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Leselupe.de > Horror und Psycho
Einfache Fahrt
Eingestellt am 15. 04. 2006 20:39


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Sumpfkuh
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Tom warf einen fl├╝chtigen Blick auf den Monitor, w├Ąhrend er einen weiteren Schluck von seinem inzwischen nur noch lauwarmen Kaffee trank.
Alles war im normalen Bereich, die Herzt├Âne zeichneten intervallartige, rote Zacken auf den schwarzen Hintergrund des Bildschirms.
Er hatte gen├╝gend Zeit.
Michael war erst vor wenigen Minuten eingeschlafen, es w├╝rde noch eine Weile dauern, bis er die R.E.M. Phase erreicht hatte und er der Chip aktiviert werden w├╝rde.
Trotzdem war er nerv├Âs. Ohne es bewusst wahrzunehmen strich er sich immer wieder mit der linken Hand durch sein in den letzten Jahren etwas sch├╝tter gewordenes braunes Haar.
Es war einfach nicht richtig, was sie da taten, dachte er sich und trank seine Tasse leer aus Angst einzuschlafen, obwohl das bei seinem Adrenalinspiegel unn├Âtig war.
Aber Michael hatte ihn so lange angefleht, bis er endlich zugestimmt hatte.
Sein Freund hatte ihm Leid getan, er hatte sehr stark abgebaut, seit Eva gestorben war.
Er hatte alles versucht, ihn aus seiner Lethargie zu rei├čen, hatte ihn in Restaurants gezerrt, ihn zum Sport animiert, mit ihm Filme gesehen. Er war sogar vor├╝bergehend bei ihm eingezogen.
Aber das alles ├Ąnderte nichts an der Tatsache, dass er zur strahlenden Sonne hinaufschaute und lediglich tiefe, schwarze Nacht sah.
Michael versuchte anfangs vergeblich, seine Verzweifelung mit dummen Witzen und Selbstironie zu ├╝berspielen.
ÔÇ×Siehst du, bei mir h├Ąlt es eben keine Frau lange ausÔÇť, hatte er gescherzt und ihn angegrinst. Aber seine Augen waren dabei leer wie die einer Puppe.
ÔÇ×Wahrscheinlich waren es doch eher meine Schwei├čmaukenÔÇť, lachte er k├╝nstlich, nur um kurz danach im Bad zu verschwinden, damit er seine Tr├Ąnen nicht sah.
Seine Frau war vor einem Jahr im Urlaub gestorben, nachdem sie einen falsch zubereiteten Kugelfisch verzehrt hatte. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass es dieser hochgiftige Fisch war, den sie da verspeiste, denn sie beide konnten kein Chinesisch und hatten auf gut Gl├╝ck die Fischplatte bestellt. Eigentlich hatte nur Michael dieses Men├╝ ausgesucht, Eva hatte gebratene Nudeln bestellt, die man dort ├╝berall bekam. Aber als die Teller dann gebracht wurden, hatte sie pl├Âtzlich doch lieber den Fisch gewollt, der in kleinen St├╝cken liebevoll mit Reis dekoriert ansprechend angerichtet worden war.
Tom ahnte, dass Michael schwere Schuldgef├╝hle plagten, denn wenn er die Teller nicht getauscht h├Ątte, w├Ąre Eva heute noch am leben. Aber sie war tot, f├╝r immer gegangen und somit gab es niemanden, der ihm dieses schwere Schuldbewusstsein nehmen konnte.
Tom war zun├Ąchst etwas verletzt, dass sein bester Freund, den er nun seit ├╝ber f├╝nfzehn Jahren kannte, probierte, ihm etwas vorzumachen, ihm nicht vertraute. Doch dann wurde ihm bewusst, dass Michael lediglich versuchte, sich selbst etwas vorzuspielen. Es war seine Art, mit der Trauer umzugehen.
Und er lie├č ihn gew├Ąhren. Aber es wurde nicht besser, Michael magerte immer mehr ab, sa├č stundenlang apathisch in seinem Sessel und starrte auf den Fernseher, der nicht einmal eingeschaltet war. Die Last auf seinen Schultern drohte, ihn zu zerschmettern, seine blauen Augen, die Eva damals so fasziniert hatten, lagen nun tief eingesunken in ihren H├Âhlen und hatten jeglichen Glanz verloren.
