Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
69 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ende des Findens
Eingestellt am 29. 10. 2001 15:17


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ende des Findens

Nachdem Helga steifbeinig aus dem √úberlandbus gestiegen war, setzte sie sich auf die Bank an der Haltestelle und sah sich um. Niemand war gekommen, um sie abzuholen. Der Bus hatte an einer Kreuzung gehalten, einige H√§user lagen an der Landstra√üe, die sich schurgrade bis zum Horizont erstreckte, aber der Kern des Ortes befand sich entlang der Querstrasse. Holzh√§user hinter ungepflegten Vorg√§rten, weiter unten eine Reihe von Gesch√§ften und am Ende der Stra√üe die blinkenden Lichterketten eines riesigen Casinos, dem Zentrum der Stadt. Der bedeckte wei√üe Himmel blendete Helgas Augen, das unbewohnte flache Land ringsum, f√ľr Nomaden geschaffen, schien die Siedlung nur widerwillig zu dulden. Aber sie w√ľrde wahrscheinlich auch nicht lange bleiben, hier war ihre Suche zu ende. Im gleichm√§√üig hellen Mittagslicht schienen alle Schatten verschwunden zu sein, selbst die neuen Geb√§ude sahen darin sch√§big aus, die √§lteren wirkten so heruntergekommen wie Teile einer Geisterstadt, unf√§hig, die Jahre in Geschichte oder auch nur f√ľhlbare Erinnerungen zu verwandeln. Helga versuchte, die matte Trauer dieses Ortes nicht in sich eindringen zu lassen, es war nur eine weitere trostlose amerikanische Kleinstadt, diese lag nur in einem Indianerreservat. Die besondere √Ėde dieser Siedlung lag an Helgas falscher Vorstellung von Indianern, einer romantischen Idee von edler Wildheit, √ľber die sie l√§cheln musste, die sich aber durch viele B√ľcher und Geschichten unumst√∂√ülich in ihrem Kopf festgesetzt hatte. Vielleicht war es auch weniger eine Vorstellung, als ein dringender Wunsch, den sie auf der jahrelangen Suche nach ihrem Vater gen√§hrt hatte. Sie strich ihre glatten, dunklen Haare aus dem Gesicht und l√§chelte hoffnungsvoll einer dicken Frau zu die mit schweren Einkaufstaschen beladen auf sie zukam. Sollte ihre Ankunft doch nicht vergessen worden sein? Grade als Helga sich halb aufgerichtet hatte und etwas sagen wollte, bemerkte sie den Blick der Frau der durch sie hindurch glitt, als sei sie unsichtbar. Besch√§mt wandte Helga ihr Gesicht ab, behielt aber das L√§cheln bei, als w√ľrde sie die freudlose Umgebung mit einem versonnenem Entz√ľcken betrachten. Sicher war es v√∂llig √ľberfl√ľssig, weil die Frau mit den Eink√§ufen sie ebenso wenig bemerkt hatte wie ein Staubkorn unter ihren breiten F√ľssen in den Plastiksandalen.
