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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Enge
Eingestellt am 12. 09. 2001 12:50


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mueckstein
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

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Das Schloß ist ein Loch.
– Hassan i Sabbah X.

Isabella war neun Jahre alt, als ihr zum ersten Mal das Gespenst erschien.
Obwohl sie lĂ€ngst ĂŒber jenes Alter hinaus war, in welchem die Begriffe des ÜbernatĂŒrlichen als Selbst-verstĂ€ndlich-keit in MĂ€rchen, Sagen und der davon geprĂ€gten kindlichen Phantasie auftraten; obwohl die im gutbĂŒrgerlichen Elternhaus begonnene und in der Schule verstĂ€rkt fortgesetzte Konditionierung auf das logisch-deduktive System des sanktionierten NatĂŒrlichen und die VerdrĂ€ngung und Mißachtung jeglicher irrationaler, phantastischer und ĂŒbernatĂŒrlicher Notionen bereits in ihrem Kopf Fuß gefaßt hatte, war ihre bewußte Vorstellung von einem Gespenst (freilich als reine Phantasiegestalt) noch immer die eines in weiße Bettlaken gehĂŒllten wandelnden – oder besser: dahingleitenden – Toten, der zur Mitternachtsstunde aus der Gruft erstand und seinen unglĂŒcklichen Opfern Angst und Schrecken einjagte, indem er schauervolle Verheißungen aussprach und vollstreckte und abscheuliche Nachrichten aus dem Reich der Vergangenen brachte.
Trotz alledem erkannte sie die geheimnisvolle Erscheinung, die sie wenige Wochen nach ihrem neunten Geburtstag am hellichten Tag in ihrem Schlafzimmer heimsuchte, einwandfrei als Gespenst, wenn es sich auch in einer Art und Weise bemerkbar machte, die von der genannten Vorstellung so verschieden war wie die Sonne vom Mond.
Nicht der Schatten einer Gestalt war in dem trĂŒben Licht der Nachmittagssonne zu erkennen, das durch die beiden großen sĂŒdseitigen Fenster des Zimmers hereintröpfelte und, von bodenlangen NetzvorhĂ€ngen gefiltert, bewegte Muster auf den schweren Teppich zeichnete. Auch war nicht die geringste Andeutung von dĂ€monischem Wispern zu hören, geschweige denn Kettenrasseln, Ächzen, Stöhnen oder irgendein anderes GerĂ€usch, mit denen die Geister der dunklen Phantasie fĂŒr gewöhnlich ihre Anwesenheit zu verkĂŒnden pflegten. Statt dessen schien mit einem Mal eine beklemmende Stille den ganzen Raum zu erfĂŒllen; ein Schweigen, das mehr war las nur die Abwesenheit von GerĂ€uschen – ja selbst die tanzenden Flecken von Sonnenschein auf dem Teppich schienen ebenso unvermittelt wie unmerklich innezuhalten; so, als hielte die ganze Welt um Isabella in erwartungsvoller Spannung den Atem an.
Die Augen des MĂ€dchens weiteten sich in entsetztem Staunen, und sie hielt unwillkĂŒrlich in ihrem Spiel inne. Sie wußte, etwas war da und beobachtete sie; doch weder konnte sie dieses Etwas bestimmen, noch auch nur versuchen, sich mit einem Schreckenslaut bemerkbar zu machen, denn sie war von kreatĂŒrlicher Furcht gelĂ€hmt. Das Schweigen ballte sich zusammen, legte sich wie eine klamme Decke um ihr Bewußtsein und raubte ihr den Verstand.
In diesem Moment wußte Isabella, sie war einem Gespenst begegnet.

