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Eltern-Orden
Eingestellt am 02. 03. 2006 21:35


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sabiko
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Registriert: Feb 2006

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Eltern-Orden

Für alles kann man auf dieser Welt Orden bekommen. Sie sollen in Form eines runden Metallstückes, welches man stolz auf der Brust trägt, für besondere Leistungen auszeichnen. Was jedoch fehlt, das ist ein Elternorden!

Das dachten sich auch die Kinder und sannen darauf, dem Abhilfe zu schaffen, um jedem zu zeigen: „Hier ist jemand willens und hat es auch getan, sich beträchtlich über das Mittelmaß hinaus für eine Sache einzusetzen.“ Da aber bekanntlich „Messer, Gabel, Schere, Licht“ nichts für kleine Kinder sind, und sie so keine Möglichkeit haben, ein Feuer zu entzünden, Metall zu schmelzen und in runde Form zu gießen, mussten sich unsere lieben Kleinen andere Formen für ihre Orden überlegen.

So zieren nun spezielle Kinderorden die Schultern von Mama, nachdem das Baby beim Bäuerchen darauf kotzte. (Verzeihung: spuckte.) Sie zieren die Anzughose von Papa, nachdem er Mama half, den Kinderwagen in das Auto zu verladen. Sie prangen den Nachbarn auf der Wäscheleine im Garten in Form von orangefarbene Möhrchenflecken entgegen. Sie zieren auch das Wohnzimmer, wo auf einmal kein Porzellannippes mehr steht, nun aber Holzspielzeug und Stoffpüppchen liegen.

Die Rückbank von Mamas Auto wird mit Babydeckchen und Babysitz geehrt. Papas Wagen erhält die begehrte Trophäe „Beißring in Rosa“. Sogar das Konto wird von den Jüngsten gekrönt. Jeden Monat erscheint auf den Auszügen „Kindergeld“ und erinnert die Bankangestellten, dass sie nicht irgendein Konto, sondern das Konto einer Mama oder eines Papas verwalten.

Im Garten prangen statt schöner Blumen ungiftige Kräuter der Marke „Gesund“. Treppenaufgänge rufen: „Hurra, seht nur: Ich trage das Sicherungsgitter erster Güte!“ Natürlich erster Güte, mit zweiter geben sich Eltern gar nicht erst ab! Und der Umgebung wird durch eine Verknappung der Güter gezeigt, dass Ordensträger etwas Besseres zu tun haben, als ihren Samstag grillend bei gewöhnlichen Freunden zu verbringen: Mama und Papa sagen gerade zum dritten Mal eine Verabredung ab, weil Sohnemännchen ihnen den Elternorden „Ich habe Fieber von 39° Grad“ verleiht.

Dennoch, all diese Orden haben einen Nachteil. Sie sind vergänglich. Eines schönen Tages, wenn der Nachwuchs alt genug ist, den Rasenmäher durch den Garten zu schieben, in dem kein Wäscheständer mehr steht, wird Mama liebevoll Goldregen pflanzen, Rittersporn sähen, und später ihre Topfpflanzen – zumindest die, die es überlebten – vom Dachzimmer zurück ins Wohnzimmer stellen.

Papa entfernt den mittlerweile matschig gewordenen Beißring aus dem Auto, trägt das Treppengitter in den Kofferraum und bringt es zu Freunden, die gerade ein Baby erwarten. Und der Nachwuchs wird - nach dem Rasenmähen - alles tun, um nicht mit den Eltern in Verbindung gebracht zu werden: „Nein, Ihr müsst mich nicht von der Disco abholen. Ich fahr mit Basti.“

Genauer betrachtet gibt es nur einen, einen einzigen Orden, der von unseren Kindern für die Ewigkeit geschaffen wurde: Die Auszeichnung „Mama“ oder „Papa“ genannt zu werden. Und so fiebern die Eltern dem Moment entgegen, in dem sie diese eine, diese größte aller Auszeichnungen erhalten werden. Bis es soweit ist, beginnen sogar die besonders Ungeduldigen unter ihnen, Vorschusslorbeeren heischend, sich gegenseitig „Mama“ und „Papa“ zu nennen.

Umso weniger kann ich es daher verstehen, wenn kurze Zeit später es einige Eltern selber sind, die diese besondere Auszeichnung ausschlagen wollen. Statt „Mama“ oder „Papa“ wollen sie auf einmal die besten Freunde ihrer Kinder sein und in ihren Häusern hört man die lieben Kleinen rufen: „Heidi, Hungääär!“, „Wolfgang, Aua!“. Und was sich mit den Titeln „Mama“ oder „Papa“ versehen nach kuscheliger Familiengeborgenheit anhört und anfühlt, lässt sich auf einmal nicht mehr davon unterscheiden, ob mit Heidi das Kindermädchen oder Frau Mama gemeint ist.

Und wer ist Wolfgang?

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