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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Endlich Urlaub
Eingestellt am 01. 04. 2018 21:54


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Reeno RPR
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2018

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Endlich Urlaub!

Der Flug war lang und zeitraubend, doch wenn ich in diesem Moment an gestern Morgen denke, als die Maschine im kalten, grauen Nieselregen von der Startbahn in Frankfurt abhob, Richtung London flog, um dann in diesem Paradies zu landen, so haben sich die Strapazen durchaus gelohnt. Mit winzigen Booten werden wir auf die kleinen Inseln im flachen, hellen Wasser verteilt. Gro├če Hotels, die eine ganze Flugladung sonnenhungriger Touristen aufnehmen k├Ânnten gibt es hier nicht. Als die letzte schwitzende Gruppe von G├Ąsten zu der ich geh├Âre aufgerufen wird, erkl├Ąrt uns die Reiseleitung, dass wir besonderes Gl├╝ck gehabt h├Ątten. Das urspr├╝nglich im Katalog angepriesene Eiland k├Ânne nicht mehr angesteuert werden, da der stetig steigende Meeresspiegel gerade dabei ist das vorgesehene Hotel zu verschlingen. Wir werden demnach auf eine neu erschlossene Insel mit ganz neuen Anlagen verlegt, sozusagen als Erstbezug. Das es sich bei unserem Urlaubsziel um eine ehemalige Bestattungsinsel der Ureinwohner handelt, verr├Ąt uns niemand. Unser Boot tuckert gem├╝tlich durch die sanften Wellen des flachen Wassers, wir sind zw├Âlf G├Ąste. Ich reise noch allein, werde mich aber in der n├Ąchsten Woche mit meiner Frau in Kuba treffen.
Der freundliche Bootsf├╝hrer bringt uns sicher zur Insel, am Steg wartet schon das Personal unserer Unterkunft, um uns, wie wir richtig vermuten die Koffer abzunehmen. Derma├čen freundlich empfangen, betrete ich hoffnungsvoll mein Zimmer und werde positiv ├╝berrascht, wie nett es eingerichtet ist, gro├čz├╝gig und neu. Der Blick aus dem Fenster ist fast schon kitschig, wie auf einer Postkarte mit Urlaubsgr├╝├čen aus der Karibik, es fehlt nur der Schriftzug ÔÇ×HolidayÔÇť am Horizont. Der Rest des Tages vergeht mit einem ausgiebigen Bad im Meer, frisch geduscht sitze ich an der Bar und genie├če alkoholfreie Cocktails. Rasch wird es dunkel und ich gehe zufrieden zu Bett. Am n├Ąchsten Morgen erwache ich mit Kopfschmerzen, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ich ├Âffne die Augen und befinde mich in diesem herrlichen Hotelzimmer, doch ich f├╝hle mich schwer. Mit verschlafenem Blick sehe ich mich um, irgendetwas ist merkw├╝rdig. Pl├Âtzlich betrachte ich mit weit aufgerissenen Augen entsetzt meine geschwollenen H├Ąnde. Ich eile ins Bad, will in den Spiegel sehen und erschrecke abermals, aus dem Spiegel glotzt mich die korpulente Dame an, die gestern mit mir anreiste, auch sie macht einen verst├Ârten Eindruck. Was mich zuerst wundert ist, dass sie all die Bewegungen macht, die auch ich vor dem Spiegel vollf├╝hre. Der Leser ahnt sicher bereits was geschehen ist, richtig, ich erwachte im K├Ârper eines anderen Menschen. Die Erkenntnis dar├╝ber kommt nun schnell in mir auf, nur wie soll ich damit umgehen? Ich sitze verwirrt und nachdenkend auf meiner Schalfst├Ątte. Von drau├čen dringen vereinzelt Schreie und Ausrufe in mein Gemach. Ich vermute, dass die anderen G├Ąste ebenfalls