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Endlich gefunden: Deutschlands Superdichter(in)!
Eingestellt am 24. 09. 2003 11:50


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LuMen
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Endlich gefunden: Deutschlands Superdichter(in)!

RĂĽckblick auf eine angebliche Kulturveranstaltung in Weimar am 13. Sept. 2003

Bedurfte Deutschlands kulturelle Szene der Belebung: Hier war sie! Und stand sogar unter der Schirmherrschaft eines prominenten, wenn auch schon pensionierten Politikers und ehemaligen LandesfĂĽrsten des Ostens (Bernhard Vogel).
Die Erwartungen waren durch die Preisauslobung hochgesteckt und die Nerven bei den sich berufen Fühlenden bis zum Zerreißen gespannt: Wen wird ein Verein, der sich mit den Wörtern "deutsche Sprache" schmückt, mit honoriger Hilfe des Goethe-Instituts auf den Dichterthron Deutschlands setzen?
Als geeigneter Ort für den Endlauf der Kür konnte nur das traditionsschwangere Weimar in Betracht kommen, wohin 25 der in diesem Wettstreit – das "edle" lasse ich einmal bewußt beiseite – Auserwählten unter den angeblich rd. 5000 Musentöchtern und –söhnen Deutschlands geladen wurden. Darunter waren auch Nutzer der "Leselupe", und mindestens einem gelang sogar der Sprung in die Charts.

Das groĂźe Ereignis gestaltete sich nach den mir bekannt gewordenen Bekundungen von beteiligten und unbeteiligten Augen- und Ohrenzeugen in groben Umrissen wie folgt:
An dem herbstkühlen Abend des verheißungsvollen Tages fand sich in idyllischer Parkumgebung die stattliche Zahl von etwa hundert dichtkunstbegeisterten Zuhörern ein und durfte, wegen der besseren Bewegungsmöglichkeit fürs Warmmachen, durch stehende Ovationen seine Stimmen bei der Endausscheidung und letztlich der Siegerwahl abgeben. Dadurch wurde der illustren Juroren-Mannschaft aus Sprach- und Literaturwissenschaftlern (auf die noch zurückzukommen sein wird) die persönliche Anwesenheit und weitere Schwerstarbeit erspart, die sie bei der Durchsicht der Tausenden von Einsendungen in der Rekordzeit von 27 Tagen zwischen Einsendeschluß und Benachrichtigung des 25er-Kreises schon bis zur Erschöpfung geleistet haben muß.
Der größtmöglichen Objektivität halber bedienten sich die Moderatoren bei ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit eines sog. "Applaus-Messers", live miterlebt und beobachtet von einem hochrangigen Repräsentanten deutschen Kulturlebens – vor Ehrfurcht kommt mir sein Name kaum über die Lippen, aber er war tatsächlich da: Daniel Kübelböck! (während Walter Kempowski nur medial grüßte).

Unglücklicherweise wurde der Genuß der Rezitationen aus den zunächst in Fünfergruppen aufgeteilten Werken der Preisanwärter durch eine der Wortgewalt nicht gewachsene, defekte Lautsprecheranlage getrübt, und allenfalls Leute mit einem Richtmikrofon im Gehörgang hätten den genauen und vollständigen Wortlaut der Gedichte verstanden (aber wer besitzt schon ein solches Gerät außer den literarisch weniger interessierten Geheimdiensten). Da der Applausmesser zwangsläufig wenig Impulse erhielt, forderten die Moderatoren nach einigen lahmen Runden die schwachbrüstige 100-Mann-Truppe zwecks Erzielung höherer Lautstärke und Wertungen zum Johlen und Grölen auf, was selbige, schon um sich warm zu machen, freudig befolgte.

Bei dieser bodenständigen Interpretation des Gleichbehandlungsgrundsatzes gelang, was sonst demokratischen Wahlverfahren selten gelingt, nämlich wirklich jemanden aus der Masse des breitenVolkes zu küren: Eine Maid, die – nach eigenem Bekunden – bislang unberührt von den Höhen und Tiefen einer dichterischen Existenz war! Das konnte der mit ihr bekannte Moderator natürlich bestätigen.

