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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Er schreibt es nicht
Eingestellt am 01. 05. 2008 07:23


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
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Von einem Zauderer soll heute die Rede sein, der seinerzeit wirklich alles falsch gemacht hat, von einem Menschen eben, wie du und ich. Motto: Fehler machen, 3x t├Ąglich.

Nachdem wir das Buch "Unter dem Schatten deiner Fl├╝gel", das Ausz├╝ge aus Jochen Kleppers Tageb├╝chern enth├Ąlt, gelesen haben, fragen wir uns: Warum waren die letzten zweihundert Seiten so spannend? Die Antwort: Klepper ÔÇô oder vielleicht auch die Herausgeber ÔÇô beherrschten die Kunst des Weglassens perfekt. Gerade bei so einem W├Ąlzer von ├╝ber 600 Seiten kommt es auf diese Kunst an.
Bevor wir loslegen, noch rasch Antwort auf die Frage nach dem pathetischen Buchtitel. Klepper, aus einer Familie protestantischer Pfarrer mit jahrhundertealter Tradition stammend, ist tiefgl├Ąubig. Gottvertrauen ist folglich sein A und O. Und so steht das Buch unter dem Psalm:
Sei mir gn├Ądig, Gott, sei mir gn├Ądig! denn auf dich traut meine Seele, und unter dem Schatten deiner Fl├╝gel habe ich Zuflucht, bis da├č das Ungl├╝ck vor├╝bergehe (Die Bibel, AT, Der Psalter, Psalm 57,2).

Gleich zu Anfang der Lekt├╝re verraten uns die Herausgeber alles: Klepper heiratet 1931 Johanna Stein, J├╝din und Mutter von Renate Stein. Als die Geheime Staatspolizei in Berlin 1942 die Ausreisegenehmigung Renates nach Schweden verweigert, geht die dreik├Âpfige Familie aus freiem Willen in den Tod.

Diese paar Fakten, so relevant sie sind, haben wir auf Seite 400 unterwegs halb vergessen. Vielleicht schweben sie noch irgendwo in unserm st├Ąndig umw├Âlkten Hinterkopf. Nicht wegen des hintergr├╝ndigen Da-war-doch-etwas! k├Ânnen wir das Buch nicht mehr aus der Hand legen, sondern weil die Frage bohrt: Kann Renate vielleicht doch noch in die Freiheit entwischen? Eine unsinnige Frage. Denn auf Seite 15 stand schwarz auf wei├č: Nein, sie kann es nicht! Aber so ist nun einmal der Leser. Er vergi├čt zum Gl├╝ck. Sonst w├Ąre die Spannung am Ende des Buches futsch gewesen.

