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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Empathie
Eingestellt am 15. 11. 2016 16:29


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CPMan
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Seit der Geburt meiner Tochter hat sich vieles in meinem Leben verändert, doch besonders erstaunt bin ich über die Sentimentalität, die ich nun in Situationen empfinde, die mich früher kalt gelassen haben. Ein Beispiel: In den Nachrichten werden Bilder vom Krieg in Syrien gezeigt, inmitten einer der zerstörten Straßenzüge sieht man, wie ein Mann mit bloßen Händen ein verschüttetes Kleinkind zwischen zwei Betonplatten hervorzieht. Oder: Im Internet bittet eine junge Mutter ein paar Lightroom-Experten ein Foto ihres verstorbenen Babys so zu bearbeiten, dass man die Schläuche, Pflaster und Kanülen, ohne die es in der Klinik nicht überlebensfähig war, nicht mehr erkennt. Sie möchte ein Erinnerungsfoto, das sie nicht ständig an das beschwerliche Leben ihres Babys erinnert.
Als lediger Single, da bin ich mir sicher, hätten diese Szenen mich auch berührt, aber sie wären mir bei weitem nicht so unter die Haut gegangen, wie es mir als Vater nun passiert. Ich sehe diese Bilder und kann urplötzlich heulen wie ein Schlosshund. Aus dem Nichts erschüttert mich dieser Anblick bis ins Mark und ich verliere alle Hemmungen. Was stimmt nicht mit mir?, frage ich mich in diesen Situationen.

In einer meiner Unterrichtsstunden als Geschichtslehrer versuche ich gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern einer neunten Klasse dieses Phänomen zu ergründen. Anlass ist eine Aufgabe aus dem Schulbuch: Man sieht eine Schwarzweißaufnahme aus dem Zweiten Weltkrieg. Zwei kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen, beide höchstens sechs Jahre alt, sitzen vor den Trümmern ihres Hauses in London. Eine V2-Rakete hat es zerstört, die Landverschickung der Kinder steht unmittelbar bevor, sie sind jetzt Waisen. Eine Aufgabe aus dem Buch animiert die Schülerinnen und Schüler dazu, sich in diese beiden Kinder hinein zu versetzen und ihre möglichen Gedanken schriftlich zu fixieren.
Die Schülerinnen und Schüler erledigen diese Aufgabe pflichtbewusst, aber ohne jede Leidenschaft oder erkennbare Empathie. Als ein, zwei Schülerinnen ihre Texte mit den erwarteten und wenig tiefsinnigen Gedanken der Kinder vorlesen, kommt von den anderen Jugendlichen nicht mehr als routinierter Respekt in Form eines kurzen Klopfens auf die Tische.
„Was glaubt ihr“, frage ich die Schülerinnen und Schüler aus einem Impuls heraus, „welchen Zweck verfolgt diese Aufgabe?“
Ich ernte einige irritierte Blicke. Dass ich Aufgaben aus dem Lehrwerk hinterfrage, kommt eher selten vor.
„Na, wir sollen uns in die Lage der Kinder hinein versetzen und etwas über die Schrecken des Krieges lernen“, sagt Marie, eine der fähigeren Schülerinnen, nachdem ich sie dran genommen habe.
„Okay“, fahre ich fort. „Ist euch das gelungen? Habt ihr beim Schreiben eurer eigenen Texte oder beim Hören der vorgelesenen Texte tatsächlich das Gefühl gehabt eins dieser beiden Kinder zu sein? Hat es euch innerlich zerrissen, habt ihr wirklich die Verzweiflung, die pure Panik, die traumatische Verstörung dieser Kinder gefühlt?“
Zögerliches Kopfschütteln eines Großteils der Klasse.
„Wieso nicht?“, bohre ich weiter. „Wieso gelingt es euch nicht, tatsächlich mit diesen Kindern zu fühlen? Warum funktioniert diese Aufgabe nicht für euch? Warum kommen hier nur sachliche Texte zustande, die keinen von uns wirklich berühren?“.

Die Kinder denken nach.
„Weil es Geschichte ist“, sagt schließlich ein Schüler. „Es ist lange her, wir haben keinen Bezug zum Zweiten Weltkrieg.“
„Weil das Bild schwarzweiß ist“, fährt ein anderer fort.
„Weil die Kinder jünger sind als wir“, meint ein Dritter. „Wir können nicht mit ihnen fühlen, weil sie zu einer anderen Zeit in einem anderen Land gelebt haben.“

„Genau“, sage ich zufrieden. „Wir identifizieren uns am ehesten mit Menschen, die uns ähnlich sind. Wenn in New York drei tausend Menschen bei einem Anschlag auf das World Trade Center umkommen, dann können wir das Leid nachempfinden, denn die Opfer sind Menschen wie du und ich, Menschen der Ersten Welt, sie kleiden sich wie wir, sie sehen aus wie wir, sie führen Leben, die unseren ähneln. Wenn in Ruanda beim Völkermord zwischen Hutu und Tutsi Hunderttausende zu Tode kommen, dann berührt uns das weit weniger, weil die Opfer eine andere Hautfarbe und eine völlig andere Kultur haben. Die sind nicht wie wir, also fällt es uns schwer, mit ihnen zu fühlen.“

Betretenes Schweigen.

