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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Eljena
Eingestellt am 07. 09. 2003 18:59


Autor
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la_gatta
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2003

Werke: 3
Kommentare: 5
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Da sitzt sie vor mir: d├╝nn, nein, mager, mit tr├╝ben Augen und str├Ąhnigem Haar, das Gesicht voller Falten und die Lippen sind so rot bemalt, da├č es jeder deutschen Nutte zu viel w├Ąre. Der lilafarbene Nagellack bl├Ąttert schon ab und einzig die beigen St├Âckelschuhe passen zum pumagemusterten Kleid, dessen tief ausgeschnittenes Dekollet├ę den Blick auf etwas frei gibt, was sich eigentlich niemand traut anzusehen. Um mein Bild von der osteurop├Ąischen Frau ├╝ber 50 aufrecht zu erhalten, h├Ątte sie eigentlich rote Pumps dazu tragen m├╝ssen. Mein Blick f├Ąllt in eine Ecke ihres kleinen, sp├Ąrlich eingerichteten Zimmers und ich bin beruhigt, denn da stehen sie: rote Pl├╝schpantoffel – mein Vorurteil wurde wenigstens halbwegs best├Ątigt. Ein Hauch von Flieder liegt in der Luft – sagte ich Hauch? – ich meine eine Wolke, eine Cumuluswolke umgibt sie.
Sie bietet mir eine Tasse Kaffee an, t├╝rkisch und stark. Ihre H├Ąnde zittern, als sie das Tablett abstellt. Ich sehe sie an und wei├č, sie wird die Pr├╝fung nicht bestehen. Trotzdem trinken wir unseren Kaffee und ich erkl├Ąre ihr Aufgabe f├╝r Aufgabe.
Du wei├čt es doch! Nun konzentrier dich endlich und sag es einfach!
Schweigen,
langes Schweigen.
„Bitte helfen Sie mir bestehen Pr├╝fung!“
Habe ich versagt? Habe ich es ihr nicht deutlich genug erkl├Ąrt? Habe ich zu wenig ge├╝bt? Bin ich ein schlechter Lehrer?
Noch eine Stunde qu├Ąlen wir uns mit L├╝ckentexten, multiple-choice-Aufgaben, Zeitungsanzeigen, Grammatik├╝bungen und Ausdrucksfragen. Immer wieder lesen, nachdenken, schreiben, wiederholen, noch mal lesen, lange ├╝berlegen, nachschlagen, erkl├Ąren, warten und hoffen.
Mit einem aufmunternden Blick und den Worten „Sie schaffen das!“ verabschiede ich mich. „Warten Sie! Ich haben ... nein ... habe ein Geschenk f├╝r Ihnen.“ F├╝r Sie – denke ich, unterlasse aber jeden Berichtigungsversuch. Ich will raus! Sie dr├╝ckt mir eine kleine Schachtel in die Hand. „Danke!“, sage ich, stecke die Schachtel ein und trete in die Sonne. Als die T├╝r endlich hinter mir zu ist, wei├č ich nicht recht, ob ich weinen oder lachen soll.
Ich gehe nach Hause und mit jedem Schritt werde ich trauriger. Diese Frau fasziniert mich, sie tut mir leid und sie begeistert mich, ich w├╝rde es ihr so sehr w├╝nschen, aber in drei Tagen wird sie in ihre Heimat fliegen – ohne das lang ersehnte Zertifikat.

Eine Woche sp├Ąter klingelt das Telefon: „Hallo, hier Eljena. Ich bin zu Hause und wollen sagen, da├č ich bestanden Pr├╝fung und nur wegen Ihnen! Viele Dank!“
Sie hat es wirklich geschafft? Ich bin stolz auf sie, aber auch ein wenig auf mich.
Ich suche die Schachtel, die sie mir gegeben hat. Ah, da ist sie ja. Ich mu├č lachen: Fliederparf├╝m!
Danke, Eljena!

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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Liebe la_gatta,

willkommen in der Leselupe.

Ein starkes St├╝ck zum Einstand! Ich habe den Text ein paar Mal gelesen, anfangs dachte ich, so viel Klischee und Vorurteil darf nicht einmal sein, wenn man darauf hinweist; aber es ist okay so, im Ganzen betrachtet.
Im Hinblick auf den Schlu├č f├Ąnde ich es sch├Âner zu schreiben "Ich bin sicher, sie wird die Pr├╝fung nicht bestehen" statt "Ich wei├č ..."; das ist nur unwesentlich schw├Ącher, l├Ą├čt aber den erfreulichen Ausgang eher zu. Was meinst du?

Gru├č,
Gabi

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la_gatta
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2003

Werke: 3
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Hallo Gabi

Erst mal: Danke! Es tat gut diese doch wohlwollenden Worte zu lesen.
Dein Vorschlag hat mich ├╝berzeugt. Nochmal: Danke.
Und wegen der Vorurteile... Ich gebe zu, ich spiele zu gern damit, aber wenn man mehr oder weniger jeden Tag mit Ausl├Ąndern zu tun hat, hilft es einem, die Dinge etwas gelassener zu sehen. Aber ich m├Âchte, da├č Du wei├čt, da├č all diese Vorurteile ├╝bertrieben dargestellt sind und ich eigentlich ein doch sehr offener, unvoreingenommener Mensch bin.
Auf eine gut Zeit in der LL,

gatta

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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Liebe gatta,

es war mir klar, da├č du nicht wirklich diese Vorurteile hast. Es ging mir nur um die Darstellung, aber, wie gesagt, beim zweiten Lesen konnte ich sie nachvollziehen.

Gru├č,
Gabi

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