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Leselupe.de > Kindergeschichten
Emmas letzter Sommer
Eingestellt am 24. 04. 2018 11:47


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tatuti
Hobbydichter
Registriert: Apr 2018

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Emma war schon lange vor ihr da gewesen. Pias Eltern hatten ihr oft erzĂ€hlt, dass der schwarze Mischlingshund als erstes gemerkt hatte, dass Pias Mama mit ihr schwanger war. „Der Hund ist nicht mehr von Mamas Seite gewichen“, hatte Papa immer erzĂ€hlt. Als Pia dann da war, schlief der Hund vor der KinderzimmertĂŒr. SpĂ€ter leckte er schwanzwedelnd jeden KrĂŒmel auf, als das kleine MĂ€dchen lernte, alleine zu essen. Oft lies Pia absichtlich etwas fĂŒr ihre Hundefreundin vom Tisch fallen. Sie mochte es, wenn der Hund die nasse Nase zum Dank an ihre Beinchen drĂŒckte, die unter dem Tisch aus dem Kinderstuhl baumelten.

Mittlerweile war Emma alt geworden und Pia ging in den Kindergarten. FrĂŒher hatte Pia Probleme gehabt, den Hund an der Leine zu fĂŒhren. Oft wollte Emma einfach schneller, als Pias kurze Beine sie tragen konnten.
Jetzt war es Emma, die mit der Geschwindigkeit des MĂ€dchens nicht mithalten konnte. Auf dem Weg zum Kindergarten ging Emma langsam mit gesenktem Kopf neben Pia. Das MĂ€dchen quengelte: „Wir kommen noch zu spĂ€t, jetzt mach doch mal schneller!“
Doch der Hund konnte nicht schneller, stattdessen setzte er sich hin und machte eine kleine Pause. Oder Pipi. Oder beides, wer weiß das schon so genau bei Hunden. Sie können ja nicht sprechen. Die braunen Hundeaugen schienen zu sagen: „Macht doch bitte ein bisschen langsamer.“
An einem warmen Nachmittag kurz vor Ostern war Emma mit dabei, als Pia vom Kindergarten abgeholt wurde. Der Hund war am FahrradstĂ€nder des Kindergartens angebunden und ruhte sich in der Sonne aus. Doch als Pia heute mit ihrer Mama aus dem Kindergarten kam, sprang Emma nicht wie sonst auf, um sie zu begrĂŒĂŸen.
Sie hob nur etwas den Kopf und blinzelte in die Sonne. „Wir mĂŒssen geduldig mit Emma sein“, sagte Mama, „sie ist jetzt wie eine alte Oma. Sie kann einfach nicht mehr so schnell. Ihr Körper ist schon sehr alt.“
Noch ein bisschen langsamer als sonst gingen sie gemeinsam nach Hause.

In den nĂ€chsten Tagen war Pia besonders nett zu Emma. Sie streichelte sie oft. Beim Essen ließ sie absichtlich etwas ĂŒbrig, weil sie wusste, dass der Hund sich darĂŒber freuen wĂŒrde. Meist lag die Hundeoma auf ihrem Kissen und schlief. Sie lief nicht mehr freudig zur TĂŒr, um mit heraus zu gehen, wenn sich jemand die Schuhe anzog. Aber sie fraß dankbar jeden KrĂŒmel, den Pia vom Tisch fallen ließ.

An einem warmen Sommertag hob Papa Emma in den Kofferraum und sagte zu Pia: „Ich fahre jetzt mit ihr zu Herrn Doktor Stockmann. Ich möchte gerne, dass er sie untersucht und mir sagt, ob sie Schmerzen hat.“
Pia rief sofort: „Ich komme mit!“
Sie kannte Doktor Stockmann, einen geduldigen Mann mit runder Brille und roten, struppigen Haaren. In der Praxis von Doktor Stockmann war nicht viel los und so mussten sie nicht lange warten.
Papa hob die alte Hundedame auf den Metalltisch und Emma ließ die Untersuchung widerstandslos ĂŒber sich ergehen. Nur ihre Hinterbeine zitterten ein wenig. Zuerst schaute Doktor Stockmann in Emmas Augen und in ihr Maul. Dann nahm er das Stethoskop, um ihr Herz zu untersuchen. Zum Schluss betastete er vorsichtig Emmas Bauch. Die ganze Zeit ĂŒber sagte er nichts. Pia konnte es kaum mehr aushalten und platzte heraus: „Was ist mit Emma? Wird sie wieder gesund?“
Doktor Stockmann legte die Stirn in Falten und beugte sich zu Pia herunter. Dann holte er tief Luft und sagte: „Eurem Hund geht es soweit gut. Aber Emma ist schon sehr alt und es kann sein, dass sie nicht mehr sehr lange leben wird.“

Pia war verwirrt und traurig. Emma war ihre Freundin. Sie war schon immer da gewesen. Etwas anderes konnte sie sich nicht vorstellen. Zu Hause angekommen, nahmen Mama und Papa sie in die Arme und sagten: „Weißt Du was, wir versuchen einfach, es Emma so schön und gemĂŒtlich zu machen, wie wir können. Einverstanden?“

Von diesem Tag an bekam der Hund jeden Tag ein großes StĂŒck Fleischwurst und Pia legte ihr einen Teddy mit auf das Hundekissen.

