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Leselupe.de > Humor und Satire
Eitel 60plus
Eingestellt am 30. 12. 2010 18:26


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Vor Jahren hĂ€tte ich noch einen Eid darauf geleistet, vollkommen uneitel zu sein. Doch seit nicht allzu langer Zeit wĂŒrde ich damit wohl einen glatten Meineid schwören.
Ja, in meinem Alter. Wie peinlich. Bin inzwischen immerhin Rentner und habe die kommunale BĂŒroarbeitswelt vor gut drei Jahren im dafĂŒr noch ziemlich unĂŒblichen Alter von 65 Jahren verlassen. Schlimmer ist allerdings meine grundsĂ€tzliche Erkenntnis, dass sich in meinem Alter die wahren persönlichen Eigenheiten bei aller Gegenwehr kaum mehr verbergen lassen. Vermutlich reicht die altersbedingte Energie nicht mehr ganz aus, um mich glaubwĂŒrdig zu verstellen.
Am Einfachsten wĂ€re es zu jenen Offensichtlichkeiten ganz selbstverstĂ€ndlich zu stehen. Doch das wĂ€re fĂŒr mich weder einfach noch selbstverstĂ€ndlich. Nein, ich werde mich nicht einfach so gehen lassen. Ich bin offensichtlich wesentlich eitler, als ich es mir bisher eingestehen wollte.
FrĂŒher, in pubertĂ€ren und nachpubertĂ€ren Phasen, habe ich Figur, Frisur und Gangart möglichst unauffĂ€llig und bei raschem Vorbeigehen in spiegelnden Schaufensterscheiben kontrolliert. Ja, ich habe sogar versucht, mich auf diese Art zu bewundern. Die Gangart mĂ€nnlich wippend (heute wĂŒrde man cool sagen) zeigte Unternehmungslust. Breite Schultern habe ich geerbt. Der Bauch wies schon frĂŒhzeitig ein leichte Wölbung auf, von der ich nur durch tiefes Einatmen und Wölben des Brustkorbs ablenken konnte.
Und dann war da noch die mĂŒhsamst zu garnierende Entenschwanzfrisur des damals angesagtesten Rock en Rollers Elvis Presleys. Unter Mithilfe von ungeheuer viel Pomade und bei ziemlich langen Haaren musste die so zurĂŒckgekĂ€mmt werden, dass am Hinterkopf ĂŒber dem Hemden- oder Pulloverkragen ein Entenpurzel entstand. Der Sitz der Frisur musste stĂ€ndig ĂŒberprĂŒft werden, denn nahezu jeder Windhauch konnte die Frisur in Gefahr bringen.
NatĂŒrlich verglichen nur neidische LĂ€sterer und hinterwĂ€ldlerische Erwachsene (wie meine Eltern) das kunstvolle Haargebilde mit einem Entenschwanz. Bei uns hieß jene empfindliche Tolle selbstverstĂ€ndlich nur Elvis-Frisur.
Nun gut, das war in Zeiten, als Ă€ltere weibliche Teenager noch – warum auch immer – Backfische genannt wurden und mĂ€nnliche sich die Bezeichnung Halbstarke gefallen lassen mussten.
Doch heute - kaum zu glauben - heute begleitet mich in den Schaufensterscheiben der FußgĂ€ngerzone unserer rheinischen Stadt immer öfter einer, der es offenbar weniger eilig hat, als der Halbstarke von einst.
Denn mein altes Alter Ego hĂ€lt sich bedĂ€chtigen Schritts neben mir. Mein Kontrollblick achtet automatisch wieder auf Gang, Figur und Frisur. Der Gang ist noch relativ aufrecht, die Figur in Bauchhöhe ausladend und durch Atemtechnik kaum noch beeinflussbar und die pomadefreie Frisur relativ kurzhaarig und weniger fĂŒllig. DafĂŒr ersetzt ein Vollbart am Unterhaupt, was auf dem zu Lichtungen neigenden Oberhaupt fehlt.
Ein Grund, die berĂŒchtigte Schiebedachfrisur in ErwĂ€gung zu ziehen, besteht allerdings noch nicht. Jene, die mit tiefem Seitenscheitel, langem Deckhaar, von der Seite hochgekĂ€mmt mit viel Haarspray die Glatze abdeckt und bereits bei geringen WindstĂ€rken hoch klappt. Mit ihr werde ich mich wohl nie der LĂ€cherlichkeit preisgeben. Aber man soll nie nie sagen. Nein, dann doch lieber Vollglatze. Ist zurzeit ohnehin modern. Ich habe allerdings auch mit relativ vollen Haaren schon einen Kopf, der auf Luftzug empfindlich reagiert. Und ein MĂŒtzen- oder Hutgesicht habe ich ohnehin nicht. Da werden unweigerlich noch modische Wagnisse auf mich zukommen.
Auf mich zu kam allerdings kĂŒrzlich ein JĂŒngling, offenbar ebenso vertieft in sein wandelndes Abbild. Wir stießen Stirn an Stirn wie zwei Böcke ohne Gehörn. Die eine Stirn gefurcht und faltig, die andere glatt aber pickelig.
„Hey, Alter, kannst du nich aufpassen?“ Der Jungbock hielt sich mit der linken Hand den Kopf, wĂ€hrend er mit der rechten eine Hose hochzog, die einen so tiefen Schritt hatte, dass sich seine Knie vermutlichg nackt begegnen konnten und die weit unterhalb der Taille hing. In aller Ruhe prĂŒfte er zunĂ€chst deren Sitz im Schaufenster, atmete ein, blĂ€hte seinen Brustkorb auf, ballte die FĂ€uste und wollte rechts an mir vorbei. Ich wollte, zur Vorsicht eher defensiv gestimmt, links an ihm vorbei. Es kam diesmal nur zu einem Fastzusammenstoß, den jener schweigend, aber mit einem Ă€ußerst abfĂ€lligen Blick kommentierte.
Jetzt blieb ich noch einmal kurz vor dem spiegelnden Schaufenster stehen, fuhr mir durch die Haare, atmete tief ein und wieder aus und wollte konfliktfrei das Weite suchen.
„Wohl eitel, wa?“
Ich nickte. „Ja, wie richtige MĂ€nner wohl so sind.“
Der Knabe grinste, gab mir die Hand, genoss noch einen langen Kontrollblick ins Schaufenster und trollte sich. Als er um die nĂ€chste Straßenecke verschwand, prĂŒfte ich noch einmal kurz Gang, Figur und Frisur.






__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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