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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eiszeit
Eingestellt am 15. 11. 2011 21:48


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Olgeke
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2011

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Es war ein wundersch├Âner Wintertag. Der Schnee hatte die ganze Landschaft und das kleine Dorf in ein Winterm├Ąrchen verwandelt und die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel herab.
Diese Zeit mochte Daniel am liebsten, die Vorweihnachtszeit. Und wenn dann auch noch das Wetter mitspielte und es Schnee gab, hatte er alles was er brauchte um gl├╝cklich zu sein.
Der kleine zugefrorene See im Wald war eine Augenweide. Das erste mal seit einigen Jahren, wurde er endlich wieder von einer tragenden Eisschicht bedeckt. Beinahe t├Ąglich trieb sich Daniel mit seinen Klassenkameraden auf dem sogenannten Todesh├╝gel herum. Sie rasten mit allem was sie finden konnten den Berg hinab. Der mittlerweile ordentlich festgefahrene Schnee brachte ihre Schlitten und sonstige Fahrzeuge immer wieder auf H├Âchstgeschwindigkeiten.
Anfangs hatte er noch seinen kleinen Bruder mitgenommen und war mit ihm zusammen dort heruntergefahren. Doch als sein Vater bei einem Spaziergang mal vorbeischaute, und sah wie schnell die Kinder dort rodelten, verbot er Daniel seinen Bruder mit auf den Schlitten zu nehmen. Er sei ja gerade mal knapp vier Jahre alt, und das w├Ąre dann doch zu gef├Ąhrlich. Daniel und seine Kumpels hatten aber schon bald keine Lust mehr auf den Todesh├╝gel
Es wurde mit jedem Tag voller dort und man musste schon schauen, dass man nicht gleich wen ├╝ber den Haufen fuhr.

Also wurde beschlossen, dass sie sich nach dem Mittagessen am See treffen w├╝rden, um ein wenig darauf rumzuschliddern oder es sogar mit ihren Fahrr├Ądern zu versuchen. Einige der ├Ąlteren Jungs aus dem Dorf fuhren auch schon mal mit ihren Mofas auf dem See rum und hatten dabei eine Menge Spa├č.
Gesagt, getan. Daniel holte nach dem Essen sein Fahrrad aus der Garage und zog los. Er erz├Ąhlte seinen Eltern nicht was er vorhatte, den sein Vater hatte sich schon einmal riesig aufgeregt und geschimpft, wie man nur so bescheuert sein konnte mit Mofas aufs Eis zu gehen. Daniel wusste, es h├Ątte seinem Dad mit einem Fahrrad auch nicht viel besser gefallen.

Sie waren zwar nicht die einzigen, doch der See reichte f├╝r alle aus. Keiner kam sich in die Quere.
Einige Kinder spielten Eishockey und einige Spazierg├Ąnger wanderten ├╝ber die gefrorene Wasseroberfl├Ąche, die nur an zwei Stellen am Ufer gro├čz├╝gig aufgeschlagen worden war, damit die ganzen Enten und Schw├Ąne noch etwas von ihrem See hatten. Daniel wusste es nicht, aber er vermutete, dass der F├Ârster oder der Jagdverband dies gemacht hatte. Eigentlich war es ihm auch egal, er wollte nur nicht zu nah an diese Stellen rankommen, um wom├Âglich mit seinem Fahrrad dort reinzurutschen. Nach einiger Zeit, und nach vielen mehr oder weniger spektakul├Ąren Stunts, versuchten sie aber genau das.
Wer wohl nach einer Vollbremsung so nahe wie m├Âglich an eines der Wasserl├Âcher kam, ohne drin zu landen.
Zuerst hatten sie alle reichlich Respekt vor dem eiskalten Wasser, doch mit jedem Versuch trauten sie sich mehr.