nach und nach erwachen und ein ├Ąhnliches Schicksal erleiden wie ich. Wer hat blo├č das Gl├╝ck in meinem K├Ârper zu erwachen? Stets habe ich viel und gern Sport getrieben, immer gr├╝ndlich Z├Ąhne geputzt und nun sitze ich hier in diesem K├Ârper. Ein Vergleich zwischen einem Porsche und einem verrosteten, ├╝berladenen, koreanischen Kleinlaster, in dem ich nun gefangen bin, kommt in mir auf. Da packt mich die Wut und mit ihr der Mut mein besch├╝tzendes Zimmer zu verlassen. Ich gehe von Zorn getrieben in den Speiseraum, wo mich die Restaurantleiterin, als scheinbar ersten Gast freundlich begr├╝├čt. Sie ahnt anscheinend nicht, dass sie nur eine H├╝lle, einen koreanischen Kleinlaster vor sich hat und keinen Mittdrei├čiger mit Idealma├čen. Zerknirscht nehme ich auf dem angewiesen Stuhl Platz. Sie serviert Kaffee, und ich erkundige mich auf englisch nach einer Telefonnummer der Reiseleitung. Sie serviert Br├Âtchen, und ich erkundige mich nach der Telefonnummer eines Arztes. Als sie ein Tablett mit verschiedenen Marmeladen, einem Ei und K├Ąse bringt, erkundige ich mich nach den Telefonnummer der Polizei. Das Fr├╝hst├╝ck sieht hervorragend aus und duftet so, dass man Hunger bekommen muss, doch mein Magen, nein, der Magen meines Kleinlasters, ist nur ein verschrumpelter Klo├č, der angesichts der Situation nicht arbeiten kann. Vorsichtig versuche ich der Kellnerin meine Situation zu schildern, doch wie erwartet, blickt sie mich an, als geh├Âre ich in eine Ballerburg, um ein wenig Seelenheilkunde ├╝ber mich ergehen zu lassen, aber nicht ohne Zwangsjacke auf diese Insel. Naja, nun da mein Ruf beim Personal ruiniert ist, gehe ich einfach auf den Vorplatz der Hotelanlage und rufe laut und zornig, dass alle die, die heute im falschen K├Ârper erwacht sind, doch bitte unverz├╝glich hier antreten m├Âgen. Statt des erwarteten Gel├Ąchters schleichen fast zeitgleich elf niedergeschlagene Gestalten auf den Hof, darunter auch mein Porschek├Ârper. Um die Sache hier abzuk├╝rzen eine knappe Kl├Ąrung der Sachlage. Bis heute hatte ich nicht die leiseste Ahnung davon, was Voodoo-Zauber ist, und ich muss gestehen, dass ich mich bis zu diesem Morgen nicht im Geringsten f├╝r diese Geheimnisse interessiert habe. Doch genau dieses Fachgebiet kommt hier zur Anwendung. Es dauert Stunden, bis wir dem Personal glaubhaft klar gemacht haben, was mit uns geschehen ist, umso erstaunter bin ich, als nach einigen Stunden ├╝berraschend ein geschm├╝cktes Boot anlegt. In dem Kahn steht ein Mann, ein Medizinmann in voller Ausr├╝stung, als touristische Attraktion nicht schlecht, doch in dieser Lage ist mir nicht nach Unterhaltung zumute, was du lieber Leser sicher nachvollziehen kannst. Doch diese Figur sollte ma├čgeblich f├╝r uns werden. Der, doch echte, Medizinmann bekommt schnell heraus was geschehen war. Die Insel so dolmetschte ein Hotelangestellter war bis in die 1970ger Jahre eine Bestattungsinsel, heiliges Land. Die Geister der Ahnen haben sich einen Scherz mit uns erlaubt und uns ÔÇ×vertauschtÔÇť. Helfen kann er uns allerdings nicht, das vermag nur der Singdoktor von der ├╝bern├Ąchsten Insel, bis dieser hier eintreffen w├╝rde m├╝ssen wir uns einen Moment gedulden. Es sei hier angemerkt, dass in diesen Breitengraden ein Moment vieles bedeuten kann, ich habe hier vor