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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Endstation
Eingestellt am 02. 02. 2006 22:55


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Estella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2005

Werke: 21
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Er steht vor ihrem Bett und betrachtet sie lange. Eine GesichtshĂ€lfte ist geschwollen, die Lippen aufgeplatzt und verquollen. Ein dĂŒnner roter Faden klebt auf ihrer SchlĂ€fe. Das Blut ist eingetrocknet, er zeichnet die Spur mit seinem ausgestreckten Zeigefinger nach.
Die Frau schlĂ€gt die Augen auf. „Heinrich?“ Er hört die Angst in ihrer Stimme.
„Es tut mir so leid!“ , sagt er und streichelt die roten Locken, die wirr ĂŒber das Kopfkissen ausgebreitet liegen. Eva zuckt zusammen.
„Ich muss jetzt ins BĂŒro, Baby. Du darfst mir das nicht ĂŒbel nehmen. Hörst du?“
Tapfer schluckt Eva den Kloß, der sie wĂŒrgt, hinunter, sagen kann sie nichts.
„Du hast mich gezwungen, dich zu bestrafen. Ist dir das bewusst?“
Eva nickt. „Ja, ja“, flĂŒstert sie und rutscht etwas weiter weg von der Hand, die sie berĂŒhren will.
„Mach keine Dummheiten, hörst du?“
„Nein, Heinrich, sicher nicht.“
Mit weit aufgerissenen Augen beobachtet sie ihren Ehemann, wie er zur TĂŒr geht und den Raum verlĂ€sst. Kurze Zeit spĂ€ter fĂ€llt die HaustĂŒr ins Schloss, der Fahrstuhl rumpelt, dann ist alles still.

Evas Gedanken ĂŒberschlagen sich. Wieder hat er sie geschlagen, wieder die Kontrolle ĂŒber sich verloren. Die SchlĂ€ge wurden immer brutaler, immer öfter eskalierte eine kleine Meinungsverschiedenheit. Die Liebe zu dem Mann, den sie vor acht Jahren geheiratet hatte, war gestorben, warum auch immer, er hatte sich in ein Monster verwandelt.

Am Abend vorher hat es an der TĂŒr geklingelt. Ein junger Mann stand vor ihr.
„Berger, Thomas Berger, ich bin ein Freund ihres Gatten, darf ich kurz stören?“
FĂŒr Sekunden verschlug es Eva den Atem. Der junge Mann sah verflixt gut aus, er
war Ă€ußerst schrill gekleidet. Mit seinen riesigen smaragdgrĂŒnen Augen schaute er sie an, reichte ihr die Hand und hielt sie fest. Dabei durchbohrte er sie mit seinem Blick, was sie aus der Fassung brachte. AmĂŒsiert beobachtete er ihre Verwirrung und genoss die Wirkung, die er bei ihr ausgelöst hatte. Als Heinrich Sekunden spĂ€ter aus dem Wohnzimmer kam, standen sie noch immer zwischen der geöffneten HaustĂŒr und hielten sich ihre HĂ€nde fest. Eva erschrak, blitzschnell zog sie ihre Hand zurĂŒck und bat den Gast herein.
Kaum war Thomas Berger gegangen, spĂŒrte sie Heinrichs feste Hand in ihrem Nacken. „Glaubst du ich bin blöd?“ Mit einer schnellen Bewegung schlug er ihr ins Gesicht, sie taumelte. „ Mir gehörst du, nur mir!“ Wieder schlug er auf sie ein, wieder und wieder.

In der Nacht lag sie lange wach. Der Augenblick ihrer Flucht war gekommen, nie wieder wĂŒrde er sie schlagen, nie wieder.

Eva geht ins Badezimmer. Minutenlang hĂ€lt sie ihr schmerzendes Gesicht unter den kalten Wasserstrahl, bindet dann die widerspenstigen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen und schlĂŒpft in Jeans und einen warmen Pullover.

„Nie mehr, nie mehr, murmelt sie vor sich hin.“ Eva wirft einige KleidungsstĂŒcke in einen Koffer, klemmt die Handtasche unter den Arm und verlĂ€sst die Wohnung.
Entschlossen trĂ€gt sie den Koffer die wenigen Stufen hinunter, öffnet die HaustĂŒr und tritt auf die Straße. Der kalte Novemberwind schlĂ€gt ihr entgegen. Ängstlich schaut sie in alle Richtungen, zieht den Mantelkragen hoch und beeilt sich, die vertraute Umgebung zu verlassen. An der Bushaltestelle stellt
Eva den Koffer ab. Ihr ist ein wenig schlecht, die Knie fĂŒhlen sich weich wie Pudding an. Was mache ich nur? Ob ich besser umkehren soll?, fragt sie sich. „Ohne mich bist du nichts!“ Heinrichs Stimme dröhnt in ihren Ohren. „Glaub nicht, dass du mich verlassen kannst, Eva, ich finde dich ĂŒberall!“ Mit der Zunge fĂ€hrt sie ĂŒber die dick geschwollene Lippe, fĂŒhlt wieder den Schmerz und drĂŒckt die kleine braune Handtasche fester an ihre Brust, in der sich ein Pass, etwas Bargeld, ein Sparbuch und ein SchlĂŒssel befinden. Vor Wochen schon hat sie in aller Heimlichkeit eine kleine möblierte Wohnung angemietet, immer auf eine gĂŒnstige Gelegenheit gewartet und nie den Mut gefunden, zu gehen.

