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Leselupe.de > Humor und Satire
Einkaufen mit Mini
Eingestellt am 09. 01. 2017 17:41


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Homosapiens
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Ich bin erfahren in der Sozialarbeit und in der Lebensberatung. Etliche Jahre in der Schwerbehindertenpflege haben der R├╝ckseite des menschlichen Daseins die letzten Schrecken genommen. Wir sind ein Weilchen auf der Welt, ihren Turbulenzen ausgeliefert, aber auch ausgestattet mit dem Werkzeug unserer Erfahrungen. Je ├Ąlter wir werden, je l├Ąnger wir also ├╝berlebt haben, desto reichhaltiger ist unsere Werkzeugkiste best├╝ckt. Alles kann passieren!

So eine Aufgabe wie gestern war allerdings neu f├╝r mich. Meine Tochter und ihr Mann, beide berufst├Ątig, fortgebildet und verantwortungsbewu├čt, haben alles getan f├╝r Sheila, ihre gro├če, meine liebste, ein verst├Ąndiges, aufgewecktes Kind, ganz ├Ąhnlich, wie ich selbst vor langer Zeit eines war. Sie hat den Vorteil, geliebt zu werden, und das hat ihr mit zw├Âlf Jahren schon eine ungew├Âhnliche Reife beschert. Ihr Wissensdurst fragt mich aus, ich darf ihr die Welt erkl├Ąren, so, wie ich sie verstehe. Sheilas gro├čes Herz liest zwischen den Zeilen, sie schaut pr├╝fend hin, und ich genie├če ihr Vertrauen. Vor zwei Jahren kam das Nesth├Ąkchen dazu, passend mit dem Kosenamen "Mini" bedacht. Ein ungest├╝mes Schreikind, das sich in dem Haushalt der drei Erwachsenen in einer Welt von Bediensteten wiederfand. Ich selbst war noch nie mit Mini allein gewesen, doch das w├╝rde sich nun gleich ├Ąndern. Ausfall des Babysitters in dem ewig auf Kante gen├Ąhten Zeitplan dieses Haushaltes! Und Sheila, deren Theaterkarten f├╝r die ersehnte "Mittagsauff├╝hrung, nur mit Mama" verfallen w├╝rden! Das verst├Ąndige M├Ądchen h├Ątte es hingenommen und ihre Tr├Ąnen geschluckt, sie kannte sich aus mit Sachzw├Ąngen. "Nein," beschlo├č ich, "ich wei├č selbst, was Entt├Ąuschung hei├čt. Sheila bekommt ihr ersehntes St├╝ck!"

Kurz entschlossen ├╝bernahm ich mitten im Einkaufszentrum der Gro├čstadt f├╝r zwei v├Âllig ungewisse Stunden Minis Kinderkarre, nach au├čen hin zuversichtlich, innerlich jedoch verzagt. In der Jackentasche Schokodrops zum Verkorken der Heulsirene, ein wenig Geld dabei f├╝r den B├Ącker und den Weihnachtsmarkt, schob ich einfach los. "Wir gehen jetzt mal kurz einkaufen", das war f├╝r Mini immerhin ein Begriff. Der kleine Lockenkopf vor mir drehte sich interessiert in alle Richtungen, vermutlich, bis es zu langweilig w├╝rde. Oder zu kalt? Wie sollte ich sie bei Laune halten? Ich sah mich einen Moment lang zwei endlose Stunden mit meinem br├╝llenden Zwerg ├╝berall hinauskomplimentiert und st├Ąndig auf der Flucht. Wie bek├Ąme ich sie ruhig? Schlimmstenfalls gar nicht. Wie machen andere Gro├čeltern das nur? Ich hatte die Verantwortung f├╝r ein Kleinkind, dem nie Grenzen gesetzt worden waren. Meine H├Ąnde wurden klamm. Wie es Mini wohl ging, da zwischen den Kissen, stetig geschaukelt, aber ohne Schal unter dem Stehkragen? Die typischen Schal-Verweigerer k├Ânnen ein ganzes Einkaufszentrum zusammenschreien, bis der arme Hals wieder nackt ist. Wir mu├čten erstmal ins Warme! Das f├╝nfst├Âckige Modehaus mochte eine Rettung sein.