einigen Jahren einen ÔÇ×kurzen MomentÔÇť auf ein Taxiboot gewartet, von um 11:00 Uhr bis kurz vor Sonnenuntergang dauerte dieser Moment seinerzeit. Vom Verlaufe dieses Tages m├Âchte ich hier kein weiteres Wort verlieren, wir alle sind damit ├╝berfordert diese ungewohnte Situation zu realisieren. Eines werde ich denn aber doch berichten, es ist der Tiefpunkt des Tages, gegen Nachmittag will ich mit dem K├Ârper Marke rostiger Kleinlaster baden. Kurz gesagt diese ungelenke, volumin├Âse H├╝lle eignet sich weder zum Schwimmen, Tauchen, noch um in sonst einer erdenklichen Art Spa├č im Wasser zu haben, selbst beim Schnorcheln im Flachwasser bin ich beinahe ertrunken. Meine H├╝lle wird zur Zeit ├╝brigens von einem Jungen bewohnt, der es ziemlich cool findet pl├Âtzlich 60 Zentimeter gr├Â├čer zu sein. Nach dem Abendessen sitzen wir alle zusammen, kaum einer spricht noch, ein jeder guckt hin und wieder sehns├╝chtig auf seinen K├Ârper, der irgendwo anders herumsitzt, nur nicht an dem Ort, an dem man selbst gerade ausruht. Doch halt, unzufrieden sind nicht alle, die Dame die im wirklichen Leben im ├╝berladenen Kleinlaster lebt, sie wohnt nun im K├Ârper des Jungen. In der jungen H├╝lle probiert sie allerhand Sport├╝bungen aus und wird dabei immer mutiger. Angefeuert von einer modisch eleganten Dame in deren H├╝lle ein r├╝pelhafter Anwalt haust. Das muntere Treiben der beiden wird je unterbrochen, als der Hotelleiter uns f├Ârmlich das Kommen des Singdoktors ank├╝ndigt. Wie von unsichtbarer Hand gekniffen stehen alle auf und blicken gespannt zur T├╝r. Es ist so ruhig im Saal, dass wir das Meer h├Âren k├Ânnen. Dann mischt sich das leise Tippeln ins Rauschen und ein kleines von der Sonne ged├Ârrtes M├Ąnnlein, von sch├Ątzungsweise 250 Jahren, erscheint im Raum. Die lockigen, wei├čen Haare sind oben auf dem Kopf zu einem Zopf gebunden, der wie ein explodiertes Kissen aussieht und bis zum Boden reicht. Seine Kleidung ist schlicht, ein sackf├Ârmiger, brauner Umhang und ein kleiner Umh├Ąngebeutel, in dem, wie sich sp├Ąter herausstellt seine Voodooutensilien verwahrt sind. Auff├Ąllig sind die hellgr├╝nen Augen, sie blinzeln uns wach an und passen so gar nicht zu einem alten Mann. Er beginnt summend zu singen, wobei er jeden im Raum mit einem Fingerstrich ├╝ber die Stirn zu begr├╝├čen scheint. Hernach murmelt er etwas zum Hotelleiter, woraufhin uns dieser beflissen ├╝bersetzt und mit den H├Ąnden zeigt, dass wir uns auf den Boden setzen sollen. Ich zw├Ąnge den m├Ąchtigen Leib zwischen die Anderen. Ich w├╝rde selbst einen Triathlon mit dieser Gestalt durchleiden, wenn der Spuk nur endlich ein Ende nimmt. Singend und murmelnd vergehen einige endlos scheinende Minuten. Schlie├člich bricht der brummende Schamane in Gel├Ąchter aus. Fragende Blicke treffen ihn. Der Singdoktor summt und gurgelt unbeeindruckt weiter, bis er mit staunendem Gesicht verstummt. Fragende Blicke treffen ihn. Wie in Trance beginnt er nun laut zu singen, dann schweigt er, nach dem Schweigen verstummt er wieder, so geht es eine Zeit hin und her, bis er schlie├člich ganz verstummt. ÔÇ×SuperÔÇť, denke ich, ÔÇ×nun ist er kaputt.