Tom war sehr besorgt um Michael, verzweifelt, weil sein Freund immer mehr abbaute und er hilflos zusehen musste. Doch von einem Tag auf den anderen ├Ąnderte sich die Lage ├╝berraschend.
Michael wirkte pl├Âtzlich nicht mehr so niedergeschlagen, an einem Morgen verspeiste er eine ganze Sch├╝ssel R├╝hrei, sein Gesicht bekam wieder Farbe, und er wirkte frisch und ausgeruht.
Das war zu der Zeit, als die Tr├Ąume kamen.
Tom streckte sich auf seinem B├╝rostuhl und massierte sich dann mit den Zeigefingern die Schl├Ąfen. Er hatte leichte Kopfschmerzen, ein Zeichen f├╝r zu wenig Schlaf und zu viel Kaffee. Er ging hin├╝ber zum Fenster und ├Âffnete es weit. K├╝hle Novemberluft str├Âmte in den Raum und sorgte daf├╝r, dass Tom sofort eine G├Ąnsehaut bekam, da er lediglich ein T-Shirt trug. Trotzdem lie├č er das Fenster ge├Âffnet und ging hin├╝ber zu dem hellen Kiefernbett, das in einer kleinen Nische am anderen Ende des Raumes stand. Sein Freund atmete ruhig, die Gesichtsz├╝ge waren entspannt. Blondes Haar lugte unter der mit Saugn├Ąpfen versehenen Haube hervor, die seine Hirnstr├Âme ├╝berwachte. Michael zog ihm die Decke ├╝ber die nackte Brust, von der das EKG aufgezeichnet wurde, damit er nicht fror und versehentlich aufwachte.
Als er das zufriedene Gesicht seines Freundes betrachtete, z├Âgerte er einen Augenblick.
Vielleicht sollte er ihn aufwecken, er k├Ânnte jetzt alles noch stoppen. Aber w├Ąre das nicht egoistisch? Sollte er, als sein bester Freund, nicht auch das Beste f├╝r Michael wollen? Auch wenn er ihn vielleicht nie wieder sehen w├╝rde wenn alles so verlaufen w├╝rde, wie er es ausgerechnet hatte? Und wer oder was w├╝rde an Michaels Stelle aufwachen, wenn dieser die Reise angetreten hatte?
Tom sch├╝ttelte den Kopf, um die letzten Zweifel zu zerstreuen und dr├╝ckte die Decke an den Seiten fest. Er hatte es versprochen, also w├╝rde er es auch durchziehen.
Durch das ge├Âffnete Fenster waren entfernte Motorger├Ąusche zu h├Âren, das Leben da drau├čen ging weiter, w├Ąhrend hier drinnen eines diese Welt verlie├č.
Die frische Luft linderte seine Kopfschmerzen. Er f├╝hlte sich wieder besser, als er an seinen Schreibtisch zur├╝ckkehrte, um die regelm├Ą├čigen Zacken auf dem Bildschirm zu beobachten.
Er hatte damals an diesem Projekt mitgearbeitet, war sogar einer der Erfinder gewesen.
Aber weder ihm, noch einem der anderen vielen Mitarbeiter war es jemals in den Sinn gekommen, dar├╝ber nachzudenken, was f├╝r negative Ausma├če die gekauften Tr├Ąume haben k├Ânnten. Sie hatten damals nur das Geld gesehen, dass sie reich machen w├╝rde, wenn sie Erfolg hatten. Und den hatten sie. Am Anfang war die Industrie noch skeptisch, doch nach einigen Auftritten in Talkshows und diversen Artikeln in Zeitungen und Magazinen war die Nachfrage so hoch, dass sie in gro├če Produktion gehen konnten. Das erm├Âglichte ihnen, die Chips g├╝nstig zu verkaufen, sodass sie auch f├╝r das Zielpublikum, die Jugendlichen, leicht erschwinglich waren.
Bald verkauften sie Tr├Ąume nach Ma├č in die ganze Welt und sein Bankkonto sollte nie mehr Hunger leiden m├╝ssen. Man konnte die Chips ├╝berall kaufen. An Automaten, die aufgestellt wurden, per Internet und Teleshopping. Aber mit der Zeit lief die Sache aus dem Ruder.
Die Tr├Ąume wirkten wie eine Droge auf die Menschen, die schnell s├╝chtig machte.