Auf der anderen Stra√üenseite trat eine junge Frau aus dem Haus. Mit langen Schritten, schnell, ohne zu hasten, ging sie zum Sandkasten vor der Veranda. Dort sa√ü ein kleiner Junge und spielte versunken mit einem Haufen bunter Formen. Ruhig trat die Frau vor ihn, als er aufblickte legte sie den Kopf etwas zur Seite und hob aufmunternd das Kinn w√§hrend sie ihm eine Hand entgegenstreckte. Der Kleine erwiderte den Blick, erhob sich wortlos und lie√ü sich bereitwillig wegf√ľhren. Helga sah die beiden durch die T√ľr verschwinden. Sie fuhr herum, als eine etwas hohe M√§nnerstimme sie ansprach. Vor ihr stand ein Mann mit einer starken Bierfahne. Er trug dreckige Jeans, sein T-Shirt warb f√ľr das Casino im Ort. Verwirr und sprachlos erhob sich Helga, ihre Arme √∂ffneten sich matt zu einer Umarmung. Sie wandelte die Bewegung geschickt in ein √ľberschw√§ngliches H√§ndeausstrecken ab, als sie keine Reaktion bei ihrem Gegen√ľber feststellen konnte. Er war etwa so gro√ü wie sie, seine Haut war dunkler als ihre, sein Blick schien sie zu durchdringen, ohne sie wahrzunehmen w√§hrend sie ihn hingebungsvoll musterte. Sein leichtes Anheben der Mundwinkel deutete Helga als freudiges Lachen. Z√∂gernd nannte sie seinen Namen, ihre Stimme war belegt vom langem Schweigen und der Angst in diesem wichtigen Augenblick etwas Falsches zu sagen. Wie viele Jahre hatte sie sich diesen Moment vorgestellt, diese Tr√§ume hatten ihr die Kraft gegeben sich nicht wie ein zuf√§llig entstandenes Unkraut zu f√ľhlen, ihrer Mutter zu verzeihen und sich mit erhobenem Haupte als etwas besonderes zu f√ľhlen. Jetzt l√§chelte er das erste Mal wirklich und entbl√∂√üte dabei eine Reihe kr√§ftiger gelber Z√§hne, w√§hrend er ihr feierlich nickend die Hand sch√ľttelte. Dann nahm er ihre Tasche und ging ihr voraus die Stra√üe in den Ort hinunter. Das Haus was sie kurz darauf betraten, unterschied sich kaum von den anderen, au√üer dass hier mehr Kinder auf den Stufen der Treppe zu sitzen schienen als bei den Nachbarn. Mit einer stolzen Geste umfasste Helgas Begleiter Garten, Geb√§ude und die Kinderschar und teilte ihr √ľber die Schulter mit, dies alles geh√∂re ihm. Als Helga sich zwischen dem stumm starrenden Nachwuchs ihres Vaters hindurch in die Dunkelheit der Diele dr√§ngte, suchte sie vergebens nach der Stimme des Blutes in ihrem Herzen. Fast blind folgte sie ihrem Erzeuger in ein ebenso finsteres Wohnzimmer, dessen hellster Fleck der bl√§uliche Fernsehschirm war. Feierlich in die H√§nde klatschend, schaffte er sich Geh√∂r, um sie vorzustellen. Inzwischen hatten sich Helgas Augen an das Dunkel gew√∂hnt, so erahnte sie f√ľnf runde Gesichter, die sich ihr zuwandten. Sie schienen sich sehr √§hnlich zu sehen, alles Frauen √ľber deren Stirn und Wangen die Schatten und Lichter einer Fernsehshow flimmerten. So sehr Helga in ihrer deutschen Heimat bei den Menschen nach einer √Ąhnlichkeit mit ihren Gesichtsz√ľgen gesucht hatte, so kr√§nkend empfand sie jetzt die eigene Normalit√§t. Au√üer einem gemurmeltem Willkommen passierte nichts, alle wandten sich wieder dem Bildschirm zu. Helga war wie bet√§ubt, alles war so anders als sie es sich vorgestellt hatte, so wenig besonders, so belanglos wie ein Besuch bei ehemaligen Nachbarn oder entfernten Cousinen. Nicht einmal der Mann, der offenbar ihr Vater war, schien sich zu freuen, eine verlorene Tochter wieder zu finden. Sanft schob er sie in einen Sessel, mit einer gemurmelten Bitte weitere Gespr√§che bis nach der Sendung zu verschieben. Dann reichte er ihr eine kalte Dose, die sie durstig √∂ffnete. Als sie das Bier schmeckte, musste sie sich √ľberwinden, weiter zu trinken, wollte aber nicht unh√∂flich oder anspruchsvoll erscheinen, da offenbar alle das gleiche