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Leselupe.de > Kindergeschichten
Eismenschen
Eingestellt am 03. 09. 2007 14:54


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Miau
Hobbydichter
Registriert: Sep 2007

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Eismenschen



Josefine stand am Fenster und schaute auf die Straße. Es war Anfang August, doch vom Sommer war nichts zu sehen. Im Gegenteil, es schneite! Die Straße, die BĂ€ume, die HĂ€user und die Autos - alles war schon von einer dicken, weißen Schneeschicht bedeckt.
Doch der Schnee, so ungewöhnlich er um diese Jahreszeit auch war, war nicht das Schlimmste. Das Eis, die Eisschichten auf der Straße, den Fußwegen, ja so gar auf den Wiesen war dicker und ungewöhnlicher. Im Radio sprachen sie schon – halb im Scherz, halb im Ernst – von einer neuen Eiszeit.

Die eisige KĂ€lte ließ alles erstarren. Die Welt schien bedrohlich still zu stehen. Die KĂ€lte fraß sich durch alles, durch die Fenster, durch die WĂ€nde, durch die Heizungen. Durch die Kleidung der Menschen. Sie ließ die Gesichter erstarren, ĂŒberzog auch sie mit einer Eisschicht und Eiszapfen bohrten sich mitten ins Herz der Menschen.

Autofahren konnte man schon seit einer Woche nicht. Die Busse und Bahnen fuhren auch nicht mehr. Die Menschen mussten durch Schnee und ĂŒber Eis zur Arbeit gehen.
Josefine hatte zum GlĂŒck Sommer-, nein, Eisferien. Doch ihr war langweilig. Ins Schwimmbad konnte sie nicht. Der Fernsehempfang war gestört. Und zum Schlittschuhlaufen oder Schlittenfahren war es schon zu dunkel. Und was machte der Winter eigentlich im Sommer?

Josefine ging zu ihrer Mutter in die KĂŒche.
„Mama, wieso schneit es im August?“
„Josi, nerv doch nicht immer mit deinen dummen Fragen, dafĂŒr hab ich jetzt keine Zeit!“
Josefine trödelte noch einen Moment in der KĂŒche rum, aber als ihre Mutter sie genervt anschaute, ging sie doch lieber. Im Flur traf sie ihren Bruder.
„Sebastian, wieso schneit es im Sommer?“
„Wieso muss ich so eine doofe, kleine Schwester haben? Fragen ĂŒber Fragen, auf die kein Mensch eine Antwort weiß“ sagte er eisig und knallte die TĂŒr zu seinem Zimmer hinter sich zu.
Genervt verließ sie die Wohnung und ging in den Keller. Dort war ihr Vater, der versuchte einige alte KĂŒchengerĂ€te zu reparieren.
„Papa, wieso schneit es? Eigentlich sollte es doch warm sein, oder?“
„Hmm.. was.. ach ja.. der Schnee. Der Schnee ist schrecklich. Wo ist nur der Sommer hin? Josi, lass mich bitte in Ruhe, ich habe keine Zeit dir jetzt zuzuhören!“
Inzwischen war Josefine richtig sauer. Sie drehte sich um und lief zurĂŒck in die Wohnung. Sie zog ihre Jacke an, ihre dicken Winterstiefel und band sich ihren Schal um. Dann schnappte sie sich noch ihre MĂŒtze und rannte aus der Wohnung. Als sie die Treppen runterlief öffnete Frau Kruse ihre WohnungstĂŒr:
„ Sag mal, du Gör, musst du so die Treppe runtertrampeln?“
Josi ignorierte Frau Kruses Gezeter und fragte:
„Frau Kruse, wissen sie, warum es jetzt schon schneit und einfach nicht mehr aufhört?“
„Nein! Und das ist mir auch verdammt egal! Was mir aber nicht egal ist, sind Kinderplagen wie du, die hier so einen LĂ€rm machen!“ schrie sie und knallte die WohnungstĂŒr zu.
Josefine war nicht einmal mehr sauer, sie war einfach nur noch erschrocken ĂŒber die Menschen um sie herum.
Als sie das Haus verlassen hatte und die Straße entlang ging musste sie aufpassen, dass die wenigen Menschen, die noch unterwegs waren, sie nicht einfach umrannten. Alle starrten nur eisig grade aus, keiner achtete auf den anderen.

