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Leselupe.de > Theoretisches
Endlich geht es los – die Macht des Anfangs
Eingestellt am 04. 10. 2017 12:50


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FrankK
Fast-Bestseller-Autor
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Endlich geht es los – die Macht des Anfangs
Fang mit deiner Geschichte vor dem eigentlichen Anfang an!
James N. Frey erklärt es in Wie man einen verdammt guten Roman schreibt{*1} auf folgende Art:

quote:
„An welcher Stelle beginnen Sie nun mit Ihrer Schilderung von Ereignissen, an denen bemerkenswerte Figuren beteiligt sind?
Normalerweise fangen Sie genau vor dem Anfang an.
Das ist nicht so paradox, wie es klingt. Wenn Sie das Leben eines Menschen als Ganzes betrachten, gibt es darin Höhen und Tiefen, gute und schlechte Zeiten. Sie werden für Ihre Erzählung eine bestimmte Geschichte aus diesem Leben aussuchen, beispielsweise den Zeitpunkt, als Ihr Mann von Bromberg & Bromberg gefeuert wurde und sich selbstständig machte. Sie entscheiden sich für diese Geschichte, weil sie Ihrer Ansicht nach potenziell die dramatischste, spannendste und unverbrauchteste ist.
Wo genau würden Sie mit Ihrer Schilderung von Ereignissen einsetzen? Die beste Stelle wäre wahrscheinlich kurz vor der Kündigung.
Der Rausschmiss selbst markiert den Anfang der Geschichte. Doch können wir die Bedeutung dieses Rausschmisses nicht verstehen, wenn wir die Situation der Figur, bevor sie gefeuert wurde, nicht einschätzen können.
Ist die Kündigung für sie eine gute oder eine schlechte Sache?
Wenn der Job schrecklich ist und sie sowieso kündigen wollte, ist die Kündigung eine Erleichterung. Wenn sie den Job dringend braucht und die Kündigung den möglichen Ruin bedeutet, dann haben Sie eine vollkommen andere Situation. Ereignisse können nur im Zusammenhang mit der Situation verstanden werden, in der sich die Figur zum Zeitpunkt des Geschehens befindet. Deshalb ist es wichtig, dass der Leser den Status quo kennt, die Lage der Dinge zu einem bestimmten Zeitpunkt, die Ausgangssituation.“


Die Schilderung der Ausgangssituation – dies wäre dann also die einleitende Szene, wie wir sie im vorigen Kapitel kurz kennengelernt haben.

„Wie sähen die Alternativen aus?“
Auch das erklärt James N. Frey:
quote:
„Wenn Sie sich entschließen, nicht vor dem Anfang anzufangen, keine Ausgangssituation zu beschreiben, dann stehen Sie vor dem Problem, dass Sie die Figur und das Dilemma, in dem sie sich befindet, gleichzeitig einführen und den Leser später über die Ausgangssituation der Figur informieren müssen.

Nehmen wir mal an, Sie beschließen, Ihre Geschichte genau mit dem Anfang anfangen zu lassen, im Augenblick der Entlassung.
Da wir weder Joe noch seine Situation kennen, wissen wir nicht, ob sein Rausschmiss gerechtfertigt ist. Der Leser hält sich deshalb mit seiner Sympathie für Joe zurück, bis er das herausgefunden hat. Den Leser am Anfang der Geschichte zu zwingen, seine Sympathie im Zaum zu halten, ist kein kluger Schachzug des Autors. Am Anfang müssen Sie so schnell wie möglich Sympathie für Ihren Protagonisten gewinnen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, nach dem Anfang der Geschichte anzufangen.
Hierbei besteht das Problem darin, dass wir den Joe vor der Kündigung nicht kennen und eine möglicherweise sehr dramatische Szene verpassen, nämlich den Rausschmiss selbst. Diese Szene könnte natürlich in einer Rückblende nachgeholt werden, doch da wir das Ergebnis der entsprechenden Szene bereits wüssten und schon gesehen hätten, welche Wirkung das Ganze auf Joe hatte, würde ein Teil der Ungewissheit und Spannung dieser Szene verloren gehen.“


Ein Debüt-Roman – damit ist nicht die erste Veröffentlichung eines unbekannten Verfassers gemeint, sondern die erste Erscheinung einer Geschichte – muss sich immer einer besonderen Herausforderung stellen.
Es gibt Ausnahmen von der Regel. Es gibt Bestseller-Autoren, die eine feste Fangemeinde haben. Die brauchen sich keine Gedanken über den Anfang machen, es sei denn, sie wollten neue Leser gewinnen.
Die Verfasser von erfolgreichen Fortsetzungsgeschichten haben auch keine Schwierigkeit, das neue Werk beginnen zu lassen, haben die ersten Teile doch bereits den Weg geebnet.

