Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95290
Momentan online:
442 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ende einer Reise
Eingestellt am 03. 03. 2014 09:52


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 329
Kommentare: 2724
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Charlotte lie├č einen der beiden Fensterfl├╝gel ihres Hotelzimmers gekippt, um dem gleichm├Ą├čigen Rauschen der Brandung lauschen zu k├Ânnen. Gew├Âhnlich half ihr dies beim Einschlafen.

An diesem Abend wollte sich kein Schlaf einstellen, zu vieles kreiste nach dem heutigen unerfreulichen Telefongespr├Ąch mit Wolfgang in ihrem Kopf, zu viele Gr├╝beleien ├╝ber die Zukunft. Vor einer Woche war sie hier auf der Insel angekommen, in einem Hotel, in dem sie sich bei fr├╝heren Besuchen im Februar immer wohlgef├╝hlt hatte. Sogar das Wetter meinte es gut, die Temperaturen stiegen in fast fr├╝hlingshafte H├Âhen. Doch Entspannung fand sie auch bei stundenlangen Strandwanderungen nicht. Charlotte f├╝hlte sich unkonzentriert, unruhig, unf├Ąhig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Ihre Reise glich diesmal eher einer Flucht, einer Flucht vor dem ewig missgelaunten Ehemann und seinen Wutausbr├╝chen. Er kam nicht klar mit seinem Rentnerdasein, war zu einem b├Âsen alten Mann geworden, der allm├Ąhlich jede Lust am Dasein verlor und ihr mit seinen st├Ąndigen N├Ârgeleien den Alltag zur H├Âlle machte. Oft hatte sie ├╝berlegt, wie ein Leben ohne Wolfgang aussehen k├Ânnte, aber nie die St├Ąrke gefunden, wirklich den Absprung zu wagen. Sie empfand sich mittlerweile als zu alt, zu kraftlos, um noch einmal von vorn zu beginnen. F├╝nfunddrei├čig anstrengende Ehejahre mit einem schwierigen Partner hatten vieles in ihr zerbrochen und ihr die Hoffnung auf bessere Tage restlos genommen. Sie f├╝hlte sich seit Monaten so verzagt, dass sie neuerdings zu Antidepressiva griff, bisher ohne sp├╝rbaren Erfolg. Ihr Hausarzt hatte sie beim Verschreiben des Medikamentes allerdings sehr eindringlich darauf hingewiesen, dass sich ihr Zustand nur bessern k├Ânne, wenn auch ihre Lebenssituation einigerma├čen frei von Belastungen sein w├╝rde.

Charlotte w├Ąlzte sich im Bett. Vielleicht setzte sie sich selbst zu sehr unter Druck, gr├╝belte sie, denn sie musste in diesem Urlaub unbedingt eine endg├╝ltige L├Âsung finden. Sie konnte nicht mehr wie bisher weitermachen. Die Vorstellung, morgen wieder in die trostlose Atmosph├Ąre ihres Zuhauses zur├╝ckkehren zu m├╝ssen, bereitete ihr jetzt schon Angst. Die Alternative, wieder allein zu leben und v├Âllig auf sich gestellt zu sein, behagte ihr genauso wenig.
Die Zeit verrann, an Schlaf war endg├╝ltig nicht mehr zu denken. Je l├Ąnger Charlotte nachdachte, desto klarer schien sich eine ganz einfache und schnelle L├Âsung aller ihrer Probleme herauszukristallisieren.

Entschlossen stand Charlotte auf, sie wollte nicht l├Ąnger z├Âgern. Sie begann z├╝gig ihren Koffer vollzustopfen, ohne jede erkennbare Ordnung. Wenigstens das Zimmer sollte aufger├Ąumt aussehen. Die w├Ąrmsten Kleidungsst├╝cke zog sie an: eine Wollstrumpfhose, dar├╝ber die neue Thermohose, einen d├╝nnen Rolli, einen dicken Norwegerpullover, zum Schluss die Steppjacke mit Kapuze, zus├Ątzlich Schal und M├╝tze. Sie stieg in die gef├╝tterten Winterstiefel und wollte als letztes die Handschuhe ├╝berstreifen, als sie noch einmal innehielt. Auf einen Zettel aus ihrem Notizblock kritzelte sie eine kurze Nachricht.

