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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
En ernsten Fall für en Darmdoktor
Eingestellt am 04. 12. 2013 19:26


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Wolfgang Bessel
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En ernsten Fall für en Darmdoktor

Inne Jagd überließ ich nix dem Zufall. Schon gar nich, wenn et um die verdammten Sauen ging, die jede Nacht Wiesen und Getreidefelder umdrehten.
Die Sauerei musste ich nämlich den oberschlauen Bauern voll ersetzen. Die Bäuerlein verstanden et sehr gut, sich jeden Halm vergolden zu lassen.

Heute wollte ich ma aufe „Suhlenkanzel“, weil dort drei Tage hintereinander gegen 22.00 Uhr „Sauen-Betrieb“ war. Mein Eheweib schmierte eifrig Bütterkes, kochte Tee und freute sich auf unseren gemeinsamen Ansitz.

Wir saßen abfahrbereit in unserem kleinen Suzuki, da ging et rund in meinem Weiddarm. Allein die Vorstellung, dat wir in wenigen Minuten auffem Hochsitz säßen und eventuell Sauen vor hätten, schlug mir derart auffen Pansen, dat ich vor lauter Kniepen nich mehr „Piep“ sagen konnte.
„Berta, warte noch en Augenblick, ich muss mich noch schnell ma lösen.“
„Willi, dat iss ja schrecklich mit Dir, Du biss en ganz ernsten Fall fürn Prokto... also, son Darmfritzen. Mach endlich, dat Du fertig wirss, die Wutzen sind schon unterwegs oder stehn bereits anne Kirrung.“
„Berta!“, rief ich im Laufschritt, „man hetzt seinen Ehegemahl nicht vor einer wichtigen Sitzung! Merk Dir dat!“
Ja, so unerbittlich war die Frau! Nich ma in Ruhe durfte ich mich erleichtern.
Befreit von den grauenhaften Qualen, bestieg ich mit einem glücklichen Lächeln den Jagdwagen.
„Berta, soll ich Dir ma wat sagen?“ „Wat willze mir sagen, Willi, sach et schon. Hier kannze noch reden, aufe Kanzel herrscht absolutet Schweigen, ich muss dort meditieren.“
„Berta, ma im Ernst, Du glaubs dat wahrscheinlich nich, aber et iss wirklich so wie ich sagen tu.“ „Wat iss wirklich so? Mach den Mund auf, und red nich in Rätseln mit mir!“
„Berta, zweimal Lösen am Tag, dat iss meine Erfahrung ausse letzten Monate, bedeutet: ich schieß ne ca. 40 Kilo Wutz. Nur einmal Lösen heißt: ‚Frischling tot’.“
„Spinn weiter, Willi, ich sach schon ma ’Waidmannsheil’. Soll ich Dir auch schon ma nen Schützenbruch überreichen? Warum lässte Dir Deine Darmprognosen nich beim Deutschen Jagdverband patentieren?“
Ja, so Antworten waren für sie typisch. Berta nahm mich einfach nich ernst. Ich dachte, lasse reden, ich hab schließlich meine durchschlagenden Erkenntnisse monatelang aufgezeichnet und gewissenhaft ausgewertet.
Wir fuhren zur Suhlenkanzel und richteten uns dort in aller Ruhe ein. Hier wollten wir von 19.00 Uhr bis 1.00 Uhr ansitzen.

