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Leselupe.de > Kurzprosa
Einmal beim Einkauf
Eingestellt am 12. 05. 2005 14:30


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Inu
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Einmal beim Einkauf


Im Supermarkt treffe ich Vera: polyerblondet, braungebrannt, Lippen frisch aufgespritzt, stramme Strumpfhosenschenkel und Minirock.
Vera.

Ihre drei Kinderchen hat sie bei sich. Man stelle sich vor: Drillinge, gerade einmal zirka zweieinhalb Jahre alt. Nie habe ich in grĂ¶ĂŸere, blauere Unschuldsaugen gesehen. Den dazugehörigen Ehemann gibt es auch. Er ist Co-Pilot oder sowas.

„Gerti ... du hast dich aber gar nicht verĂ€ndert!“, ruft sie erregt.
„Seit ewigen Zeiten haben wir uns nicht gesehen“, sprudele ich heraus, „du bist immer noch ... sehr sexy."
„Ich bin Witwe geworden!“, stammelt Vera.
„O nein ... o nein, das tut mir ... aber ... unsagbar leid!“
Schon liegen wir einander in den Armen. Ich tĂ€tschele ratlos ihren RĂŒcken.
„Wolfgang ist an Ohrkrebs gestorben“, sagt sie.
„Wie furchtbar, wie furchtbar. Das ist ja ..."
„Es ist alles noch viel schlimmer ... wenn du nur wĂŒsstest...", murmelt sie, wĂ€hrend wir mit unseren Einkaufswagen, Kinder im Schlepptau, durch die LadengĂ€nge streifen.
„Wolfgang ist ... schwul gewesen ... ich erfuhr es nach seinem ... ich meine ... Tod. Das hat mir einen Wahnsinns-Schock versetzt."
„O NEIN! “
„Sein Geliebter widmete ihm in der FAZ einen viel beachteten Nachruf ..."
"O my God!"
Die Beerdigung und alles war sehr ... wĂŒrdig. Er ist ja so plötzlich ...“
„Ja, ja ... und dabei hat er so gesund ausgesehen“, stottere ich.
„Er ist auch bis zuletzt gesund gewesen!"

„Wie hast Du das alles nur aushalten können?“
"Ich sag dir, wenn ich die Hormone ... ich meine, wenn ich die Kleinen nicht hĂ€tte.“
„Sie mĂŒssen ein großer Trost sein, drei so sĂŒĂŸe, wundervolle ... “
„O ja, sie sind mir ein großer Trost. Weißt du, ich bin hier, um ihnen ein paar KinderĂŒberraschungen zu kaufen, die mögen sie gern!“
„Ah, ja.“

Wir schlendern nun miteinander durch den Supermarkt, vorbei an den mit Köstlichkeiten beladenen Regalen.
Da sehe ich: Veras Gang wird auf einmal sonderbar schleppend. Sie ist kreidebleich. Schwankt.
"Mir ist so komisch", sagt sie und hĂ€lt sich an einem Regal fest, das leider prompt mit seiner wunderbaren Schokoriegel-Fracht in sich zusammenstĂŒrzt.

„O je, mir wird auf einmal schwarz vor Augen!", flĂŒstert Vera.
All die Symptome scheint sie zu entwickeln, die ich nur zu gut von meiner eigenen Person her kenne: Schwindel, Kreislaufkollaps, plötzlich ausbrechender Herzinfarkt. Oder Schlimmeres?
Vera taumelt: „Ach Gerti, könnte ich mit in deine Wohnung kommen und mich eine Weile bei dir hinlegen?"
„Aber sicher.“
Ich weiß ... so kann sie nicht nach Hause fahren, sie wohnt fĂŒnfzehn Kilometer entfernt.
„Gell, du nimmst uns mit zu Dir“, bittet sie noch eindringlicher.
"NatĂŒrlich. Ist doch klar!"
Ich stelle mir gerade vor, wie sie sich fĂŒhlt. Sie braucht dringend Hilfe!
"Nur muss ich rasch noch KĂ€se kaufen", sage ich, "deswegen bin ich ja hergekommen!"

Eilig haste ich zur Theke.
„Bedienen Sie mich schnell“, rufe ich schon beim Hinrennen den VerkĂ€uferinnen zu. Dies ist ein Notfall!“
Doch es klappt nicht. Immer geraten mir andere Kunden in die Quere. Die drÀngen sich brutal vor, kicken mich mit ihren Ellenbogen zur Seite.
„Hinten anstellen!“, brĂŒllen sie im Chor.

Da nehme ich mir den KĂ€se halt selbst aus einem Regal. Doch kaum greife ich nach den eingeschweißten Scheiben, da zerbröseln sie in ihren Zellophanpackungen. Das ist ja noch nie dagewesen. Was fĂŒr eine merkwĂŒrdige Ware!

„Ich glaub', ich werd' ohnmĂ€chtig'!, flĂŒstert Vera.
„Nein, nein, warte noch!“

Nach mehreren nutzlosen Versuchen, einen intakten, brauchbaren KĂ€se zu finden, gebe ich auf.
„Es ist nicht weit bis zu mir, wir schaffen das schon!“, sage ich und versprĂŒhe Zuversicht.

