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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Elsa
Eingestellt am 10. 12. 2003 13:44


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eli-fant
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Die alte Frau mustert das Gesicht der jungen. Ihre gerunzelte Stirn verr├Ąt die Anstrengung, die sie das kostet. Und dann, auf einmal, verkl├Ąren sich ihre Z├╝ge wie bei einem pl├Âtzlichen Erkennen und sie beginnt zu strahlen.
"Elsa!" fl├╝stert sie ungl├Ąubig. "Elsa, da├č du wieder da bist...! Mein Gott, Elsa!"
Die Miene der Angesprochenen verr├Ąt Unbehagen. Hilfesuchend heftet sie ihren Blick auf die andere junge Frau, die mit ihr das Zimmer der Alten betreten hat. Die lacht leise auf.
"Sie verwechselt dich mit irgendjemandem. Vielleicht siehst du einer ehemaligen Schulkameradin ├Ąhnlich."
Die H├Ąnde der alten Frau umklammern die Armlehnen des Rollstuhls, ihr Bein wippt in stetem Rhythmus auf und ab.
"Elsa, wo warst du die ganze Zeit? Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht! Solche Sorgen!"
"Ich hei├če Sabine", sagt das junge M├Ądchen laut. "Sa-bi-ne. Ich komme von der Altenpflegeschule und mache hier ein Praktikum."
Die Alte murmelt etwas Unverst├Ąndliches, man sieht ihr nicht an, ob die Worte zu ihr durchgedrungen sind.
"Nett von dir, da├č du dich vorstellst, aber das checkt sie nicht mehr", meint Schwester Hannelore. "Die ist schon ordendlich daneben. Aber sie ist eine ganz Gutm├╝tige - gell, Frau Schrader?"
Sie streicht der alten Frau ├╝ber den Kopf. "Wirklich pflegeleicht - macht uns keine Schwierigkeiten. So, ich schau mal, was nebenan auf 17 noch zu tun ist und du kannst nach vorne gehen und Marianne beim Essenverteilen helfen."

Brei, immer gibt es Brei.
Frau Schrader r├╝hrt mit zittriger Hand in ihrem Teller herum.
Gelber Brei und gr├╝ner Brei.
In ihrem Kopf bilden sich bruchst├╝ckhafte Gedanken - Gedanken, die nicht zusammenpassen und sie verunsichern.
Die Ansichtskarte - was ist mit der Ansichtskarte gewesen? Woher ist sie gekommen?
Die alte Frau wiegt den Oberk├Ârper hin und her. Dann taucht sie den L├Âffel, an dem noch Kartoffelp├╝rree klebt, in das Sch├╝sselchen mit dem rosa Nachtisch. Sie f├╝hrt den L├Âffel zum Mund und verzieht das Gesicht.
S├╝├č und salzig. Pa├čt nicht zusammen. Ist nicht gut.
Sie seufzt.
Nein, nichts ist gut.
Wo ist nur Elsa? Elsa m├╝├čte kommen. Elsa hat immer eingegriffen, wenn etwas nicht in Ordnung war.

"Grete, du bist einfach zu naiv, zu gutm├╝tig", hatte Elsa immer zu ihr gesagt. "Du mu├čt dich durchsetzen, du mu├čt dich wehren. La├č dir doch nicht immer alles gefallen! Wie wir als Schwestern nur so verschieden sein k├Ânnen!"
Elsa hatte sich von nichts und niemandem einsch├╝chtern lassen und war f├╝r Grete stets so etwas wie ein Schutzschild gewesen.
Sie war es, die w├╝tend zum Lehrer gelaufen war, als Grete ungerecht bestraft wurde und sie hatte sich bei den Mitsch├╝lerinnen ger├Ącht, die die Schwester h├Ąnselten. Auf Elsa hatte sie sich immer verlassen k├Ânnen. Bis sie auf einmal fort gewesen war.

