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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Einsam leben - jung sterben
Eingestellt am 02. 12. 2013 21:23


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KalterKaffee
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Eisam Leben - Jung Sterben

Mit einem Ruck schreckte er auf. Ein fl√ľchtiger Blick auf sein Handy best√§tigte seine Bef√ľrchtung. Bef√ľrchtung w√ľrde voraussetzen, dass er aktiv Angst vor etwas hatte, von daher w√§re Vorahnung wohl besser gew√§hlt. Was ihn fr√ľher stresste, nahm er jetzt als resignierende Tatsache hin. Er hatte nie Probleme mit P√ľnktlichkeit gehabt, war immer verantwortungsvoll gewesen und wenn man seine negativen Eigenschaften finden wollte, musste man sich auf eine lange Suche begeben ‚Äď das war fr√ľher. Jetzt war alles anders.

Er schlief zu lange, vernachl√§ssigte die Schule und traf sich mit Leuten, die seine Eltern wohl als schlechten Umgang bezeichnet h√§tten. Eltern‚Ķ Ein Wort, dass ihm schwer auf der Zunge lag und einen bitteren Nachgeschmack hinterlie√ü. Ein Begriff, der f√ľr ihn die Bedeutung verloren hatte und dennoch nicht verschwinden wollte. Vielmehr schwebte er wie das blasse Spiegelbild eines Alptraums in der Mitte seines Zimmers und beobachtete ihn Tag und Nacht mit leeren Augen.
Vor wenigen Wochen noch war er Teil einer perfekte Familie gewesen; die Eltern eine Selbstverständlichkeit, an die er keinen zweiten Gedanken verschwendet hatte.
Wenn er sich in Momenten wie diesem zur√ľckerinnerte, schien es ihm, als liege all das schon Jahre zur√ľck. Er hatte in einer perfekten Illusion gelebt, bis innerhalb weniger Tage alles anders gekommen war. Seine Welt, die aus der Fantasie eines Jugendlichen, Schule und seiner Familie bestanden hatte, war entzwei gerissen worden. Niemand hatte sich die M√ľhe gemacht sie wieder zusammenzun√§hen.

Kurzum, sein Leben ähnelte einen irreversiblen Totalschaden.

Ein Ende, dass schon lange vor dem endg√ľltigen Eintritt unabwendbar bestimmt gewesen war. Wie Rost, der sich langsam durch Metall frisst. Anfangs nicht bemerkbar infiltriert er das harte Material und macht es fragil und gebrechlich. Dringt in immer tiefere Schichten vor, bis es den Kern erreicht hat. Das alles geschieht unter der Oberfl√§che. Nicht einsehbar von au√üen, bis es eines Tages zu viel ist. Bis das Metall aufgibt ‚Äď den Kampf gegen den Rost verliert und bricht. Mit einem Mal wird alles sichtbar, doch es ist zu sp√§t f√ľr jegliche Form des Wiederstands. Die Zeit der Heilungsm√∂glichkeiten ist l√§ngst vergangen und alles was bleibt sind die zerbrochenen Teile von dem was einmal war.

Sobald er den Teufelskreis einmal miterlebt hatte, war es als h√§tte er zum ersten Mal richtig die Augen ge√∂ffnet. Rausgerissen aus seiner Scheinwelt, sah er pl√∂tzlich klar und deutlich und das, was er sah, lie√ü seinen Atem stocken. Rost - √ľberall. Egal wo er hinblickte. Unter jedem L√§cheln, hinter jedem Kuss konnte er die Risse erkennen, wie sie sich klein, aber deutlich abzeichneten.
Die immer wiederkehrenden Fragen, ob er den Zusammenbruch h√§tte verhindern k√∂nnen, wenn er die Risse in seiner eigenen Welt fr√ľher erkannt h√§tte? Ob er die Kraft besessen h√§tte, das was er gesch√§tzt und geliebt hatte zu bewahren, wenn er nur seine Augen richtig ge√∂ffnet h√§tte. Wenn er einen einzigen klaren Blick hinter die Fassade geworfen h√§tte? Nicht enden wollende Konjunktive.
Sie plagten ihn mittlerweile jede Sekunde seines Lebens und waren zu seinen ständigen Begleitern geworden. Die einzigen, die er hatte. Alle anderen hatten ihn verlassen.

Ein Sto√ü, der ihn gegen die Scheibe presste zog ihn aus seinen Gedanken zur√ľck in die Gegenwart. Er machte sich nicht einmal die M√ľhe der verantwortlichen Person einen genervten Blick zuzuwerfen. Der Bus war bis zum Anschlag mit Menschen gef√ľllt und keiner schien wirklich Platz zu haben. Eine Mischung aus Stimmen, Ger√ľchen und K√∂rperkontakt, die ihn zu √ľberw√§ltigen drohte. Er presste seine Stirn gegen die kalte Scheibe. Er konnte sp√ľren, wie die Regentropfen von au√üen gegen das Glas h√§mmerten und in Str√∂men an ihm herabliefen. Die K√§lte streckte ihre F√ľhler nach ihm aus und umschloss seinen Kopf in einer eisigen Umarmung. Mit jedem Moment schien sie mehr Gedanken zu bet√§uben - einzufrieren. Ein Moment Ruhe von sich selbst und das Gef√ľhl in die Stille einzutauchen. Er genoss es. Die Menschen um ihn herum, wie sie hektisch auf ihre Smartphones und Blackberrys einschlugen, schienen bedeutungslos zu werden und verschwammen kontrastlos mit der Umgebung. Es gab nur ihn und die K√§lte, denn zum ersten Mal seit Wochen f√ľhlte er sich frei. Alles was z√§hlte, war den Moment auszukosten und so lange wie m√∂glich zu erhalten.
Einige Sekunden gelang ihm das, dann wurde er mit erdr√ľckender Kraft von der Scheibe weggerissen. Und w√§hrend er sich noch fragte, ob erneut ein ungeduldiger Fahrgast der Ausl√∂ser war merkte er, dass seine F√ľ√üe die Bodenhaftung verloren hatten.
Er schwebte.
Schweben mag das falsche Wort sein, aber in eben diesem Moment war es das einzige, was ihm durch den Kopf ging. Der Moment zog sich in die Länge. Er nahm weder die Schreie der anderen Fahrgäste wahr, noch verfiel er in den selben Panikzustand. Er blieb völlig ruhig und blickte der Wiedervereinigung mit den verloren geglaubten entgegen.
Als seine √úberlegungen abrupt endeten und sein Kopf mit der Windschutzscheibe des Busses in Kontakt kam, hing eine letzte melancholische Frage in seinem Kopf:
War das der Zeitgeist seiner Generation - einsam leben und jung sterben?

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