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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Empfinde auf ewig
Eingestellt am 20. 09. 2007 18:46


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Norbert Hilgers
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

Werke: 23
Kommentare: 3
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Erstes Morgenlicht rieselte durch Nebelgeister, die sich gemĂ€chlich der Schwerkraft entzogen und unschlĂŒssig ins Nichts wechselten. Heller liebte diese Zeit des Tages, dem die Unruhe der kommenden Stunden ihren Stempel noch nicht aufgedrĂŒckt hatte. Die hĂŒfthohen Mauern aus lehmverputzten Schieferplatten, bewohnt von tiefgrĂŒnem Moos umschloss das, was bis vor wenigen Wochen noch der vertrĂ€umte und beinahe vergessene Friedhof der Gemeinde Drussheim gewesen war.
SchrĂ€gstehende Grabsteine mit unleserlichen Namen hinter verwilderten RuhestĂ€tten. Gemeinsam, mit den von modrigem Laub bedeckten Wegen, standen sie dem feucht glĂ€nzenden Fuhrpark hungriger Baumaschinen, wie trotzige Relikte einer lĂ€ngst vergangenen Zeit gegenĂŒber.
Die letzten Beerdigungen hatten vor mehr als zwanzig Jahren stattgefunden und vereinzelt ausgehobene Gruben zeigten, dass der ein oder andere Tote auf den neuen Friedhof umgebettet worden war. Aus dem Gottesacker war eine Baustelle geworden, aus den Verbliebenen endgĂŒltig Vergessene.
Heller hoffte, dass der Ort, den er aufsuchen wollte, der unabwendbaren PlĂŒnderung bis jetzt entgangen war. Mit kurzen unsicheren Schritten erkĂ€mpfte er sich Meter um Meter. Das Gehen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer. Seine knotigen Gelenke waren von Arthrose nahezu unbeweglich geworden. Schon bis hierher zu gelangen, war eine Strapaze gewesen.
Bis zum alten Friedhof fuhr keine Buslinie mehr und zu Fuß, vom Ort aus, war er fĂŒr ihn unerreichbar. Heller hatte ein Taxi nehmen mĂŒssen und
einen Betrag beglichen, der seine letzten Ersparnisse aufgebraucht hatte.
Von welchem Geld er zurĂŒck zum Bahnhof und dann zu seiner Einzimmerwohnung in Wiesbaden zurĂŒckkehren sollte, wusste er nicht. Vorbei an BaumstĂŒmpfen, auf deren frischen gelbroten SchnittflĂ€chen kleine Perlen aus Morgentau glĂ€nzten, fĂŒhrte der Weg in einen abgelegenen Teil des Friedhofes, der sich bis heute den MotorsĂ€gen, Seilwinden und PflĂŒgen widersetzt hatte. In der Nacht war ausgiebig Regen gefallen.
NÀsse hatte mittlerweile den Weg in Hellers abgetretene Schuhe gefunden und begleitete jeden Schritt mit einem schmatzenden GerÀusch.
Unter einer Trauerweide blieb er stehen. Ein einzelner Tropfen löste sich von einem gebeugten Ast und fiel Heller in den hochgestellten Mantelkragen.
Ein wehmĂŒtiges LĂ€cheln umspielte seine Mundwinkel, als er das kleine Rondell am sĂŒdlichen Ende betrachtete, das sich trotzig den sonst geometrisch korrekten Umrissen des Friedhofes entzogen hatte.
Ein Wirrwarr von niederem Buschwerk und tiefhĂ€ngenden Ästen, noch voll von braunem Herbstlaub, ließen Teile der grauen Außenfassade mehr erahnen als erkennen. Erst nachdem er sich die HĂ€nde an den Ranken der BrombeerstrĂ€ucher aufgerissen hatte, konnte Heller seine Hand auf die schmutzig graue OberflĂ€che des Mausoleums legen.
Überrascht von der WĂ€rme des rauen Basaltsteines blieb er einige Sekunden mit geschlossenen Augen stehen und ließ die auftauchenden
Bilder seiner Erinnerungen auf sich wirken.
„Was suche ich hier eigentlich?“, fragte er sich wiederholt.
„Was glaube ich zusammen mit dem alten Friedhof zu verlieren?“
Im Bewusstsein den Jahreswechsel vielleicht nicht mehr erleben zu dĂŒrfen, hatte es ihn magisch hierher gezogen.
Nur zögernd löste Heller den Kontakt. Schmucklos und nackt erinnerte der kuppelartige Bau an ein halbiertes, ĂŒberdimensionales Ei. Keine verspielten Stuckarbeiten oder tempelartigen EingangssĂ€ulen lenkten von der kĂŒhlen,
einfachen Klarheit des Baues ab.
Nur der rechteckige Eingang ins Innere zerstörte die perfekte Symmetrie. Acht von Unrat bedeckte Stufen endeten vor einem rostigen Eisentor. Mit dem Nagel seines Daumens fuhr Heller am oberen Scharnier entlang, bis er eine tiefe Kerbe erspĂŒrte. Hier hatte Udo mit der Feile seines Schweizer Messers versucht die Konstruktion zu schwĂ€chen.
Ob Udos Grab noch existierte? Waren seine Überreste auf den neuen Friedhof ĂŒberfĂŒhrt worden? Nur kurz schweiften seine Gedanken ab.
Drei Freunde - ein Geheimnis. Was aus Heiner geworden war und ob er noch lebte, wusste Heller nicht. Udo war - kaum achtzehn - mit seinem neuen Motorrad gegen einen Baum gerast und noch an der Unfallstelle gestorben.
Wieder und wieder hatten sie sich am Mausoleum verabredet um sein Geheimnis zu lĂŒften.
Und nun, mit beinahe achtzig war er hergekommen, um es zu ergrĂŒnden. Er kam sich vor wie ein alter Narr, unfĂ€hig loszulassen. Die Zeiten des Schweizer Messers waren endgĂŒltig vorbei. Aus der UmhĂ€ngetasche zog Heller eine StahlsĂ€ge deren Blatt aus einer Speziallegierung bestand, das jeder Art von Eisen ĂŒberlegen war. In dem Moment als er die SĂ€ge ansetzte, stachen ihm die in einem eleganten Bogen ĂŒber dem Eingang in den Stein gemeißelten Buchstaben ins Auge.