Der Bus kommt, Eva steigt ein. Nur wenig FahrgĂ€ste sind so frĂŒh am Morgen unterwegs. Sie sucht sich einen Sitzplatz weit hinten, lĂ€sst sich erschöpft auf die Bank fallen und versucht ihre Gedanken zu ordnen.
An der Endhaltestelle steigt Eva aus. Den Koffer fest in der Hand zieht sie gerĂ€uschvoll die kalte Luft durch die Nase. Eva ĂŒberquert die Straße. In einem BlumengeschĂ€ft kauft sie rote Weihnachtssterne in einem großen Topf, den sie sich unter den Arm klemmt. Nur wenige Meter noch, dann ist sie zu Hause.
Der SchlĂŒssel dreht sich im Schloss und die WohnungstĂŒr springt auf. Wie versteinert bleibt sie im TĂŒrrahmen stehen und starrt Heinrich an, der in ihrem Sessel sitzt und die Beine weit von sich streckt. Nie im Leben wird sie sein spöttisches Grinsen vergessen.
„Konnte mir denken, dass du heute kommst“, sagt er höhnisch lachend. Dann steht er auf. Langsam zieht er den GĂŒrtel aus den Schlaufen seiner Hose. Noch bevor sie der erste Schlag treffen kann, schleudert sie den Blumentopf mit voller Wucht gegen seine Beine. Den Schrei und das Gepolter hört sie im Treppenhaus wĂ€hrend sie davonrennt.













































__________________
"Es macht die WĂŒste schön", sagte der kleine Prinz, "dass sie irgendwo einen Brunnen birgt."

(Saint-Exupéry)

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Minotaurus
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Estella,

bei dieser Geschichte hat man als Leser den Eindruck, als wĂŒrde ein StĂŒck fehlen.
Wer ist Thomas Berger? Was wollte er an diesem Abend? Wen wollte er besuchen? Warum?
Offensichtlich kam er aus dem Nichts und verschwand wieder dorthin.
Der Leser kann damit nichts anfangen, vielleicht solltest Du dem Protagonisten etwas mehr "Gesicht" geben.
Den Schluß finde ich ebenfalls etwas unausgegoren.
Ansonsten aber finde ich Deinen ErzÀhlstil recht gut.

GrĂŒĂŸe vom Minotaurus

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Estella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2005

Werke: 21
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Kurzgeschichte

Hallo Minotaurus, danke herzlich fĂŒr deinen Kommentar.

Da der Besucher,Thomas Berger, fĂŒr den Fortgang der Handlung unwichtig ist, sollte man dieser Person, in einer Kurzgeschichte, keine allzu große Beachtung schenken.
Meine Protagonist ist eindeutig Eva. Und ich habe mich voll auf meine Hauptfigur konzentriert.

Zum Schluß wĂ€re zu sagen, dass das Ende bewußt ein offenes ist. Meine Leser dĂŒrfen noch ein wenig ĂŒber die Geschichte nachdenken. Es ist erlaubt.

Viele GrĂŒĂŸe!
Estella


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"Es macht die WĂŒste schön", sagte der kleine Prinz, "dass sie irgendwo einen Brunnen birgt."

(Saint-Exupéry)

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Lies
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Estella

Ich fand den Schluss dann wieder versöhnlich, denn er ließ dem Leser die Möglichkeit, sich vorzustellen, dass die weibliche Protag. zumindest noch eine Chance hatte, zu entkommen und sie diesmal auch genutzt hat.

Da SchlĂ€ger dieser Sorte keinen wirklichen Anlass brauchen, ihre Opfer zu maltrĂ€tieren, finde ich also nicht unbedingt, dass dem Protag. Berger mehr Aufmerksamkeit zugebilligt werden mĂŒsste, er ist nicht weiter wichtig.
Aber ich fands dann verwunderlich, dass sie es, mit dieser Bedrohung im RĂŒcken, ĂŒberhaupt gewagt hat, die Hand dieser Zufallsbekanntchaft lĂ€nger als nötig zu halten.
FĂŒr solche Frauen ist die Bedrohung allgegenwĂ€rtig, die wagen das gar nicht.

Lies

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