Isabellas Vater, der ehrenwerte Direktor Kolnigg, zeigte sich ĂŒber die ErzĂ€hlungen seiner einzigen Tochter sehr besorgt. Er ließ unverzĂŒglich einen erprobten Nervenarzt aus dem nahen Leising kommen, mit dem schon seine Frau im Zuge der Behandlung ihrer Morphiumsucht gute Erfahrungen gemacht hatte, um diesen beunruhigenden Fall zu untersuchen und gegebenenfalls alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die psychische IntegritĂ€t seiner Tochter zu bewahren.
Dr. Emmer, der Nervenarzt, nahm sich Isabella nach allen Regeln der Kunst und mit dem grĂ¶ĂŸten ZartgefĂŒhl vor, was darauf hinauslief, daß sich das MĂ€dchen zĂ€hneknirschend fĂŒgte und vor dem versammelten Elternhaus mit TrĂ€nen der Verzweiflung ĂŒber das UnverstĂ€ndnis und die Verstocktheit der Erwachsenen in den Augen widerrief – das hieß, sie gestand sich und den Eltern ein, daß das, was sie erlebt und gefĂŒhlt hatte, nichts weiter als eine Fehlfunktion ihres eigenen Körpers und Geistes war, die nichts mit irgendeiner Ă€ußeren Ursache, geschweige denn mit ĂŒbersinnlichen KrĂ€ften zu tun hatte.
An diesem Tag lernte Isabella, daß LĂŒge und vorgespiegeltes EinverstĂ€ndnis alles war, was sie den fixen Ideen und repressiven Erziehungsmaßnahmen der Erwachsenenwelt entgegenzusetzen hatte.

Die Geistererscheinungen wiederholten sich mit bedrĂŒckender RegelmĂ€ĂŸigkeit im Abstand von etwa einem Monat; doch Isabella hĂŒtete sich ab nun, ihrem Vater oder sonst jemandem davon zu erzĂ€hlen, aus Angst, der Nervenarzt möge wiederkommen und sie zu einer weiteren schmerzvollen NotlĂŒge zwingen. Auch meinte sie, sie wĂŒrde bei ihrem Vater in Ungnade fallen, wenn er bemerkte, daß diese ihm unbeliebten ZustĂ€nde bei ihr andauerten.

Die zweite Erscheinung erahnte sie, bevor sie kam; und doch packte sie auch dieses Mal jenes lĂ€hmende, eiskalte Grauen, das es ihr schlichtweg unmöglich machte, auch nur mit einem Augenlid zu zucken. Sie merkte, daß sie schwitzte, und ihre HĂ€nde krallten sich hilfe- und haltsuchend in den Stoff ihrer Bettdecke.
Mit dieser zweiten Erscheinung begannen die AlptrĂ€ume. Nacht fĂŒr Nacht fĂŒhlte sie sich von Wölfen gejagt, von unsichtbaren Klauen bearbeitet und verfolgt, wohin sie auch floh. Selbst die gemĂŒtliche Erdhöhle, die in frĂŒheren TrĂ€umen so oft ihre letzte Zuflucht gewesen war, bot ihr nun keinen Schutz mehr, sondern erschien ihrerseits als beklemmend-bedrohlicher Ort mit einem eigenen dĂ€monischen Willen.
In der Nacht nach der dritten Erscheinung erlebte Isabella ihren bislang schlimmsten Traum: Denn nachdem ihr gepeinigter Geist die tiefsten Qualen der Hölle durchwandert hatte, fand sie sich erneut in ihrer Höhle wieder, und aus deren tiefsten Windungen schwebte ein Geist aus ihrer Kinderzeit heran; ein flatterndes Bettlaken, das ĂŒber einem knochigen Körper schwach leuchtende Falten warf. – Beinahe hĂ€tte Isabella, als sie dieses Wesen sah, vor Erleichterung aufgeseufzt; denn im Vergleich zu dem unfaßbaren, sich allem Erkennen entziehenden Grauen, das sie nun bereits dreimal heimgesucht hatte, erschien ihr diese Gestalt als geradezu gĂŒtig und auf seltsame Weise bannbar.
Doch noch hatte sie ihre Botschaft nicht gehört.
Die Stimme des Wesens war erwartungsgemĂ€ĂŸ brĂŒchig, halb flĂŒsternd, und geheimnisvoll hallend wie in einer steinernen Gruft, doch mochte diese Tatsache Isabella in ihrer Erleichterung noch bestĂ€rken, so waren es seine Worte, die ihr ein Grauen einflĂ¶ĂŸten, das zumindest von der StĂ€rke des Unsichtbaren, wenn auch von einer völlig anderen QualitĂ€t war.
Wenn du schlÀfst, beobachten sie dich, hauchte ihr das Gespenst ins Ohr, und wenn du stirbst, haben sie dich in ihren Klauen . . .
Endlich gelang es Isabella, zu schreien, und schweißgebadet erwachte sie aus dem Traum: Sie lag in dem großen, weichen Bett in ihrem Zimmer, und der bleiche Mond lugte durch die Fenster herein.

