Dinge nicht logisch verstehen, man mĂŒsse ja nur seinen "Horizont erweitern" ... wenn ich so einen Schwachsinn schon höre! Muss man sowas noch ernsthaft kommentieren? Bin ich hier im Zoo?

Sorry, aber das sind typische und leider auch billigste Ausreden, um sich vor der wahren Arbeit an einem Text zu drĂŒcken. Ja, Schreiben und Kritisieren machen Maloche, jedenfalls dann, wenn man es mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betreibt. Insofern sind solche Kritiken wie meine weitaus bedeutsamer als jede noch so gut gemeinte Bewertung in Zahlen und/oder oberflĂ€chlicher Bauchpinselei.

Nun ja, ich sehe mich eher bestÀtigt, denn widerlegt. Und Ja, Ji Rina, gerne geschehen. Das meine ich ernst, denn meine Kritik ist ernst gemeint und trÀgt die Hoffnung, dass sie wirke. Das mal vorweg Deiner möglichen Antwort, damit wir uns nicht missverstehen.

Lieben Gruß



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Vagant
???
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Hallo Ji.

Wie ist das, wenn dein Leben von heute auf morgen zum nichtendenwollenden Countrysong geworden ist: erst der Job weg, dann das Geld und am Ende noch die Frau? Wie ist das, wenn du auf all das, worĂŒber du dich bis heute definiert hast, auf einmal nicht mehr zĂ€hlen kannst? Und – die Frage taucht frĂŒher oder spĂ€ter mit Sicherheit auf –, sind die Dinge die dein bisheriges Leben ausgemacht haben, denn nun wirklich die Dinge, fĂŒr die es sich lohnen wĂŒrde, weiterhin durchs Hamsterrad zu hetzen? Und – nĂ€chste Frage – besteht denn irgendwie die Aussicht, dass es mit den Jahren noch irgendwie besser werden wird? Ist es denn irgendwann schon mal bei irgendjemanden irgendwie besser geworden? Gut, es mag Jobs, Branchen und Gewerbe geben, in denen man auch schon mal ein paar Sprossen nach Oben fallen kann, aber als Angestellter einer Reinigungsfirma, knapp unter Mindestlohn, denk ich mal, ausrangiert, verbraucht, verzichtbar; nein, wie willste denn da nach Oben fallen? Im gĂŒnstigstem Falle hĂ€lts du da gerade mal irgendwie das Level, und im Normalfall ist an diesem Punkt fĂŒr dich Schicht im Schacht, und da ist es völlig belanglos, ob du flexibel und leistungsbereit bist oder dein Phlegma dir den Arsch an‘s Sofa pappt.
Und so kommt es, wie es kommen muss: Der Antiheld wird zum Helden; nicht, weil er sich nach seiner Entlassung zum nĂ€chsten miesbezahlten Hilfsjob hangelt – und zum nĂ€chsten und zum nĂ€chsten und zum nĂ€chsten –, nein, weil der Trend gegen ihn spricht, und weil ihm nach Wochen des Versuchens und des Hoffens und des Verzweifelns nun vollends klar geworden ist, dass die Rettung des Status quos das einzige ist, was nun noch in seiner Macht steht. Rette dieses Nichts, denn mehr gibt‘s fĂŒr dich hier ohnehin nicht mehr!
Nun kann man solche Geschichten auf vielerlei Arten erzĂ€hlen. Man hĂ€tte hier die Positiion des marktliberal-Überlegenen einnehmen können, und sagen: Komm, Junge, lass dich nicht so hĂ€ngen, einen mieseren Job wird sich immer noch fĂŒr dich finden lassen!
Man hĂ€tte die ErzĂ€hlposition des moralinsauren Zeigefingerschwenkers einnehmen können, der mit Nachdruck darauf hinweist, dass es nicht angehen kann, dass sich diese kleine RĂ€dchen nun aus dem gut geschmierten Zusammenspiel des RĂ€derwerks verabschiedet; ja, man hĂ€tte dieses, man hĂ€tte jenes... aber zum GlĂŒck bist du dem nicht auf dem Leim gegangen, und hast aus einer, wie ich finde, gut gewĂ€hlten, distanzierten, aber doch mitmenschlichen Perspektive erzĂ€hlt. Ich möchte fast meinen, da ein bisschen Sympathie fĂŒr diesen Loser herausgelesen zu haben.

