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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Einmal Leipzig – Dresden – Sonne und zurück
Eingestellt am 14. 12. 2008 15:51


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jon
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Einmal Leipzig – Dresden – Sonne und zurück
Eindrücke vom Godoj-Konzert am 13.12.2008 in Dresden


Ein total verrockter Mittwochabend steckt mir noch im Kopf und eine dank Freunden kurze Freitagnacht in den Knochen, als ich am Samstag Mittag losfahre, um eine paar Thomaten abzuholen. Wir wollen nach Dresden zum Thomzert. Zuersteinmal verfahr ich mich – ganz normal angesichts der typisch Dresdner Beschilderung –, aber der Fehler ist schnell behoben und wir sind tatsächlich noch vor 17 Uhr am Alten Schlachthof. In Leipzig hatte das noch für einen vorderen Platz gereicht, hier warten die ersten schon seit um eins. Leute begrüßen, abgedrängt werden, mit anderen ins Gespräch kommen – die Wartezeit vergeht dann doch recht schnell. Dann Halle stürmen, Platz in der zweiten Reihe sichern und wieder warten.

Dann kommt Luxuslärm. In beiderlei Wortsinn: Die Band heißt so und macht welchen. Das fand ich am Mittwoch in Leipzig schon toll und irgendwie ist es angenehm, das Erwartete noch mal so genussvoll aufgetischt zu bekommen.

Wieder warten, denn die Bühne wird auf Godoj umgerüstet. Ich hoffe, dass die Jungs die Erkältungswelle, die sie am Mittwoch noch erfasst hatte, überstanden haben. Rene hatte zum Erbarmen ausgesehen und Thomas sei nicht gut drauf gewesen, hatte ich in den Berichten gelesen. Wenn das „nicht gut drauf“ war, was wird dann wohl heute kommen? Nun: Das seh ich ja gleich, hör ich gleich. Und dann …

… setzt die normale Zeitrechnung aus und die Godojsche Relativität greift. Ich seh es auf den ersten Blick, höre es nach wenigen Takten: Den Jungs geht’s besser. Gemessen an dem, was jetzt abgeht, war Leipzig deutlich schaumgebremst. Und: Thomas ist zurück. So wie ich ihn kenne und so, wie ich ihn noch nicht kenne. Ganz gefangen in der Musik und ganz gelöst in der Runde seiner Freunde, für die er heute Party zu machen gedenkt. Ich schwanke zwischen ausrasten und andachtsvoll lauschen. Wenn ich die Augen schließe, sinke ich ganz tief in die Weiten seiner Stimme, raumfüllend und eingebettet in die Maschine namens Band, die kraftvoll und unbeirrbar vorwärts stampft. Das kriecht mir tief ins Hirn, tief ins Herz und explodiert im Bauch wie ein fortwährender Urknall. Ich kann den Mittelpunkt des Universums spüren und die Kräfte, die davon ausgehen und mich erfassen und, indem sie mich zerreißen, mich in mir zusammenführen. Und ich seh auf und seh das Portal, durch das all dies aus der Unendlichkeit ins Jetzt dringt: Thomas. Er hat die Augen geschlossen, ist konzentriert darauf, das Unfassbare der Welt jenseits des Verstands zu bündeln und ihm Stimme zu geben. Ein Anflug von Unglaube angesichts dieser Strahlkraft erfasst mich und wird vom Sturm der Musik hinweggefegt …

Ich habe keine Ahnung, wie der Mann es schafft, danach einfach so – völlig bruchlos wie es scheint – zum Plauderton zu finden und mit den Fans zu reden. Wie man mit Freunden redet. Ich hör es und verstehe plötzlich etwas: Es ist vielleicht nicht der gesündeste Weg, ein solch relativ distanzloses Verhältnis zu seinen Fans zu pflegen, aber Thomas kann nicht anders. Es ist riskant, sich so – fast ohne Rücksicht auf sich selbst – hinzugeben. Es ist riskant, so zu tun, als wären alle Eingeweihte. („Ich kam mit 6 oder 7 nach Deutschland und ich fühle mich hier zu Hause. Das ist so. Da ist ja wiedermal … ihr wisst schon.“ – Nein, weiß ich nicht. Was denn?) Es ist riskant, sein Ich-kann-es-Gefühl so der „Gnade des Publikums“ auszuliefern. Die Rührung, die ihn bei „Plan A“ und dem üblichen Dank an die Fans ergreift, ist mir deshalb ein bisschen unangenehm. Zugleich aber fühl ich mich ihm mal wieder so nah, dass es fast wehtut. Zum Glück dauert es nicht lange und der „kleine intime Kreis“ weitet sich wieder zur Halle – ein Raum mit Stimmungssender Godoj und tausend Empfängern.

Was da ankommt – hier unten, bei den Fans, den Gästen, den „Mitgenommen“ – sind Zeichen prallen Lebens. Ein paar doppeldeutige Äußerungen von Thomas inklusive. Das kannte ich nicht, ich muss grinsen. Ich kannte auch nicht dieses völlige Ausrasten, Abdrehen. Jedenfalls nicht live, nur von Fan-Videos. Als es losgeht, wirklich losgeht, bin ich sprachlos. Das ist der pure Wahnsinn. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber die überschäumende Energie, die sich da Bahn bricht, sprengt meine Fassungsgabe. Das ist unmöglich der selbe Mann, der außerhalb der Bühne, ja außerhalb der Songs so ruhig, so – gemessen an dieser Serie von Supernovae – fast phlegmatisch agiert. Mein Gott, wo kommt das her?! Hat der einen Raketenantrieb verschluckt? Ich würde mich nicht wundern, wenn er abhebt und schnurstracks zur Sonne fliegt. Und die ganze verdammte Halle mitnimmt – mich inklusive.

Mir ist schleierhaft, wie wir nach „gefühlten 20 Minuten“ allesamt wieder auf den Boden finden, ohne in einer massiven Bruchlandung abzustürzen. Irgendwie bin ich plötzlich wieder in Dresden, im Auto und – irgendwann gegen eins – zurück in Leipzig. Jedenfalls ein Teil von mir.


__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Version vom 14. 12. 2008 15:51
Version vom 14. 12. 2008 16:10
Version vom 05. 04. 2009 12:10

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