Et war so gegen 20.00 Uhr, ne Stunde vor Sonnenuntergang, da fragte ich meine Berta: „Hömma, Bertalein, mein Dornröschen, hasse Lokuspapier einstecken? Ich muss schon wieder, mach schnell, sonst isset passiert.“
„Willi, dat darf doch wohl nich wahr sein! Mit Dir stimmt wirklich wat nich, Du versaus den Abendansitz und störs mich bei meinen geistigen Übungen. Verzieh Dich bloß weit genug weg, und setz Deine Duftmarken nich in den Westwind. Verscharr Deine Losung! Wenne kein Papier mitgenommen hass, bisse dat selber Schuld, ’Toilettenpapier’ hat ein Jäger immer dabei! Ich hab auch keine Tempos inne Tasche, nimm Gras oder Blätter. Viel Erfolg.“
Ich sah in ihrem Gesicht aufrechte Schadenfreude. Selbst Ghandi hätte se jetz erwürgt!
Ich musste flott machen, dat ich die Leiter runter kam. Gewissenhaft prüfte ich die Windrichtung und schlug mich etwa vierzig Meter abseits vonne Kanzel inne Büsche. Dort hockte ich mich genüsslich hin.
Da! Wat war dat? Ich hörte links von mir wat knacken. Hoffentlich wechselte nich ausgerechnet jetz Wild an!
Ich kauerte immer noch in meiner typischen Haltung und wagte nich zu atmen. „Knack, knack“, da war et wieder, dat Geräusch.
Leck mich doch inne Täsch. Wat meinen Se wohl, wat meine glasigen Augen erspähten? Da brach doch in aller Ruhe en dicken schwatten Klumpen inne Bucheckern rum! Ich äugte noch ma genau hin. Verdorri, dat war ja en ganz starken Keiler und wat für einen! Der gedrungene Körperbau, vorne hoch und hinten schmal, verriet mir dat. Diese Feststellung hatte wiederum zur Folge, na ja, Sie wissen schon.
Wenn der Keiler jetz nach rechts abdrehte, käm er direkt auf mich zu, Willi, dann hasse in deiner Hock-Haltung verdammt schlechte Karten.
Nee, der Keiler wollte nix von mir, er bekam auch keinen „Wind“. Vertraut zog er zur Kirrung. Einerseits war dat für meine Gesundheit besser, andererseits war ich stinksauer. Ich hatte nämlich null Aussicht, die Kanzel zu erreichen. Die Sau hätte mich sofort spitz gehabt. Ich musste weiter hier mit nacktem Hintern kauern und durfte meine Position nich en Zentimeter verändern.

Nach fünf endlosen Minuten war ich et leid. Ich hörte den Keiler schmatzen und beobachtete, wie er die dicken Buchenknüppel anne Kirrung mit dem Gebrech durcheinander wirbelte.
Dat Jagdfieber war stärker als alle Vernunft. Ich wurde rege. Mit halb angezogener Hose pirschte ich auf allen Vieren en paar Meter nach rechts und robbte nach Indianerart zu ner dicken Buche. Ich hatte jetz dat Tier genau im Blickfeld. Mann, war dat ein Oschi von Keiler! Der wälzte sich genüsslich inne Suhle rum. Et platschte, schwappte und klatschte.
Plötzlich warf er sein Haupt auf und äugte genau in meine Richtung. Dat sah gar nich gut aus! Gleich würde er mich wie die Knüppel anne Kirrung bearbeiten und Kleinholz aus mir machen. Ich hörte ihn Wetzen und Blasen. War dat sein Signal zum Angriff?
Hätte ich doch nur den Drilling mitgenommen! So ein Sch…! Aber wer nimmt denn schon zum Lösen ne Waffe mit?
Berta musste die gefährliche Situation doch längst geschnallt haben! Mensch, sie hatte doch den Jagdschein und schießen konnte se doch auch ganz passabel! Warum ballert die denn nich, verdammt noch ma? Gut, sie wollte nie wieder en Tier töten. In Ordnung. Aber sie musste doch spätestens jetz begreifen, dat ich von dem Keiler gleich aufgeschlitzt würde! Die kannte doch den Notwehr-Paragraphen! Dat war hier doch zumindest en „Rechtfertigenden Notstand“.
Mein Herz kloppte mir bis zum Hals. Die Gedanken überschlugen sich. Ich wurde fast verrückt!
In diesem Moment machte et „Bautz“! Ein Schuss unterbrach meine Gedan-ken. Ich stand auf und sah, dat der Keiler sich nicht mehr rührte.