tranken. Hier in der Dunkelheit √ľberkamen sie seit ihrer Abreise das erste Mal Zweifel. Nein, das war nicht richtig, es waren die ersten Zweifel √ľberhaupt. Seit sie sich erinnern konnte, wollte Helga genau dies tun, nach Amerika fahren, um ihren Vater zu suchen. Dieser Traum hatte sie in mutlosen Zeiten mit einem heimlichen Gl√ľck erf√ľllt, einem geheimen und nur ihr allein geh√∂rendem Gl√ľck zu dem niemand, auch nicht ihre Mutter, Zugang hatte. Sie hatte alles √ľber die Indianer Nordamerikas gelesen, buchst√§blich alles, was ihr in die H√§nde kam. Sie kannte alle St√§mme und V√∂lker, ihre Sitten und T√§nze, die Lage ihrer Reservate und die wichtigsten H√§uptlinge. Aber nichts davon hatte sie auf diese Situation vorbereitet. H√§tte ihre neue Familie einen traditionellen Tanz von ihr verlangt, es w√§re kein Problem gewesen, selbst die T√§nze der M√§nner beherrschte sie, nur dieses schweigende Starren auf eine d√ľmmliche Gewinnshow, dies √ľberschritt die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Eine halbe Stunde sp√§ter war das Programm zu Ende, die Jalousien blieben geschlossen, aber jemand machte das Licht an. Alle schienen sie inzwischen vergessen zu haben, das muntere Geplauder verstummt pl√∂tzlich als sie bemerkten, dass eine Fremde zwischen ihnen sa√ü. Mit einem kurzen Blick auf Helga verlie√üen alle Frauen den Raum. Sie hatte einen √§lteren Mann √ľbersehen, der offenbar vor den Sesseln auf dem Boden gehockt haben musste. Der kam jetzt freundlich zu ihr, bot ihr eine Zigarette an und lie√ü sich neben ihrem Stuhl auf dem Boden nieder, hockte sich hin und umschlang die Knie locker mit den Armen. Dieser etwas dickliche Mann stellte sich ihr als Gro√üvater vor. Ohne die Spur von Verlegenheit befragte er sie nach ihrer Mutter, lie√ü sich ein Foto von ihr zeigen und brach bei ihrem Anblick in ein zufriedenes Lachen aus. Helgas Vater war in seinem Sessel an der Wand sitzen geblieben und murmelte jetzt einige Worte falscher Bescheidenheit. Fassungslos h√∂rte Helga zu, wie der alte Mann ihr in einem harten Englisch erkl√§rte, wie gut er seinen Sohn verstehen k√∂nne ‚Äď denn welcher Krieger w√ľrde es sich entgehen lassen, eine so sch√∂ne Frau zu schw√§ngern. Dann musterte er sie kritisch, um schlie√ülich befriedigt festzustellen, sie s√§he doch fast wie eine echte Indianerin aus, sein Sohn habe auch hier den Feind besiegt. Er nickte bei diesen Worten ernst und t√§tschelte ihr das Knie. Nach einer schier endlosen Gespr√§chspause schickte ihr Gro√üvater den Vater hinaus. Leise und vertraulich, den Blick in eine unsichtbare Ferne geheftet, erz√§hlte er ihr von der richtigen Frau ihres Vaters, eine der weiblichen Gestalten die vorher das Zimmer verlassen hatten. Die Kinder vor der T√ľr stammten nicht alle von ihm, einige hatte seine Schw√§gerin mitgebracht. Helga f√ľhlte wie ihre Kehle eng wurde und ihr Kinn begann zu zittern. Vergeblich suchte sie, die Tr√§nen zur√ľckzudr√§ngen, schlie√ülich nahm sie einen Schluck des lauwarmen Biers aus der Dose und gab vor sich verschluckt zu haben. In dem k√ľnstlichen Hustenanfall war ihr heimliches Schluchzen nicht mehr h√∂rbar, au√üerdem schien es den alten Indianer auch nicht zu interessieren, so gleichm√ľtig sprach er weiter ‚Äď erz√§hlte ihr √ľber die alte Zeit, dem Leben bevor er mit seiner Familie in das Reservat gekommen war. Genau so ein Gespr√§ch hatte sich Helga immer gew√ľnscht, nur war es jetzt alles so traurig. Sie f√ľhlte sich fremd aber auch die Worte ihres Gro√üvaters schienen so unpassend in diesem d√ľsteren Zimmer in dem alle M√∂bel um das Fernsehger√§t gruppiert waren, wie um ein k√ľnstliches Lagerfeuer. Das gro√üe Sofa war mit einer abwaschbaren Plastikfolie √ľberzogen, die Sessel waren