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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 21. 04. 2018 22:28


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Silbenstaub
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Registriert: Oct 2017

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Wenn Mia den Geschmack nach Babyhaut im Mund hat und das Schreien des Kindes hört, obwohl es nicht da ist, dann geht sie in die Bar nebenan. Die gab es schon, als sie geboren wurde. Die Einrichtung ist mitgealtert. Eine verstaubte E.T.-Figur aus Plastik steht auf der Zapfanlage. Schummerige Beleuchtung mit einem Blaustich. Die anderen GÀste sind Schemen.
Sie setzt ihr Quatsch-mich-bloß-nicht-an-Gesicht auf. Der Barkeeper Luis grinst. Er kennt sie gut und schiebt ihr den Jim Beam Black rĂŒber und verzieht sich. Mia kreist mit dem Zeigefinger in der Wasserlache auf der Theke, malt ein Herz auf das Holz. Die Musik ist mehr als nur Hintergrund. Sie ist so laut, dass sie das Pochen im Kopf ĂŒbertönt. Sie schaut sich um. In der Ecke ein sich kĂŒssendes Paar. Schnell schaut sie weg. Heute zum GlĂŒck kein Tom Waits.
Das hat sie gestern nicht ausgehalten und ist raus an die Spree gegangen, wo die Afrikaner sitzen. Da riecht es gut. Tayo, Abed, Hanad. Ja, sie haben Namen. Sie haben ein Leben. Sie grillen direkt am Wasser. Auch im Winter. Mia hat ihnen vor ein paar Wochen Fleisch mitgebracht. Sehr gutes vom tĂŒrkischen LebensmittelhĂ€ndler um die Ecke. Die haben sich irre gefreut, und klar hat sie mitgegessen. Danach noch verdammt gutes Gras geraucht. Der Mond war kitschig groß und erdfarben. Nach Mandarinen und Eukalyptus und ein bisschen nach Holzkohle roch der Fluss. Zum Abschied bekam sie ein Bild geschenkt. Ein Bild mit TrĂ€nen in den Augen von Nashörnern und Wildhunden.
Zu Hause nahm sie den leeren Rahmen von der Wand. Ein Jahr war er leer. Nun nicht mehr.
Yves war zurĂŒck nach Paris gegangen und hatte das Foto mitgenommen, das sie zusammen lachend mit der Kleinen zeigte. Einfach weggefahren an einem Sonntagmorgen. Gut, sie hatten gestritten. Ziemlich heftig. Aber den Vorfall mit dem Kind hĂ€tte er nicht erwĂ€hnen dĂŒrfen. Da rastet Mia aus. DarĂŒber muss nicht mehr gesprochen werden. Sie hat es nicht vergessen. Er nicht. Sie werden es nie vergessen. Niemals.

Ein Lufthauch. Sie dreht sich um. Ein Mann ist in die Bar gekommen. FadendĂŒnn oder haarfein. Schwarze Klamotten, was sonst. Er geht etwas zögerlich, das macht ihn sympathisch. Sie korrigiert ihre GesichtszĂŒge und streicht sich durch die Haare. Er steuert auf den Tresen zu. Könnte ihr Fall sein. Aber sie weiß gar nicht mehr, wie das ist.
Mia betrachtet die Flaschen im Spiegelregal hinter der Theke.
„Hast du schon mal einen Chartreuse getrunken. Ich lade dich ein“, sagt er.
Sie schaut ihn an und denkt, warum jetzt ausgerechnet was Französisches.
„Ne, kenn ich nicht“, erwidert sie.
Luis zwinkert ihr zu und schiebt die GlĂ€ser ĂŒber das Holz. Das Zeug schmeckt ihr nicht, aber das ist ihr egal.
Ein GesprĂ€ch beginnt. Irgendetwas ĂŒber bildende Kunst oder Literatur. Sie fragt sich, ob sie sich spĂ€ter noch erinnern wird, worĂŒber sie geredet haben. Sie mustert sein Gesicht. Schon attraktiv. Aber irgendwie völlig falsch. Sie kĂŒndigt an, dass sie zur Toilette mĂŒsse. Hinten ist auch ein Ausgang. Luis wird das schon verstehen.
Mia geht nicht nach Hause. In der KĂŒche stehen halbvolle Teller mit angeklebten Nudelresten. In den RĂ€umen tauchen nur wieder die Schatten auf, sie lauern in den Zimmerecken. Die Erinnerung an vertrocknete SchneeglöckchenstrĂ€uße und kleine Engelfiguren. Sie blĂ€ttert ab wie Farbe von der Wand.
Mia streift durch die Nacht und weicht den Radfahrern aus. In der hell erleuchteten Außenvitrine der Galerie sieht sie ein Foto. AnkĂŒndigung einer Vernissage. Das Gesicht kennt sie, hat sie gerade erst gesehen. Auf dem Foto sieht er noch besser aus als eben.
Regentropfen fallen auf ihre Jacke und versinken im Stoff. Das Kopfsteinpflaster glitzert. Ein Lichtfest.
MĂŒlltonnen am Straßenrand, aufgereiht wie ein lĂŒckenhaftes Gebiss. Eine quietschende TĂŒr. Ein Straßenbrunnen in ChromoxidgrĂŒn. Menschen mit Bierflaschen. Nur wenige. Mia blickt auf ihre ausgetretenen Turnschuhe und kickt eine Dose weg.
Sie lĂ€uft zum Berliner Hauptbahnhof und kauft ein Ticket nach Paris. Nachtzug in einer Stunde. In der Bahnhofshalle hausen die Tristesse und die Einsamkeit. In Lumpen gehĂŒllte Gestalten schlafen auf den BĂ€nken aus Stahl. Ein Einkaufswagen mit den Habseligkeiten. In Bahnhöfen ist immer noch eine Schippe mehr von allem, denkt sie und geht in den Presseshop und studiert die französischen Zeitungen. Der VerkĂ€ufer ist anscheinend ĂŒbermĂŒdet, er kann das GĂ€hnen nicht unterdrĂŒcken. Sie nimmt nur einen Coffee-to-go mit.
Coffee-tut-gut, Coffee-tot-go.

Auf dem Bahnsteig in der Ferne ihr Kind mit dem TeddybĂ€ren. Es lief auf die Schienen zu. Mia fing zu schreien an und stĂŒrmte auf das Kind zu. Es fiel in das Gleisbett. Ein Zug rauschte heran. Ein Knacken und ein splitterndes GerĂ€usch. Menschenreste. Überall Blut. Ein rotes TeddybĂ€rbein.

Mia steht dicht an der Bahnsteigkante und starrt in die SchwÀrze des Tunnels.
‚Ich werde Yves schon finden. Geht ja nicht anders.‘

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