Schlu├č mit dem Drumherumgerede. Das Buch, es wurde schon oben behauptet, bekommt seinen literarischen Wert durch Weglassungen. Wohlgemerkt, seinen literarischen Wert. Seinen zeitgeschichtlichen hat es sowieso. Was wissen wir denn wirklich aus den Jahren 1932 bis 1942? Unsere Vorfahren haben sich zu Lebzeiten meistens ├╝ber die NS-Zeit ausgeschwiegen. Oder hatten wir unsre Lieben beim kindlichen Ausfragen nach 1945 vor den Kopf gesto├čen? Egal. Die Ahnen sind in etlichen Familien inzwischen allesamt gestorben, und notgedrungen m├╝ssen wir uns an solche Zeugnisse wie Kleppers Tagebuch klammern, wenn wir wissen m├Âchten. Doch es geht in dieser Besprechung nicht um Zeitgeschichte. Es geht um gro├če Literatur, verbunden mit der jeden Monat starrk├Âpfig gestellten Frage: Wie ist die blo├č zu machen?
Kommen wir endlich zur Sache und zum Schlu├č. Greifen wir zwei kleine Beispiele aus Kleppers kolossalem Tagebuch-Torso heraus.
Erstens, als Klepper im Dezember 1940 eingezogen wird und bis Oktober 1941 Feldz├╝ge der Wehrmacht mitmacht, klafft eine gro├če Tagebuchl├╝cke. Klepper schweigt sich aus. Nur an ganz wenigen Textstellen (z. B. Quelle, S. 608 oben) kommt er auf sein soldatisches Intermezzo ziemlich indirekt zur├╝ck. Wir wollen wissen, was da passierte auf dem verh├Ąngnisvollen Feldzug gen Osten und verschlingen deswegen die folgenden Buchseiten, auf denen Klepper ├╝ber die Zeit 1941/42 in Berlin schreibt. Durch den kleinen Trick der Weglassung wird unser Augenmerk auf das ├╝ber Berlin Berichtete merkw├╝rdig fokussiert. Und wir haken den Wehrdienst mit Leichtigkeit ab. Wir wissen ja aus unz├Ąhligen Dokumentarfilmen ohnehin mehr oder weniger genau, was Sache war. Oder bilden wir uns das filmisch angeeignete Faktenwissen wieder mal ein? Gut, fahren wir fort.
Zweitens und letztens, als Klepper ins ber├╝chtigte Berliner Judenreferat zu Adolf Eichmann mu├č und dann am n├Ąchsten Tag, dem letzten seines Lebens, noch einmal dorthin geht, da erreicht die Lesespannung ihren H├Âhepunkt. Aber sie verpufft. Denn der Tagebuchschreiber teilt uns lediglich lapidar mit, dass er eben noch einmal bei der Gestapo-Dienststelle im Reichssicherheitshauptamt war. Und damit hat es sich. Aus. Somit sind wir ins Gr├╝beln versetzt worden: Da fehlt doch noch etwas? Aber was hat Jochen Klepper genau weggelassen? Er schreibt es nicht.

Jochen Klepper, der deutsche Schriftsteller und Dichter geistlicher Lieder, wurde am 22. M├Ąrz 1903 in Beuthen/Oder geboren und starb in der Nacht zum 11. Dezember 1942 in Berlin.

Quelle:
Jochen Klepper: Unter dem Schatten deiner Fl├╝gel.
Aus den Tageb├╝chern der Jahre 1932 - 1942

Lizenzausgabe 1997 Brunnen Verlag Gie├čen. 671 Seiten, ISBN 3-7655-1815-8

Die Erstausgabe erschien 1956 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart.

Postskriptum
f├╝r den Leser, dem es doch um Zeitgeschichte geht: Schrieb er es doch?

Uns, die noch Lebenden, l├Ąsst der Gedanke an unsere schweigsamen Vorfahren nicht los. Trotz deren Verschwiegenheit k├Ânnen wir aber ein kleines St├╝ckchen weiterkommen.
Frau Nino Luise Hackelsberger (geb. 1924) hat sich um die Herausgabe des Werkes ihres Vaters Werner Bergengruen verdient gemacht. In dem unten genannten Band ist auf den Seiten 259 bis 268 eine Rezension Bergengruens aus dem Jahre 1957 zur Erstver├Âffentlichung der Jochen-Klepper-Tageb├╝cher publiziert. Wer "Unter dem Schatten deiner Fl├╝gel" gelesen hat, k├Ânnte auch diesen - zum Buch ├Ąu├čerst kontr├Ąren - Text studieren. 1957, das ist ein bemerkenswertes Datum. Dort k├Ânnten wir vielleicht den Zeitpunkt festmachen, an dem der Nachgeborene (ich meine den, der die NS-Zeit nicht bewusst oder aber gar nicht erlebt hat) vielleicht anfing mit seiner eigenartigen aussichtslosen "Ahnenbefragung" (s.o.). Also, Werner Bergengruen hat nicht geschwiegen und schon gar nichts weggelassen. Musste er sich Luft machen? Es sieht ganz danach aus. Aber wir wissen es nicht. Denn wir k├Ânnen weder mit Klepper, noch mit Bergengruen noch mit unseren lieben Toten reden. Eins aber bleibt - unser Wunsch, an den Aufbewahrungsort des Klepper-Ms. zu gehen.