Langsam, aber stetig schob ich die Karre durch die Reihen der Kleiderst├Ąnder und bemerkte, da├č Mini von unten fasziniert in einen Wald von ├ärmeln schaute. Die Berieselung mit Popmusik mochte ihr aus dem Zimmer der gro├čen Schwester vertraut sein, die Stimmen der Kinder im Hintergrund kannte sie sicherlich von der Tagesmutter her. In der Kinderabteilung war es angenehm warm, auch f├╝r mich. "Wir sitzen in einem Boot, Mini", murmelte ich, "hier haben wir zun├Ąchst mal Asyl."

Ein gedehntes "ja" war das letzte, was ich von ihr h├Ârte, ehe ihr Lockenkopf zur Seite sank und ich mit der Karre in einen langsamen, unentwegten Schaukelschritt verfiel. F├╝nf Etagen, vier sanft klingelnde Fahrst├╝hle, ein paar L├Ącheln im Vor├╝bergehen. "Ach, da schl├Ąft ja jemand....." Wenn ihr w├╝├čtet, was sonst los w├Ąre..... Die Kaufhausdetektive an der Video├╝berwachung m├Âgen sich gewundert haben. Da lief jemand unabl├Ąssig mit einer Kinderkarre durch die G├Ąnge eines Kaufhauses, ├╝ber f├╝nf Etagen, 'rauf, 'runter und nochmal zur├╝ck. Hatte er gar das Kind entf├╝hrt? Ich h├Ątte gern alles erkl├Ąrt, aber niemand fragte etwas.

Ich drehte eine Runde nach der anderen, wagte nicht, stehen zu bleiben, um irgendetwas n├Ąher zu betrachten. Ich sah nur den kleinen Kopf und den blo├čen Hals. Mini schlief, dem langsamen Schaukeln und den Hintergrundger├Ąuschen eines nachweihnachtlichen Kaufhauses hingegeben. Wohl dem, der mitten im Gew├╝hle seine eigene Mitte findet! Ich erinnerte mich pl├Âtzlich an die allj├Ąhrlichen Tierarztbesuche mit meiner Katze, mein stummes Flehen, sie m├Âge ruhig bleiben. Es geht gerade nicht anders, ich kann Ihr nichts erkl├Ąren, und bitte keine Panik!

Als Mini die Wimpern hob und sich umsah, bot ich ihr rasch einen der Schokotaler an. Sie wickelte ihn langsam aus und hielt ihn ein Weilchen sinnend in der kleinen Hand, bis er fiel und unter einen Verkaufsst├Ąnder rollte. Sie sah ruhig hinterher, sie hatte ja gar nichts verlangt. Ich war ├╝berrascht. Warum einem Menschen etwas aufdr├Ąngen, der weiter nichts will, als sich, geschaukelt und getragen, etwas umschauen? Vermutlich kannte Mini diese Gem├╝tlichkeit beim Einkaufen ├╝berhaupt nicht, zu Hause mu├čte immer alles schnell gehen.

"Wir waren gut, Mini, richtig klasse!" Am liebsten h├Ątte ich ihr "Five gegeben". An der Ausgangst├╝r nahm ich meinen Schal ab. " F├╝hl' mal, wie weich der ist! Und ganz warm von meinem Hals. Ich leg' ihn dir um, ja?" Der penetrante Schal-Verweigerer lie├č es zu mit abermaligem, gedehntem "ja". Das Stimmchen begann in der H├Âhe und plumpste dann mit Bestimmtheit in die Kissen.

"Sie war ganz ruhig, hat gar nichts gewollt," berichtete ich meiner Tochter, die mit einer begeisterten Sheila aus dem Theater kam. Ich war mit meiner kleinen Enkelin derweil auf ungewisser Abenteuerreise gewesen, wir hatten Asyl gesucht und gefunden, und das Kind hatte mehrmals deutlich "ja" zu mir gesagt. Was es f├╝r Mini bedeutet hat, kann ich sie leider nicht fragen. Sie w├╝rde wohl antworten, da├č wir zum Einkaufen waren. Und vielleicht noch, da├č es Spa├č gemacht hat.

Version vom 09. 01. 2017 17:41

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