Niemand bemerkte, wie Charlotte aus der T├╝r des Nebengeb├Ąudes in die Dunkelheit verschwand. Sie folgte der schwach erleuchteten Strandpromenade bis zur Seebr├╝cke. Am Ende der Bucht steuerte ein Schiff den F├Ąhrhafen an ÔÇô die Skandinavienf├Ąhre, also musste es gegen f├╝nf Uhr sein, dachte sie. Charlottes Tritte in den groben Stiefeln hallten auf den Bohlen der Seebr├╝cke. Noch etwa hundert Meter, dann w├╝rde sie ihr Ziel erreicht haben. Die matte Br├╝ckenbeleuchtung wies ihr den Weg.
Sie kletterte ├╝ber die Absperrung, die den Anleger der B├Ąderschiffe sicherte. Weitere zehn Stufen bis zum Ponton. Die Wellen klatschten heftig an die Pfeiler der Br├╝cke.
Charlotte z├Âgerte keine Sekunde vor dem Sprung. Schon die n├Ąchste gro├če Woge dr├╝ckte sie komplett unter das eiskalte Wasser, f├╝llte die Kapuze, saugte sich in den schweren Wintersachen fest.

Vier Stunden sp├Ąter fand ein Zimmerm├Ądchen in Charlottes Zimmer den Zettel mit Wolfgangs Namen und Telefonnummer. ÔÇ×Bitte benachrichtigenÔÇť stand darunter. Mehr nicht.


Version vom 03. 03. 2014 09:52
Version vom 07. 03. 2014 16:31

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Bertl Schreiner
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2013

Werke: 10
Kommentare: 66
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Bertl Schreiner eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Ciconia,

ich wurde erst jetzt auf Deine neue Geschichte aufmerksam und finde, sie sollte nicht unkommentiert bleiben, zumal sie sich mit einem ernsten, viele ├Ąltere Menschen betreffenden Thema befasst. Mich hat erstaunt, dass ein sicher literarisch kompetentes LL-Mitglied sie mit nur zwei Punkten bewertete. Woran k├Ânnte das liegen?

Auf der sprachlichen Seite scheint mir alles in Ordnung zu sein; Satzbau, Wortwahl und Sprachfluss sind aus meiner Sicht ohne M├Ąngel, schn├Ârkellos und dem Thema entsprechend. Man m├╝sste schon in den Kr├╝meln suchen, um die schlechte Bewertung zu rechtfertigen.

Inhaltlich hat mich die kleine Geschichte ber├╝hrt, zeigt sie doch die wenig hoffnungsvolle Lage der Prot., die dann fast zwangsl├Ąufig zum Freitod f├╝hrt. Nur an der entscheidenden Stelle geht es mir etwas zu schnell:

quote:
Die Zeit verrann, an Schlaf war endg├╝ltig nicht mehr zu denken. Je l├Ąnger sie nachdachte, desto einfacher schien ihr die L├Âsung aller ihrer Probleme. Sie stand auf und begann ihren Koffer vollzustopfen, ohne jede erkennbare Ordnung.
Hier f├╝hle ich mich etwas allein gelassen: Was dachte die Prot. in dieser langen Nacht? Gab es keine Alternativen mehr? Konnte sie in ihrer Lage keine anderen M├Âglichkeiten sehen? Fand sich in ihr selbst oder in ihrem Umfeld nichts, das ein Weiterleben erm├Âglichte?
Andererseits lassen Kurzgeschichten gern den Leser mit offenen Fragen zur├╝ck.
Sei es drum; ich habe die Geschichte mit Gewinn gelesen.
LG Bertl

Bearbeiten/Löschen    


Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 329
Kommentare: 2724
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Lieber Bertl,

ich bin sehr froh, dass diese Geschichte doch noch einen Kommentator gefunden hat. Zu dem ÔÇ×sicher literarisch kompetenten LL-MitgliedÔÇť m├Âchte ich mich nicht mehr ├Ąu├čern, ich habe an anderer Stelle schon alles gesagt.

Dein Einwand scheint mir durchaus berechtigt. Es mag daran liegen, dass ich den Text zun├Ąchst als Kurzprosa konzipiert hatte und mir die Ausarbeitung zu einer Kurzgeschichte nicht ausf├╝hrlich genug gelang. Ich werde diesen Teil der Geschichte noch etwas ausbauen m├╝ssen.

Erst einmal herzlichen Dank f├╝r Deine lobenden Worte, ich wei├č sie zu sch├Ątzen.

Liebe Gr├╝├če
Ciconia

Bearbeiten/Löschen    


9 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung