Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95235
Momentan online:
414 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eis essen
Eingestellt am 10. 09. 2016 05:12


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Resjek
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2016

Werke: 45
Kommentare: 62
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Resjek eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Eis essen

Sie fiel mir sofort auf, als sie das Café betrat. Sie war etwa dreissig, hatte
halblanges, schwarzes Haar, ein wachsbleiches Gesicht und trug ein eng-
anliegendes, violettes Samtkleid.
Sie setzte sich an den Tisch neben der Theke, öffnete eine kleine Leder-
tasche und zog mit spitzen Fingern ein Paket Zigaretten heraus. Als das
Feuerzeugzeug aufblitzte, glÀnzte ihr Gesicht und sie schloss sekundenlang die Augen.
„Einen Kaffee und ein Vanilleeis, bitte“ rief sie der Bedienung zu, die sich ihr auf ein paar Schritte genĂ€hert hatte. Sie sagte es sehr bestimmt und deutete ein LĂ€cheln an.

Ich blÀtterte in der Zeitung und las ein paar SÀtze. Die riesige Uhr beim
Eingang schlug elf, als die Kellnerin Kaffee und Eis brachte.
Sie begann sofort zu essen. Sie hielt den zierlichen Dessertlöffel ganz
leicht in der Hand und umspielte das Eis, bis sich eine winzige Menge auf
dem Löffelrand befand, balancierte es behutsam auf Augenhöhe, schaute
es sekundenlang an, öffnete langsam ihre dunkel gefÀrbten Lippen und
liess es sanft auf die Zunge gleiten, wo sie es hin- und herwog, wie eine kostbare Fracht.
Dann senkte sie die Hand bis zur Tischkante und blickte gedankenverloren
auf die gegenĂŒberliegende Wand, als sĂ€he, oder erwarte sie von dort etwas, das ihre ganze Aufmerksamkeit erfordere.

Plötzlich trat ein glatzköpfiger, dicklicher Mann an ihren Tisch, nickte ihr zu,
ergriff zögernd den andern Stuhl und setzte sich. Sie schaute ihn an, wie
sie vorher die Wand angeschaut hatte, so, als wÀre sie weit weg und das
Eis nur ein Vorwand, der sie daran erinnern sollte, dass sie mitten in der Stadt in diesem Café sass.

Die Kellnerin kam. Der Mann hielt die Dessertkarte in der Hand, zeigte mit
dem Finger darauf und sagte:
„ Bringen Sie mir dies da.“
Als sie wegging behielt er die Karte in der Hand und tat, als wĂŒrde er darin lesen.

Nach einer Weile kam die Kellnerin zurĂŒck und stellte ein Glas mit
mehreren Eiskugeln vor ihn hin. Der Mann rÀusperte sich, zog den Stuhl
mit einem Ruck nÀher an den Tisch und ergriff den Löffel, wie man eine Waffe ergreift.
Er senkte den den Kopf ĂŒber das Eis, stach mit dem Löffel hinein, zerteilte
die Kugeln in drei, vier StĂŒcke und schob sie in rascher Folge in den Mund.
Die Frau blickte auf und sah den Mann erstaunt an. Nach kurzem Zögern legte sie den Löffel neben die Tasse und lehnte sich zurĂŒck. Ihre Augen
schienen grösser zu werden, die Lippen öffneten sich leicht, sie sah aus wie ein ĂŒberraschtes Kind.

Je lÀnger sie in dieser Haltung verharrte, umso schneller schien der Mann
zu essen. Die EisstĂŒcke auf dem Löffel wurden noch grösser, seine Hand begann zu zittern. Als ein grosses StĂŒck vom Löffel zurĂŒck in den Becher fiel, hielt er kurz inne, hob den Kopf, sah der Frau fĂŒr den Bruchteil einer Sekunde in die Augen, setzte das Glas ohne zu zögern an die Lippen und schlĂŒrfte es aus.

Dann erhob er sich mit einem Seufzer, nickte der Frau mit einem
verlegenen LĂ€cheln zu und war genau so schnell verschwunden, wie er gekommen war.
Kurze Zeit spÀter kam die Kellnerin und fragte, wo der Mann denn geblieben sei.
„Er ist fort,“ sagte die Frau gleichgĂŒltig.
„Aber der hat doch gar nicht bezahlt,“ rief die Kellnerin empört.
Die Frau öffnete ihre Tasche und nahm einen schwarzen Geldbeutel
heraus auf dem Glasperlen glitzerten.
„Hier,"sagte sie und streckte der Kellnerin einen Geldschein entgegen.
"Das sollte fĂŒr beide reichen, den Rest können Sie behalten.“

Dann stand sie auf und eilte dem Ausgang zu. Beim VorĂŒbergehn streifte
ihr Ärmel meinen Tisch und der sĂŒssliche Duft eines Veilchenparfums wehte herĂŒber.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Resjek
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2016

Werke: 45
Kommentare: 62
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Resjek eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Eis essen

Danke, liebe Sebahoma, fĂŒr deine RĂŒckmeldung.
Deine Anregung mit den Kommas (sagt man nicht mehr Kommata wie vor hundert Jahren?) in Ehren,
aber ich fĂŒrchte, ich bin beratungsresistent in dieser Hinsicht. Ein weiterer Grund: bin auch zu faul,
um herauszufinden, wo wann eines steht...

Herzlich Resjek

PS: Ich habe aber nichts dagegen, wenn du die entsprechenden Stellen markierst...vielleicht
lerne ich ja doch noch dazu....