Als Pia im SpĂ€tsommer ihren Geburtstag feierte, kamen viele GĂ€ste. Am Nachmittag tobten die Kinder durch die Wohnung und sie spielten Luftballon-Tanzen, Topfschlagen und Schokokuss-Wettessen. Emma freute sich sonst immer sehr ĂŒber KuchenkrĂŒmel. Dieses Mal blieb sie in ihrem Körbchen, rollte sich zusammen und drehte den Kindern den RĂŒcken zu. Sie wollte ihre Ruhe haben. Pia machte sich Sorgen um ihre Hundefreundin. Emma nahm so viel weniger am Leben teil, als noch vor ein paar Wochen.

Am nĂ€chsten Wochenende saß Mama auf dem Sofa und drehte einen der Luftballons in ihren HĂ€nden. Einen lila Ballon. Er war nicht mehr so prall wie an Pias Geburtstag. Leise sagte Mama: „Was so einen Luftballon ausmacht, ist die Luft in ihm. Nur durch die Luft, die man in ihn hineinblĂ€st, wird er etwas Besonderes. Der Ballon ohne Luft wĂ€re einfach nur eine leere HĂŒlle“, sagte Mama.
In Mamas Augen schimmerten TrĂ€nen und sie schluckte. Pia kuschelte sich in Mamas Arme und zusammen blickten sie auf Emma, deren Ohren im Schlaf zuckten. Mama fuhr fort: „So ist es auch mit den Lebewesen: der Körper ist nur die HĂŒlle.

Er wird alt, und irgendwann wird er schwach und immer schwĂ€cher. Aber in ihm ist etwas Einzigartiges. Manche nennen es Seele. Wenn jemand stirbt, stirbt nur sein Körper. Das Einzigartige bleibt, es hat nur keine HĂŒlle mehr.“

Ein paar Tage spĂ€ter fand Pia den lila Luftballon, den Mama in den HĂ€nden gehalten hatte. Er lag unter der Treppe neben Emmas Kissen. Pia setzte sich zu dem Hund und nahm den Ballon auf den Schoß. Er hatte noch etwas mehr Luft verloren. Er war klein und schrumpelig, aber es war noch immer etwas Luft darin. Pia konnte mit dem Finger tief in den Ballon hineindrĂŒcken. Das Gummi fĂŒhlte sich trocken und warm an. Emma legte ihren Kopf auf Pias Schoß und leckte ihr ĂŒber die Hand und plötzlich fĂŒhlte Pia ein Brennen in ihrem Hals. TrĂ€nen stiegen ihr in die Augen. Sie legte ihren Kopf auf Emmas Bauch, roch an ihrem Fell und spĂŒrte, wie ihr Atem immer wieder ein- und ausströmte. So schlief Pia ein, und Papa muss sie wohl irgendwann in ihr Bett getragen haben.

Eine Woche spĂ€ter starb Emma. Es war an einem Mittwochvormittag, als Pia im Kindergarten war. Papa hatte sie abgeholt. Vor der HaustĂŒr beugte er sich zu Pia hinunter und strich ihr ĂŒber den Kopf. Dann sagte er: „Emma ist heute Vormittag gestorben. Sie liegt jetzt auf ihrem Kissen. Ihr Herz schlĂ€gt nicht mehr und sie atmet nicht mehr. Ich war bei ihr und habe sie gestreichelt, als sie gestorben ist. Sie hat einfach aufgehört zu atmen.“
ZunĂ€chst fĂŒhlte Pia gar nichts. Sie hörte nur Papas Worte, aber irgendwie verstand sie ihn nicht. Sanft nahm Papa sein kleines MĂ€dchen auf den Arm und trug sie in die Wohnung. „Möchtest du zu ihr gehen?“, fragte er. Stumm nickte sie. Zusammen setzten sie sich vor das Kissen. Da lag der schwarze Hund ganz still. Irgendetwas war anders als sonst. Es dauerte eine Weile, bis Pia es sah: Es gab nicht die kleinste Bewegung an Emmas Körper. Kein Atem, die Ohren zuckten nicht und auch die Beine lagen ganz still. Zusammen mit Papa streichelte sie Emma ĂŒber den RĂŒcken. Da begriff Pia: Auf dem Hundekissen lag der regungslose Körper von Emma, aber es war nicht mehr Emma. Das Entscheidende fehlte, das, was ihre Hundefreundin ausgemacht hatte. Pia dachte an die Luftballons.

Am Nachmittag begruben sie Emma im Garten unter einem großen Baum. Zum Abschied ließ jeder von ihnen einen Luftballon in den Himmel steigen. Die Familie war dankbar ĂŒber die Zeit, die sie mit dem treuen Hund gehabt hatte. Nun leckte niemand mehr die KrĂŒmel vom Boden. Doch oft hatten sie das GefĂŒhl, dass Emma noch bei ihnen ist. Irgendwie.

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hera
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