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Leselupe.de > Kurzgeschichten
El Vulcano
Eingestellt am 19. 05. 2012 10:30


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Mellieha
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2012

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Anja starrte entsetzt auf ihren Bildschirm. Der Tag im BĂŒro hatte ruhig begonnen, bis sie ihre E-Mails abrief. Die Verkaufsabteilung hatte die Hiobsbotschaft einfach ĂŒber sie mitgeteilt. Offensichtlich schien man Mist gebaut zu haben, richtigen Bockmist, denn mit solch einem Fehler, der hier beschrieben wurde, hörte der Spaß auf. Man schien wohl den einfachsten Weg gegangen zu sein, indem man die Botschaft im Postfach der SekretĂ€rin ablud.

„El Vulcano“, wie ihn alle unter vorgehaltener Hand nannten, war in sĂ€mtlichen Abteilungen wegen seiner unkontrollierten WutausbrĂŒche gefĂŒrchtet und niemand wollte mit ihm mehr zu tun haben als unbedingt nötig. Diese feigen Vertriebsschweine, dachte sich Anja. Lassen sie mich die Drecksarbeit machen, anstatt selbst um ein GesprĂ€ch zu bitten.

El Vulcano benutzte alle Mitarbeiter schamlos als Blitzableiter, auch Anja. Niemand wusste, weshalb BĂŒttner, so lautete sein richtiger Name, stĂ€ndig die Nerven verlor und seine Mitarbeiter selbst bei Kleinigkeiten in persönliche Not brachte. Der Firma ging es an sich gut, die UmsĂ€tze stimmten und im Gegensatz zur Konkurrenz musste niemand entlassen werden. Im Gegenteil, kĂŒrzlich wurden sogar zusĂ€tzliche Stellen besetzt, weil man es geschafft hatte, einen ganz großen Fisch als neuen Kunden an den Haken zu bekommen.

Es half ja nichts. Anja musste nun schnell handeln, eine Zeitverzögerung wĂŒrde die Sache nur noch schlimmer machen. Mit einem grummelnden GefĂŒhl in der Magengegend druckte sie die E-Mail mit der Schreckensnachricht aus und zog das frisch gedruckte Blatt Papier zittrig aus dem Drucker. Dabei spĂŒrte sie, wie schweißbenetzt ihre HĂ€nde waren. Sie hasste ihren Job, schon Tausend Mal hĂ€tte sie am liebsten alles hingeworfen, aber das war unmöglich. Schließlich wollte sie ihrer kleinen Tochter eine sorgenfreie Zukunft bieten, sie war ihr Ein und Alles, und ihrer Mutter steckte sie ab und an Geldscheine zu, deren schmale Witwenrente reichte einfach vorne und hinten nicht.

Sie hatte sich heute wenigstens in Schale geworfen. Das körperbetonte Sommerkleid brachte ihre Attribute zur Geltung und der großzĂŒgige Ausschnitt ließ tief blicken und mĂ€nnliche Fantasien aufblĂŒhen. Ihre Kollegin hatte ihr einen Tipp gegeben. „Zieh dich an wie die Kerle das geil finden und du hast die halbe Miete! Ist zwar lĂ€cherlich, aber wenn die alten SĂ€cke das so wollen, bitteschön! Der olle BĂŒttner ist auch so ein Stieraffe, lenk ihn einfach ein bisschen ab.“ Diesen Rat hatte sie beherzigt.

Anjas Schuhe hallten durch den Flur. Mit dem StĂŒck Papier in der Hand nĂ€herte sie sich El Vulcanos BĂŒro am Ende des Flures. Je nĂ€her sie kam, je stĂ€rker spĂŒrte sie ihr Herz pochen, so laut, dass sie meinte, jeder könne es im Umkreis von 100 Metern hören.

Sie klopfte an die TĂŒr und trat ein. In diesem ĂŒberdimensioniertem BĂŒro des Chefs fĂŒhlte sie sich schon allein von der GrĂ¶ĂŸer her verloren. Das Gemetzel konnte beginnen.