Daniel und seine Kumpels erregten viel Aufmerksamkeit bei den anderen Eisspazierg├Ąngern. Allerdings war wohl keiner on ihren Aktionen begeistert. Die meisten sch├╝ttelten nur den Kopf und man konnte f├Ârmlich S├Ątze wie ÔÇ× Die sind wohl lebensm├╝deÔÇť von ihren Lippen ablesen. Es dauerte nicht lange, da entdeckte Daniels Vater die Jungs auch schon. Der hatte sich wohl ausgerechnet an diesem Nachmittag auch vorgenommen zum See zu kommen.
Er hatte Daniels kleinen Bruder auf seinem Schlitten dabei und zog ihn ├╝bers Eis.
Der Kleine hatte irre Spa├č daran von Papa gezogen zu werden.
Als dieser jedoch sah, was Daniel und seine Freunde dort trieben, entwich ihm genauso wie Daniel als er seinen Vater entdeckte, jeder Spa├č aus dem Gesicht.
Er schrie Daniels Namen quer ├╝ber den kleinen See. Daniel erkannte sofort, dass es gro├čen ├ärger geben w├╝rde.
Beinahe jeder der auf dem See war blickte nun zu seinem Paps.
So auch sein Kumpel Marco.
Als der dann wieder nach vorne blickte versuchte er noch zu bremsen, doch es war einfach zu sp├Ąt. Er verschwand samt Fahrrad im eiskalten Wasser.

Dann ging alles ganz schnell. Daniel sah einige Spazierg├Ąnger, darunter auch seinen Vater, in ihre Richtung losrennen. Besonders schnell kamen sie auf dem Eis aber nicht voran.
Einige andere r├╝hrten sich nicht vom Fleck, sondern fummelten an ihren Handys rum, um wie er vermutete, die Polizei oder die Feuerwehr zu rufen.
Er selbst und seine Klassenkameraden waren nun hoffnungslos ├╝berfordert und nicht in der Lage irgendetwas zu unternehmen. Aus allen Richtungen h├Ârten sie die Leute rufen. Daniel starrte auf das gro├če Loch im Eis, doch von Marco war nichts zu sehen. Er war ungef├Ąhr f├╝nf Meter davon entfernt, und selbst wenn er gewollt h├Ątte, er konnte sich vor Schreck keinen Schritt weit bewegen.
Ein Spazierg├Ąnger, ein kr├Ąftiger Mann der etwa so alt wie sein Vater war, hatte die Jungs fast erreicht und rief ihnen zu, sie sollten nicht versuchen zum Loch zu gehen, die Feuerwehr sei schon auf dem Weg.
Daniel drehte sich zu seinem Dad um. Der hatte alle M├╝he mit seinem kleinen Bruder auf dem Schlitten voran zu kommen. Er konnte dem Kleinen am Gesicht ansehen wie es ihm gefiel, dass Papa ihn jetzt schneller zog. Er wusste nat├╝rlich nicht, dass dies jetzt kein Spa├č mehr war. Sein Vater schaute beim laufen kurz nach Hinten, wohl um zu sehen ob sein J├╝ngster mit dem Tempo klar kam. Dann brachen sie ein.
Es musste eine d├╝nnere Stelle im Eis gewesen sein, die das Laufen nicht ausgehalten hatte. Daniel starrte mit weit aufgerissenem Mund auf das Loch im Eis, wo nun der Schlitten im Wasser schwamm.
Endlos lange Sekunden passierte nichts, nur das Geschrei der Leute um ihn herum wurde chaotischer und lauter. Pl├Âtzlich brach sein Vater durch die Wasseroberfl├Ąche und schnappte nach Luft. Mit dem n├Ąchsten Atemzug schrie er nach seinem j├╝ngsten Kind. Vergebens.
Von da an hasste Daniel die Winterzeit. Es w├╝rde nun nur noch eine kalte, dunkle Zeit der Trauer und Schmerzen sein.

