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Leselupe.de > Kurzgeschichten
El Floridita
Eingestellt am 07. 08. 2014 16:59


Autor
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Lomil
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2014

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Szene in einer Bar in Havanna.


Die Mahagoni get├Ąfelte Bar schimmerte matt mit ihrem dezent dunklen Interieur. Auf den schwarzen Holzkacheln des Schanktisches steht in stolzem Goldton "Wiege des Daiquiri" auf Spanisch und Englisch.
An der Theke im Barraum des El Floridita sitzt eine, von Jos├Ę Villa Soberon geschaffene bronzene lebensgro├če Figur von Hemingway, die jeden Tag von den Barkeepern einen Daiquiri vorgesetzt bekommt.

Mit ihren strumpflosen Zehen umklammerte sie die Fu├čst├╝tzen des Barhockers, wie ein Vogel die Stangen in seinem K├Ąfig. Ihre High Heels lagen achtlos davor. Sie war zu d├╝nn, wie das Kleid das sie trug, das mehr von ihrem K├Ârper zeigte als verdeckte. Zu d├╝nn f├╝r die klimafrostige K├Ąlte des El Floridita. Seit geraumer Zeit drehte sie eine Zigarette zwischen ihren Fingern hin und her. Eine gr├╝ndliche, von keiner Nervosit├Ąt gest├Ârte Handlung.
Der gro├če Spiegel hinter der Bar aus rautenf├Ârmig geschliffenem Glas, gab ihr Konterfei nur verzerrt wieder.
Die linke, mir zugewandte Seite ihres Profils war ebenm├Ą├čig mit ausgepr├Ągter, leicht gebogener Nase und hohen Wangenknochen. Schwarze Haare fielen in gro├čen Wellen ├╝ber ihre nackten Schultern und ein tief ins Gesicht fallender Pony veranlasste sie, ihn mit einer schnellen Kopfbewegung zur Seite zu bef├Ârdern, wenn er ihr die Sicht versperrte.

Es war nicht viel los um diese Zeit im El Floridita.
Antonio polierte Gl├Ąser. Mit bl├╝tenwei├čer Serviette. Wenn er eines poliert hatte, hielt er es gegen das Licht, um das Ergebnis seiner Arbeit zu begutachten.
Antonio war ein Schwarzer. Ein sehr schwarzer Schwarzer. Wie Gaze an den Gelenken eines edlen Rennpferdes wirkten die Manschetten seines wei├čen Hemdes, die ein paar Zentimeter unter den ├ärmeln seines schwarzen Jacketts herausschauten.

Mit Antonio konnte man ├╝ber alles reden und ├╝ber alles schweigen. Im Moment schwiegen wir. Die d├╝nne Frau, Antonio und ich.
Antonio stellte in einem dreigeteilten Sch├Ąlchen, Erdn├╝sse, Pistazien und Cashewkerne auf die Bar. Eines zwischen die d├╝nne Frau und mich. Sie beachtete es nicht. R├╝hrte jetzt gedankenverloren mit dem Strohhalm in ihrem Daiquiri. Legte ihn zur Seite und trank ein paar gierige Schlucke aus dem Glas und ein gurgelndes Ger├Ąusch verursachte.
Untypisch f├╝r eine Frau, dachte ich mir. Sie kam sich wohl unbeobachtet vor.

Ein Mitvierziger, mit pudelm├╝tzenartig, dauergewelltem Haar, gelockerter Krawatte und um die Schultern geh├Ąngtem Jackett betrat die Bar.

Galt das El Floridita fr├╝her als Treffpunkt von Gl├╝cksrittern, abgehalfterten Journalisten, eleganten Zuh├Ąlter und korrupten Diplomaten, so war es heute Anlaufstelle f├╝r Touristen. Auf keinen Barhockern der Welt haben mehr hochdekorierte Hintern gesessen. Scott Fitzgerald, J.D. Salinger, Spencer Tracy, Graham Green und allen voran der unverw├╝stliche Ernest Hemingway; der sich an diesem Ort bereitwillig dem Suff hingab.
Hemingways gefl├╝geltes Bekenntnis im El Floridita kennt jeder.
"My Daiquiri un El Floridita."
Hier fand er die Figuren seiner Storys. Zwielichte Typen allesamt und hierher lie├č er sie als Romanfiguren wieder zur├╝ckkehren.