Direktor Kolnigg sah mit wachsender Besorgnis, wie sich die gesundheitliche Lage seiner Tochter zusehends verschlimmerte. Sie wurde immer bleicher und sah stets ĂŒbernĂ€chtigt aus, vermochte sich nicht recht zu konzentrieren und war kaum noch dazu zu bewegen, irgendetwas außerhalb ihres Zimmers zu unternehmen. Langwierige GesprĂ€che mit ihr fĂŒhrten zu nichts als den immer gleichen Antworten: Ja, sie hatte schlecht geschlafen, und nein, es lag ganz bestimmt nicht am Bett oder an sonst etwas in ihrem Zimmer. Ja, sie nahm regelmĂ€ĂŸig die von Dr. Emmer verschriebenen Medikamente, und nein, sie wollte sich auf keinen Fall in Ă€rztliche Behandlung geben. Auf Emmers Befragungen reagierte sie mit Trotz und TrĂ€nen, und alle anderen Psychologen, Ergonomiker und WĂŒnschelrutengĂ€nger, die der verzweifelnde Vater herbeirief, vermochten keine BegrĂŒndung fĂŒr Isabellas geheimnisvollen Verfall finden. Schließlich rang sich Isabella dazu durch, ihrer Mutter gegenĂŒber Andeutungen in Bezug auf die TrĂ€ume und Geistererscheinungen zu machen; doch die besorgte Dame reagierte nur mit Kummer und UnverstĂ€ndnis und hielt ihren SchĂŒtzling an, auf keinen Fall den Vater mit diesem Unsinn zu belasten und diese abscheulichen Phantasien doch endlich fortzuwerfen. Wie Emmer bereits einmal angedeutet hatte, war sie der Meinung, das Kind litte an einer unangenehmen, wenn auch vorĂŒber-gehenden Depression und versuche in ihrem kindlichen Aberglauben, die Schuld dafĂŒr von sich weg auf böswillige ĂŒbernatĂŒrliche KrĂ€fte zu verschieben und sich damit gleichzeitig noch wichtig zu machen – eine Tendenz, die im Zuge der intellektuellen Fortentwicklung und der Sittlichkeitserziehung um jeden Preis bereinigt werden mĂŒsse, wie die Mutter meinte. „Schlag dir diese Flausen aus dem Kopf, bevor es Papa tut“, war daher neuerdings ihr Leitspruch in allen diesbezĂŒglichen GesprĂ€chen mit der Tochter.

Nicht lange nach der vierten Erscheinung kam eine der PutzkrĂ€fte entsetzten Blickes in Direktor Kolniggs Arbeitszimmer gestĂŒrzt. Sie habe einen Schaden entdeckt, berichtete sie atemlos, im Zimmer der jungen Dame – eine Vertiefung in der Wand hinter dem Vorhang, wo der Mörtel abgeschlagen und selbst ein StĂŒck der darunterliegenden Ziegelmauer beschĂ€digt sei; und all dies sei offenbar mit dem Blatt einer alten Spielzeug-schaufel verrichtet worden, welche sie unter dem Kopfpolster des Kinderbettes verborgen gefunden hatte . . .

Dahingehend befragt, brach Isabella endlich ihr schĂŒtzendes Schweigen und erzĂ€hlte in einer Kaskade aus TrĂ€nen, unzusammenhĂ€ngenden Gedankenfetzen und unverstĂ€ndlichem Geschluchze alles, was ihr seit der ersten Begegnung mit dem Grauen an Schrecklichem widerfahren war: Wie sie vergeblich alles versucht hatte, um den unsichtbaren BedrĂ€nger zu bannen und ihm Widerstand zu leisten; wie sie nach der unheimlichen Prophezeihung nicht mehr zu schlafen gewagt hatte aus Angst vor dem schweigenden Beobachter; und wie sie, einem unerklĂ€rlichen inneren Drang folgend versucht hatte, ein Loch zu schlagen, um auszubrechen.
Am Ende ihrer ErzĂ€hlung, nachdem ihre Eltern und Dr. Emmer einige Minuten lang mit unglĂ€ubigem Entsetzen in den Augen auf den nun zusammengesunkenen, von wildem Schluchzen gebeutelten Körper des MĂ€dchens gestarrt hatten, richtete sich Isabella plötzlich auf, erstarrte, als lausche sie auf etwas, das die menschlichen Sinne ĂŒberstieg, und deutete dann mit glasigem Blick auf das große KĂŒchenmesser, das hinter den Erwachsenen auf der Anrichte lag. „Das Messer“, sagte sie, und ihre Stimme nahm einen eigentĂŒmlich fordernden Klang an. „Vater, das Messer! Nimm es und – töte mich –“ Und wieder brach sie schluchzend zusammen.