Leider stellt sich bei näherem Hinsehen auch das preisgekrönte Gedicht an verschiedenen Stellen als unberührt von wesentlichen dichterischen Grundsätzen dar, ohne daß ich es jetzt sezieren wollte:
Es enthält zwar einige durchaus passable Verse im Wilhelm-Busch-Stil, zeigt dann aber unvermutet grobe Schnitzer. Leider "werd´n" die Zeilen so nicht "zum wahren
Schatz", denn "werd´n" (zweimal kurz hintereinander gebraucht) ist keine metrisch zulässige Silbenauslassung und gibt das auch phonetisch nicht her.
Und darüber, was "trotz sie manchen Nerven lassen", auf Deutsch heißen soll, bin ich immer noch, um mit der gekrönten Dichterin zu sprechen, "am Michfragen"!
Wahrscheinlich bedeutet es soviel wie "obwohl es sie manchen Nerv gekostet hat" oder ähnlich.

Genau so wenig passen einige weitere Gedichte in die Endrunde (so schlecht können die restlichen 4.975 Gedichte wahrhaftig nicht gewesen sein!).
Dem selbst gestellten Anspruch des Veranstalters an ein "Supergedicht" dürfte die Anhäufung dadaistischen Gestammels wie "dabbelju, dabbelju, dabbelju" usw. trotz - oder wegen -Anlehnung an Jandl schwerlich genügen.
Und wenn ein Dichterling "in Fladen baden möchte, die ihn schmierig güllegierig fest umschließen und durch Düngemittel sprießen", und weiter "beim Buhlen suhlen möchte in Kloaken-Algenflaken", so wird die Mehrzahl der deutschen Lyrikfreunde sicher gern auf die Fortsetzung dieser Fäkalienorgie verzichten (alle Zitate nachzulesen unter w.w.w.superdichter.de beim "Siegergedicht"). Für die Zukunft würde ich zur weiteren Auflockerung in solchen Fällen die Verleihung eines Sonderpreises für das "Außergewöhnliche" vorschlagen, wie er heute bei allen künstlerischen "Events", die etwas auf sich halten, üblich ist.

Ist der furiose Endspurt des Siegergedichts zumindest noch teilweise durch das "gesteuerte" pseudo-demokratische Wahlverfahren erklärlich, so bleibt doch die brennende Frage, wie Gedichte solchen Zuschnitts überhaupt in die engere Wahl gelangen konnten.
Man reibt sich verwundert die Augen angesichts einer Jury, die aus hochkarätigen Sprach- und Literaturwissenschaftlern zu bestehen scheint. Hat man da ausschließlich Böcke zum Gärtner gemacht oder waren das nur blech-klappernde Aushängeschilder?
Das wird wohl deren und des Veranstalters Geheimnis bleiben – zumindest bis zum schon angedrohten nächsten Mal.

Zum Schluß soll, weil es so schön zur volksnahen Linie der Veranstaltung paßt, nicht unerwähnt bleiben, daß auch der einfache Bürger Gelegenheit hatte, das Spitzengedicht bei Ebay zu ersteigern! Damit hätten ihm alle Nutzungsrechte wie insbesondere die uneingeschränkte Verwendung zu Werbungszwecken und gar zur Vertonung! ein Jahr lang zur Verfügung gestanden, so der Ebay-Waschzettel zum Produkt. Greift zu, liebe Lyrikfreunde – hätte ich beinahe gerufen, aber leider ist das Werk bereits zum Preise von
€ 51,87 weggegangen. Glücklicher Erwerber ist die Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt", die sich die Pflege unserer Muttersprache zur Aufgabe gemacht hat.

Na dann...