Mit den Chips stieg auch der Umsatz an Schlafmitteln. Viele Leute erschienen einfach nicht mehr auf ihrem Arbeitsplatz, ganze Schulen blieben leer, da die Kids ihre Zeit lieber in Tr├Ąumen mit Brat Pitt oder auf einsamen S├╝dseeinseln verbrachten.
Es war so einfach. In ihren Tr├Ąumen konnten sie alles und jeder sein, warum sollten sie dann ihre Zeit in der grausamen Realit├Ąt verbringen?
Man brauchte nur seinen pers├Ânlichen Traum per Computer eingeben und den Chip aktivieren, danach waren himmlische Stunden garantiert.
Die Sache geriet v├Âllig au├čer Kontrolle, die ersten Personen starben. Entweder an einer ├ťberdosis Schlafmittel oder weil sie schlichtweg im Schlaf verdursteten.
Die Sucht zog sich durch alle Gesellschaftsschichten. Professoren, Prominente, Arbeitslose, Beamte, einfache Arbeiter. Selbst Kinder waren von der falschen Realit├Ąt so sehr fasziniert wie von einem Fernseher, und so wurden immer mehr Kindergeburtstage in Schlafpartys verwandelt.
Nach diesen Auswirkungen wurden die Chips ganz schnell verboten. Automaten wurden wieder abgerissen und es wurden hohe Strafen auf den Besitz von falschen Tr├Ąumen verh├Ąngt.
Er selbst hatte sein Projekt nur ein einziges Mal selbst ausprobiert.
Er war auf einem Zug stehend durch ein fantastisch bl├╝hendes Land gefahren. Fahrtwind blies ihm durch die Haare, wunderh├╝bsche Frauen winkten ihm am Wegesrand und er hatte das Gef├╝hl von unglaublicher Freiheit. Es war nett gewesen und er war gl├╝cklich erwacht.
Aber da es in der Realit├Ąt momentan so gut f├╝r ihn lief hatte er keinen Grund, sich in erlogene Welten zu fl├╝chten. Dass dies nicht zutraf, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Er bildete sich tats├Ąchlich ein, etwas Gutes f├╝r die Menschheit getan zu haben.
Jeder w├╝rde entspannt erwachen, alles Verbotene konnte in den N├Ąchten ausgelebt werden, es existierte keine Zensur. Er glaubte in seiner Naivit├Ąt, dass sich eine einnehmende Friedfertigkeit ├╝ber das Land legen w├╝rde.
Er hatte sich geirrt.
Auf dem Monitor bildete sich eine neue gr├╝ne Linie, die daf├╝r stand, dass Michael in die erste Traumphase geglitten war. Dieser Teil des Traumschlafes war vergleichsweise tief und lie├č sich nur schlecht manipulieren. Erwachende erinnern sich auch selten an diese Tr├Ąume, deshalb w├Ąre es auch sinnlos, einen Chip f├╝r diese Phase zu konstruieren.
Er goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein, stellte sie aber nach dem ersten Schluck angewidert zur Seite.
N├Ąchtelang hatte er hier gesessen und nach einem Fehler in seinen Chips gesucht, oder zumindest einer Verbesserung, die dazu beitragen w├╝rde, dass viele Menschen nicht in eine unkontrollierbare Ma├člosigkeit verfallen w├╝rden. Dabei ging es ihm nicht um das verlorene Geld, was er nun nicht mehr verdienen w├╝rde, sondern einfach um Ehre und sein schlechtes Gewissen, das er diesen armen Teufeln gegen├╝ber hatte, die seine Erfindung in den Tod getrieben hatte.
In einer dieser N├Ąchte hatte er dann zuf├Ąllig eine Entdeckung gemacht, die er selbst erst nach stundenlangem Nachrechnen und kontrollieren halbwegs glauben konnte.
Jahrelang hatten Wissenschaftler angenommen, Tr├Ąume seien die Verarbeitung von Erlebtem im Unterbewusstsein. Dass dies nicht stimmte, h├Ątte er eigentlich viel fr├╝her bemerken sollen.
Da die Tr├Ąume nun gesteuert werden konnten, h├Ątte es eigentlich zu Nebenwirkungen kommen m├╝ssen, da Erlebnisse des Tages nicht mehr verarbeitet wurden.
Aber es gab keine. Niemand beklagte sich ├╝ber Kopfschmerzen oder psychische St├Ârungen.