Ich entschließe mich, einen kleinen Exkurs zu starten.
„Okay, macht mal bitte folgendes: Wenn ihr eure Fähigkeit zur Empathie auf einer Skala von 1-10 bewerten müsstet, welchen Wert würdet ihr euch selbst zuschreiben? Schreibt die Zahl mal bitte in euer Heft.“
Die Schülerinnen und Schüler holen etwas umständlich ihre Hefte hervor, schlagen sie auf und tragen dann auf der aktuellen Seite eine Zahl ein. Einige Mädchen schreiben noch ‚Empathie’ als Überschrift.
„Okay, dann lasst mal hören.“
Die Meisten geben sich Werte zwischen 6 und 9, wobei auffällt, dass die Mädchen sich durchweg höher bewerten als die Jungen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Jungen in dem Alter Empathie mit Gefühlsduselei gleichsetzen und vor der Klasse nicht als Waschlappen da stehen wollen. Ein interessanter Gedanke, den ich aber in dieser Stunde nicht weiter verfolge.
„Gut, der Höchstwert war 9, niemand hat sich eine 10 gegeben. Damit wir aber bei so einer Aufgabe wie in unserem Geschichtsbuch etwas empfinden, müssen wir entweder unsere Empathiewerte steigern, oder aber die Aufgabe so abändern, dass unsere Empathiewerte ausreichen um etwas zu empfinden. Hat jemand einen Vorschlag?“

Kurze Pause. Schließlich meldet Marie sich.
„Naja, einfach so seinen Empathiewert steigern geht wohl nicht. Ich kann mich ja nicht zwingen, etwas zu fühlen. Aber man könnte die Aufgabe, ich meine das Bild ändern: Wenn das Bild in Farbe wäre und nicht schwarzweiß, dann würde es schon mal realer auf mich wirken und nicht so alt. Und wenn die Kinder in meinem Alter wären, dann könnte ich mich noch eher mit ihnen identifizieren.“
„Aber dann“, erkläre ich sogleich, „sind wir doch wieder am Ausgangspunkt. Wir sind bei dem, was ich schon gesagt habe: Du kannst am besten mit einem anderen Menschen fühlen, wenn er dir sehr ähnlich ist. Aber je weiter er von deiner Lebenswelt entfernt ist, desto weniger fühlst du mit ihm. Ich will aber einen Weg finden, dass ihr auch mit Menschen fühlt, die aus einer völlig anderen Welt kommen.“
Ich mache eine dramatische Pause.
„Flüchtlinge zum Beispiel!“

Die Kinder schweigen. Sie haben keine Ahnung, welche Reaktion ich nun von ihnen erwarte oder wo ich mit ihnen hin will. Ich weiß es selbst nicht so genau.
„Gut, ich erzähl euch mal was: Bevor ich Vater geworden bin, hätte ich meinen Empathiewert vielleicht mit 6 oder 7 beziffert, heute jedoch würde ich mir wahrscheinlich eine 8 geben. Seit der Geburt meiner Tochter bringen mich Bilder oder Situation zum Heulen, die mich vorher total kalt gelassen haben. Selbst Werbung für Hundefutter, wenn sie mit gefühliger Musik unterlegt ist, kann mich jetzt zum Heulen bringen. Ist doch komisch, oder?“

Die Kinder schweigen weiter. Einige, wenige horchen jetzt interessiert auf, ein Großteil der Schülerinnen und Schüler wirkt weiterhin unbeteiligt. Während ich noch unschlüssig darüber bin, ob ich eine Reaktion der Kinder provozieren wollte, höre ich mich schon wieder selber reden.

„Der Schlüssel zur Empathie“, sinniere ich bedeutungsschwanger, „ist euer Erfahrungsschatz. Wenn ich früher die Sorgen und Nöte von Eltern nicht nachvollziehen konnte, dann weil ich nicht wusste, wie das ist: ein Kind zu haben, Verantwortung zu tragen. Jetzt weiß ich es, und wenn ich jetzt die traurigen Augen eines Kindes sehe, dann sehe ich die Augen meiner Tochter und ich fühle denselben Schmerz, den die Mutter oder der Vater fühlen. Ich kann mich besser in ihre Lage hineinversetzen, weil ich selbst in dieser Lage bin.“

