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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eleanore
Eingestellt am 04. 09. 2002 16:39


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tinta
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Registriert: Jun 2002

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Sie hie├č Eleanore. Zumindest habe ich sie so genannt. Der Mensch braucht schlie├člich einen Namen, oder? An den Namen gebunden ist immer eine Geschichte. Eltern, die einem den Namen gaben. Eine Kindheit. Weil ich nicht fragen mochte, taufte ich sie auf den Namen Eleanore. Immer, wenn sie kam, huschte ein L├Ącheln ├╝ber meine Lippen. Nicht, dass ich sie n├Ąher gekannt h├Ątte. Das nicht. Es war einfach so, dass ich mich, nun ja, wenn ich sie in meiner N├Ąhe wusste, da f├╝hlte ich mich gleich um ein paar Nuancen besser. Eleanore kam immer um die gleiche Zeit. Ich stellte mir vor, dass sie vielleicht von der Arbeit k├Ąme und nun nach Hause ginge. Andererseits hatte sie nie wie die meisten anderen Frauen eine Einkaufstasche dabei. Keine Familie, schloss ich daraus. Eleanore lief meistens gegen 13.35 Uhr raschen Schrittes an meiner Bank und mir vorbei. Aber nur von Montags bis Freitags. Ich folgerte daraus, dass sie von der Arbeit k├Ąme. Vielleicht war sie Verk├Ąuferin. Oder Haush├Ąlterin. Kinderg├Ąrtnerin? Nein, nein, eine Kinderg├Ąrtnerin kann sie gar nicht sein. Die sind nicht geschminkt. Eleanore aber hatte stets ein frisches Rot auf den Lippen, die Wimpern dezent geschw├Ąrzt.

Ich stellte mir vor, dass sie vielleicht in einer Beratungsstelle arbeitet. Ja, genau. Sicher half sie anderen Menschen. Eleanore in der Beratungsstelle gefiel mir am besten. Jeden Tag, w├Ąhrend des endlosen Wartens auf Eleanore, entwarf ich eine neue Geschichte. Eleanore, das unbekannte Wesen, nahm immer mehr Z├╝ge an. Meine Eleanore. Ein erhabener Mensch! Wie viel ich schon von ihr wusste! Sie hingegen nahm mich nicht einmal wahr. Wortlos ging sie Tag f├╝r Tag an mir vorbei. Ohne mich auch nur eines einzigen Blickes zu w├╝rdigen.

„Tach!“, sagte ich. Jedes Mal. Eleanore ging schnurstracks an mir vorbei. Sie sah mich einfach nicht. Erst war es mir gar nicht bewusst, warum sie mich offenbar mit voller Absicht missachtete. Als der verr├╝ckte Willi mich beiseite nahm, weil er, wie er sich ausdr├╝ckte, mal endlich Tacheles mit mir reden wollte, da, nun ja, ich gebe es zu, da war ich ehrlich betroffen. Nein. Ich will ehrlich sein: Ich war beleidigt. Sehr sogar. Und w├╝tend. Den ganzen Abend lang ├╝berlegte ich mir, wie ich sie strafen k├Ânnte. F├╝r ihre Haltung. Ihre Intoleranz.

Herrgott, fl├╝sterte ich und warf dem da oben einen flehenden Blick zu, das Gl├╝ck ist immer nur mit den Dummen. Warum nur hast Du mich so schlau gemacht? Der Herrgott antwortete mir nicht direkt, vielmehr schickte er mir einen Regenerguss zum Gru├č. Am n├Ąchsten Tag lauerte ich bereits um 13 Uhr auf meiner Parkbank. Fr├╝chtchen, Du wirst mir nicht entkommen, dachte ich. Na warte, heute wirst Du was erleben! Ungl├╝cklicherweise verliert der Mensch, wenn er unendlich viel Zeit hat am Tag, g├Ąnzlich das Gef├╝hl f├╝r die Abst├Ąnde zwischen Erwachen und Schlaf. Mein Tag ist eine schier endlose Aneinanderreihung von einzelnen Augenblicken. Situationen. Perle an Perle reihen sie sich aneinander. Da sind die Momente des vollkommenen Gl├╝cks – genau dann, wenn ich auf meiner Bank sitze, sie haben sie gerade erst gr├╝n angestrichen... ja, wenn ich am Rhein bin und den Schiffen nachsehe, so lange, bis mir die Augen tr├Ąnen, dann f├╝hle ich es wie eine Woge, die mich ├╝berflutet. Ein Gef├╝hl, wie ich es von ganz fr├╝her her kenne. Wenn man dieses Kribbeln in sich hat und die Mundwinkel sich ganz leicht nach oben richten. Wenn die W├Ąrme sich in der Magengegend ausbreitet. Ganz tief in mir drin.