Es gab lediglich das Suchtverhalten, was an sich schlimm genug war.
Er glaubte nicht an Seelenwanderung, Parallelwelten und diesen ganzen Quatsch, aber seine Rechnungen und die Erfahrungsberichte von Michael lie├čen keine Zweifel mehr ├╝brig.
Wenn wir tr├Ąumen, betreten wir eine andere Welt, eine andere Ebene die existiert und in der wir leben. Und davon scheint es hunderte zu geben.
Schon seit Wochen zeichneten sie hier unten Michaels Tr├Ąume auf, die sie gemeinsam nach seinem Erwachen am Computer ansehen konnten.
Seine Chips waren nur Grundvorgaben f├╝r einen Traum. Also konnte man zum Beispiel mit Brad Pitt in einem Eiscafe sitzen. Wie das Privatkino sich dann weiter gestaltete, hing von der schlafenden Person selbst ab. Deshalb waren so viele abh├Ąngig.
Man konnte immer dieselbe Grundvorlage w├Ąhlen, aber der Traum selbst war jedes Mal anders.
Mit dem Verbot der Chips erwachte der Schwarzmarkt, und damit stieg die Zahl der Opfer h├Âher, als in der Zeit, wo man die Illusionen noch legal erwerben konnte.
Die Chips wurden nun nicht mehr professionell hergestellt, so gab es viele Fehler in den Programmen, deren Auswirkungen oft t├Âdlich waren.
M├Ąnner und Frauen erwachten einfach nicht mehr oder fielen in ein Wachkoma.
Nun wusste er, dass bei einem Wachkoma die Seele den irdischen K├Ârper verlassen hatte. Sie lebte nun in einer anderen Welt, einem anderen K├Ârper. Aus Gr├╝nden, die er lange erfolglos erforsch hatte, hatte die Seele aus der anderen Welt den Austausch dann nicht geschafft.
M├╝tter weinten um ihre halbw├╝chsigen Kinder, die nichts anderes tun wollten als schlafen.
Die Leute gingen auf die Stra├če und flehten die Regierung an, etwas zu tun. Hohe Gef├Ąngnisstrafen wurden auf den illegalen Besitz von Chips verh├Ąngt, die aber keinen der S├╝chtigen wirklich interessierte. Viele Angeh├Ârige waren sogar froh, als sie ihre Lieben in Sicherheit hinter Schloss und Riegel wussten. Aber auch dort gab es M├Âglichkeiten, an das Verbotene zu kommen.
Daraufhin flatterte ein Brief nach dem anderen in sein Haus.
Zun├Ąchst war der Staat noch sehr freundlich, hinterher versch├Ąrfte sich der Ton. Man erwartete Verbesserungen von ihm. Etwas, das alles wieder in einen normalen Zustand bringen w├╝rde, also quasi ein Wunder.
Er bekam ein Labor und stellte ihm Wissenschaftler zur Verf├╝gung. Aber seine Entdeckung machte er in jener Nacht auf seinem alten Ledersessel vor dem schon leicht vergilbten Monitor.
Er war sich nicht sicher, ob er das den hohen Tieren mitteilen sollte, obwohl er eigentlich dazu verpflichtet war. Denn was w├╝rde erst geschehen, wenn die Menschen wussten, dass man in andere Welten reist, wenn man schl├Ąft. Dass man quasi die Chance h├Ątte, es irgendwo anders zu machen, wenn man nur da bleiben k├Ânnte.
Wenn. Genau das hatte Michael in dieser Nacht vor. In dem Moment, als er erfahren hatte, dass die Eva aus seinem Traum wirklich existiert, lebt und atmet war seine Entscheidung gefallen.
Tom hatte ihn nicht davon abhalten k├Ânnen, ihn aber zumindest dazu ├╝berredet noch einige Tage zu warten, um genauere Aufzeichnungen zu bekommen und die Gefahren absch├Ątzen zu k├Ânnen.
Er wusste, er w├╝rde seinen Freund, so wie er sich vorhin tr├Ąnenreich von ihm verabschiedet hatte, niemals mehr wieder sehen.
Was war mit dem Michael, der stattdessen erwachte? Kannten sie sich ├╝berhaupt in der anderen Welt, in die sein Freund jede Nacht floh? In seinen Tr├Ąumen war immer nur Eva dort gewesen. Eva, die auf einer Wiese stand, Eva, deren Haar vom Wind verweht wurde, als sie auf den t├╝rkisenen Ozean vor ihr blickte, Eva, die auf einem pferd├Ąhnlichen Tier sa├č.