Alle anderen armen und geplagten Schreiberlinge stehen vor dem Problem, wie sie starten sollen.
Es gibt kein Patentrezept, nur eine Faustformel. Wenn in den ersten fünf Sätzen nichts vorkommt, was den Leser einnimmt – wars das. Die Geschichte wird kein Kassenschlager, sondern ein Ladenhüter.

Beispiele:

quote:
Als Herr Bilbo Beutlin von Beutelsend ankündigte, dass er demnächst zur Feier seines einundelfzigsten Geburtstages ein besonders prächtiges Fest geben wollte, war des Geredes und der Aufregung in Hobbingen kein Ende.
Tolkien „Der Herr der Ringe“{*2|*3|*4}
Tolkien lockt den Leser mit einem gewissen Sprachwitz in die Geschichte hinein, freilich läuft es im Endeffekt auf etwas ganz anderes hinaus, aber da hat er seine Leser schon im Griff.

quote:
Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
Joane K. Rowling „Harry Potter und der Stein der Weisen“{*5}
Miss Rowling ist es gelungen, nicht nur einen verwirrenden Start hinzulegen. Wer wäre nicht stolz darauf, als „normal“ zu gelten. Nein, es wird auch im Sinne einer Vorausdeutung ein Versprechen abgegeben.

quote:
Die kleinen Jungen waren die ersten, die zum Richtplatz kamen. Es war noch dunkel, als sie aus ihren Verschlägen schlüpften.
Ken Follett „Die Säulen der Erde“{*6}
Ken Follett weckt die Neugier, was haben kleine Jungen an einem Richtplatz zu suchen? Was wird da gerichtet? Oder Wer? Die Falle hat zugeschnappt, der Leser bleibt dran, weil er sich eine Frage stellt und die Antwort darauf wissen möchte.

quote:
Der Physiker Leonardo Vetra roch brennendes Fleisch, und es war sein eigenes. Er starrte voller Angst und entsetzen zu der dunklen Gestalt hinauf, die drohend über ihm stand. „Was wollen Sie?“
Dan Brown „Illuminati“{*7}
Dan Brown stürzt seine Leser sofort und gnadenlos mitten in die erste Szene. „Was wollen Sie?“ fragt sich auch der Leser, der sofort Sympathie und Mitgefühl für den namentlich benannten Physiker empfindet. Schon nach diesen wenigen Worten ist der Leser gepackt, fühlt sich der Leser ebenfalls von der dunklen Gestalt bedroht.

quote:
Eine große Stadt und ein kleines Mädchen
In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den warmen Ländern schon große und prächtige Städte.

Michael Ende, „Momo“{*8}
Michael Ende startet sein Märchen mit einem gegensätzlichen Bild, welches in jedem Leser sofort Beschützerinstinkte weckt. Der Leser ist geneigt, dem „kleinen Mädchen“ beizustehen. Hier ist es die plakative Überschrift, die den Stein ins Rollen bringt und dem Leser den Fluchtweg versperrt.

quote:
„Wir Deutschen, liebe Kitty, können ein Wirtschaftswunder machen, aber keinen Salat“, sagte Thomas Lieven zu dem schwarzhaarigen Mädchen mit den angenehmen Formen.
„Jawohl, gnädiger Herr“, sagte Kitty. Sie sagte es ein wenig Atemlos, denn sie war fürchterlich verliebt in ihren charmanten Arbeitgeber.

Johannes Mario Simmel „Es muss nicht immer Kaviar sein“{*9}
Simmel vermittelt uns das Bild eines charmanten Mannes mit Humor. Das Hausmädchen ist von im angetan, gerne will der Leser wissen, wie es mit den beiden weitergeht, und was es mit dem Salat auf sich hat.

quote:
Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden.
Patrick Süskind „Das Parfüm“{*10}
Patrick Süskind hält es wie Miss Rowling. Im Sinne einer Vorausdeutung gibt auch er ein Versprechen ab.