Gl├╝ck reiht sich an Ersch├Âpfung – immer dann, wenn ich es gr├╝ndlich satt habe. An Verbitterung, wenn ich des Bettelns m├╝de und der absch├Ątzigen Blicke der Beamten ├╝berdr├╝ssig bin. An Geborgenheit – meist, wenn ich mit Willi zusammen bin, an Erinnerungen, ach, die Kette scheint endlos zu sein.

Allerdings, ohne ein Ma├č verrinnen die Minuten, sie werden zu Stunden und die Stunden werden zu Tagen und doch, wenn ich mit dem verr├╝ckten Willi zusammen bin, dann kann die Sonne untergehen, ohne dass wir es auch nur im entferntesten bemerkt h├Ątten. Damit die Minuten, genau waren es immerhin 35, nicht zur unendlichen Qual w├╝rden, zog ich meine Armbanduhr aus der Manteltasche. Sie sieht ein bisschen zerrupft aus, wie ein Torso vielleicht oder eine Kaulquappe ohne Schwanz. Das Armband hatte ich vor langer Zeit einmal Willi gegeben.

Er hatte mir daf├╝r etwas Warmes gebracht, als es drau├čen k├Ąlter wurde. Ich betrachtete die Uhr, drehte sie auf den R├╝cken und strich mit dem Zeigefinger, ich sollte wirklich einmal etwas tun gegen die Nikotinverf├Ąrbung, Damen m├Âgen so etwas nicht, ├╝ber die Gravur. F├╝r Kurt – In Liebe, Mine 1965

Das war lange her. Unwirsch sch├╝ttelte ich den Kopf und legte die Uhr neben mich auf die Parkbank. Nein, zu weit weg. Sie sollte nicht glauben, dass ich auf sie wartete. Das nicht. Ich schob die Uhr unauff├Ąllig an mich heran. So dass mein Bein sie fast ber├╝hrte. Noch 13 Minuten. Na, die wird Augen machen. Sie wird schon merken, dass das so nicht geht. Ich sah gerade zwei Kindern zu, die die Schiffe beobachteten und sich gegenseitig erz├Ąhlten, dass sie schon mal Kapit├Ąn waren, da bog sie um die Ecke. Ein rascher Blick zur Uhr. 13.32 Uhr. „Ich auch!“ schrie das eine Kind. „Ich war schon mal Kapit├Ąn auf einem Hochseedampfer. Ehrlich!“
Sie kam n├Ąher. Ich zog mir meine Hutkrempe etwas tiefer. Be├Ąugte sie aus dem Augenwinkel. Sie beobachtete mich, ganz klar. Da kann mir keiner was vormachen, so etwas merke ich genau. Jetzt! Jetzt! Jetzt hatte sie meine Parkbank erreicht. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, sah blitzschnell hoch zu ihr. Sagte aber nichts. Kein „Tach!“ wie sonst. Nichts. Mucksm├Ąuschenstill blieb ich. Da stutzte sie. Eindeutig, ich hatte sie verunsichert. Sie verlangsamte ihren Schritt, sah herunter zu mir. Sie sah mich an!

Sie sah mich an. „’ten Tag!“, gr├╝├čte sie. Sie hatte mich gegr├╝├čt! Also doch! Also hat sie mich sehr wohl wahr genommen. All die vielen Male schon. In denen sie gru├člos an mir vorbeilief. Sie hatte mich gegr├╝├čt! Schon hatte sie wieder ihr gewohntes Schritt-Tempo erreicht. „Tach!“ rief ich ihr nach.
Den restlichen Tag verbrachte ich mit dem verr├╝ckten Willi. Den ganzen Nachmittag berichtete ich, immer wieder von neuem und jedes Mal in noch bunteren Farben, von meinem Treffen mit Eleanore.
„Willste sie wiedersehen?“ fragte der verr├╝ckte Willi.
„Aber nat├╝rlich! Gleich morgen werde ich wieder an unserem Treffpunkt sein.“
„Sagste zuerss’ Tach oder sie?“ Ich stutzte. Dar├╝ber hatte ich noch nicht nachgedacht.
„Hier“, sagte Willi und gab mir ein in Fettpapier eingewickeltes Etwas.
„Iss Schildpatt“, fl├╝sterte er mit Verschw├Ârermiene, w├Ąhrend ich vorsichtig das Papier auseinander faltete. Mit zusammen gekniffenen Augen blickte Willi zu beiden Seiten, so, als erwartete er jeden Augenblick festgenommen zu werden.
„Iss zwar verboten, aber glaub’ mir, ohne diesen Kamm geht gar nix! Nur mit diesem Kamm kriegste ihn hin!“
„Wen?“ fragte ich, zugegebenerma├čen etwas begriffsstutzig.
„’n richtigen Schwung, Mann!“ Mit Willis Hilfe habe ich mir eine Tolle frisiert so wie fr├╝her.
„Aber das tr├Ągt man doch gar nicht mehr!“ wagte ich einzuwenden.
Willi machte eine wegwerfende Bewegung. „Menschenskinder! Abheben musste Dich! Sonst merkt se wieder nix!“
Das leuchtete mir ein. Ich nickte ernst.
„Und? Wirste se nu’ zuerss’ ansprechen oder nich’?“
„Willi! Das wird man sehen“, antwortete ich bissig und versuchte ein souver├Ąnes Gesicht. Die ganze Nacht zerbrach ich mir den Kopf dar├╝ber.