Und immer war sie einige Meter von Michael entfernt gewesen. Sie hatte ihn angelacht und war dann losgelaufen. Er lief hinterher, aber konnte sie nie erreichen. Nun wollte er endlich in diese Welt gehen, um seine geliebte Eva endlich in die Arme schlie├čen zu k├Ânnen.
Tom verstand seinen Freund und er lie├č ihn gehen, auch wenn es tief in seinem Herzen wehtat, seinen Kumpel zu verlieren.
Die Aufzeichnungen waren nur verzerrte, kurze Bilder ohne Ton. Aber sie gen├╝gten als Best├Ątigung f├╝r die Existenz der Parallelwelten.
Die gr├╝ne Linie auf dem Bildschirm verblasste. Jetzt w├╝rde es bald soweit sein.
Der Chip wird sich automatisch einschalten und Michaels Seele direkt in die Welt bef├Ârdern, in der seine Eva bereits auf ihn wartete. Ein Seelentaxi sozusagen. Einfache Fahrt.
Er f├╝hlte den kalten Schwei├č auf seiner Haut, als er zu seinem Freund hin├╝ber sah.
Dieser lag nach wie vor ruhig und entspannt auf dem Bett.
ÔÇ×Du wei├čt, dass ich es tun mussÔÇť, hatte er zu ihm gesagt und ihm dabei tief in die Augen geschaut, bevor er einschlief.
Tom hatte nur genickt und ihn dann in die Arme geschlossen. Eine Minute hatten sie einfach nur da gestanden, bis Michael sich sanft von ihm l├Âste und l├Ąchelnd sagte:
ÔÇ×Hey, du kannst mich ja jederzeit besuchen kommen, in deinen Tr├Ąumen. Schlie├člich bist du der Erfinder der WeltenreiseÔÇť.
ÔÇ×Na ja, der Erfinder wohl nicht, ich habe nur zuf├Ąllig entdeckt wie es funktioniert, die Menschen reisen schlie├člich schon ewig in andere Welten, ohne es zu wissenÔÇť, antwortete er nachdenklich.
ÔÇ×Ich werde dich bestimmt besuchenÔÇť, sagte er dann und f├╝hlte sich ein wenig besser.
Michael hatte Recht, er konnte ihn schlie├člich sehen wann er wollte, auch wenn es immer nur f├╝r kurze Zeit war. Vielleicht w├╝rde er ihm ja auch irgendwann in diese Welt folgen, aber vorher musste er in dieser Welt noch etwas erledigen.
Sein Freund klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
ÔÇ×Du wirst eine L├Âsung finden, da bin ich mir sicherÔÇť.
ÔÇ×VielleichtÔÇť, antwortete er.
ÔÇ×Ganz bestimmtÔÇť, best├Ąrkte ihn Michael.
Tom hatte sich verstohlen einige Tr├Ąnen weggewischt.
ÔÇ×Ich werde dich echt vermissen, besonders wenn ich in Zukunft alleine den Abwasch machen mussÔÇť, lachte er und dr├╝ckte die Hand seines Freundes fest.
ÔÇ×Das tut mir jetzt irgendwie nicht wirklich LeidÔÇť, scherzte Michael. Dann hatten sie sich verabschiedet. Sein Freund hatte eine Schlaftablette genommen, welche die Wirkung des Chips nicht beeintr├Ąchtigte, sonst w├Ąre er vor Aufregung wahrscheinlich niemals eingeschlafen.
Ein piepsendes Ger├Ąusch riss Tom aus seinen Gedanken. Ein rotes Ausrufungszeichen blinkte auf seinem Monitor, das Zeichen, dass sich der Chip aktiviert hatte.
ÔÇ×Machs gut, bis baldÔÇť, fl├╝sterte er seinem Freund zu, dessen Augenlider kurz zuckten und dann v├Âllig ruhig blieben. Seine Seele hatte diesen K├Ârper verlassen, f├╝r immer.