Dies sind einige Beispiele für gelungene Anfänge. Sie sollten dir zeigen, was alles mit genialen, aber auch simplen Worten zu erreichen ist. Weitere Beispiele findest du in jedem Buch.
Man sieht aber gleich – hier waren Profis am Werk – keine fünf Sätze und der Leser war gefangen. Zumindest, wenn das bevorzugte Genre des Lesers mit dem des Buches übereinstimmt.

Ein guter Anfang beginnt also meist kurz vor den ersten einschneidenden Ereignissen.
Um den Leser auf die Reise einzuladen bedarf es
  • eines gewissen Sprachwitzes
  • einem Versprechen, einer Vorausdeutung
  • geweckter Neugier
  • einer frühen, emotionalen Bindung

Es gibt auch andere Möglichkeiten, die sind nicht unbedingt zum Scheitern verurteilt.
Eine ausführliche Charakterstudie könnte den Leser an eine bestimmte Figur innerhalb der Geschichte heranführen.
Aber wenn diese Figur von Beginn an nichts außergewöhnliches aufzubieten hat – warum sollte der Leser daran interessiert sein, zu erfahren, was mit der Figur im Laufe der Geschichte passiert?

Ungeschickt sind Einstiege in Erzählungen, die eher an den Smal-Talk auf Partys erinnern. Das Wetter, der letzte Urlaub, die schöne Landschaft.
Sturmgraue Wolken trieben über den Himmel, Blitze zuckten und Regen stieb wie Gischt durch die Nacht.
Klingt doch toll, sagt aber nichts weiter aus als: „Es regnet.“
Ebenso beliebt bei Schreibanfängern sind ausführliche Landschaftsbeschreibungen. Da ist die Rede von „weiten Steppen“ und „sanft geschwungene, grüne Hügel“.
Damit die Stimmung, die derartige Bilder vermitteln sollen, tatsächlich beim Leser ankommt, sollte der Leser zunächst mit der Figur vertraut gemacht werden, welche die entsprechende Stimmung empfindet.

Das dumpfe Geräusch der zugeschlagenen Tür hallte in Melanie nach. Ihr Mann war fort. Endgültig. Mit Tränen in den Augen starrte sie zum Fenster hinaus. Sturmgraue Wolken trieben über den Himmel, Blitze zuckten und Regen stieb wie Gischt durch die Nacht. Eine passende Atmosphäre, dachte sie bei sich. Ihre Mundwinkel zuckten, der Tränenstrom versiegte allmählich. In ihr reifte ein Gedanke. Nein, ihr Mann würde nicht glücklich werden. Nie mehr. Dafür wollte sie sorgen.

Neugierig?



Hauptthema: Eine gute Geschichte

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Nächstes Kapitel: 09 Wer hat`s erzählt? – Die Erzählperspektive



Quellen:
*1: James N. Frey, „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, Emons Verlag; Auflage: 1 (1993), ISBN-10: 978-3924491321 (Deutsch)
*2: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (20. Juli 2015), ISBN-13: 978-3608939811 (Deutsch)
*3: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die zwei Türme“, Klett-Cotta; Auflage: 5 (9. September 2016), ISBN-13: 978-3608939828 (Deutsch)
*4: J.R.R. Tolkien, „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“, Klett-Cotta; Auflage: 4 (11. September 2015), ISBN-13: 978-3608939835 (Deutsch)
*5: Joane K. Rowling, „Harry Potter und der Stein der Weisen“, Carlsen, Auflage 1(1997), ISBN-10:3-551-55167-7 (Deutsch)
*6: Ken Follet, „Die Säulen der Erde“, Bastei-Lübbe, Auflage: 22 (Juni 1995), ISBN-10:3-404-11896-0 (Deutsch)
*7: Dan Brown, „Illuminati“, Bastei Lübbe, Auflage: 7. (2003), ISBN-13: 978-3404770007 (Deutsch)
*8: Michael Ende, „Momo“, K. Thienemanns Verlag, Auflage: 1 (1973), ISBN-10:3-522-11940-1 (Deutsch)
*9: Johannes Mario Simmel, „Es muss nicht immer Kaviar sein“, Schweizer Verlagshaus AG, Auflage 1 (1964), ISBN: keine (Deutsch)
*10: Patrick Süskind, „Das Parfüm“, Diogenes Verlag, Auflage: 1 (1985), ISBN-10: 3-257-01678-6 (Deutsch)

__________________
Leben und leben lassen.

Version vom 04. 10. 2017 12:50
Version vom 13. 11. 2017 00:17

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