Die Feuerwehr konnte Marco recht schnell bergen. Bewusstlos zwar, aber sie konnten ihn wiederbeleben. Sein kleiner Bruder hatte keine Chance. Es dauerte einfach zu lange f├╝r seinen kleinen jungen K├Ârper.
Es war einfach zu sp├Ąt, als Daniel ihn unter seinen F├╝├čen unterm Eis hertreiben sah. Als die Rettungstaucher ihn dann aus dem Wasser geholt hatten, wurde er sofort mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren. Doch es brachte nichts. Sein kleines Herz verkraftete das kalte Wasser nicht. Es h├Ârte einfach auf zu schlagen.
Noch am n├Ąchsten Tag wurde er beerdigt. Seine Eltern sahen schrecklich aus. Sie hatten die ganze Nacht geweint und auch Daniel hatte nicht geschlafen. Er w├╝rde das Bild seines kleinen Bruders, wie er unterm Eis trieb, nie vergessen. Er war f├╝r den Rest seines Lebens traumatisiert und w├╝rde es wohl nie wirklich verarbeiten k├Ânnen.
Nun standen sie am Rand des zwei Meter tief ausgehobenen Grabes seines Bruders, der kleine Sarg war schon herabgelassen worden. Seine Mutter erlitt gerade den dritten Nervenzusammenbruch und Vater musste sie st├╝tzen. Das ganze Dorf nahm an der Beerdigung teil.
Als das Grab zugesch├╝ttet wurde brach auch Daniel unter Tr├Ąnen zusammen.
Er suchte die ganze Schuld bei sich und dachte an alles was er mit seinem kleinen Bruder erlebt hatte.
Er hatte noch das Lieblingskuscheltier seines Bruders mit in den Sarg gelegt. Er lag so friedlich da als w├╝rde er schlafen. So sehr es ihn auch immer genervt hatte, wenn sein Bruder Nachts nach ihrer Mutter rief, und er dadurch wieder wach wurde. Daniel musste oft genug R├╝cksicht auf den Kleinen nehmen. Doch das war ihm nun egal. Er w├╝rde doppelt soviel ├ärger mit ihm auf sich nehmen und alles daf├╝r tun, k├Ânne er nur die Zeit zur├╝ckdrehen und alles ungeschehen machen.
Nun lag er zwei Meter unter ihnen und w├╝rde nie mehr lachen, nie mehr unbeschwert im Garten herumtollen.
Sie standen alle in sich gekehrt und voller Schmerz an seinem Grab und merkten nicht wie es anfing zu schneien. Der Himmel weinte um einen kleinen Jungen der sich noch nicht selber helfen konnte. Der auf andere angewiesen war. Doch sie hatten versagt.
Der Himmel weinte Wintertr├Ąnen.
Und zwei Meter unter ihnen w├╝rde ein kleines Augenpaar nie mehr diese wundersch├Ânen Eisblumen sehen, die sie immer voller Vorfreude erwartet hatten.
Sie bemerkten nicht, wie die Bewohner des Dorfes nach und nach den kleinen Friedhof verlie├čen.
Und zwei Meter unter ihnen w├╝rde sich ein kleiner Junge ├╝ber jeden zuk├╝nftigen Besuch an seinem Grab, ├╝ber jeden abgelegten Blumenstrau├č freuen, wenn er es k├Ânnte.
Sie bemerkten nicht, wie die Sonne unterging und den Friedhof in eisige K├Ąlte und Dunkelheit h├╝llte.
Und zwei Meter unter ihnen w├╝rde es f├╝r immer kalt und dunkel sein.
Sie bemerkten nicht, wie der Pfarrer sp├Ąt in der Nacht zu ihnen kam, denn er wollte die Friedhofstore schlie├čen.
Und zwei Meter unter ihnen spielte es keine Rolle, ob die Tore verschlossen waren oder nicht.
Sie bemerkten nicht, wie weit und eisig dieser Heimweg in dieser dunklen, kalten Nacht war.
Und zwei Meter unter ihnen begann ein kleines Herz wieder zu schlagen.
Sie bemerken nicht, wie die Trauer sie innerlich auffra├č.
Und zwei Meter unter ihnen griff eine kleine Hand nach dem so vertrauten Kuscheltier und umfasste es sanft.
Sie bemerkten nicht, dass sie sich langsam, aber stetig voneinander abwendeten.
Und zwei Meter unter ihnen rief ein kleiner Junge im Dunkeln mit leiser Stimme nach seiner Mutter.
Sie bemerkten nicht, wie ihr Leben endg├╝ltig zerbrach.
Und zwei Meter unter ihnen?
Da wartete ein kleiner Junge auf eine Antwort seiner Mutter.
Er w├╝rde keine bekommen.



__________________
Olgeke

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