„Was is?!“
BĂŒttner saß vor seinem PC und hĂ€mmerte fluchend auf der Tastatur herum. Nicht einmal ein Guten Morgen hatte er fĂŒr seine Angestellten ĂŒbrig.
Sie kam sofort zur Sache, um es hinter sich zu bringen. Nur so schnell wie möglich dieser Hölle entrinnen!
„Die Vertriebsabteilung hat soeben mitgeteilt, dass es einen schwerwiegenden Produktionsfehler in der Serie „Espanina“ gab und möchte nun wissen, wie verfahren werden soll.“
BĂŒttner sprang schlagartig so heftig aus seinem Stuhl auf, dass dieser fast umfiel.
„Sind die bekloppt? Die Serie muss nĂ€chsten Monat ausgeliefert werden, haben die einen Knall, diese Schwachmaten!?“

Wie ein Gummiball hĂŒpfte sein beleibter Körper auf und ab. Er lief puterrot an, schnaufte laut und rang Ă€chzend nach Luft, als ob ihm gerade jemand den Ausbruch eines Atomkrieges mitgeteilt hĂ€tte. Dabei schien er selbst die Atombombe zu sein, daran bestand momentan kein Zweifel. Sie ĂŒberlegte, ob sie ihn irgendwie beruhigen konnte, denn andernfalls wĂŒrde der ZĂŒnder entfacht und der große Knall wĂ€re unvermeidlich. Aber ihr fiel nichts ein und er polterte weiter.

„Mir ist das mittlerweile alles scheißegal, ich mach den Laden dicht und dann sollen diese hirnverbrannten Trottel doch selber sehen wo sie bleiben, ich hab das nicht nötig, nimmt hier keiner RĂŒcksicht auf mein Alter? Jahrzehnte lang leite ich diesen Laden, trage Verantwortung fĂŒr 70 Menschen und stĂ€ndig muss ich mich mit menschlichen Fehlern rumschlagen, kein ordentliches Personal mehr, keiner mehr, der fĂŒr seine Fehler geradesteht! Alles nur noch feige Luschen!“

Er tobte. Aber nun kam er erst richtig in Fahrt.
„Wahrscheinlich will’s wieder keiner gewesen sein, wenn ich da runtergehe und nach Ursachen frage. Wird wieder ein Marder in die Produktionsmaschine gekrochen sein oder ein Windhauch hat reingeweht oder was weiß ich. Alles feige Ausreden. Aber glauben Sie, diese Vollpfosten wĂŒrden mal einen Fehler offen eingestehen? Das verzögert die Sache doch nur und man weiß bei diesen Burschen nie woran man ist. Ich will Klarheit und kein Wischiwaschi! Ist doch wahr, da brauchen Sie gar nicht so zu glotzen!“

El Vulcano zĂŒndete sich nervös eine Zigarette, inhalierte tief und blies den Rauch mit einem harten Stoß aus. Er starrte sie hasserfĂŒllt mit funkelnden Augen an, dabei hatte sie ihm doch nur die Botschaft ĂŒberbracht, fĂŒr deren Inhalt sie keinerlei Verantwortung trug.

Ich mache es jetzt wie er, sonst drehe ich noch durch, schoss es ihr blitzartig durch den Kopf. Das schien ihr die einzige Möglichkeit, wenn sie nicht wieder wie die letzte TrÀne dastehen wollte und das galt es schon allein ihrer Selbstachtung wegen endlich zu verhindern.
Sie nahm all ihren Mut zusammen, und gerade als er zur nÀchsten Salve ansetzen wollte, trat Anja einen Schritt nach vorne.
„Herr BĂŒttner, Sie haben ja so Recht! Mir schreiben diese Idioten einfach eine E-Mail, frei nach dem Motto, soll doch die blöde BĂŒroziege den Ärger ausbaden, wir sind ja weit weg von El Vulcano, lassen wir doch andere den Dreck erledigen. Aber nicht mehr mit mir, es reicht! Ich geh jetzt da runter und frage mal, ob sie noch alle Sinne beisammen haben. Ich hab keine Lust mehr mich fĂŒr andere runtermachen zu lassen. Diese feigen Schweine! BrĂŒllen Sie doch die an, die es betrifft!“