Glaube allein ist Illusion
Empfinden ist Erkenntnis
Empfinde auf ewig

Einen Atemzug hielt Heller inne. Welche Bedeutung lag in diesen Worten? Wer hatte sie in Auftrag gegeben? Kein weiterer Hinweis, kein Name, keine Jahreszahl, nichts.
Heller wusste nicht einmal ob und wenn, wer hier seine letzte Ruhe gefunden hatte. Möglicherweise war das Mausoleum völlig leer. In Auftrag gegeben, gebaut, vergessen. Ein Fond war vor vielen Jahren angelegt worden, jedes Jahr floss eine bestimmte Summe auf das Konto der Friedhofsverwaltung. Mehr wusste Heller nicht, mehr wusste niemand. Und niemand fragte. Erst jetzt bemerkte er ĂŒberrascht, dass der gehĂ€rtete StahlbĂŒgel des schweren VorhĂ€ngeschlosses nicht mehr in seiner Verriegelung steckte. Jemand war ihm zuvor gekommen. Vielleicht war der hier zur Ruhe gebettete Körper lĂ€ngst auf den neuen Friedhof ĂŒberfĂŒhrt worden.
EnttÀuschung nahm den Platz ein, wo eben noch gespannte Erwartung geherrscht hatte.
Resigniert steckte er die SĂ€ge zurĂŒck in die Tasche, entfernte das Schloss und versuchte die TĂŒr zu öffnen.
Sie schien schon Jahre nicht mehr bewegt worden zu sein und erst nach einem krĂ€ftigen Ruck gab sie ihren Widerstand auf, wobei das obere Scharnier mit einem lauten Knacken abbrach. Mit letzter Kraft gelang es ihm zur Seite zu springen und das Gleichgewicht zu halten, als die schwere TĂŒr neben ihm auf den Boden aufschlug.
Nach einigen schweren AtemzĂŒgen beruhigte sich Heller und er betrachtete den Gang der etwa eineinhalb Meter weit ins Innere des GebĂ€udes fĂŒhrte. Die Sicht wurde durch eine Querwand begrenzt, vor der nach links ein Zugang ins Mausoleum abzweigte. Unmöglich von dieser Position aus ins Innere zu sehen. Der Lichtkegel der mitgebrachten Taschenlampe erhellte die Mauer und auf ihr, in kleinen, aber gut erkennbaren Buchstaben, wieder diese seltsamen Worte.