"Is this seat free", fragte der Mann und deutete auf den freien Barhocker zwischen der d├╝nnen Frau und mir.
Ohne eine Antwort abzuwarten, hatte er ihn in Beschlag genommen. Er war so klein, dass seine F├╝├če die St├╝tzen des Hockers nicht erreichten und seine Beine hilflos in der Luft baumelten. Sah l├Ącherlich aus.

"Es este el Maestro?" fragte der kleine Mann und deutete auf den in Bronze gegossenen Hemingway.
"Si, Don Ernesto", antwortete Antonio.
"Hemingway speziale" orderte der kleine Mann und der d├╝nnen Frau zugewandt: "Would you like Drink?"
"Yes", antwortete sie mit tiefer, gutturaler Stimme, die so gar nicht zu ihrem knabenhaften K├Ârper paste.
Sie nahm ihr Glas und trank den verbliebenen Rest aus. Dazu legte sie den Kopf in den Nacken und ich fand, dass sie f├╝r eine Frau einen viel zu ausgepr├Ągten Kehlkopf hatte.
Antonio schob zwei Daiquiri ├╝ber die Theke wie Hemingway sie gerne trank. Mit doppelter Menge Grapefruitsaft und Maraschino, ohne Zucker.

"What is your name?", fragte der kleine Mann die d├╝nne Frau.
"Inez", sagte sie, wobei sie die Betonung auf die zweite Silbe legte.
"Nice name", sagte er.
Die Unterhaltung stockte. Der Mann begann Witze zu erz├Ąhlen. Bevor er einen neuen anfing fragte er: "Do you know my joke?"
Inez verneinte, sie kannte keine Witze. Der Mann erz├Ąhlte einen nach dem anderen. Er selbst lachte so laut ├╝ber seine Witze, dass es ihm das Wasser in die Augen trieb und er sich st├Ąndig auf die Oberschenkel schlug.
Inez lachte ein trockenes, rauchiges Lachen, ihrer Stimme entsprechend fast heiser. Auch Antonio und ich lachten. Ich lautlos und Antonio zur├╝ckhaltend, h├Âflichkeitshalber. Warscheinlich hatte er jeden einzelnen Witz schon hunderte Male geh├Ârt.

Der Witzeerz├Ąhler warf Cashewkerne in die Luft und fing sie mit offenstehendem Mund wieder auf. Inez versuchte es ihm gleichzutun. Es mi├člang. Der kleine Mann suchte die auf den Boden gefallenen N├╝sse wieder auf und warf sie in den Aschenbecher.
Er nahm einen f├╝nfzig Dollarschein aus einer Klammer mit einem dicken B├╝ndel Scheine und legte ihn auf die Theke.
Antnio nickte leicht mit dem Kopf und steckte das Geld kommentarlos in die Kasse.
Der Mann rutschte von seinem Hocker und st├╝tzte Inez, bis ihre F├╝├če Halt in den High Heels gefunden hatten.
Er legte seine Hand um ihre d├╝nne Taille und sie verlie├čen gemeinsam die Bar.

Antonio mixte einen neuen Daiquiri und stellte ihn vor Don Ernesto auf die Theke.

__________________
W├Ąhle einen Beruf den du liebst; und du brauchst in deinem Leben keinen Tag mehr zu arbeiten.

Konfuzius

Version vom 07. 08. 2014 16:59
Version vom 13. 08. 2014 14:03

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Lomil,

quote:
Dein Schreibstil gef├Ąllt mir sehr gut. Er schafft Atmosph├Ąre und ich kann mir die Bar und die Personen gut vorstellen.
von ilonab

Dem kann ich mich gut anschlie├čen. Ich kenne Havanna und habe auch dort in Bars gesessen, die afrokubanische Musik, die ich selber zeitweise getrommelt habe, inhaliert, und getanzt. Und auch mal etwas dazu geschrieben.
Vielleicht schaffst du es, daraus eine echte Kurzgeschichte zu machen, die einen Spannungsbogen aufzeigt. Denk mal dr├╝ber nach. Das Zeug dazu hast du.
quote:
An der Theke im Barraum des El Floridita sitzt eine, von Jos├Ę Villa Soberon geschaffene bronzene lebensgro├če Figur von Hemingway, die jeden Tag von den Barkeepern einen Daiquiri vorgesetzt bekommt.
Toller Gag. Stimmt das wirklich oder ist es erfunden? Es gibt doch das Hotelzimmer, in dem Hamingway gehaust hat, heute als Museumszimmer in dem Hotel, aber von B├╝sten anderswo hab ich noch nichts geh├Ârt.