„Sie meinen“, fragt Marie, „wir können nur dann mit Flüchtlingskinder fühlen, wenn wir selbst schon mal aus einem Land fliehen mussten?“
„Nicht unbedingt. Aber es macht die Sache leichter, es erleichtert die Empathie. Aber trotzdem ist es keine notwendige Voraussetzung. Wir können ja auch nicht alle Flüchtlinge sein. Manche Menschen haben die Gabe, oder die Phantasie, um sich in andere Menschen hinein zu versetzen, sie können nachvollziehen, wie ein Mensch sich in einer Situation fühlt, die sie selbst nie erlebt haben. Es ist vielleicht genetisch bedingt oder anerzogen, aber manche Menschen sind schlichtweg mitfühlender als andere.“

Just in dem Moment klingelt es und ich kann die Gedanken zumindest mit den Schülerinnen und Schüler nicht weiterspinnen. Einige Kinder stehen völlig unbeeindruckt auf, andere gucken sich untereinander an, mit einem Blick, der zu fragen scheint: Und was war das jetzt, bitte?

Als fast alle Schülerinnen und Schüler den Raum verlassen haben, tritt plötzlich Luna zu mir ans Pult. Ich schaue sie fragend an.
„Ja?“
„Ich hab nachgedacht“, beginnt sie. „Darüber, dass sich keiner den höchsten Wert gibt, also das niemand eine 10 hatte.“
„Ja und?“.
„Wenn wir alle eine 10 hätten, was wären wir dann für Menschen? Doch wahrscheinlich total gefühlige Menschen, die jedes Schicksal anderer Menschen sofort auf sich beziehen. Jede erzählte Tragödie, selbst wenn sie nur einem entfernten Bekannten passiert ist, würde uns sofort vor Empathie in die Knie zwingen.“
Augenblicklich gefällt mir Lunas Art zu denken.
„Du meinst, eine 10er Empathie würde uns tieftraurig machen?“
„Genau. Wir müssen uns schützen vor zu viel Empathie. Ich meine jeden Abend sehen wir die Tagesschau: Die Flut der Kriegsbilder aus Syrien, die Szenen der Armut in Afrika, die Gewalt im Nahen Osten, die uns tagtäglich über die Medien erreichen, bewirken genau das Gegenteil von dem, was sie zu erreichen suchen. Sie berühren uns nicht, sie lassen uns kalt. Und wenn sie uns doch berühren, dann nur, weil sie besonders brutal, dramatisch oder plastisch sind. Daraus wiederum entsteht ein Wettbewerb der Bilder: Damit wir etwas empfinden, muss ein Foto das andere übertreffen, ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen: Der ertrunkene Junge am Strand vom Bodrum mit dem Gesicht im Sand, der syrische Junge nach dem Bombenanschlag im Krankenwagen oder der Vater aus Aleppo mit den toten Mädchen im Arm. Sie können uns noch erweichen, aber nur kurz, dann folgt schon das nächste Bild. Aber mit jedem Bild steigt auch das Gefühl der Ohnmacht und das Gefühl des Widerwillens: Ich will das alles nicht mehr sehen, es deprimiert mich zu sehr.“
Ich bin beeindruckt. So reflektierte Gedanken einer Neuntklässlerin erlebt man nicht jeden Tag. Dennoch bin ich nicht ganz ihrer Meinung.
„Ich weiß, was du meinst. Empathie macht uns traurig. Und ja, in manchen Momenten glaube ich, dass ich durch die Geburt meiner Tochter ein traurigerer Mensch geworden bin, weil ich Dinge an mich heranlasse, zu denen ich vorher eine gesunde emotionale Distanz hatte. Aber, und das ist der springende Punkt: Das Leid anderer Menschen berührt mich jetzt zwar mehr als früher, aber es macht mich auch menschlicher, herzlicher. Ich strebe danach, anderen Menschen ein gutes Gefühl zu geben und meine Empathie provoziert die Sympathie meiner Mitmenschen. Grundsätzlich, so meine ich, haben gefühlskalte, herzlose Menschen weniger Freude im Leben als empathische. Sie sind bestenfalls gleichmütig, großartige Erlebnisse erleben sie ähnlich regungslos wie Schicksalsschläge. Empathische Menschen erleben Ausschläge nach oben und unten, sie leiden mehr, aber sie freuen sich auch intensiver.“
Luna steht nachdenklich da.
„Verstehst du, wie ich das meine?“
Luna nickt zögernd. Ich selbst weiß schon nicht mehr, was ich genau sagen wollte.

„Welchen Wert hast du dir denn selbst gegeben, Luna?“, frage ich schließlich, um das Schweigen zu brechen.
„Eine 7“, erwidert sie.
„Naja, warte mal, bis du Kinder hast.“
Sie lächelt. Ich lächle zurück.
Gemeinsam verlassen wir den Klassenraum und gehen in die Pause.

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