Ji, vor der Textkritik drĂŒcke ich mich heute mal. Hier tobt ja gerade schon ein kleiner Kritikerkrieg, und da gerĂ€t man ungern zwischen die Fronten;-)
Aber du weißt ja, dass mich ja eigentlich der auktoriale ErzĂ€hler zu Tode langweilt, und dass man es mir ja eigentlich ‚showen‘ muss, nicht ‚tellen‘, und dass mir eigentlich immer irgendwo ein ErzĂ€hlereinwurf zu viel ist, und dass ich mir vielleicht etwas mehr von dieser spröden NĂŒchternheit des ersten Satzes gewĂŒnscht hĂ€tte, und und und...
... und dann auch wieder alles Quatsch,
... denn am Ende kann ich sagen: Der auktoriale ErzĂ€hler hat mich hier gut und sicher durch die Geschichte manövriert, und die viele indirekte Rede hat gar nicht weh getan. Ich hab‘s gern gelesen.

Vagant.

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Ji Rina
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Lieber Rothsten,
ZunĂ€chst erstmal vielen Dank, dass Du Dir diese ganze MĂŒhe gemacht hast, diesen Text so intensiv zu besprechen! Ja, selbstverstĂ€ndlich möchte ich lernen eine bessere Autorin zu werden und Deine RatschlĂ€ge annehmen; “Schwarzer Asphalt” hab ich noch gut in Erinnerung. Was mich besonders freut ist, dass hier ein wieder zueinanderfinden zwischen Dir und Thomas stattgefunden hat; das allein wars mir schon wert.

Zu Deinen Anmerkungen:
Rothsten:

quote:
Arbeit gibt es in Deutschland genug - nur ĂŒber die Bedingungen (Stichwort "prekĂ€re BeschĂ€ftigung" etc.) mĂŒssten wir reden. Es gibt eine hocheffiziente Industrie, die Menschen in Arbeit vermittelt (Arbeitsagentur, Jobcenter, Zeitarbeitsfirmen etc.). Jemand, der arbeiten darf (rechtliche ErwerbsfĂ€higkeit), arbeiten kann (tatsĂ€chliche ErwerbsfĂ€higkeit) und arbeiten will (Eigenantrieb), der wird in diesem Land auch Arbeit finden - es sei denn, er hat ein ernstes Problem (Gesundheit etc.). Davon sehe ich aber nichts, daher klafft hier eine große LĂŒcke in der GlaubwĂŒrdigkeit.

-> Klassischer Recherchefehler!........damit hat er einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I, Bezugsdauer grundsĂ€tzlich 12 Monate, Höhe mindestens 60 % vom Brutto. Das sollte reichen, um zumindest anteilig Miete zahlen zu können. Die Lebenssituation ist ĂŒbertrieben dargestellt und damit leidet wiederum die GlaubwĂŒrdigkeit.

Du siehst, es reicht nicht aus, nur sein Halbwissen zu bemĂŒhen

Klassischer Recherchefehler!........ Aber bei einem vollen Lohn und ALG I ...

Du schreibst einen sozialkritischen Text, ohne Dich ernsthaft mit den Sozialleistungen in diesem Land auseinandergesetzt zu haben. Jeder halbwegs an den wahren LebensumstĂ€nden interessierte BĂŒrger glaubt Dir spĂ€testens an dieser Stelle kein Wort mehr! 

.. Ich weiß nicht, in welchem Land Du lebst, aber lass Dir gesagt sein, dass in Deutschland niemand freiwillig Hunger leiden muss. Sorry, aber das ist viel zu pathetisch. 



.Deine Kenntnis unseres Sozialstaates ist nicht ausreichend, um einen solchen Text glaubhaft zu schildern.
-> Klassischer Recherchefehler!

Der Text spielt in Spanien.

Ich dachte, der Name Martinez (eine Frau mit einem Dutt und einer roten Blume) wĂŒrde dies verstĂ€ndlich machen. Aber das war ein Fehler. Es hat bereits bei einigen meiner Texte zu dieser Art MissverstĂ€ndnissen gefĂŒhrt; so habe ich aus diesem Grund damals ĂŒber “Der AuslĂ€nder” “Spanien, 1983” geschrieben, bis mir ein Moderator sagte, dies zu entfernen.

