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Leselupe.de > Humor und Satire
Energieverluste
Eingestellt am 22. 03. 2011 11:30


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Selbst wenn jener unbedeutende Sack Reis in einem abgelegenen chinesischen Dorf umfĂ€llt, bewegt er nichts von Bedeutung oder doch so viel, wie der berĂŒhmte FlĂŒgelschlag eines Schmetterlings, der einen Wirbelsturm auszulösen vermag.
Nun bin ich allenfalls ein ziemich alter Sack und mit der Leichtigkeit eines Schmetterlings bewegte ich mich in den letzten Jahren kaum noch.
Nach physikalischem Ermessen aber geht Energie bekanntlich nie verloren. Das ist tröstlich, obwohl meine Energie aus AltersgrĂŒnden dennoch von Jahr zu Jahr abzunehmen scheint. Vielleicht irren die Physiker?! Vermutlich waren es die Erkenntisse junger Wissenschaftler, denen die notwendigen energieraubenden Alterserfahrungen fehlten. Zu meiner Beruhigung mag es auch sein, dass ich zu subjektiven IrrtĂŒmern neige und SchwĂ€chen fĂŒhle, die lĂ€ngst noch keine sind?
Wie dem auch sei. Bekanntlich liegen neben großen Höhen zumeist AbgrĂŒnde.
WĂ€hrend erfahrene Bergsteiger Gipfel nicht hastig, aber zĂŒgig erklimmen, wĂŒrden sie ungebremste StĂŒrze in Richtung Abgrund bei Fallgeschwindigkeit kaum ĂŒberleben. Alles eine Frage der richtigen Geschwindigkeit. Meine ist die eines FußgĂ€ngers, der glaubt, fĂŒr sein Alter noch relativ zĂŒgig unterwegs zu sein. Daher gilt fĂŒr einen Senioren wie mich eher langsam, stetig, Energie sparend und gut gesichert, den Abgrund vor Augen, immer etwas weniger hoch hinaufzusteigen, um beim Abstieg sturzfrei und ohne Verschleiß der Kniegelenke ins heimatliche Tal zurĂŒckzukehren.
Die von meiner Wohnung nĂ€chstgelegene Haltestelle der Straßenbahn liegt auf einer Anhöhe. Kein Berg. Aber doch ein paar Meter ĂŒber dem Meeresspiegel.
Rheumatischen Schmerz vermeidend, habe ich mir angewöhnt, mich selbst nicht zu viel zu bewegen. Ich bevorzuge, mit bewegungsfreien, aber lebenspraktischen Beispielen zu philosophisch bewegenden Erkenntnissen vorzudringen, um mir nicht nachsagen lassen zu mĂŒssen, bereits geistig unbeweglich zu sein.
Allerdings vermeide ich geheuchelte wie ehrliche Mitleidsreaktionen und verleugne alle Einzelheiten aus dem umfangreichen Katalog meiner altersbedingten Behinderungen.
Nur so viel: Manches findet, wie bereits angedeutet, nur noch in meinem inzwischen langsamer arbeitenden, aber noch fantasiebegabten Hirn statt. Mir weniger wohl Gesinnte nennen es Erinnerung, Spinnerei oder gar Traum. Und selbst der lÀuft manchmal wie ein Film in Zeitlupe hinter meinen zum MittagsschlÀfchen verschlossenen Augen.
Den eigendiagnostizierend selbstkritischen Psychologen gebend, nenne ich das PhĂ€nomen entschleunigten RealitĂ€tsersatz. Hört sich gelassen sowie wissenschaftlich vernĂŒnftig an, ganz wie es die Menschheit von einem altersweisen Mitglied unserer alternden Gesellschaft erwartet.
Dabei wĂ€re ich lieber eigenwilliger. Doch das wird mir gern als Alterssturheit ausgelegt. Also bemĂŒhe ich mich verzweifelt weiter, den ĂŒber sich selbst lachenden Senioren mit Einsicht in seine begrenzte Lebenssituation zu spielen, obwohl ich genau diese Grenzen nicht einsehen will.
Wenn ein alter Sack fast umfĂ€llt, weil er wieder einmal aufwĂ€rts - viel zu spĂ€t und deswegen viel zu schnell - zur Straßenbahnhaltestelle unterwegs war, könnte er schon den zarten und zugleich mĂ€chtigen FlĂŒgelschlag eines Schmetterlings fĂŒr seine AufwĂ€rtsbewegungen gebrauchen.
Aber nach dem schnellen Aufstieg benötigt er zunĂ€chst jene, die in unserer selbstsĂŒchtigen Gesellschaft zu den bedrohten Arten gehören, jene sensiblen jugendlichen Zeitgenossen, denen der bedenkliche Zustand von Mitmenschen ĂŒbernĂ€chster und ĂŒberĂŒbernĂ€chster Generationen auffĂ€llt. Ein derart aufmerksamer dunkelhaariger Jungfahrgast (selbstverstĂ€ndlich mit Migrationshintergrund, der das Alter noch zu ehren weiß) sprach mich in unerwartet höflichem Tonfall an: „Bitte, wenn Sie sich auf meinen Platz setzen wollen..!“
„Nein, nein, lassen Sie nur
!“ schnaufte ich in meiner Atemnot und versuchte, mich mit einem besonders dankbaren, aber ablehnenden LĂ€cheln frisch und jung zu geben..
Dann wurde mir schwindelig. Ich taumelte. Der junge Mann griff mir unter die Arme und schob mich auf jenen Sitzplatz, der kurz zuvor noch der seine gewesen war.
Als ich einige Stationen spĂ€ter aussteigen wollte, half er mir hoch, stĂŒtzte und begleitete mich zu jener Parkbank, auf der ich bei gutem Wetter gern saß und Jogger beobachtete, die im Park ihre Schweiß treibenden Runden liefen. Ich dankte dem jungen Mann nicht zu ĂŒberschwĂ€nglich. Wollte ich doch den Eindruck vermeiden, bereits derart viel UnterstĂŒtzung nötig zu haben. Er ging lĂ€chelnd zur Haltestelle zurĂŒck, um in die nĂ€chste Bahn einzusteigen.
Der warme Mainachmittag ließ es zu, dass mich Schmetterlinge umkreisten und junge Frauen, ihre Hinterteile in engen Jeans schwenkend, mit dĂŒnn-duftigen Blusen bekleidet an mir vorbeiflanierten.
In einen GefĂŒhlssturm versetzten mich die bunten Falter nicht, aber ein warmer leichter FrĂŒhlingswind war es schon.



__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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