LuMen

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Franktireur
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Einfach köstlich - diese Rezension.
Ich habe das ganze Szenario beim Lesen
vor Augen gehabt, ich habe das Geblöke
über die defekte Verstärkeranlage gehört
beim Lesen.
Besser gehts nicht.

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LuMen
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Weimarer Dichterherbst

Hallo Franktireur,

ich habe mich ĂĽber Deine positive Kritik gefreut und vor allem darĂĽber, daĂź Du SpaĂź an der Glosse gehabt hast! Ansonsten scheinen sich weniger User der LL vom Thema berĂĽhrt zu fĂĽhlen, als ich dachte. Vielleicht hat sich die "Show" von Weimar noch nicht so herumgesprochen.

Beste GrĂĽĂźe
LuMen

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jon
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…ehrlich gesagt hatte ich die Sache schon in den "nicht ernst zu nehmen"-Pott gesteckt, als ich von dem Unterfangen erfuhr. Ob es bereits der Name der Aktion war – „Deutschland sucht den Super…" verspricht nicht unbedingt Qualität – oder ob ich erst bei „Jeder Vortragende wird in ein historisches Kostüm gekleidet, geschminkt, und möglicherweise mit Perücke versehen...“ (steht so in den "Bedingung", die ohnehin eher den Eindruck eines Studentenjuxes vermitteln als den eines ernsthaften Wettbewerbs) das Handtuch warf, weiß ich allerdings nicht mehr.



TEXTARBEIT:
Ich gebe zu, ich bin ein wenig überarbeitet und hebe mir das Korrekturlesen nicht umsonst für die Vormittage auf…: Ich hatte Mühe, mich auf den Text zu konzentrieren. Lange Sätze, viel "Schmuck", häufige Einschübe – das macht den Text zwar so klingen, wie es bei "Deutschland sucht den Superdichter" angemessen sein mag, aber es erschwert das Lesen. Ein bisschen scheint mir dieser "allzu literarische Stil" auch kontraproduktiv für das Anliegen, ist er doch dem angeprangerten Laut-Unsinn zumindest klangmäßig recht nahe.
Übrigens fehlt noch der Name des Schirmherren im Text. Nicht nur, weil dies journalistisch korrekt wäre, sondern auch, weil man sich automatisch fragt, welcher seltsame Vogel sich denn für was hergibt… (nomen est omen?).
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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DeGie
Guest
Registriert: Not Yet

FĂĽr mich ist der Text eine interessante Mischung aus Satire und Information.
jon hat schon recht: Man braucht etwas Konzentration. Aber durchaus angemessen.

Obwohl ich nichts gegen eine noch eindeutigere (zynischere) Satire einzuwenden gehabt hätte, ist der Text schon der Infos wegen sehr interessant für mich.

Und wieder stellt sich mir die Frage:
Geben Gedichtwettbewerbe ĂĽberhaupt einen Sinn?
Immerhin war dieser ja schon etwas spezialisiert - auf Reimgedichte.
Um mein altes Bild vom Speisenwettbewerb aufzuwärmen (s. Literaturbetrieb / NBB-Wettbewerb):
Zwar tritt Schokoriegel gegen Schinken und Blumenkohl an, nicht jedoch gegen Bier oder Roth-Händle.


Am besten, man meidet Wettbewerbe.
Oder man schickt höchstens mal eben was hin und denkt nicht weiter drüber nach. Wenn man einen sinnvollen Preis gewonnen haben sollte, wird man ja schon informiert werden...

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LuMen
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wollt´ sich wer einen Jux machen...

Hallo jon und DeGie,

ich danke Euch für Eure konstruktive Kritik und habe daraufhin noch ein paar Änderungen vorgenommen und auch den "komischen Vogel" benannt. Ich hatte anfänglich dazu ähnliche Gedankengänge wie Du, jon, habe sie aber nicht weiter geführt, weil diese Art von "Schirmherren" im Allgemeinen doch nicht weiß, was sie tut (eigentlich sollte sie es aber).

Beste GrĂĽĂźe
LuMen

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