Ja schade, wenn Dir der Text so garnicht gefÀllt. Aber warum habe ich ihn so und nicht anders geschrieben?
Es ging mir nicht um das (persönliche Leben im Detail) dieses Prot oder das seiner Freundin. Es ist ein Text der Andeutungen: Verlierst du Job-verlierst du alles. Von heute auf morgen. Deine Freundin sucht das Weite; Deine Nachbarn machen einen Bogen; es gibt Menschen, die deinen Niedergang sogar geniessen (wie die Frau im Supermarkt; die Ironie dieser Frau der wenigen Worte ist Absicht). Am Ende musst du dich mit dem Nichts anfreunden; denn das ist alles was du noch hast. Stop.

Mein Fehler war, nicht einkalkuliert zu haben, dass Deutsche Leser diesen Text garnicht nachvollziehen können, da Deutschland ein Land ist, in dem du fĂŒr alles was du benötigst Hilfe bekommst. Leider nicht hier. Seit der Krise ist es hier ziemlich bergab gegangen – etwas, worĂŒber Du in den deutschen TV Nachrichten wahrscheinlich nichts erfahren wirst. Es gibt hier so gut wie keine Hilfen und bis vor kurzem hatte man ohne Job auch keine Krankenversicherung.
WĂ€rend der Krise haben Leute von einem Tag zum nĂ€chsten ihren Job verloren und sahen sich vor einem Berg Schulden fĂŒr alles was sie auf Kredit besassen. Die Banken forderten nicht nur ihre Wohnungen zurĂŒck (sondern auch das Geld) FĂŒr Deutschland unvorstellbar. Wenn der Gerichtsvollzieher dann vor der TĂŒr stand, haben die Leute nicht lange diskutiert: sondern sind einfach aus dem Fesnter gesprungen (weil sie verstanden hatten, dass sie niemals mehr in ihrem Leben aus diesem Tunnel herausfinden wĂŒrden).
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Dies war die Treibkraft dieser kleinen Geschichte.

Rothsten:
quote:
So schreibt kein Arbeitgeber in einer KĂŒndigung. Offensichtlich hat man Dir noch nie gekĂŒndigt. Das ist schön, und das macht Dein Unwissen verzeihlich, aber wenn ein Arbeitgeber sich knapp halten will ("zwei, drei SĂ€tze"), schreibt er "aus betriebsbedingten GrĂŒnden". Dann noch ein guter Wunsch fĂŒr die Zukunft - thatÂŽs it.

Da hast Du recht. So schreibt so manch spanischer Arbeitgeber:
“Es tut uns sehr leid, Ihnen mitteilen zu mĂŒssen
..”
ThatÂŽs it.

Rothsten:
quote:
Im Laufe des Abends nahm sie ihn in die Arme und sagte: »Wir sind doch ein Paar! Wir halten zusammen.«
quote:
Dieser Handlungsablauf macht keinen Sinn. Er eröffnet ihr die KĂŒndigung, und "im Laufe des Abends" nimmt sie ihn spontan an ihre Brust? Das wĂ€re doch die unmittelbare Reaktion gewesen.

Im Text:
Als er es an diesem Abend seiner Freundin erzĂ€hlte, reagierte sie zunĂ€chst besser, als er erwartet hĂ€tte. Sie las den Brief langsam durch und sagte ihm, er solle sich nicht sorgen. Irgendwas Neues wĂŒrde sich schon noch finden. Sie habe ja ihre Arbeit und verdiene genug, davon könnten sie beide erst mal leben. Im Laufe des Abends nahm sie ihn in die Arme und sagte: »Wir sind doch ein Paar! Wir halten zusammen.«

Die unmittelbare Reaktion dieser Frau war eine andere. Irgendwann im Laufe des Abends, nahm sie ihn dann doch noch in die Arme.

Rothsten:
quote:
Eine gute Geschichte hĂ€tte hier nicht nur die Ergebnisse des schleichenden Verfalls zusammengefasst und aufgelistet, sondern erzĂ€hlt! Und eine "fast perfekte" (Note 9) ErzĂ€hlung hĂ€tte den Leser hierdurch soweit mitgenommen, dass er meint, er sĂ€ĂŸe mit im Wohnzimmer und könne das Paar anfassen. Mach doch Handlungen daraus, lass sie miteinander reden. Bring Leben in die Bude! Willst Du erzĂ€hlen oder nur berichten? Schreibst Du Literatur oder fĂŒr eine Zeitung?