Nun musste bald die Seele aus der anderen Welt ihre Stelle einnehmen. Nerv├Âs starrte er auf die Zacken, die sein Herzschlag auf dem Bildschirm hinterlie├čen. Dann deaktivierte er den Chip, das hatte er bisher noch niemals getan. Nun konnte Michaels Seele nicht mehr in diesen K├Ârper zur├╝ckkehren, er hatte die T├╝r geschlossen. Alles lief planm├Ą├čig.

Michael erwachte in einer anderen Welt. Es war wirkte alles anders als in seinen vorherigen Tr├Ąumen. Viel realer, weil seine Seele nun einen K├Ârper hatte. Endlich w├╝rde er seine Eva in die Arme schlie├čen k├Ânnen. Aber irgendwas stimmte nicht. Er f├╝hlte nichts. Er schaute sich um. Er stand auf einem H├╝gel, weiter unten standen einige B├Ąume, deren ├äste sich im Wind bogen.
Er h├Ątte den Wind auf seiner Haut, in seinem Haar f├╝hlen m├╝ssen. Aber da war nichts.
Soweit er es beurteilen konnte sah es in dieser Welt genauso aus wie in der alten.
In der Ferne erkannte er die Spitze eines Kirchturms, der Himmel war grau und verhangen.
Er holte tief Luft, aber jegliche Ger├╝che blieben aus, obwohl das Gras an seinen F├╝├čen so gr├╝n und saftig war, dass er es h├Ątte riechen m├╝ssen. Auch die Luft in seinen Lungen sp├╝rte er nicht.
Dann erblickte er sie. Eva stand unterhalb des H├╝gels, hatte ihm den R├╝cken zugewandt.
Er wollte auf sie zulaufen, kam aber nicht vorw├Ąrts, genau wie in seinen Tr├Ąumen vorher schaffte er es nicht, einen einzigen Schritt zu gehen.
Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht. War es vielleicht doch nur ein Traum und sie hatten sich geirrt? War es nur eine Spinnerei gewesen von jemandem, der das Liebste in seinem Leben verloren hatte und sich nichts mehr w├╝nschte, als es zur├╝ckzubekommen?
Er versuchte ihren Namen zu rufen, seine Stimme klang hohl und irgendwie fremd.
Eva drehte sich um. Sie war genauso sch├Ân, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte.
Der Wind zersauste ihr Haar, und sie hielt sie mit der Hand zur├╝ck, um ihn zu erkennen.
Sie war etwas rundlicher, als er es in Erinnerung hatte, aber es stand ihr gut, und er sehnte sich danach, sie endlich anfassen, sp├╝ren zu k├Ânnen.
Als sie ihn erkannte, lachte sie, so wie die vielen Male zuvor. Pl├Âtzlich machte er sich keine Gedanken mehr dar├╝ber, was hier schief laufen k├Ânnte. Alles war nichtig, solange er nur mit Eva zusammen sein konnte.
Aber sie kam nicht auf ihn zu, sondern starrte ihn nur an. Sie hob beide H├Ąnde an ihr Gesicht und dann h├Ârte er, dass sie nicht lachte, sondern verzweifelt schrie, kreischte. Sie zerrte an ihren Haaren, dann drehte sie sich um und rannte weg, als w├Ąre der Teufel hinter ihr her.
Er wollte ihr folgen, aber seine F├╝├če trugen ihn nicht, er sackte auf die Knie, st├╝tzte sich auf seine H├Ąnde und warf zum ersten Mal einen Blick auf seinen neuen K├Ârper und erstarrte.
Fauliges Fleisch hing von seinen Armknochen, unz├Ąhlige Maden wanden sich auf seinem toten Fleisch. Seine rechte Hand bestand nur noch aus Knochen, aus seinem rechten Knie hingen schwarze, verwesende Muskeln.
Er fasste sich an den Kopf und hielt einen B├╝schel blutiger Haare in seiner Hand.
Ein Auge l├Âste sich aus seiner H├Âhle und fiel mit einem schmatzenden Ger├Ąusch auf seinen halb verfaulten Oberschenkel.
Kurz bevor ihn die Dunkelheit einh├╝llte, traf ihn die erschreckende Erkenntnis.
Sie hatten etwas vergessen. Man sagt, f├╝r jede Entscheidung, die man trifft, entsteht eine Parallelwelt und offensichtlich hatte er in dieser hier seinen Fischteller selbst gegessen.
Er kippte auf die Seite und starrte mit seinem verblieben, toten Auge in den Himmel.
Sie w├╝rden nicht zusammen sein. Nicht hier und nicht in der alten Welt.