Berta hatte mir dat Leben gerettet! Ich flog die Leiter hoch. Sie saß da oben immer noch mit dem Drilling im Anschlag. Sie zitterte vor Aufregung. „Berta, die Sau iss tot, die rührt sich nich mehr! Waidmannsheil, meine Lebensretterin, meine tapfere Jägerin. Wat ich gesacht hab, wenn ich zweimal lokussieren tu. Et war aber heute schon dat dritte Mal – und schon stand en kapitalen Keiler auffe Bildfläche. Dat iss keine Wahrsagerei, Berta, dat iss exakte Jagdwissenschaft!“

Sie stellte die Waffe inne Ecke und war noch immer sprachlos. Ihr Gesicht war weiß wie ne Wand, sie zitterte. Die Nerven waren dat, da war ich mir sicher. Dat war kein Mitleid mit die Wutz.
Ich drückte sie fest an mich, streichelte über ihr Köpfchen und rieb beruhigend ihre Schultern. „Willi, ich musste doch schießen, stell Dir ma vor, der Keiler hätte Dich da unten angenommen und Dir Dein Patengeschenk zerfetzt, Du hattest ja die Hose noch nich hochgezogen. Ich hab et genau gewusst, dat et en Keiler war. Als er breit stand, hab ich geschossen.“
„Bertaken, mein Schätzken, Du hass allet richtig gemacht, noch ma Waidmannsheil und Waidmannsdank für die Rettung aus höchster Gefahr. “
Wir schlichen an den Keiler ran – an Bertas Keiler! Ich hielt den Drilling inne Hand, und Berta folgte im Abstand von fünf Metern. Man konnte ja nie wissen.

„Berta, ich fass et nich, Du hass en kapitalen Keiler erlegt. Kuck Dir ma die Waffen an, der Basse iss goldmedaillenverdächtig! Waidmannsheil!“
Ich brach en Fichtenzweig, streifte ihn über den Anschuss und überreichte ihr den Schützenbruch.
„Berta, Waidmannsheil, ich bin stolz auf Dich, endlich hasse die Kurve zurück zur Jagd gekriegt.“
“Waidmannsdank, Willi, ich bin über mich selbst erstaunt. Wenn ich ma als Wutz wiedergeboren werde, muss ich keine Angst vor dem Tod haben, meinen Schuss hat der Keiler nich mehr gehört.“
Sie steckte dem Tier den „Letzten Bissen“ ( Fichtenzweig) in dat Gebrech und hielt versunken en paar Minuten Totenwacht.
Der Jagdhüter half bei der Bergung und freute sich riesig. „Berta“, sagte er, „das ist Jungjägerglück. Ich habe so einen starken Keiler das letzte Mal vor zwölf Jahren geschossen.“
Berta ließ et sich nich nehmen, die Sau selbst aufzubrechen. Alle Achtung! Ich hatte jetz die stille Hoffnung, dat se durch dieset Erlebnis endgültig von dem indischen Guruquatsch geheilt war und wieder Jägerin sein wollte.
Der Keiler wog aufgebrochen 118 Kilogramm. Gut, die rote Arbeit dauerte bei ihr fast zwei Stunden, dat ließ sich mit Sicherheit noch verbessern.
Während sie mit Messer und Säge bei die Sau am fuhrwerken war, hatten Uli und ich bereits die zweite Flasche Rotwein geschnasselt.
Berta kriegte natürlich auch en Gläsken ab, dat war Ehrensache.

Dat Tottrinken vonne Wutz iss ja dat Wichtigste nach som seltenen Waidmannsheil. Wenn man dat nich tut, wird en Jäger son kapitalen Keiler nie wieder vor die Büchse kriegen. Dat iss wahrhaftig kein Jägerlatein, sondern auch sonne gesicherte „Püttmannsche Jagdwissenschaft“!








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Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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