Neuwaschene, bl├╝tenwei├če Baumwollhandschuhe streifen wir - wichtigtuerisch wie ein selbst ernannter Archivar im Dienst - sparsam atmend ├╝ber. Das Originalmanuskript Jochen Kleppers bl├Ąttern wir tagelang Seite f├╝r Seite behutsam um, best├Ąndig auf der Suche nach den Stellen, auf denen vielleicht doch noch etwas stehen k├Ânnte.

Literaturhinweis:
Frank-Lothar Kroll, N. Luise Hackelsberger, Sylvia Taschka (Hrsg.): "Werner Bergengruen: Schriftstellerexistenz in der Diktatur. Aufzeichnungen und Reflexionen zu Politik, Geschichte und Kultur 1949 bis 1963". Bd. 22 der Reihe: Elke Fr├Âhlich, Udo Wengst (Hrsg.): Biographische Quellen zur Zeitgeschichte.
R. Oldenbourg Verlag M├╝nchen 2005, 298 Seiten, ISBN 3-486-20023-2


Hedwig Storch 5/2008


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Hedwig Storch
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Hallo jon,

ich freue mich ├╝ber deine Reaktion und dar├╝ber, da├č du in dem Buch gelesen hast, Entschuldigung, es gelesen hast.
Ich will als Antwort auf deine ├äu├čerung nichts erkl├Ąren, nichts erl├Ąutern.
Dieses Buch, das geh├Ârt wohl doch mit zu unseren wenigen Sch├Ątzen, die wir haben, ich meine, verinnerlichen m├Âchten, wollen, m├╝ssen.

Ja, ├╝ber Kleppers Zaudern wollte ich reden, um dir zu antworten.
Klar, es gibt so viele Helden, die auf Sockel gestellt wurden. Guck dir blo├č Goethe in Weimar an. "Alles richtig gemacht", k├Ânnte drunter stehen. Ich ├Ąrgere mich, da├č ich ihn jetzt ausgerechnet in diesem ├Ąu├čerst heiklen Zusammenhang erw├Ąhnt habe, denn ich liebe ihn. Aber Klepper erscheint dagegen eben als das Abbild jenes gew├Âhnlichen Menschen, der hinterher jedes Mal kl├╝ger ist, aber... zu sp├Ąt. Leider geht das bei Klepper t├Âdlich aus und bei uns in der Regel nicht gleich.
Klepper - das Gegenteil von einem Helden. Das steht in dem Buch drin. Der dumme Kerl dachte doch, das Dritte Reich gewinnt. Jetzt habe ich mich distanziert, wie sich das f├╝r Nachgeborene geh├Ârt. Dabei sind wir mit der Schuld beladen bis an unser Lebensende und m├╝ssen stille sein wie unsre Ahnen im Grab, aber ich rede, um dir zu antworten und es kommt nur Stu├č heraus. Der dumme Kerl dachte doch, sein Kind k├Ânnte ├╝berleben. Er hatte ein falsches Bild von der Welt.

Jetzt kommen wir im Plaudern (ich wollte nicht sagen, im dummen, verf├Ąnglichen Gerede) an den Kern das Buches heran, sozusagen an die Lebensweisheit: Es gibt die Gewieften und die Dummen. Die Gewieften kriegen immer die Kurve, weil sie sicher in die Zukunft blicken k├Ânnen. Klepper geh├Ârte leider zu den Dummk├Âpfen. Und war doch so ein feiner, gebildeter, ├╝bersensibler Mann, voll von der Kultur der gro├čen deutschen Jahrhunderte. Konnte sich artikulieren, in Kirchenliedern sogar. Aber wie sagt der Volksmund: "Die Gescheiten, das sind die D├╝mmsten."
Und wenn ich durch mein Geschwafel nur einen neuen Leser f├╝r die Ausz├╝ge aus Kleppers Tagebuch gewonnen haben sollte, so will ich f├╝r heute zufrieden sein.
13. Mai 2008 Hedwig.

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Hedwig

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