Die entsetzten Eltern kamen mit Dr. Emmer ĂŒberein, daß Isabella fĂŒr die Nacht ein mildes Beruhigungsmittel verabreicht werden sollte; und unter TrĂ€nen gab Direktor Kolnigg sein EinverstĂ€ndnis fĂŒr Isabellas zeitweilige Aufnahme in eine fĂŒr die Effizienz ihrer Behandlungsmethoden bekannte Nervenklinik, wo sich Dr. Emmer als Chefarzt der beklagenswert jungen Kranken natĂŒrlich besonders annehmen wĂŒrde. – Doch als der Arzt wenige Minuten nach Mitternacht auf leisen Sohlen das Kinderzimmer betrat, um sich des körperlichen Wohlergehens seiner Patientin zu vergewissern, mußte er zu seinem Schrecken feststellen, daß Isabella verschwunden war! – Und durch ein Loch in der Wand unter dem Fenster zog der Wind herein mit schaurigem Heulen.

UnverzĂŒglich wurden Direktor Kolnigg, seine Frau sowie das gesamte Dienstpersonal geweckt, die Polizei und die Nachbarn alarmiert und die Suche nach der Verschwundenen eröffnet. Unter FĂŒhrung des vor Schrecken und Sorge halb wahnsinnigen Vaters begannen dessen Frau und Dr. Emmer, den gesamten Hintergarten zu durch-kĂ€mmen, bis der Arzt im Schein der Taschenlampe auf eine deutliche Fußspur stieß, die von dem Mauer-durchbruch weg hinauf in den dichten Nadelwald fĂŒhrte, der sich ĂŒber die gesamte Schulter des Berges erstreckte, an dessen Fuß die Villa der Kolniggs lag.
Die Fußstapfen fĂŒhrten die Suchenden an einem dĂŒnnen Rinnsal entlang den Hang hinauf. Frau Kolnigg stieß einen unterdrĂŒckten Schmerzenslaut aus, und auch ihr Mann sog erschrocken die Luft ein, als sie auf unĂŒbersehbare Blutspuren stießen, wo sich das nur mit einem dĂŒnnen Nachthemd bekleidete Kind an den Dornenranken die Beine aufgerissen haben mußte. Hie und da im GebĂŒsch verstreut leuchteten ihnen jetzt auch weiße ZeichenblĂ€tter entgegen, von der Sorte, wie sie Isabella von Zeit zu Zeit fĂŒr ihre kĂŒnstlerischen ErgĂŒsse zu verwenden pflegte; und einmal hing gar ein großer Fetzen ihres Nachthemds mondbleich flatternd in den Dornen.
Endlich fanden sie Isabella, an der Quelle des Rinnsals in einem kleinen Erdloch versteckt, das sie sich offenbar mit wunden Fingern selbst in den lockeren Waldboden gegraben hatte. Rund um ihre zusammengekrĂŒmmte Gestalt verstreut lag ein kompletter Satz Buntstifte sowie weitere Zettel, auf die mit unruhiger Hand sinnverwirrende Bilder gekritzelt worden waren – ein letzter verzweifelter Versuch, etwas ins Bild zu bannen, das weder mit den Augen noch mit dem Verstand zu erfassen war.

Die Mutter schluchzte leise, als Emmer neben dem MĂ€dchen niederkniete, um mit versteinerter Miene zu bestĂ€tigen, was lĂ€ngst niemand mehr zu bezweifeln gewagt hatte: „Sie ist tot.“

__________________
meer auf http://www.geocities.com/rm_metatext

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flammarion
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. eine tolle geschichte hast du da geschrieben, ergreifend, fantastisch und schaurig. dein stil gefÀllt mir. man liest sich!
__________________
Old Icke

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