Alles andere zum Formalen ist gesagt.
Eine Bewertung kommt von mir erst, wenn eine ├╝berarbeitete Version fertig ist. Ich mag es nicht, wenn die erste Version ohne Chance f├╝r den Autor zur Verbesserung bewertungsm├Ą├čig niedergemacht wird.
LG USch

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James Blond
???
Registriert: Aug 2014

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Ich war zwar noch nicht in Havanna, aber das Athmosph├Ąrische der Schilderung ├╝bertr├Ągt sich auch ohne Vorkenntnisse, zudem ist wohl fast jeder Leser mit entsprechenden Berichten ├╝ber Hemingway's Stammkneipe bereits vorgeimpft.

Ein musealer Ort, dessen einstige Authentizit├Ąt l├Ąngst der Touristifizierung geopfert wurde und der jetzt als Devisenbringer mit den ├╝blichen Dienstleistungen dieses Gewerbes seine Leblosigkeit nur notd├╝rftig kaschiert.

Dementsprechend wimmelt es hier auch von Klischees: Der schwarze Barkeeper, allwissend und verschwiegen, die Nutte vom Dienst, gelangweilt, abgetakelt und vermutlich auch noch von m├Ąnnlicher Bauart, der Tourist, aufdringlich und selbstgef├Ąllig protzend. Was allerdings der Ich-Erz├Ąhler in dieser Szene verloren hat, erschlie├čt sich mir nicht ganz. Zwar ist er Beobachter und Gedankenlieferant, allerdings ginge von der Wirkung kaum etwas verloren, w├╝rde die Schilderung auf seine Person und ├ťberlegungen verzichten, denn Klischees sind zu verst├Ąndlich, als dass sie noch der erl├Ąuternden Moderation bed├╝rften.

Nein, die Klischees kennt man zur Gen├╝ge, der Reiz der Schilderung erw├Ąchst aus den Nebens├Ąchlichkeiten, aus der originellen Art ihrer Beschreibung. Leider aber auch viele Fehler und Schw├Ąchen.

Die Einleitung steht teilweise im Pr├Ąsens.

quote:
Mit ihren strumpflosen Zehen umklammerte sie die Fu├čst├╝tzen des Barhockers, wie ein Vogel die Stangen in seinem K├Ąfig.

Die Passage eignet sich schlecht zur Einf├╝hrung der Person. Der (m├Ąnnliche) Blick auf eine Frau beginnt nicht bei den F├╝├čen.

quote:
klimafrostige Athmosph├Ąre
Irref├╝hrender Begriff: Gemeint ist hier wohl die klimatisierte K├Ąlte des Innenraumes, weniger eine frostige Athmosph├Ąre aus emotionaler K├Ąlte.

Tippfehler:
quote:
Gesich

Stilbl├╝ten:
quote:
Wenn er hinten fertig war, fing er vorne wieder an.
... Antonio war ein Schwarzer.

Wortfehler:
quote:
Mehrsprachlichkeit


Formulierung:
quote:
... , was ein gurgelndes Ger├Ąusch hinterlie├č.
Besser: "erzeugte", Ger├Ąusche sind zumeist fl├╝chtig.


Schreibfehler:
quote:
Jakett


Behauptung:
quote:
Auf keinen Barhockern der Welt haben mehr nobelpreisgekr├Ânte Hintern gesessen.
Selbst Hemingway hatte nur einen Hintern und das zuvor erw├Ąhnte Gesocks der fr├╝heren Besucher war nicht gerade nobelpreisverd├Ąchtig.

Tippfehler
quote:
komentarlos


quote:
Der Mann rutschte von seinem Hocker und st├╝tzte Inez, bis ihre F├╝├če Halt in den High Heels gefunden hatten.

F├╝r mich ist dies die st├Ąrkste Szene in der Schilderung, weil hier etwas jenseits der Klischees durchschimmert, ohne dass es anschlie├čend von weiteren Erkl├Ąrungen erschlagen wird.

Tipps:
Weniger ist mehr! Bleib bei Andeutungen und ├╝berlasse dem Leser die Freiheit seiner Entdeckungen. Bewahre ihn vor dem Holzhammer klischeehafter ├ťbertreibung, es sei denn, es geht um eine Satire, etc. ├ťbersch├╝tte ihn nicht mit ├╝berfl├╝ssigen Erl├Ąuterungen.

LG JB


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