Zum Spielplatz im Park, dort wollte Josefine hin, in der Hoffnung, dort ihre Freunde zu treffen, Menschen, die nicht nur rummeckerten. Kinder, mit denen man lachen konnte!
Sie sah den Spielplatz schon von weiten und traute ihren Augen kaum. UnglĂ€ubig ging sie nĂ€her heran – und der einst so schöne Spielplatz war verunstaltet. Die Schaukeln waren umgeworfen, die vereisten KlettergerĂŒste mit MĂŒll behangen. Es waren Kinder da, aber die Kinder stritten und bewarfen sich mit Schnee- und EisbĂ€llen. Ein Kind blutete am Auge, ein anderes wurde festgehalten, man hatte ihm schon die Jacke und die Schuhe ausgezogen.
Josefine lief weiter, so schnell sie konnte rannte sie tiefer in den Park hinein.
Was war nur mit den Erwachsenen und den Kindern los? Sie lief und lief, blieb stehen, als sie nicht mehr konnte und schaute sich um. Sie kannte diesen Teil des Parks gar nicht. Hier waren viel mehr BĂ€ume, alles war dichter und der Weg war schon kein richtiger Weg mehr, sondern ein kleiner Trampelpfad.
Rechts von ihr, zwischen einigen BĂŒschen sah Josefine eine Bank und auf der Bank saß eine alte Frau, eingehĂŒllt in einen dicken Mantel.
Die alte Frau lÀchelte Josi freundlich an. Sie lÀchelte! Der erste lÀchelnde Mensch heute!
Josefine ging langsam auf die Bank zu.
„Setz dich doch!“ forderte die alte Frau sie auf. Ihre Stimme klang warm und herzlich.
Josefine setzte sich und seufzte laut. Die Frau blickte sie fragend an.
Und bevor Josefine weinen musste, erzĂ€hlte sie der alten Frau doch lieber was los war. Sie erzĂ€hlte von ihren Eltern, von Sebastian, von Frau Kruse, von den Menschen auf der Straße und den Kindern auf dem Spielplatz.
Die Frau schaute sie wissend an. Und nachdenklich. So als wenn sie was sagen wollte, aber nicht genau wusste, ob sie Josefine ihr Wissen zumuten konnte.
„Und wieso schneit es eigentlich im August?“ hakte Josefine nach.
Immer noch nachdenklich schaute die alte Frau auf die mit Schnee bedeckte Erde und fing an zu reden.

„Weißt du mein Kind, es gibt fĂŒnf verschiedene Arten von Menschen.
Da sind erst mal die FrĂŒhlingsmenschen. Sie sind warm und hell. Sie kommen in dein Leben wie eine BlĂŒte im Wind und verschwinden dann, wenn du damit nicht rechnest. Du kannst sie nicht festhalten, nicht fassen. Sie gehen- aber ihre WĂ€rme und ihr Licht bleibt. Du wirst dich immer an ihr Lachen erinnern und sie nie vergessen.

Dann gibt es die Sommermenschen. Sie tragen die Sonne im Herzen und stehen im Leben. Manche strahlen so sehr, dass sie dich blenden. Viele teilen ihr Strahlen mit dir. Andre sind hell genug, um mit dir auch in der Dunkelheit durch das Leben zu gehen.
Dann gibt es diejenigen, die in dein Leben platzen wie ein Sommergewitter, dann ruhiger werden und an deiner Seite bleiben.

Und die Herbstmenschen, sie sind so verschieden wie die Farben der BlĂ€tter im Oktober. Sie sehen viel mehr als andere Menschen, wenn die BlĂ€tter von den BĂ€umen fallen und die Sicht freigeben. Sie fallen und stehen wieder auf, sie wirbeln wild durch die Welt wie der Wind und finden doch ihren Platz. Sie sind so widersprĂŒchlich wie die Herbstsonne und doch eins mit sich selbst. Herbstmenschen erkennen die Tiefen und das Wahre dieser Welt. Sie wirklich kennen zu lernen ist schwer, denn sie sind so frei wie der Herbstwind.