Nun, ich entscheide mich immer vor dem Schreiben eines Textes wieviel Handliung, wieviel Leben ich mit einfliessen lassen möchte oder eben auch nicht. Ich liebe Texte, die nicht jedes kinkerlitzchen erklĂ€ren, sondern den Kopf des Lesers arbeiten lassen. Es gibt jedoch Geschichten, wo es sehr wohl darauf ankommt zu zeigen/und nicht zu erzĂ€hlen (ein Beispiel dafĂŒr: Bleibtreustr. 12)

Rothsten:
quote:
Zweimal noch ging er morgens in den Laden, um sich Brötchen zu holen.
Sprachirrtum: Du schreibst, er ging am selben Morgen zweimal Brötchen holen.

Ja, da hast Du wohl recht.

Rothsten:
quote:
Im Herbst verschlechterte sich seine Lage um einiges. Die Zusage auf Arbeitslosengeld ließ auf sich warten.
HĂ€? Wieso beantragt er das denn jetzt erst? Das ist doch lebensfremd!

Ich bin davon ausgegangen, dass der Leser mit diesem Satz von sich aus versteht, dass das Arbeitslosengeld lĂ€ngst beantragt sei, ohne diese Szene beschreiben zu mĂŒssen.

Rothsten:
quote:
Man kauft ĂŒbrigens Brötchen, und das deutet klar auf Deutschland hin.

Auch in Spanien kauft man Brötchen.

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Rothsten:
quote:
Die alles entscheidende Frage ist: LĂ€d man hier Texte hoch, nur um gesalbt zu werden? Oder lĂ€d man hier Texte hoch, um an ehrlicher Kritik zu wachsen? Ich bin nur fĂŒr den zweiten Teil zu haben, das gegenseitige, meist ungerechtfertigte Hochjubeln halte ich nicht nur fĂŒr lĂ€cherlich, sondern fĂŒr hochgradig schĂ€dlich!Nimm die 9 Deiner Claqueure und wĂ€hne Dich im Äther einer Könnerschaft, oder nimm meine Kritik, setz Dich damit an den Schreibtisch und versuch, eine bessere Autorin zu werden.

Solche Bemerkungen gehören meiner Meinung in keine Rezension. Ein Leser, in diesem Fall Thomas, hat hier seinen Leseeindruck vermittelt und ich habe mich höflich bedankt. Was soll das: “wĂ€hne Dich im Äther einer Könnerschaft”? Was soll ich denn auf Thomas Kommentar Deiner Meinung nach antworten? “Vielen Dank, aber der Text ist totale Scheisse, und du bist zu blöd um das zu merken?”

Ich bin sehr fĂŒr Meinungsfreiheit: Es gibt viele Texte mit denen ich rein garnichts anfangen kann, respektiere jedoch die Meinung derer, die mit demselben Text doch etwas anfangen können. Mich gegen diese Leser zu richten, ist ein Eingriff in ihre persönliche Meinung.

Zu Deinen Bemerkungen: Wie hart Deine Kritik fĂŒr mich ist und wie schwer es mich treffen wird....
Wenn man kein absoluter Beginner in den Foren ist (ich bin seit 2008 dabei), sollte man wissen, was einen bei Veröffentlichungen erwartet.


Rothsten:
quote:
Ich weiß nicht, in welchem Land Du lebst
.
Das steht seit 2 Jahren auf meiner Profilseite.

Rothsten:
quote:
Dein Stil ist auch flĂŒssig und lĂ€sst sich gut lesen. Soweit das Positive.

Na, das ist doch schon mal schön und freut mich, da Deutsch nicht meine Muttersprache ist.

Auf jedenfall hast Du mir die Augen dafĂŒr geöffnet, dass es keinen Sinn macht, gewisse Geschichten, von einem Land ins andere zu transportieren und hier zu veröffentlichen. Da muss man umdenken.
Vielen Dank dafĂŒr!
Lieben Gruß,
Ji


Hallo Peeb!
quote:
Was ich an vielen Texten bemÀngele, ist, dass unpassende Worte den Lesefluss unterbrechen, weil sie nicht zum Verlauf, "der Stimmung" passen.
Ich weiß, dass gerade ich, genau dies nicht ansprechen sollte.
Ja, das ist allerdings witzig.
Aber die “unpassenden Worte” hátten mich sehr interessiert.
Vielen Dank fĂŒr Deinen Eindruck!
Mit Gruss!
Ji

Hola Vagant!
quote:
Ji, vor der Textkritik drĂŒcke ich mich heute mal.
Ich hoffe, Du weisst, wie sehr mich das Àrgert....
Schade
.Da lÀdt man mal was hoch und bekommt das als Antwort...

Aber Danke fĂŒr Deine Worten, denn so, mehr oder weniger, war diese Story auch in meinem Sinn.
Ji

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Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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