Glaube allein ist Illusion
Empfinden ist Erkenntnis
Empfinde auf ewig

Die schnörkellose Einfachheit der Buchstaben mit ihrer seltsamen Botschaft faszinierte ihn ebenso, wie das absurde GefĂŒhl, dass sie nur fĂŒr ihn in den Stein gemeißelt worden waren.
Vor der Wand blieb er stehen und jetzt fiel ihm auf, dass sie nicht so homogen war wie es auf den ersten Blick schien. Mit einem Taschentuch wischte Heller unterhalb der Schrift Schmutz beiseite und ein kleines StĂŒck poliertes Metall wurde sichtbar. In den letzten Jahren hatte er es mehr und mehr vermieden sein von Falten zerfurchtes Gesicht zu betrachten. Jeder Zentimeter der Haut zeugte von den Wunden seines freudlosen Lebens, dem Verlust geliebter Menschen, den Krankheiten, der Einsamkeit. Nun stand er da und fĂŒhlte, wie er eine Spur von MitgefĂŒhl dem Menschen entgegenbrachte zu dem er geworden war. Musste er erst bis hierher kommen um sich selbst mit Nachsicht zu begegnen?
Heller riss sich los, trat in die Kammer ein und sah sich um. Ein kreisrunder Raum erwartete ihn. Bis auf einen rechteckigen Sockel auf dem ein steinerner Sarg ruhte, war der Raum vollkommen leer. Er hatte Laub und kleine Äste oder zumindest Staub oder Feuchtigkeit erwartet, aber die Kuppel und selbst der Boden erschienen ihm wie eben noch gereinigt. Neugierig richtete er die Lampe auf die Grabplatte und entdeckte wieder die schon vertrauten Worte. Doch dieses Mal begleitet von einem Symbol, das unterhalb der Schrift eingraviert war. Zwei stilisierte FlĂŒgel standen sich spiegelverkehrt gegenĂŒber. Seine sonst so tauben Finger glitten suchend ĂŒber die OberflĂ€che des Steines und Heller empfand eine unerklĂ€rliche Vertrautheit. Erst jetzt entdeckte er die Kerze, die in einer unscheinbaren Wandnische am Kopfende des Sarges stand. Er hatte das Rauchen lĂ€ngst aufgegeben, aber aus Gewohnheit trug er immer noch ein Feuerzeug bei sich.
Warme, gleichmĂ€ĂŸige Helligkeit fĂŒllte die Kuppel aus und beinahe schien es, dass die umgebende Wand selbst die Quelle des Lichts war.
Seine Entdeckungsreise schien ihr vorzeitiges Ende gefunden zu haben. Niemals wĂŒrde er die massive Steinabdeckung auch nur einen Zentimeter verschieben können um zu sehen, welches Geheimnis sich unter ihr verbarg.
„Guten Tag, Thomas!“ Eher verwirrt als erschreckt drehte er sich um und entdeckte einen vielleicht zehnjĂ€hrigen Jungen, der mit kurzen Hosen und einem Baumwollhemd bekleidet, die Beine an sich gezogen hinter ihm auf dem Boden saß.
„Wie bist du hereingekommen ohne dass ich es bemerkt habe?“, fragte Heller ĂŒberrascht.
„Wir haben uns schon langer Zeit hier verabredet.“
„Die Stimme“, dachte Heller verwundert. Er trat ein StĂŒck zur Seite, da sein Schatten, den er auf den Jungen warf, dessen Gesicht verdunkelt hatte.
Erst glaubte er an eine SinnestĂ€uschung, aber die Ähnlichkeit war zu eindeutig.
Dunkle lockige Haare, leicht schrĂ€ge Nase, ein schmallippiger Mund und unverwechselbar die schlecht verheilte Narbe ĂŒber der rechten Augenbraue. Der Schlag seines betrunkenen Vaters mit dem Aschenbecher
„Hast du mich jetzt erkannt, Thomas? Hast du dich erkannt?“
Heller dachte nach. Dann begriff er.
Sekunden vergingen ohne Worte.
„Ist das der berĂŒhmte Anfang des Filmes, der mir vor meinem Tod nochmals Stationen meines Daseins zeigt? Endet hier mein Leben?“, fragte er gefasst.
Auf dem Gesicht des Jungen erschien ein beinahe belustigter Ausdruck. „Anfang, Ende - fĂŒr die Menschen haben diese Begriffe eine zu große Bedeutung.“
„Ich bin ein Mensch!“, warf Heller dem Jungen entgegen.
„Ja, du bist ein Mensch, Thomas. Und ich hoffe, dass dir dieser Umstand und die vergangenen achtzig Jahre fĂŒr immer im GedĂ€chtnis bleiben werden.“
„Warum sollte ich mich an dieses elende Leben erinnern wollen?
Und was soll diese Verkleidung? WĂ€re ein großer, in Schwarz gekleideter Mann mit einer Sense nicht die bessere Alternative?“
„Ach, irritiert dich die Jugend?“ Übergangslos verwandelte sich der Junge in einen Mann mittleren Alters.
„FĂŒhlst du jetzt mehr Vertrauen zu mir?“ Die kurzen Hosen und das Hemd waren eingetauscht gegen einen schwarzen Anzug. Dunkle Ringe unter den Augen sprachen von der Trauer, die er ĂŒber den Tod seiner Frau empfand.
„Was willst du von mir, wenn hier und jetzt mein Tod bestimmte ist? Mach‘ es schnell, ich brauche keine Auffrischung schmerzlicher Erinnerungen. Ich weiß alles ĂŒber mich.“
Die Gestalt wechselte erneut ihr Aussehen und nun stand er sich selbst gegenĂŒber und deutete mit der Hand auf sich.
Die ZĂŒge des vertrauten Gesichtes wurden weich, als er auf Heller zutrat.
Augen voller WĂ€rme betrachteten ihn mitfĂŒhlend. Dann strichen Finger sanft ĂŒber sein Gesicht. Es lag nichts Fremdes in der BerĂŒhrung.