alle fast neu, aber geh√∂rten nicht zusammen. An der Wand hingen verschiedene Gewehre und br√§unliche Fotografien von Indianerlagern und die Portraits von Federgeschm√ľckten M√§nnern. Helga √ľberkam eine gro√üe Sehnsucht nach etwas unbenennbarem, sie h√§tte es nicht einmal ungef√§hr beschreiben k√∂nnen, nur dass es dem Begehren √§hnelte, was sie an warmen Fr√ľhlingstagen manchmal f√ľhlte ‚Äď ein Sehnen nach sich selber. Wenig sp√§ter erhob sich ihr Gro√üvater geschmeidig, nahm drei Gewehre aus einem verschlossenen Wandschrank und dr√ľckte ihr eines davon in die H√§nde. Er bedeutete ihr zu folgen und rief nach seinem Sohn w√§hrend er nach drau√üen ging. Helga folgte ihm z√∂gernd zur R√ľckseite des Hauses. Hier fing unmittelbar und √ľbergangslos die Pr√§rie an, kein Zaum deutete das Ende der Zivilisation an, hier schien das Haus wie ein Zelt inmitten der Wildnis zu stehen. Helgas Vater hatte sich inzwischen zu ihnen gesellt und nahm mit ernstem Nicken das Gewehr von seinem Vater entgegen. Da beide M√§nner sich hinhockten, tat Helga es ihnen gleich, das Gewehr in Griffweite neben sich sa√üen sie schweigend nebeneinander. Diesen Augenblick d√ľrfte sie nie vergessen, wie sie hier neben ihrem Vater und Gro√üvater kauerte, auf der Jagt wie einst ihre Vorfahren. Sie versuchte sich vorzustellen was sie wohl hier jagen w√ľrden, ein Kaninchen zum Mittagessen wahrscheinlich, sonst gab es hier nicht viel essbares Wild. Pl√∂tzlich riss ihr Vater das Gewehr hoch und feuerte, sie sah den K√∂rper eines kleinen Tieres durch die Luft schleudern, dann fiel er zu Boden. Eifrig wollte sie hinlaufen um ihn aufzuheben, aber ihr Gro√üvater hielt sie lachend am Arm fest. Mit einem fast weibischen Kichern erz√§hlte er ihr von diesen lebenden Zielscheiben, Pr√§riehunde, die schoss man nur, um in √úbung zu bleiben, kein Mensch w√ľrde sie essen wollen. Mit einem auffordernden Nicken zeigte er ihr den n√§chsten Pr√§riehund, der ganz in der N√§he seinen Kopf aus der Erde steckte. Jetzt sollte sie schie√üen. Mit bebenden H√§nden griff sie nach dem Gewehr, hob es ungeschickt an die Schulter und sah durch das Zielfernrohr. Ganz nah und deutlich konnte sie die witternde Schnauze erkennen und die aufmerksamen Augen sahen sie direkt an. Kopfsch√ľttelnd lie√ü sie das Gewehr sinken, mit verst√§ndnislosem Achselzucken nahm ihr Gro√üvater sein Gewehr und schoss. Helga glaubte, wie in einer Zeitlupe zu beobachten, als das braune K√∂pfchen zu einem blutigen Brei verwandelt wurde. Ihr Schreckenschrei erreichte nicht die Kehle, sondern blieb in ihrem Inneren begraben.
Als Helga am Nachmittag wieder in den Bus stieg, sie hatte es dankend abgelehnt, in einem der Motels zu √ľbernachten, fiel ihr der Abschied von ihrem Vater merkw√ľrdig schwer. Gerne h√§tte sie ihn ber√ľhrt, umarmt oder √ľber seine langsam grau werdenden Haare gestrichen. Aber das war nach dem festen H√§ndedruck mit dem er sich verabschiedet hatte v√∂llig unm√∂glich. So bestieg sie den Bus, ohne ihn einmal wirklich gef√ľhlt zu haben. Helga suchte sich einen Sitzplatz und als der Bus anfuhr, sah sie aus dem Fenster um ihm zu winken, aber er hatte sich schon umgedreht.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


axel
Häufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 14
Kommentare: 57
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Kyra.
Diesmal habe ich gar nichts zu meckern.
Ich finde, dir ist ein schöner Einblick in eine mir völlig unbekannte Welt gelungen.
Es wirkt alles sehr plausibel, und ist gut geschrieben.
Sch√∂ne Gr√ľ√üe.
Axel

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
mann,

m√§dchen, wo nimmst du blo√ü die tollen geschichten her? ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!