Frau Schrader h├Ąlt abrupt in ihrer wiegenden Bewegung inne.
M├╝nchen. Die Ansichtskarte ist aus M├╝nchen gekommen.
"Ich gehe mit Sam nach Amerika, macht euch keine Sorgen. Lebt wohl - Elsa"
Sorgen - all die Jahre solche Sorgen. Und Entt├Ąuschung und Trauer.Wie hat Elsa ihr gefehlt - so oft h├Ątte sie sie gebraucht!
Sie wendet ihren Blick von dem Teller ab, in dem jetzt Kartoffel-, Zucchinibrei und Quarkspeise zu einer Masse von undefinierbarer Farbe gemischt sind und schaut aus dem Fenster.
Die Sonne ist so bla├č. Fr├╝her hat sie anders ausgesehen. Gelber. Die ├äste des gro├čen Baumes sind mit Schnee bedeckt. Vage Erinnerungsfetzen dr├Ąngen sich in ihr Bewu├čtsein: Lange Winterspazierg├Ąnge, eisige, klare Luft... Frau Schrader hat die kalte Jahreszeit stets geliebt. Auf einmal steigt Panik in ihr hoch. Hier drinnen ist es so warm, so stickig. Sie will hinaus in die K├Ąlte, tief durchatmen, fortgehen.
"Ich will raus!" sagt sie laut, als der Zivi das Essenstablett abholt. "Raus, raus!"
"Na, na, Frau Schrader - immer mit der Ruhe", entgegnet der junge Mann gelassen. "Hab gerade 'ne Menge zu tun. Nachher schieb ich Sie auf den Gang raus, o.k.?"

Frau Schrader verbringt den halben Nachmittag auf dem Gang der Pflegestation. Alte Menschen schlurfen langsam an ihr vorbei, junge, meist wei├č gekleidete, hasten vor├╝ber. Kaum jemand schenkt ihr Beachtung. Irgendwann nickt sie ein. Als es d├Ąmmrig wird, ├Âffnet sie die Augen. Verwirrt blickt sie um sich. Sie hat keine Ahnung, wo sie ist. Nur das Gef├╝hl der Hoffnungslosigkeit, das schon so lange ihr Begleiter ist, ist ist ihr vertraut.
"Der Essenswagen kommt!" ruft jemand. "Hilfst du beim Verteilen, Sabine? Ach so, du hast schon Feierabend."
Sabine eilt den Gang entlang. Sie ist heilfroh, ihren ersten Praktikumstag hinter sich gebracht zu haben.
Sie nickt Frau Schrader kurz zu, ├Âffnet die gro├če Glast├╝r und l├Ąuft, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter.
Die alte Frau sitzt auf einmal kerzengerade in ihrem Rollstuhl.
Das ist doch, das war doch...
Wie aus einem Nebel taucht die Erinnerung auf.
Elsa! Nat├╝rlich - Elsa ist ja wieder da! Wie hat sie das nur vergessen k├Ânnen!
Sie seufzt befreit auf. Alles wird wieder gut.
Elsa wird sie hier herausholen.
Als ein Pfleger sie ins Zimmer zur├╝ckschiebt, l├Ąchelt sie.


__________________
eli-fant

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Michael Schmidt
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Hallo eli-fant,

nett geschrieben, aber so ganz verstehe ich die Intention der Geschichte nicht. Hilfst du mir auf die Spr├╝nge?

Michael

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eli-fant
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Vielleicht bist du schon recht nah dran, wenn du die Geschichte "nicht ganz verstehst"... :-)
Ich hab versucht, die Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit deutlich zu machen, in der verwirrte Menschen oft leben. Sie scheinen sich in einer ganz anderen Welt zu befinden; ihr Gehirn gaukelt ihnen Dinge vor, die man von au├čen nicht nachvollziehen kann und man hat oft keine Ahnung, was in ihnen vorgeht und warum sie dies oder jenes sagen oder tun.
(Und im pflegerischen Alltag bleibt auch keine Zeit, auf den einzelnen einzugehen, um das "Verstehen" wenigstens zu versuchen.)

Liebe Gr├╝├če,
__________________
eli-fant

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Michael Schmidt
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Aus meiner Sicht kommt weder die Verlorenheit, noch die Verwirrtheit r├╝ber.

Gru├č,
Michael

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eli-fant
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Hallo Michael,

na ja, wahrscheinlich siehst du das ganz richtig :-)
War eben nur ein Versuch...
Werde nochmal dr├╝ber nachdenken -

liebe Adventsgr├╝├če,
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eli-fant

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Buffy
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Hi

Schlie├če mich Michaels Aussage an. Ich w├╝rde die Greisin in die Mitte stellen und mehr auf ihre Gedankenwelt eingehen.
Gef├╝hlsm├Ą├čig.
Gru├č Buffy


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Bin nie falsche Wege gegangenDie Umwege haben mich gepr├Ągtc.by KW

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