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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Elend
Eingestellt am 01. 08. 2002 00:59


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bosbach46
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Elend

Der Tag, an dem mich das Verh├Ąngnis wie eine Flutwelle ├╝bersp├╝lte, begann zumindest f├╝r meinen Hund erfolgreich.Mit drei knappen, schnellen Spr├╝ngen erhaschte Asper, ein flinker Border, ein ausgewachsenes Kaninchen.

Der Hund ri├č den Bauchraum seiner Beute auf und verschlang die Eingeweide. Zuhause kotzte der K├Âter an mehreren Stellen den Steinfu├čboden des Wohnzimmers voll. Zuletzt beschlo├č er den Perser als Unterlage seiner W├╝rgeanf├Ąlle zu benutzen.

B├Âse, fragte ich, ob er ins Tierheim wolle. Nachdem ich seine schleimigen, grauen Ausw├╝rfe entfernt hatte, entnahm ich dem Erdnu├čsack einige N├╝sse. Knabbern beruhigt!

Nur schossen die N├╝sse, wenn ich die Schale zerquetschte, aus ihr hinaus. Wie Raketen flogen sie ins Wohnzimmer hinein. Der Hund rannte den Kernen aufgeregt hinter her. Sie schmeckten ihm.

Angesichts meiner Unf├Ąhigkeit N├╝sse zu knacken und sie auch essen zu k├Ânnen, entnahm ich dem B├╝cherregal meiner Frau ein medizinisches Fachlexikon. Vielleicht hatte meine Ungeschicklichkeit mit einem beginnenden Parkinson zu tun. Oder sie war der Anfang eines anderen schrecklichen Siechtums.

Ich w├╝rde also in einem Rollstuhl sitzen m├╝ssen. Speichel w├╝rde aus meinem Mund rinnen. Mit weit aufgerissenen Augen w├╝rde ich meine Pfleger betrachten und nicht begreifen, wer sie waren. Eine grauenvolle Zukunft!

Die Frage war nur, welchen Rollstuhl ich vorzugsweise benutzen wollte. Irgendein klobiges, schweres Kassenmodell w├╝rde meinen unvermeidlichen Leidensweg unn├Âtigerweise verschlimmern. Also bestellte ich einen bequemen Komfortrolli, der schnellstens von meinem Sanit├Ątshaus geliefert wurde. Der technische Mitarbeiter des Sanit├Ątshauses ging mir auf die Nerven. Mehrmals fragte er nach, ob das Ger├Ąt, er vermied den Ausdruck Rollstuhl, wirklich f├╝r mich sei.

Dieser Grobian schien mein muskel├Ąres Zittern zu ├╝bersehen. Ebenso meine erstarrte Gesichtsmimik, dem typischen Salbengesicht der Erkrankten. Trotz seiner Ignoranz stellte er den Stuhl optimal ein.

Um mit hoher Geschwindigkeit durch das Haus rollen zu k├Ânnen mu├čten die M├Âbel entfernt werden. Ich r├Ąumte Tische, St├╝hle und Sessel beiseite. Einige M├Âbel lie├č ich von der M├╝llabfuhr entsorgen. Auch das Schachtischchen meiner Frau, das sie vor einem Jahrzehnt als Handgep├Ąck im Flieger auf ihren Scho├č gehalten hatte. Vermutlich war dieses Tischchen das Abschiedsgeschenk eines schwarzen Liebhabers, der mich auf diese Art und Weise fortgesetzt weiter h├Ârnen wollte.

Meiner Frau, die noch einem Kongre├č beiwohnte oder beischlief, sandte ich ein Fax. Leider k├Ânne ich sie nicht vom Flughafen abholen, da ich krankheitsbedingt kein Auto mehr fahren d├╝rfe. Noch blieben mir einige Tage Zeit, um ungest├Ârt an meiner behindertengerechten Umgebung zu arbeiten.

Maurer und Schreiner verbreiterten die T├╝ren zu den Toiletten. Die K├╝chenschr├Ąnke, samt den Arbeitsplatten wurden abgesenkt. Schlie├člich kochte ich gerne und wollte vermeiden, k├╝nftig ├╝ber den Kopf, aus dem Rolli heraus, Zwiebel schneiden zu m├╝ssen.

Ich fand die Umbauten sch├Ân! Dem Hund gefielen die erfolgten ├änderungen, denn er rannte fr├Âhlich neben meinem Rollstuhl her. Er war eben ein lustiger Geselle.

Meine neue Behinderung war im Dorf schnell erkl├Ąrbar. Die Fleischfachverk├Ąuferin schenkte mir eine Zungenwurst, der Pfarrer sprach tr├Âstende Worte und am Geldautomaten bedauerte der Filialleiter die fehlende Rampe f├╝r Rollstuhlfahrer. Es war sch├Ân so!

Dann betrat meine Frau das Haus. Wortlos schob sie meine Heimdialyse, die ich vorbeugend vor Jahren beschafft hatte, den Lungenautomaten und leider auch den rollbaren Inhalator aus unserem Schlafzimmer heraus.

Mit diesem herzlosen Biest mochte ich keine Minute mehr unter einem Dach verbringen m├╝ssen. Umgehend kaufte ich mir einen Heimplatz f├╝r Senioren mit gehobenen Anspr├╝chen. Der Heimleiter befand zwar, mit 48 Jahren k├Ânne ich Deplaziertheitsgef├╝hle entwickeln. Na, sagte ich, daran bin ich gew├Âhnt, immerhin bin ich zwanzig Jahre mit meiner Frau verheiratet. Da lachte er.

Mir gef├Ąllt es ├╝ber die Flure zu sausen, vorbei an festgeschnallten Omas. Besonders gern mag ich es, wenn mich die ├älteren K├╝ken nennen. Und eine gro├čartige Genugtuung erlebe ich der Cafeteria, wenn ich nuschelnd, f├╝r niemanden verstehbar K├Ąsekuchen bestelle.

K├╝rzlich kam ausnahmsweise meine Frau, mit einem Formular unter das meine Unterschrift sollte. Voller Freude kr├╝melte ich K├Ąsekuchenreste auf den Wisch und lie├č Kaffee ├╝ber meine Unterschrift laufen. Angewidert stakste meine Gattin davon. Ich war gl├╝cklich.
__________________
J. Bosbach

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K.T. Mallory
???
Registriert: Jul 2002

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K├Âstlich am├╝siert

Was habe ich gelacht beim Lesen deiner Geschichte!!!! S├╝ffig locker geschrieben! Rabenschwarzer Humor! Fesselnd bis zum Ende. Unterhaltsam! Kurz: ein herrlicher Text!

K.T. Mallory

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