ÔÇť Als der Alte pl├Âtzlich mit klarem Blick den ├ťbersetzer ins Auge fasst und ruhig zu reden beginnt. Als er damit fertig ist, holt der Angesprochene tief Luft. Er erkl├Ąrt uns, dass sich die Geister der Toten gest├Ârt f├╝hlen, jenes sei allerdings nicht schlimm, denn sie haben beschlossen aus der Situation das Beste zu machen und werden die n├Ąchsten 27 N├Ąchte unsere K├Ârper weiter munter durchtauschen. Der Singdoktor hat schon versucht mit ihnen zu verhandeln, doch seine Angebote gefallen den Ahnen nicht. Nun ist es an uns ihnen ein Verhandlungsangebot vorzulegen. Sofort springt die elegante Dame auf, die ja momentan von dem r├╝cksichtslosen Anwalt bewohnt wird und zitiert niederl├Ąndisches Recht, faselt etwas von Menschenrechten und droht sogar mit dem Gerichtshof in Deen Hag. Jene Worte, so w├╝nscht er, soll der Hotelier dem Schamanen ├╝bermitteln und der soll mit den Geistern verhandeln. Der erste ├ťbersetzer erkl├Ąrt, dass es weder in seiner, noch in der Sprache der Ahnen Worte oder gar Verst├Ąndnis f├╝r die niederl├Ąndische Justiz g├Ąbe. Woraufhin der Junge, von dem ich nicht wei├č wer in ihn steckt, vorschl├Ągt wir sollten anbieten sofort nach R├╝ckverwandlung die Insel zu verlassen und kundtun, dass diese verhext sei, so dass die Geister der Ahnen ihre alte Ruhe zur├╝ck h├Ątten. Die ├ťbersetzer versuchen ihr Gl├╝ck, w├Ąhrend der Singdoktor scheinbar eine Antwort aus dem Jenseits bekommt, erhellen sich seine Gesichtsz├╝ge. Feierlich wie ein Staatspr├Ąsident erkl├Ąrt er dem Hotelchef und dieser dann uns, dass sieben Steine sowohl H├Ârer als auch Freunde belustigen. Zuerst sind wir ratlos, dann kommt der Junge darauf, dass es sich um einen peinlichen ├ťbersetzungsfehler handeln m├╝sse. Nach langem Hin-und Her zwischen uns und dem Dolmetscher, dem Medizinmann und dem Singdoktor, einigt man sich bei den Verstorbenen noch einmal nachzufragen, ob man richtig verstanden h├Ątte. Z├Âgerlich beginnt der Singdoktor sein Ritual, welches mich teils be├Ąngstigt, teils belustigt, wobei ich den spa├čigen Anteil zu unterdr├╝cken versuche um mir vor den Ahnen nichts anmerken zu lassen. Ergebnis der zweiten Unterredung ist dann, dass die Toten zwar ihre Ruhe haben m├Âchten, wir aber erst nach sieben Verwechslungen, also in sechs N├Ąchten erl├Âst w├Ąren. Jenes w├Ąre gut und lehrreich f├╝r uns und vergn├╝glich f├╝r sie, es sollen auch nur Fremde, also wir Touristen betroffen sein, alle anderen m├╝ssen nun unverz├╝glich das Eiland verlassen und der Welt erkl├Ąren, dass es hier spuke. Der Singdoktor betont sein Bestes gegeben zu haben, erkl├Ąrt noch rasch, dass die Ahnen nicht mehr auf Sendung sind und eilt zu seinem Boot. Als der Medizinmann das mitbekommt, rennt er ebenfalls auf nimmer Wiedersehen in die Dunkelheit. Woher das gesamte Hotelpersonal so schnell kommt, wei├č ich nicht, doch gelingt es mir den ebenfalls zur Flucht ansetzenden Hotelchef unter meinem massigen K├Ârper, an den ich momentan gar nicht gedacht habe, zu begraben. Au├čer Atem, da der konditionell schwache Kleinlaster nicht mehr hergibt, zwinge ich ihn dazu, uns die Schl├╝ssel zum Lebensmittelraum zu geben und rufe dem Fahrer meines Porschek├Ârpers zu er solle mit der sportlichen H├╝lle zum Steg eilen und daf├╝r sorgen, dass wir ein Boot hier behalten, welches gro├č genug f├╝r uns alle w├Ąre.
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RPR

Version vom 01. 04. 2018 21:54

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