Am n├Ąchsten Tag, p├╝nktlich wie sonst auch kam sie wieder zu meiner Bank. Zur Feier des Tages hatte ich eine wei├če Nelke ins Knopfloch gesteckt. Mir das Haar frisch gewaschen.

Sie muss etwas bemerkt haben, denn wieder verlangsamte sich ihr Schritt – ├╝brigens war sie heute ├╝berp├╝nktlich, sicher hatte sie sich m├Ąchtig ins Zeug gelegt. Ein Blick auf meine Armbanduhr best├Ątigte es mir: Genau 13.27 Uhr war es, als sie um die Ecke bog, die die Strasse vom Park trennt. In H├Âhe meiner Bank stockte sie pl├Âtzlich, unschl├╝ssig blieb sie stehen. Genau vor mir. Ein Bein l├Ąssig zur Seite ge├Âffnet, das andere stand fest auf dem Boden. Sie tr├Ągt hohe Schuhe, dachte ich. Sah hoch zu ihr.
„Tach!“
„Ach was! Ich setz’ mich ein paar Minuten zu Dir, Opa“, sagte sie.
„Wie haben Sie mich genannt?“ fragte ich. Da hoffte ich immer noch, mich verh├Ârt zu haben.
„Alterchen! Nun sei mal nicht gleich beleidigt! K├Ânntest doch mein Opa sein!“

Stille. Bis auf die V├Âgel. Die zwitscherten. Ich hockte da mit einer Grabesmiene. Neben mir Eleanore.
„Mensch, Opa, Du sagst ja gar nichts mehr! Was hast Du denn?“

Ich w├╝nschte, Eleanore h├Ątte mich nicht angesprochen. Ich w├╝nschte, sie w├Ąre wie sonst an mir vorbeigelaufen. Vielleicht mit einem freundlichen Gru├č auf den Lippen. Vielleicht ein kurzer Blickwechsel. Alles, ja, wahrlich alles w├Ąre besser gewesen als das.

Ich sah auf den Rhein. Die Schiffe zogen unbeirrt an mir vorbei. Wie sonst auch. Auf der anderen Seite des Rheins waren Leute. Die lie├čen einen Drachen steigen. Nichts war passiert. F├╝r diese Leute nicht.

__________________
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Hallo tinta,

das ist ein sehr einf├╝hlsam geschriebener Text. Auch wenn ich noch nie als Bettler irgendwo auf einer Bank gesessen bin, kann ich mir gut vorstellen, da├č es genau so geschehen k├Ânnte. Diese Entfernung von der Realit├Ąt nach Jahren, in denen man nicht mehr wirklich dazugeh├Ârt hat. Liebevoll trotzdem in dieser Freundschaft zu dem "verr├╝ckten Willi", aber eben doch auch selbst "verr├╝ckt". Die Pointe am Schlu├č, belustigend und schmerzhaft traurig gleichzeitig. Sch├Ân gemacht.

Liebe Gr├╝├če

Natalie

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Shaiku Narim
???
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Auch mir gef├Ąllt deine Geschichte gut.
Sie ist so fesselnd, dass ich sie mir durchgelesen habe (und ich bin eine lnagsame Leserin) obwohl ich eigentlich gar keine Zeit habe.
Das ist fantastisch!

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tinta
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2002

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Kommentare: 39
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Eleanore

Hy, nun habe ich es endlich raus, wie man online antwortet. Ich habe mich sehr gefreut ├╝ber Eure Kommentare! Zumal "Eleanore" auch f├╝r mich Neuland war. Merci!
Tinta
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