BĂŒttner wurde plötzlich ruhig. Sie zog ihr Kleid zurecht und bemerkte, wie er ihr in den Ausschnitt starrte.
„Ja, da brauchen Sie jetzt aber nicht zu glotzen, ich hab die Schnauze voll!“ setzte sie nach.
Sie wollte sich herumdrehen und zur TĂŒr hinausgehen, als er sie zum Bleiben aufforderte.
„Moment mal, hiergeblieben!“ Das konnte er nicht durchgehen lassen, sie einfach so gehen zu lassen.
„El Vulcano?“ fragte er erstaunt und blickte sie entgeistert an.
„Schauen Sie in den Spiegel, dann sehen Sie ihn.“
Nun wollte sie endgĂŒltig raus aus diesem Gefecht, aber er ließ sie nicht gehen.
„So viel Feuer in Ihnen kenne ich gar nicht, Sie sind doch sonst auch so ein DuckmĂ€user wie all die anderen. Setzen Sie sich mal zu mir, SchĂ€tzchen.“

Er nickte ihr mit gespielter Freundlichkeit zu und wies nun mit einer gönnerhaften Geste auf die Ledercouch in der Ecke seines BĂŒros, goss ihr einen Kaffee ein und forderte sie auf, sich hinzusetzen. Anja fand seine plötzlich gespielte vĂ€terliche Art einfach widerlich. Sie wollte einfach nur verschwinden, nahm aber trotzdem widerwillig Platz, was blieb ihr auch anderes ĂŒbrig. Sie nippte am Kaffee und begann zu erzĂ€hlen, in der Reihenfolge wie es ihr in den Sinn kam. Wie man ihn nennen wĂŒrde, was sie von ihm und alle anderen in der Firma von ihm hielten und dass am liebsten alle weglaufen wĂŒrden, aber das nicht könnten, weil die persönlichen VerhĂ€ltnisse das nicht zuließen. Es war schonungslos und sie ließ nichts aus.

All ihre Angst war verflogen. Sie redete nur noch, obwohl sie wusste, dass sie das Kopf und Kragen kosten konnte, was sie da ausplauderte, aber sie erzĂ€hlte weiter, die aufgestaute Wut in ihr ließ keine andere Möglichkeit zu. Es war befreiend und ihre Angst wich nun einem GefĂŒhl von Selbstbewusstsein. Endlich nannte mal jemand die Dinge beim Namen und das war ausgerechnet sie, die kleine SekretĂ€rin. Sie redete so lange, bis alles aus ihr herausgesprudelt war und es brachte sie auch nicht aus der Fassung, dass er ihr weiter auf den Busen gaffte. Sie fĂŒhlte sich seltsamerweise richtig gut.

El Vulcano lehnte sich zurĂŒck und zog an einer Zigarette. Plötzlich war Totenstille im Raum. Er sah sie eine Weile schweigend an.
„Nun schmeiße ich den Laden hier schon etliche Jahre, aber niemals hatte jemand die Chuzpe, mir Paroli zu bieten. Irgendwie habe ich auf diesen Tag gewartet, aber er kam nie. Jetzt ist er da.“
Anja schaute ihn mit festem Blick an. „Wer will schon einen Vulkan brennen sehen?“ entgegnete sie ihm. Er lĂ€chelte.
„Sie sind die einzige hier, die ihre Meinung endlich mal offen vertritt, das gefĂ€llt mir.“