Bearbeiten/Löschen    


aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

Werke: 78
Kommentare: 4656
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um aligaga eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo @Resjek,

@ali hat eine SchwĂ€che fĂŒr Schweizer Sichten. Deshalb hat er im Anfangsteil deiner Impression ein bisschen den Lektor gespielt und dir mit blauer (statt mit roter) Tinte ein paar VorschlĂ€ge gemacht:

quote:
Sie fiel mir sofort auf, als sie das CafĂ© betrat. Was fĂŒr ein grĂ€sslich abgedroschener, unnĂŒtzer Beginn! Wer neu hereinkommt, fĂ€llt immer auf. Löschen!

Sie war etwa dreissig, hatte
halblanges, schwarzes Haar vor (oder ĂŒber) einem wachsbleichen Gesicht und trug ein eng-
anliegendes, violettes Samtkleid.
Sie setzte sich an den Tisch neben der Theke, öffnete eine kleine Leder-
tasche und zog mit spitzen Fingern ein PĂ€ckchen Zigaretten heraus. Als das
Feuerzeugzeug aufblitzte, glÀnzte ihr Gesicht. Sie schloss sekundenlang die Augen.
„Einen Kaffee und ein Vanilleeis, bitte!“ rief sie der Bedienung zu, die sich ihr auf ein paar Schritte genĂ€hert hatte. Sie sagte es sehr bestimmt zu der Bedienung und deutete ein LĂ€cheln an.

Ich blĂ€tterte in der Zeitung und las ein paar SĂ€tze und tat, als ob ich lĂ€se. Es schlug (draußen) elf, als die Kellnerin das Bestellte brachte.
Die Schöne begann sofort damit, hielt den zierlichen Dessertlöffel ganz
leicht in der Hand und umspielte damit das Eis, bis sich ein winziges HĂ€ufchen davon auf
dem Löffelrand gesammelt hatte. Sie balancierte es behutsam auf Augenhöhe, betrachtete
es sekundenlang an, öffnete langsam ihre dunkel gefÀrbten Lippen und
liess es dann erst sanft auf die Zunge gleiten, wo sie es hin- und herwog(,) wie eine kostbare Fracht.
Dann senkte sie die Hand bis zur Tischkante und Nach jedem so zu ihrem purpurroten Mund gefĂŒhrten Löffelchen blickte sie gedankenverloren
zur gegenĂŒberliegenden Wand, als sĂ€he, oder erwartete sie von dort etwas, das ihre ganze Aufmerksamkeit erforderte.


Bei Kurzgeschichten ist weniger oft mehr. Viele "Requisiten" stellt der Lesser sich selbst hinein; du solltest ihm diese SpielrÀume lassen. Sonst sind's keine anregenden Miniaturen, sondern totgemalte Schinken wie die des nationalheiligen Albert Anker.

NatĂŒrlich gibt's fĂŒr jeden Änderungsvorschlag eine gute BegrĂŒndung, aber das wĂŒrde jetzt zu weit fĂŒhren.

Gut gelaunt

aligaga

Bearbeiten/Löschen    


Resjek
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2016

Werke: 45
Kommentare: 62
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Resjek eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Eis essen

Danke, aligaga, ich weiss, du meinst es gut und einige VorschlÀge sind sicher bedenkenswert,
aber soviel Arbeit...da muss ich zuerst ein Eis essen...

Apropos: Zu "Sie fiel mir sofort auf, als sie das Lokal betrat.." Du meinst, das sei ja sowieso
klar, jedermann falle auf, wenn er ein Lokal betritt..."

Nun, inzwischen gibt es die Generation SmartPhone....alle sind jederzeit ĂŒber ihr
GerÀt gebeugt...da fÀllt kein Schwein mehr auf, das irgendwo die Szene betritt...

Herzlich Resjek

Bearbeiten/Löschen    


DocSchneider
Foren-Redakteur
HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Resjek,

wann hat die Dame denn den Kaffee getrunken?
Die Kombination aus Heiß und Kalt ist ungewöhnlich, deshalb suchte ich nach dem Kaffeetrinken.

Den ersten Satz wĂŒrde ich lassen. Denn nicht jeder fĂ€llt auf, wenn er einen Raum betritt. Sie ist aber aufgefallen, Du beschreibst ja auch, weshalb.

Weshalb bezahlt sie fĂŒr ihn? Eine kleine Andeutung wĂŒrde mir besser gefallen.

VG,
DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

Bearbeiten/Löschen    


aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

Werke: 78
Kommentare: 4656
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um aligaga eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Dass eine Frau nicht auffiele, die im engen, violetten(!) Samtkleid ein CafĂ© betrĂ€te, ist undenkbar. Die fĂ€llt jedem auf, der hinguckt. Daher ist der millionenfach gezogene, grausige Intro ĂŒberflĂŒssig wie ein Kropf.

Das mit den Smartphone zieht nicht - das Lyrich hat ja keins, sondern gibt vor, Zeitung zu lesen. Und: In der Schweiz gilt in Lokalen bereits seit 2009 Rauchverbot. Davor waren Smartphones aber eher eine RaritÀt.

quote:
Die Kombination aus Heiß und Kalt ist ungewöhnlich, deshalb suchte ich nach dem Kaffeetrinken.
O je - wo leben wir denn? Tipp: hier (eis)guhgeln!


Heiter

aligaga

Bearbeiten/Löschen    


6 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung