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Leselupe.de > Anonymus
Er hatte noch soviel Tor
Eingestellt am 21. 11. 2007 16:19


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Beim heutigen sonntäglichen Fußballtraining unserer Alte-Herren-Mannschaft – genauer gesagt: es handelt sich um die Reste unseres einst weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannten stolzen Fußballclubs „Traktor Große Welle“ – ging es mir echt schlecht. Ich sah dunkle Flecke, helle Pfützen, verglühende Sternschnuppen. Vollgekotzte Waschbecken. In meinem Kopf hämmerte es wie in einer Technodisko, von der Stirn rannen mir Schweißbäche, im Bauch rumorte es, die Knie schlackerten. Vergeblich versuchte ich, meinen Kopf klar zu bekommen. Nicht einmal das Träumen half, das Träumen von besseren Zeiten, als wir noch eine vollwertige Mannschaft waren, als für jeden Spieler von „Traktor Große Welle“ – für fast jeden, meine ich – ein Zweitmann auf der Ersatzbank saß und dem Einsatz entgegenhoffte und –fieberte; als die Frauen noch bei jedem Pfostenschuss hysterisch krähten und bei gegnerischen Fouls wie die Rohrspatzen schimpften, verächtlich auf den Platz spuckten und den Stinkefinger zeigten...
Was waren das für Zeiten! Jedes Wochenende ein Spiel in der Kreisliga. Nach dem Sieg eine deftige Feier, die Frauen schickten wir vorher nach Hause, wegen der Spielauswertung. Nach jeder Niederlage eine mörderische Sauftour – ich kann mich nur an ganz, ganz wenige Siege erinnern...

Als sich Detlef, unser Rechtsaußen, den Ball zurechtlegte, um die Restschusskraft seines verbundenen linken Hinkebeines zu testen, begann ich zwischen den beiden Pfosten hin und her zu taumeln. Detlef hielt das wohl für taktisches Geplänkel. Ich sah ihn mit hochrotem Kopf Anlauf nehmen, hörte das Knarzen und Scheppern seiner bronchialasthmatisch-karzinomialen Teerlappen, in die er Luft pumpte, das Zischen beim Ausatmen; gewahrte sogar noch die irgendwie stark verzerrt wirkenden – oder einfach nur rat- und einfallslos vor sich hin stierenden – fünf oder sechs weiteren Gesichter unseres traurigen Vereins – dann verließ mich das Bewusstsein.

Auf einer Bank im Umkleideraum erwachte ich. Detlef und Rudi saßen zwei Bänke weiter, unterhielten sich gedämpft, nahmen ab und an einen Schluck aus der Flasche, qualmten volles Rohr. Ich beschloss, mich weiter bewusstlos zu stellen und ein bisschen zuzuhören.
„Notarzt, Notarzt!“, meckerte Detlef. „Der Ball hat ihn doch nicht mal berührt, ich bring ihn einfach nicht mehr bis zum Tor...“
„Vielleicht isser ja aus Schwäche umgefallen, einfach so“, entgegnete Rudi ratlos. „Sowas solls ja geben, wer weiß, die Frau, die Tochter...“

Bei der Erwähnung meiner Tochter durchzuckte mich ein stechender Schmerz, ich bäumte mich auf, stöhnte, fiel schlaff zurück auf die Bank. Die beiden schwätzten weiter, sie waren sehr vertieft ob der Suche nach den Gründen für meinen Zusammenbruch.
Ja, meine Tochter! Gestern Abend – oder heute Morgen – hatte ich sie von der Disko abgeholt. Sie torkelte mir entgegen, als habe sie ein Fass Whisky in sich entsorgt. Auf der Heimfahrt hielt ich ihr eine lange Standpauke über das Trinken, über Abhängigkeit, geschwollene Lebern, zerstörte Lebensläufe, zerrüttete Familien. Das kostete mich viel Kraft. Denn ich litt selber noch an den Folgen der letzten Niederlage unseres Vereins.
Gerochen habe ich die Fahne meines Töchterleins natürlich nicht. Auf Grund der gestrigen Feier zur letzten Niederlage und der daraus resultierenden Zusammensetzung meiner Atemluft, befand ich mich noch im Bereich olfaktorischen Niemandslands.

Nun ja, ich habe meine Tochter ganz schön vollgebrüllt. Als sie wider Erwarten nicht antwortete, hab ich ihr eine runtergehauen. Manchmal muss man zu Erziehungsmaßnahmen greifen. Da merkte ich erst, dass sie fest schlief. Voller Verzweiflung über ihre Ignoranz riss ich das Handschuhfach auf. Tatsächlich fand ich einen halbleeren Flachmann, dessen Inhalt ich umgehend beseitigte. Als ich absetzte, klopfte der Bernhard gegen die Scheibe. Bernhard ist ein alter Bekannter von mir. Spielte früher mit im Verein, zusammen begossen wir Sieg und Niederlage, meistens wohl Niederlagen. Doch das ist lange her. Heute treffe ich Bernhard immer, wenn er im Dienst ist. Er nimmt seinen Dienst als Polizist sehr genau. Das ist auch der Grund, warum ich heute zum Training laufen musste. Der lange Weg ist sicher schuld an meiner schlechten gesundheitlichen Verfassung.

Ich schloss die Augen und hörte weiter zu. „Eigentlich kann er einem ja nur leid tun“, säuselte Detlef. Ich spitzte die Ohren. Er gab ein Schnalzen von sich, schwieg. Ich hob vorsichtig den Kopf, öffnete die Augen spaltbreit, schielte zu den beiden rüber. Rudi nickte. „Die arme Sau...“, ergänzte er.
In meinem Kopf purzelten die Bilder durcheinander. So war das also. Mir wurde vieles klar. Einige Male traf ich, von der Arbeit kommend, Detlef bei mir zu Hause an. Er saß im Wohnzimmer, Beine lang, Schuhe irgendwo; auf dem Couchtisch eine große Schale mit Keksen, daneben eine Tasse heiße Schokolade mit Schlagsahne obendrauf. Eine Kerze flackerte hinterhältig vor sich hin. Meine Frau machte meist einen leicht überraschten Eindruck. Irgendwie lag in diesen Momenten was Unbestimmbares in der Luft, vergleichbar mit der Situation nach einem Foul, wenn der Schiri nach einer seiner Karten fingert, und alle wie gebannt warten, obs die rote oder die gelbe sein wird oder gar keine – ich war bis jetzt noch nicht drauf gekommen, von welcher Farbe das Unbestimmbare war und ob ich mir das nicht doch nur einbildete. Detlef sagte stets, er sei mal auf einen Sprung vorbeigekommen, weil er dachte, ich wäre schon da. Er wolle mit mir die Taktik für das nächste Spiel durchgehen, organisatorische Fragen klären und so weiter. Dabei grinste er breit. Sollten die beiden die ganze Zeit..?
„Sie macht es aber wirklich nicht schlecht, ehrlich“, fügte Rudi hinzu. Ich hielt die Luft an. Der Rudi? Mir fiel ein: Auch Rudi saß gelegentlich, kam ich schwitzend und ausgepumpt von der Arbeit, in meinem Sessel, krümelte mit Keksen, schlürfte Kakao mit Schlagsahne...
Für einen Moment überlegte ich, ob ich aufspringen solle, um den beiden ordentlich die Meinung zu sagen, so ganz unter Sportsfreunden. Doch ich blieb liegen, beruhigte mich. Ändern konnte ich eh nichts dran. Wenn eine Frau andere Männer begehrte, so sollte man das akzeptieren. Ja, das war immer meine Meinung, ich hatte sie gelegentlich zum Besten gegeben. Nun konnte ich schlecht dagegen handeln.
AuĂźerdem war ich ja immer noch bewusstlos. Erleichtert atmete ich aus, entspannte mich und lauschte weiter.
Die beiden schwiegen. Nur ab und an gluckerte Wodka durch ihre Kehlen. Detlef brach das Schweigen: „ Die Kekse!“, stöhnte er lustvoll.
Rudi stöhnte ebenfalls: „In der Speisekammer hängt ein Schinken, der ist ja sowas von lecker...“
Nun traf mich wirklich der Blitz. Sie kamen nicht wegen meiner Frau, sie kamen, um sich mit den einmaligen, nach Geheimrezept verfertigten Keksen meiner Frau den Bauch zu stopfen, um an meinem Schatz, dem behüteten Lammschinken, zu nagen und herumzufressen, sie kamen wegen der riesigen Portionen Schlagsahne, die ihnen meine Frau vorsetzte, sie kamen aus höchst niederträchtigen fress- und sauftechnischen Motiven, diese Giermonster! Wer weiß, vielleicht hatten sie schon den Schlüssel zu meinem Weinkeller gefunden! Wie konnte meine Frau derart naiv sein!
Ich war zu Tode enttäuscht. Von meiner Frau, von meinen Freunden. Mich schüttelte, ich starb einen langsamen Tod. Malte mir aus, wie es wäre, wenn ich mich aus dem Fenster stürzte. Oder – noch wirksamer und eines Fußballspielers sehr viel würdiger – wenn ich mit dem Kopf in voller Laufgeschwindigkeit den Torpfosten rammte. Dahin sänke ich, mitten auf die grüne Wiese. Das Rot meines unschuldigen Blutes spritzte fontänengleich hoch, färbte den ganzen Elfmeterbereich. Stummes Entsetzen im Stadionrund. Im Lokalblatt würde mein von mir selbst entworfener Nachruf stehen und den fußballbegeisterten Bürgern die Tränen in die Augen treiben:

Olli K. StĂĽtze des Vereins. Ein Schwergewicht, wie bisher keines war.
Viel zu frĂĽh schoss er dahin.
Nun ist was Foul
im FuĂźballpark.


Vielleicht könnte ich aber auch so annoncieren:

Olli K. Tapfer stand er seinen Mann. Er hatte noch soviel Tor.

Das Leben ist ein Strafraum.
(Beckenschauer)


Ich war mir nicht sicher, eine dritte Variante spukte durch meinen Kopf, da riss mich Detlef aus meinen Todesträumen. „Vielleicht“, sinnierte er, „ist er ja auch deswegen umgefallen. Zu viele Kekse, zu viel Kuchen; zu fette Braten, Sahne und Kakao, die arme, dicke Sau...“
„Rein äußerlich trifft’s“, stimmte Rudi zu. „Wer so bekocht und vollgestopft wird, der kann ja nur noch fett werden und aus’m Gleichgewicht kommen. Eine Frau, die so gut in der Küche ist, die ist Gift für einen richtigen Sportler...“
Sonntags solls bei ihm immer n Riesenbraten geben, mit Klößen und so“, erläuterte Detlef. Rudi schlug vor: „Wir sollten Olli einfach mal Sonntags besuchen und n bisschen entlasten, die arme Sau...“

Da stand ich auf und schlug ihnen in die Bäuche.

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