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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eingemauert
Eingestellt am 15. 04. 2017 10:22


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xavia
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Die Luft war k├╝hl, roch wie schon mal geatmet. Charlotte lie├č sich langsam auf der Kiste mit den Saftflaschen nieder. Kein bequemer Sitzpatz. Ihre Finger ertasteten die raue, kalte Wand hinter ihr und sie lehnte sich nachdenklich dagegen, sp├╝rte dem Grauen nach. Emp├Ârung, Wut? Sie suchte nach solchen Gef├╝hlen, fand sie nicht. Seit sie allein war, hatte sie die nicht mehr.

ÔÇ×Euch gibt es wohl nur im DoppelpackÔÇť, hatte die Frau an der K├Ąse-Theke manchmal gescherzt, wenn sie dort gemeinsam einkauften. Ein L├Ącheln huschte ├╝ber ihr Gesicht. Aber sie wollte jetzt lieber nicht an ihn denken, sonst w├╝rde sie noch trauriger. Er war tot, sie musste sich damit abfinden. Abfinden, das klang so unkompliziert. Man bekam eine Abfindung und die Sache war vergessen. Aber sie wusste es besser.

Sie gab sich einen Ruck und kehrte mit ihren Gedanken zur aktuellen Situation zur├╝ck. War der Apfelsaft ein Fluch oder ein Segen? Er bot f├╝r eine geraume Zeit Nahrung und Fl├╝ssigkeit, wenn sie ihn gut einteilte. Falls es ihr gelang, die Kronkorken zu ├Âffnen. Sie wusste, dass es m├Âglich war, eine Flasche an der anderen zu ├Âffnen, hatte das ├Âfters gesehen, ihr Enkel konnte sowas. Auch am Rand der Plastik-Kiste, in der die Flaschen standen und auf der sie jetzt sa├č, konnte er eine Flasche ├Âffnen. Sie, Charlotte, konnte das nicht. Jetzt realisierte sie, dass es gut gewesen w├Ąre, es beizeiten zu lernen. Aber sie hatte ja jetzt Zeit, es zu lernen. Mehr Zeit war auf jeden Fall eine Chance, gefunden zu werden. Aber mehr Zeit war auch mehr Zeit um nachzudenken. Sie mochte nicht gerne nachdenken.

Wor├╝ber dachte man ├╝berhaupt in so einer Situation nach? Sie hatte keine Erfahrung damit, wenngleich sie schon einige Jahrzehnte lang gelebt hatte. Sie wusste vom H├Ârensagen, dass das eigene Leben an einem vor├╝berzog, wenn der Tod nahte. Ihr Leben. W├╝rde es ihr Stoff geben f├╝r die Zeit, die diese Kiste Saft ihr verschaffte, wenn andere ihr ganzes Leben an sich vor├╝berziehen sehen konnten, w├Ąhrend sie von einem Hochhaus fielen? Noch zog da gar nichts an ihr vor├╝ber. Sie hatte eher das Gef├╝hl, sich zu langweilen. Der Tod war also noch weit genug weg.

So sa├č sie lange Zeit mit geschlossenen Augen. Undurchdringliches Dunkel umh├╝llte sie. Sie forschte in ihrem Innern nach Gedanken, die in dieser Ruhe gedacht werden wollten und fand keine, nur Leere. Leere, immerhin. Wenn ihre Yoga-Lehrerin sie dazu aufgefordert hatte, waren unwillkommene Gedanken aufgetaucht. Nicht einmal die Traumreisen hatte sie sich vorstellen k├Ânnen, weil ihr dann eingefallen war, welche Gartenarbeiten noch zu erledigen waren.

Charlotte war eine Frau, die praktisch dachte und so kam ihr in den Sinn, dass der Saft ihr noch einige Unbequemlichkeit bereiten w├╝rde. Ihr taten schon jetzt, im Sitzen, alle Knochen weh, aber in diesem kalten, kahlen Raum schlafen, wie sollte das gehen? Tagelang? Wochenlang sogar? Sie dachte an Menschen, die in Kerkern ihr Leben fristeten, vielleicht sogar in diesem Moment. Vielleicht war der Saft doch eher ein Fluch, verl├Ąngerte das Leiden, lie├č einen dabei zusehen, wie die Hoffnung schwand und der K├Ârper mehr und mehr durchdrungen wurde von der stickigen K├Ąlte. Stickig? Vielleicht dauerte es gar nicht wochenlang, bis ihr die Luft ausgehen w├╝rde?

Wer k├Ânnte sie finden? Wen w├╝rde es wundern, wenn sie das Telefon nicht abnahm, nicht die Haust├╝r ├Âffnete, wenn jemand klingelte? Und wer w├╝rde daraus den Schluss ziehen, dass man in das Haus eindringen und nach dem Rechten sehen m├╝sste?

Sie ├Âffnete die Augen und erhob sich m├╝hsam von der Kiste und streckte ihre Glieder. ÔÇ×Vielleicht sollte ich hier unten einen Flaschen├Âffner deponierenÔÇť, dachte sie, w├Ąhrend sie langsam die Treppen hinaufstieg. Mit jeder Treppenstufe wurde ihr Herz leichter und sie atmete tiefer. Sie hatte pl├Âtzlich Appetit auf ein St├╝ck Himbeertorte. ÔÇ×Auf jeden Fall sollte ich jetzt einen Spaziergang machen und mich dar├╝ber freuen, dass ich es kann. Einen Osterspaziergang. Und sp├Ąter gehe ich zum Osterfeuer und lasse allen Schmerz und allen Kummer in den Flammen auflodern.ÔÇť

Version vom 15. 04. 2017 10:22
Version vom 22. 04. 2017 10:13

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xavia
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Liebe Eisblume, lieber Wipfel,

ich danke euch sehr f├╝r die wertvollen Hinweise zu meinem Text!

Was die Zeichensetzung bei w├Ârtlicher Rede angeht, war ich tats├Ąchlich unsicher und h├Ątte nachlesen m├╝ssen. Ist nun korrigiert. Dass der Text nach Eisblumes Einsch├Ątzung besser ist als mein erster Versuch freut mich sehr! Ich habe viel von dir gelernt, liebe Eisblume, manches ist mir nun schon beim Schreiben bewusst und ich bin sehr dankbar daf├╝r. Anderes sehe ich zwar, wenn ich darauf hingewiesen werde, komme aber noch nicht selbst drauf. Die meisten von Wipfel vorgeschlagenen Streichungen habe ich gemacht, finde auch, dass es besser klingt, dass weniger da mehr ist.

Ein Fragezeichen verstehe ich allerdings nicht:

quote:
Ihre Finger ertasteten (?) die raue, kalte Wand
Ist ertasten hier nicht das richtige Wort?

Den gemeinsamen Einkauf bei der K├Ąsefrau m├Âchte ich als Hinweis nicht weglassen, es ist meiner Ansicht nach eine wichtige Erinnerung an gl├╝cklichere Zeiten. Ich habe sie deshalb nun noch mit einem zus├Ątzlichen L├Ącheln bedacht.

Davon, frisch ÔÇ×synonymÔÇť mit ÔÇ×k├╝hlÔÇť verwendet wird, habe ich schln geh├Ârt, finde es aber unpraktisch: Wozu hat man dann zwei W├Ârter, wenn sie dasselbe bedeuten? Mir geht ÔÇ×abgestandenÔÇť an der Stelle einfach nicht ├╝ber die Lippen.

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