Aber, o Gott, da fĂ€llt mir ein ... in meiner Wohnung sind ja die Handwerker! Sie reißen Fenster heraus und Decken herunter, klopfen Löcher in die WĂ€nde, sind noch mitten drin in der Arbeit. Bei mir sieht es aus wie auf einer Baustelle. Die ganze Einrichtung ist unter Mörtel und Schutt begraben, ausgenommen die wenigen Möbel, die ich zu ihrer Rettung mit Plastikplanen abgedeckt habe ...
Wie konnte ich das bloß vergessen?
„Hunger ... Hunger! Big Mac essen gehen“, quĂ€ngeln die kleinen Rangen.
Wie soll ich mit ihnen fertig werden, wenn ich nicht einmal einen simplen KĂ€sekauf zustande bringe!

„Mayday, Mayday“, haucht Vera jetzt und taumelt mir bewusstlos in die Arme.
Hilfe ... dieser Sache bin ich nicht gewachsen.

Gottlob, Vera atmet noch! Verwirrt hieve ich sie oben auf eine der glasbedeckten TiefkĂŒhltruhen. Wo soll ich sie denn sonst hin tun?
„Durch den KĂ€lteschock wird sie sich schnell erholen, wenn sie aufwacht“, murmele ich zur eigenen Beruhigung.
„Na, na ... Sie wissen doch, dass das nicht stimmt“, meint ein Mann im weißen Manager-Kittel, der gerade vorbeirauscht.
Ich muss mir eingestehen: er hat Recht!

Die sĂŒĂŸen Kleinen plĂ€rren jetzt. Ich stecke ihnen GummibĂ€rchen in die brĂŒllenden MĂ€ulchen und in jede Hand ein Überraschungsei. Dann ĂŒberlasse ich sie zerknirscht ihrem traurigen Schicksal. Halbwaisen mit ohnmĂ€chtiger Mutter! Und ich eine Versagerin, die hektisch, wie vom Teufel gejagt, den unbenutzten, quietschenden Einkaufswagen vor sich herstossend, durch die Supermarkt-GĂ€nge zum Ausgang rast ...

„He, da lĂ€uft eine weg, die nicht bezahlt hat“, schreit die Kassiererin. Dabei hab ich doch noch gar nichts gekauft! Jetzt erst sehe ich ... die drei quirligen Vera-Söhnchen haben anscheinend SĂŒĂŸigkeiten gerafft, als ich nicht hinsah. Hanuta und Haribo tĂŒrmen sich schachtelweise in meinem Einkaufswagen.

„Ich bin unschuldig“, versuche ich dem Hausdetektiv klar zu machen, der mich gerade festnimmt und per Handy mit der Polizei telefoniert, „ich wollte doch nur ... KĂ€se ... hab' aber keinen genommen!"
„Sie können mir viel erzĂ€hlen!", sagt er, "was glauben Sie, was die Leute fĂŒr Geschichten erfinden, wenn man sie schnappt!"


*



Copyright Irmgard Schöndorf Welch 28.06. 2004




Version vom 12. 05. 2005 14:30
Version vom 20. 08. 2008 14:06
Version vom 21. 08. 2008 02:22
Version vom 14. 02. 2009 13:34

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Quidam
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Hallo Inu,

ziemlich ĂŒberdreht. Und obwohl ich kein Fan von unglaubwĂŒrdigen Darstellungen bin, finde ich gerade das bei diesem Text sehr prickelnd. Ich war gespannt, wie es enden wĂŒrde und bin froh, dass du es offen lĂ€ĂŸt, ob das nun real war, oder ein Traum, oder was weiß ich.

Jedenfalls flĂŒssig zu lesen und 'eigenartig' irgendwie.-)

*winke*
Quid

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Inu
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Danke lieber Quidam
fĂŒrs Lesen und kommentieren. Ich freu mich, dass es Dir gefallen hat

Ich versuchte tatsĂ€chlich jetzt mal was Ausgefallenes, Paradoxes zu schreiben. Wo der Leser nicht weiß, wie es ausgeht. Bei ganz kurzer Prosa ist das, glaube ich, ertrĂ€glich.

Frohe Pfingsten wĂŒnscht Dir
Inu

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San Martin
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Hmm... das ist sehr nahe an der AbsurditĂ€t eines Alptraumes. Ich wĂŒrde da weiter machen und die Gedanken der Protagonistin weniger schildern (am Ende), ihr dafĂŒr aber um so mehr Dinge zustoßen lassen, denen sie hilflos und ratlos gegenĂŒber steht. Zumal sie alles nur widerwillig tut, denn Vera zu helfen dĂŒrfte ihr wenig wichtig sein.

Martin

PS: Wie abonniert man eigentlich jemanden?
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"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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bonanza
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na also, klappt doch, das war streckenweise sehr witzig
und skurril.

bon.

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Inu
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Hallo San Martin
Ich habe es jetzt noch ein wenig verĂ€ndert. Weißt Du, ich wollte nicht noch mehr verrĂŒckte Sachen passieren lassen, hatte das GefĂŒhl, das wĂŒrde zuviel des Skurrilen und dann kriegt der Leser womöglich doch Bauchweh ... Außerdem sollte es bei der 'Kurzprosa' bleiben, ich mag dieses Forum sehr gern.

Danke nochmal fĂŒr Dein Interesse.

Ich grĂŒĂŸ Dich
Inu

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