Dann f├╝hlte er gar nichts mehr. Denn auch in dieser Welt blieben die Toten tot und eine lebendige Seele konnte in diesem toten K├Ârper nicht existieren.


Tom schaute auf den scheinbar schlafenden Michael. Aber die Kurven auf seinem Monitor sagten etwas anderes. Seit einigen Sekunden hatte sein Herzschlag ausgesetzt. Er hatte es erwogen, dass dies eventuell f├╝r einige Sekunden beim Tausch passieren k├Ânnte, aber wirklich damit gerechnet hatte er nicht.
ÔÇ×Schlag, schlag, schlagÔÇť, flehte er leise das Herz seines Freundes an und presste dabei seine H├Ąnde so stark zusammen, dass jegliches Blut aus ihnen entwichen war und sie v├Âllig wei├č waren.
Er z├Ąhlte bis sechzig. Eine Minute, in der nichts geschah. Er sp├╝rte Panik in sich aufsteigen, als er zu seinem Freund hin├╝berhechtete und ihn leicht sch├╝ttelte.
Er war kein Arzt, au├čer bei einem Erste-Hilfe-Kurs in der achten Klasse hatte er niemals irgendwo Wiederbelebungsma├čnahmen vorgenommen.
Aber jetzt w├╝rde er m├╝ssen, auch wenn es nicht mehr wirklich sein Freund war, der da lag, so musste er doch seinen K├Ârper retten, das war doch das mindeste, das er f├╝r ihn tun konnte.
Er legte seine tauben H├Ąnde auf die Brust von Michael und begann erst zaghaft und dann st├Ąrker rhythmischen Druck auf seinen Herzmuskel auszu├╝ben.
Dann beamtete er ihn durch die Nase, immer im Wechsel.
Nach zwei Minuten tropfte ihm der Schwei├č von der Stirn, und er flehte seinen Freund an doch endlich zu atmen. Doch sein Herz blieb ruhig.
Nach Minuten, die ihm wie Stunden vorkamen, fiel er ersch├Âpft auf die Knie und legte seinen Kopf auf die Brust seines Freundes. Er war tot, er hatte versagt. Ein weiteres Menschenleben, das wegen seiner Unzul├Ąnglichkeit auf seinem Konto vermerkt wurde.
Er weinte hemmungslos, wie er es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte. Nicht nur um Michael, sondern auch um alle Dinge, die in den letzten Monaten schief gelaufen waren.
Ein inkompetentes Arschloch, das beschrieb ihn ganz gut, dabei hatte er es doch nicht b├Âse gemeint, er wollte doch nur etwas Gutes tun. Er hatte immer nur etwas tun wollen, aber dabei waren nur Leid und Zerst├Ârung entstanden.
Heulend holte er sich ein Bier aus der Kiste hinter der T├╝r und trank es in tiefen Schlucken leer. Eigentlich trank er eher selten Alkohol, aber jetzt schluckte er es wie Wasser.
ÔÇ×Tut mir so Leid, KumpelÔÇť, sprach er zu seinem toten Freund und prostete ihm die Bierflasche zu.
ÔÇ×Ich hoffe, du bist wenigstens da angekommen, wo du hinwolltestÔÇť.
Aber wahrscheinlich hatte er sich geirrt. Es gab keine Parallelwelten, und die Wissenschaftler hatten doch Recht gehabt. Irgendwie hatte er sich in diese Sache reingesteigert und die Realit├Ąt nicht mehr gesehen. Indem er den Chip deaktiviert hatte, wurde sein Freund im Schlaf get├Âtet. Zwar wusste er noch nicht genau, wie das vonstatten gegangen sein sollte, aber er w├╝rde es herausfinden. Vielleicht war das auch die Erkl├Ąrung f├╝r die anderen Opfer, die vor Michael gestorben waren. Irgendetwas an ihren Chips war nicht in Ordnung gewesen, sie waren mitten im Schlaf ausgefallen. Das war eine M├Âglichkeit.
W├Ąhrend er noch ├╝ber das F├╝r und Wider nachdachte, dabei heulte und Bier trank, fielen ihm irgendwann die Augen zu.
Als er wieder erwachte, hatten sich bei seinem Freund die ersten Leichenflecken gebildet, seine Lippen waren ganz blau. Vorsichtig entfernte er die EKG-Saugn├Ąpfe von seiner Brust und deckte ihn dann sanft zu.