Dann begann er zu erzĂ€hlen, in einem solch ruhigen Tonfall, wie sie ihn in diesem Zimmer noch nie erlebt hatte. Sie hörte, wie er davon sprach, die Firma aufgebaut zu haben und egal um was es gegangen sei, immer hĂ€tten die Mitarbeiter gekuscht, AusflĂŒchte bei Fehlern gesucht und bei jeder Kleinigkeit den Schwanz eingezogen. Kaum hĂ€tte er die ehrliche Meinung seiner Belegschaft gehört und eines Tages sei ihm bewusst geworden, wie weit verbreitet dieses Verhalten in der Bevölkerung sei. Alle wĂŒrden hinter vorgehaltener Hand jammern, aber nie jemand aufstehen und eine bewusste VerĂ€nderung dessen herbeifĂŒhren, was ihn zutiefst stört. Niemand sei bereit, Fehler einzugestehen. Dann sei ihm in den Sinn gekommen, das Ganze als Experiment zu sehen und zu testen, wie weit man gehen kann, bis eine Revolte ausbrechen wĂŒrde. Aber es geschah nichts. Und so musste er seine Rolle als Kotzbrocken immer weiter spielen, obwohl ihm dies auf Dauer völlig gegen den Strich ging. Der heutige Tag sei ein kleiner Lichtblick fĂŒr ihn.
„Sie feuern mich also nicht?“
Er grinste breit.
„Aber nicht doch, Sie sind die einzige Mitarbeiterin, bei der ich nun weiß was sie denkt. Machen Sie weiter so und nĂ€chstes Mal beantworten Sie solche E-Mails einfach und sagen denen da unten, sie sollen sich gefĂ€lligst selbst hier heraufbemĂŒhen. Mal sehen, ob die sich auch so schlagen wie Sie.“
BĂŒttner kicherte.
Anja nickte und dachte nach. Verdammt, der alte Sack hatte recht. Gedanken schossen durch ihren Kopf. In der Schule ihrer Tochter fehlten Geldmittel an allen Ecken und Enden, ihre Freundin musste sich mit Billigjobs ĂŒber Wasser halten und sich anhören, sie solle froh sein, ĂŒberhaupt arbeiten zu dĂŒrfen und wenn Anja zum Arzt ging, musste sie trotz ihrer geleisteten BeitrĂ€ge jedes Mal aus ihrer Tasche Zuzahlungen leisten. Wenn sie weiter nachdachte, wĂŒrde ihr noch viel mehr einfallen, was faul war. Hier in der Firma war es doch nicht anders. Alle jammerten, aber keiner traute sich den Mund aufzumachen.
„Herr BĂŒttner, kann ich heute frĂŒher Feierabend machen und Überstunden abbummeln?“
Er lachte auf. „Sie haben wohl heute genug von mir, wie?“
„In der Schule meiner Tochter schimmelt die Turnhalle, es fehlt an Lehrmitteln und Lehrern. Seit langem wird diskutiert, aber nichts passiert. Ich denke heute ist ein guter Tag, den Herren in den oberen Etagen der Stadt einen Besuch abzustatten.“
BĂŒttner nickte zustimmend und hob den Daumen hoch. Endlich bewegte sich etwas.

Anja genoss ihr neues GefĂŒhl von StĂ€rke. Hoffentlich hielt es lange an, denn es gab noch viel zu tun.


Version vom 19. 05. 2012 10:30

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Mellieha
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Hallo Uwe,

danke fĂŒrs Feedback!
Ich habe eben noch ein paar kleine Schreibfehler beseitigt und hoffe, dass ich nicht zu "betriebsblind" bin und grobe Fehler ĂŒbersehen habe.

GrĂŒĂŸe
Tina

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Mellieha
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Hallo Gonzo,

danke fĂŒr die Blumen. :-)

Ob ich persönliche Erfahrungen habe? Mir selbst ist diese Geschichte nicht passiert. Die Idee kam mir, weil mir immer wieder auffĂ€llt, wie sehr sich Bedingungen gerade bei ArbeitsverhĂ€ltnisen ins Negative verĂ€ndern, sich Betroffene dann darĂŒber beklagen, aber weder Energie noch Mut haben, dagegenzustehen. Oder sie lassen sich von "DrohgebĂ€rden" klein machen und so dreht sich die Spirale immer weiter nach unten. Dass Arbeitgeber sich immer mehr "herausnehmen", hat meiner Meinung auch damit zu tun, dass wir uns insgesamt immer mehr bieten lassen, man sieht es ja auch an der Politik. Da wird immer mehr Unfug beschlossen und die große Mehrheit lĂ€sst sich das gefallen, anstatt auf die Straße zu gehen. Ich erwische mich auch ab und an dabei. :-)

Umfangreiches Thema, wenn man genauer darĂŒber nachdenkt. Eigentlich geht es ja auch darum, was man sich selbst wert ist.

Ob Anja ihr Vorhaben durchhĂ€lt? Ich drĂŒcke ihr und allen anderen in solchen Situationen fest die Daumen. :-)

GrĂŒĂŸe

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