Die Wintermenschen wirken auf den ersten Blick kĂŒhl und distanziert. Doch schreckst du nicht gleich zurĂŒck wirst du ihre wahre Art kennen lernen. Du wirst auch ihre WĂ€rme hinter der kĂŒhlen Fassade spĂŒren.
Oft fallen sie so leicht wie Schneeflocken auf die Erde, sie kommen so leise in den Leben, dass du sie oft erst gar nicht bemerkst. Bis sie im Winterwind fliegen und frischen Wind, etwas Neues in dein Leben bringen.

Gibt es mehr FrĂŒhlingsmenschen auf der Welt ist der FrĂŒhling glĂ€nzend und frisch.
Es blĂŒhen Blumen, die wir schon lĂ€ngst vergessen hatten. Die Menschen sind glĂŒcklicher, freier als sonst.
Sind die Sommermenschen in der Überzahl dann ist der Sommer hell und warm. Eine WĂ€rme, die nicht erdrĂŒckt, sondern einem Lust zu leben gibt.
Mehr Herbstmenschen machen einen bunten Herbst und erfrischen die Welt, sie sorgen fĂŒr frische Energie, neue Ideen und geben den Menschen die Gelegenheit, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sie geben den Blick auf den tieferen Sinn frei.
Wenn es mehr Wintermenschen gibt, ist der Winter frisch und kĂŒhl, aber nicht eisig. Die Welt wirkt dann still und beruhigend, aber nicht eingefroren.
Die Menschen werden ruhiger und ruhen in sich, vergessen dabei aber nicht die Menschen um sich herum.“

Nun schwieg die Frau. Josefine hatte aufmerksam zugehört. Inzwischen war es spÀte Nacht, doch der Mond schien auf den Schnee und gab den beiden genug Licht.
„FrĂŒhlingsmenschen, Sommermenschen, Herbstmenschen und Wintermenschen, vier Arten von Menschen“.
Josefine war nachdenklich geworden. Sie erinnerte sich an den schönen FrĂŒhling in diesem Jahr. An die wunderschönen Herbsttage im Jahr davor. Auch angenehme Sommer und Wintertage waren ihr noch gut in Erinnerung. Doch all diese Tage hatten nichts mit dem Jetzigen gemeinsam.
Sie traute sich kaum zu fragen, doch sie musste die Antwort einfach wissen.
„Und... die fĂŒnfte Art der Menschen.. ?“
Die alte Frau lachte hart.
„Die fĂŒnfte Art. Das sind die Eismenschen. Sie wirken kalt, eisig und sie sind es auch. Sie bewegen sich, doch sie sind innerlich erstarrt. Ihre Herzen sind Eisklumpen. Sie kennen und sehen nur sich selbst. Sie wollen auch niemanden anderen kennen und sehen. Sie sind so kalt und hart wie Eis. Ihre Blicke sind eisig und bohren sich wie angespitzte Eiszapfen in dein Herz, wenn du ihnen zu tief in ihre erfrorene Augen schaust.
Gibt es mehr Eismenschen als FrĂŒhlings-, Sommer-, Herbst- und Wintermenschen zusammen, dann... “
Die alte Frau sprach nicht weiter, sie schaute sich einfach nur um. Josefine wusste auch so, was die alte Frau sagen wollte. Ein Blick auf die eingefrorene Welt um sie herum genĂŒgte.

Bis zum Morgengrauen blieben die alte Frau und das Kind zusammen auf der Bank sitzen und schwiegen ohne sich wirklich anzuschweigen.
Sie froren nicht. Das taten nur die Eismenschen.
Josefine wusste, dass sich ihre Eltern nicht um sie sorgen wĂŒrden.
Jedenfalls nicht in dieser Zeit.
Nicht in der Eiszeit.

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