Moment mal, dachte er, ich kann doch ganz leicht ├╝berpr├╝fen, ob er angekommen ist.
├ťbereilt stand er auf und sackte zur├╝ck. Sein Kreislauf machte nicht mehr so mit. Der Schlafentzug machte sich langsam bemerkbar. Langsam versuchte er es noch einmal, in seinem Kopf h├Ąmmerte ein Presslufthammer.
Er wankte hin├╝ber zu seinem Schreibtisch und ├Âffnete eine Schublade.
Er griff in die sich darin befindliche Schachtel und nahm einen eingeschwei├čten Chip heraus.
Mit den Z├Ąhnen befreite er diesen von seiner Verpackung und steckte ihn in den vorgesehenen Schlitz seines Computers.
Der Monitor zeigte immer noch die geraden Linien eines nicht mehr vorhandenen Herzschlags an. Er l├Âschte den Bildschirm und klickte mit der Maus das Traumprogramm an.
Er gab die Daten seines Freundes und seine eigenen ein, das w├╝rde f├╝r ein Treffen gen├╝gen.
Er speicherte alles auf diesem Chip und legte einen Countdown von einer Stunde fest. Das w├╝rde gen├╝gen um einzuschlafen, danach steuerte sich der Chip selbst und w├╝rde sich aktivieren, sobald er in die R.E.M. Phase eintrat.
Kurz blieb er still sitzen und atmete tief durch, dann nahm er eine der Schlaftabletten aus der Dose, die immer noch von Michael auf dem Tisch stand und w├╝rgte sie mit einem Schluck Bier hinunter. Der Alkohol schmeckte schal und bitter, er verzog angeekelt das Gesicht.
Danach legte er sich auf die abgenutzte Couch und schloss die Augen. Es kam ihm eine Ewigkeit vor, als der Schlaf sich endlich ├╝ber ihn legte.
Als er das n├Ąchste Mal etwas wahrnahm, war es um ihn herum dunkel.
Ein unangenehmer Geruch stieg ihm in die Nase. Er versuchte sich zu bewegen, war aber durch irgendetwas beengt. Er tastete sich vor und f├╝hlte etwas kaltes, feuchtes was auf ihm lag.
Nachdem seine Augen sich an die Dunkelheit gew├Âhnt hatten sah er Umrisse vor seinem Gesicht.
Erschrocken zog er die knappe Luft in seine Lungen. Er war hier, bei seinem Freund.
Nur war sein Freund tot und bereits halb verwest und lag nun auf ihm, in seinem kalten Grab.
Irgendetwas Feuchtes tropfte ihm ins Gesicht, als er panisch versuchte, den Toten von seinem K├Ârper zu schaffen.
Er schloss die Augen und versuchte ruhig zu atmen. Dies war nur ein Traum. Fr├╝her oder sp├Ąter w├╝rde er daraus erwachen, er w├╝rde erwachen. Niemals zuvor hatte er so einen furchtbaren Albtraum gehabt, er h├Ątte dem Chip mehr Informationen geben m├╝ssen.
Er versuchte, sich auf das Aufwachen zu konzentrieren. Aber er war nach wie vor an diesem furchtbaren Ort, mit einer Leiche auf seinem K├Ârper.
Etwas an seinem Bein bewegte sich, kroch langsam zu ihm hinaufÔÇŽ
Dies ist nur ein Traum, nur ein Traum, sagte er sich immer wieder und verga├č dabei, dass er schon immer ein schwaches Herz gehabt hatte.

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Rumpelsstilzchen
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Sep 2003

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Ach schade!
So eine sch├Âne Geschichte ÔÇô k├Ânnte es sein.
H├Ąttest Du sie nicht unter einem Erkl├Ąrungsberg begraben.

Ist aus dem Stollen gekrochen und ersch├Âpft zusammengebrochen

__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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Sumpfkuh
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jan 2006

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Tja- tut mir leid, dass sie dir nicht gefallen hat.

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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

Werke: 2
Kommentare: 97
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Hallo Sumpfkuh

Bei einer gschichte am Rande zu Science Fiction kommt man ohne einen Erkl├Ąrungsberg nicht aus.
Ich fand sie etwas zu lang, aber nicht ungelungen.

MfG;Rocco
__________________
dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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