„Du weißt nichts, Thomas. Komm, ich werde dir zeigen, wer du wirklich bist.
Werde wieder eins mit dem, das ein Teil von dir war.“ Mit diesen Worten ging er zum Steinsarg, fasste unter den Rand der Grabplatte und sah Heller auffordernd an. „Keine Sorge, sie ist nicht so schwer wie es aussieht.“ Zögernd kam Heller der Aufforderung nach. Erstaunlich leicht hoben sie den massiven Deckel an und legten ihn auf dem Boden ab. „Jetzt sieh hin, Thomas!“. Heller war enttĂ€uscht. Im schwachen Kerzenschein war lediglich ein weißes, unregelmĂ€ĂŸig geformtes Tuch auf dem Boden zu erkennen. Irritiert betrachtete sein GegenĂŒber.
„Du hattest deine Aufgabe, deine Bestimmung nicht vergessen, Thomas. Aber dein MitgefĂŒhl war dir abhanden gekommen. Du handeltest nur noch aus PflichtgefĂŒhl, ohne Überzeugung. Achtzig Jahre hattest du nun Zeit, um zu erfahren. Den Schmerzen der dir Anvertrauten zu begegnen. Vielen Schmerzen 
“
„Aber ich verstehe nicht, was du mir sagen willst. Von welcher Zeit, welcher Bestimmung und welchem Menschen sprichst du?“
„Von keinem Menschen, Thomas. Du warst einmal ein WĂ€chter, ein Begleiter. Gleich wirst du verstehen. Sieh nur genau hin!“
Hellers mĂŒde Augen hatten sich etwas an die Dunkelheit gewöhnt. Erneut sah er in den Sarkophag. Nichts hatte sich verĂ€ndert. Vorsichtig fasste er hinein und strich mit den Fingern bedĂ€chtig ĂŒber die seltsam unregelmĂ€ĂŸige OberflĂ€che des Gewebes. Eine Welle von tiefer Zugehörigkeit durchdrang ihn wie ein Schauer. Aber war es wirklich ein Tuch? Etwas aus dem Gewebe löste sich. Vorsichtig zog er es heraus und hielt es in den Schein der Kerze. „Eine Feder?“
Ausdruckslos sah ihn sein GegenĂŒber an.
„Was bedeutet das?“
Er hielt unglĂ€ubig inne und nach der Erkenntnis ĂŒberkam ihn wie eine Woge die Erinnerung.

__________________
Norbert Hilgers

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